Citizen Journalism: Die Laien kommen

Ob Surflehrer mit Internet-Tagebuch oder Touristin mit dem Fotohandy: Der Tsunami in Asien machte Augenzeugen von einem Augenblick zum anderen zu Reportern, Weblogs und andere Internet-Seiten zu wichtigen Nachrichtenquellen. Und spätestens seit Zeitungszar Rupert Murdoch im April in einer Rede vor dem US-Verlegerverband seinen Kollegen ins Stammbuch schrieb, sie hätten den Draht zu den Lesern verloren und stattdessen von miteinander kommunzierenden Bloggern und Podcastern schwärmte, ist klar: Im Netz passiert etwas, was die traditionellen Medien kaum ignorieren können.

Einige haben bereits reagiert: Vor allem in den USA sind in den letzten Monaten Internet-Projekte an den Start gegangen, bei denen die Nutzer selbst Artikel veröffentlichen können. Sie verstehen sich als “mikrolokale” Ergänzung der Tageszeitung – oder gar als deren Ablösung.

Aus dem Netz ins gedruckte Heft

Vorreiter in Deutschland: die “Rheinische Post”. “Die erste Woche in Düsseldorf, und schon eine Menge passiert: Freundin weg, Hunde weg, viel Geld weg. Bei letzterem weiß ich zumindest, wo es abgeblieben ist – in diversen Baumärkten”, erzählt ein “RP”-Leser kolumnenreif aus seinem Alltag. Mit Autorenfoto stellte der “DüsseldorfEr” seine Beiträge auf der “RP”-Plattform “Opinio” ein – in Artikelform, nicht bloß als kurze Meinungsäußerung in einem Internet-Forum.

Seit Dezember 2003 ist “Opinio” online. Mehr als 4000 Artikel haben der “DüsseldorfEr”, “Tilan”, “Der_Patrick” und die anderen User sechs Monate später geschrieben. Die Themen: von “Desperate Housewives” über Kritik an Hartz IV bis zum “Ausflugsziel Rees am Rhein”. “Wir schalten alles frei, was nicht strafrechtlich relevant oder pornographisch ist”, erklärt Projektleiter Torsten Casimir. Redigiert würden die Artikel nicht – es sei denn, die Redaktion müsse sie für die gedruckte Ausgabe kürzen: Alle zwei Wochen liegt ein “Best Of” als Farbmagazin in der “RP”.

Weblogs finden bisher vor allem dann ein Massenpublikum und die Aufmerksamkeit über die Blog-Szene hinaus, wenn entweder Spezialisten zu einem Fachthema schreiben. Oder wenn Augenzeugen über Ereignisse berichten, bei denen “denen Profi-Journalisten gerade nicht sind oder keinen Zugang haben”, wie Medienwissenschaftler Stefan Krempl erklärt, der als “Spindoktor” selbst bloggt: “In der Ukraine, in Kirgisien, beim Irak-Krieg oder bei der Flutwelle konnten Blogger neue Perspektiven ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken.”

Zwar ergänzen inzwischen von der Zeit über Handelsblatt und Focus bis zum ZDF etliche Medien ihren Online-Auftritt durch eigene Weblogs. Doch sind es dort fast ausnahmslos Profi-Journalisten oder Prominente, die die Publikationsform Weblog als kürze, schnellere, subjektivere Stilform testen. Mit seiner Öffnung für Leser-Inhalte steht “Opinio” in Deutschland ziemlich allein da (abgesehen von der Süddeutschen Zeitung, die ihr eingestelltes Jugendmagazin jetzt als Internet-Diskussionsforum weiterleben lässt und regelmäßig eine Zeitungsseite mit ausgewählten Beiträgen bestückt).

Zahlreiche Experimente in den USA

Ähnlich wie “Opinio” verfährt der “Northwest Voice” in den USA: Die Zeitung “Bakersfield Californian” hat unter diesem Logo als eines der ersten traditionellen Medien eine Plattform eingerichtet, in der Bürger selbst schreiben dürfen. Auch hier erscheint eine Auswahl der Beiträge gedruckt. “Dallas Morning News”, “Greensboro News & Record”, “Arizona Daily Star” oder “MSNBC” bieten Nutzern ebenfalls Rubriken oder eigene Plattformen an, um ihre Berichte zu veröffentlichen. Zum Teil geben die Redaktionen Themen vor und wählen dazu eingesandte Beiträge aus, bei anderen können sich angemeldete Nutzer frei austoben.

“Citizen journalism”, Bürgerjournalismus, sei “im Moment eines der heißesten Schlagworte der Branche“, meint der Online-Medien-Experte Steve Outing: “Aber gleichzeitig bekomme ich von Verlegern Befürchtungen und gesunde Skepsis zu hören.” Outing, der für das Poynter Institute die Entwicklung beobachtet, sieht vor allem die Vorteile: “Die meisten Sites konzentrieren sich auf Lokalnachrichten – sehr lokale Nachrichten.”

Gerade hier könne Bürgerjournalismus den klassischen ergänzen. Die High-School-Fußballliga etwa – zu “mikrolokal” für den “Arizona Daily Star”, um einen Reporter hinzuschicken. Stattdessen ließ die Redaktion Spielerinnen und Spieler selbst ihre Erlebnisse mit Fotos erzählen. “Keine grandiosen Bilder, aber eine gute und kostengünstige Erweiterung der Berichterstattung”, so Outing. Und ein Instrument zur Kundenbindung, das laut Casimir funktioniert: “Wir haben gerade eine repräsentative Leserumfrage gemacht: Die meisten würden ‘Opinio’ vermissen.”

Neben den Projekten der Zeitungsverlage gibt es in den USA etliche Neugründungen unabhängiger Citizen-Media-Projekte. Interessanterweise sind die Initiatoren oft gelernte Journalisten: So steckt hinter dem Projekt “Bayosphere” für die Region um San Francisco Dan Gillmor, der seinen Job als Silicon-Valley-Reporter aufgab und mit seinem Buch “We the Media” zu den Propheten des Bürgerjournalismus gehört. Zum Teil verstehen sich die unabhängigen Projekte eher als Ergänzung zur Berichterstattung der traditionellen Medien. Andere wie der von einer Stiftung getragene “Voice of San Diego” wollen explizit ein Alternativmedium sein und sich Themen widmen, die Lokalmedien ihrer Meinung nach vernachlässigen.

Wikinews braucht noch langen Atem

“Wir haben einen neutralen Standpunkt”, betont dagegen Mathias Schindler, der sich bei den deutschsprachigen “Wikinews” engagiert. “Wikinews” starte Ende 2004 als Ableger des Online-Lexikons “Wikipedia”. Wie beim Lexikon stammen sämtliche Inhalte von freiwilligen Nutzern und können im Wiki-Verfahren von jedem ergänzt werden.

Aufgrund des Erfolgs des Lexikons stand “Wikinews” von Anfang an unter scharfer Beobachtung. Schnell gab es Kritik an obskurer Themenauswahl oder schlecht geschriebenen Artikeln und die Frage, ob die Beiträge nicht nur Nachrichten traditioneller Medien kopieren würden. Zu schnell, wie Schindler meint. Das Projekt brauche noch eine längere Anlaufphase und mehr Mitstreiter. “Wenn es etwa um das Thema Neuwahlen geht, sind natürlich die traditionellen Medien schneller. Die haben Korrespondenten in Berlin, die sich den ganzen Tag mit dem Thema beschäftigen können”, sagt Schindler.

Eine besondere Stärke von Wikinews könne in Zukunft sein, so weit wie möglich auf im Web zugängliche Orginalquellen zu verweisen. “Wenn Bush in Riga ist, würde man seinen Terminkalender bei whitehouse.gov verlinken oder den Redetext auf der Website der lettischen Regierung”, erläutert Schindler. Dies käme bei professionellen Online-Medien deutlich zu kurz. Seine These: Mittlerweile könnten Bürgerjournalisten bei vielen Themen ohne das Haus zu verlassen oder auch nur zu telefonieren genau so guten Journalismus liefern wie ausgebildete Journalisten, die unter Zeit- und Ressourcenknappheit in der Redaktion litten.

Selbstkontrolle und Emazipationsbedürfnis

Der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger von der Universität Münster sieht neben der Vollständigkeit der Berichterstattung zwei große Hürden für aktuelle Nachrichten im Wiki-Stil: Zum einen könnten die Selbstkontrollmechanismen – Fehler oder Manipulationen werden von Nutzern entdeckt und nachträglich korrigiert – weniger gut greifen. Zum andere falle es schwerer, Nutzer zum Mitmachen zu animieren. Neuberger: “Nachrichten sind im Gegensatz zu Lexikon-Artikeln nicht bleibend. Wo ist die Gratifikation für die Schreiber?”

“Opinio”-Chef Casimir hält bei den aktiven Nutzern ein Schreib- und Emanzipationsbedürfnis als Motivation für ausschlaggebend. Der größte Teil der Community beschränken sich allerdings aufs Lesen, aber schätze wohl die “private, subjektive Art” zu schreiben als Gegensatz zum Nachrichtenjournalismus.

In Deutschland unbesetzes Feld

Auch in der Branche macht Casimir “beträchtliches Interesse” an seinem Projekt aus: “Bei einer Veranstaltung haben uns gerade mehr als 20 Führungskräfte Löcher in den Bauch gefragt.” “Im Moment ist es noch eine Marktlücke”, konstatiert Neuberger. Gleichzeitig warnt er davor, den Boom der unabhängigen Blog-Szene als Erfolgsgarantie für Bürger-Plattformen zu deuten. Weblogs fehle die lokale Orientierung. Neubergers Beobachtung: Entweder widmeten sich die Blogger ganz privaten Themen, oder sie wollten gleich hoch hinaus und die Weltpolitik analysieren. In Ballungsgebieten hält er Community-Plattform en allerdings auch in Deutschland für erfolgversprechend.

Dass im Gegensatz zu den USA bisher kaum Projekte existieren, erklärt Neuberger mit der US-Tradition eines “Public Journalism” in den USA – und der schwachen Besetzung in den Online-Redaktionen: “Die Lokalzeitungen sind für so etwas nicht aufgestellt. Und die Redakteure haben die Moderatorenrolle noch nicht gelernt.” Die “Rheinische Post” hat neben zwei abgestellten Redakteuren extra vier Pauschalisten angeheuert. Moderieren und Motivieren der Nutzer stellten diese vor ganz neue Herausforderung, bestätigt festgestellt. In den USA diskutieren Fachmedien bereits über das Berufbild “Citizen Editor”.

Was die Wechselwirkung mit dem Muttermedium angeht, ist Casimir zurückhaltend. Nur in Einzelfällen haben Nutzer-Beiträge bisher zur Berichterstattung in der “Rheinischen Post” geführt. Eine Ablösung der Lokalberichterstattung sieht er nicht: “Opinio ist ein Freizeitphänomen. Wenn gutes Wetter ist, haben wir gleich weniger Beiträge.”

Auch für Neuberger ist nicht “nicht zu erkennen, dass Citizen Media etwas ablösen sollte.” Er sieht aber in Partizipationsmedien generell langfristig eine Ergänzung des traditionellen Journalismus. Das Potenzial zeigt das Portal “OhMyNews” in Südkorea, das bereits seit fünf Jahren online ist und über rund 37.000 Bürgerreporter verfügt und auch von der nationalen Politik wahrgenommen wird. “Dort ist das Internet aber auch schon viel stärker im Alltag integriert”, sagt der Kommunikationswissenschaftler.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Journalist (8/2005).

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