Interview: “Medien sollen Nutzer-Beiträge einfordern”

Die Fachjournalistin Katja Riefler berät Zeitungsverlage beim Einsatz der neuen Medien. “Citizen Media”, in den USA eines der heißen Schlagwörter des letzten Jahres, hält sie ” für einen ganz wichtigen Trend, der in Deutschland seine Zukunft noch vor sich hat”. Darauf müssten sich die Medienhäuser einstellen. Gleichzeitig gibt Riefler im Interview zu bedenken: “Auch die Beteiligung an Mailinglisten war in Deutschland ja nie so stark wie bei vergleichbaren Initiativen in den USA.”

Schwappt die Citizen-Media-Welle demnächst auch nach Deutschland?

Ob das ein genereller Trend sein wird, muss sich noch zeigen, vielleicht braucht es einfach noch etwas Zeit. Blogging ist bei uns ja auch noch lange nicht so populär wie in den USA. Auch die Beteiligung an Mailinglisten war in Deutschland ja nie so stark wie bei vergleichbaren Initiativen in den USA. Die Verbreitung von Breitband-Internet hinkt hinterher. Man kann sicherlich noch eine Vielzahl anderer Gründe dafür finden. Generell halte ich Citizen Media aber für einen ganz wichtigen Trend, der in Deutschland seine Zukunft noch vor sich hat. Medien aller Art sind gut beraten, sich für Beiträge und Anregungen ihrer Nutzer zu öffnen und diese auch direkt einzufordern.

Bisher haben Online-Angebote sehr unterschiedliche Erfahrungen mit Diskussionsforen und Nutzer-Communities gemacht.

Wie stark Communities bei Online-Medien frequentiert werden, hängt ganz stark vom Medium und vom Publikum ab. Regionalzeitungen erleben häufig, dass ihre Foren stark aufgerufen werden, obwohl kaum jemand dort schreibt. Ob sich jemand beteiligt, hängt natürlich ganz stark davon ab, wie einfach oder schwierig der Zugang ist (zum Beispiel erst nach Registrierung, direkt zum Artikel oder nur im Diskussionsghetto) und ob es insgesamt genug Traffic auf der Site gibt, um eine Community aufzubauen. Vielfach bauen Online-Zeitungen gezielt Zugangshürden ein, weil sie schlechte Erfahrungen mit Auseinandersetzungen zwischen Nutzern und ähnlichem gemacht haben.

Die meisten US-Projekte konzentrieren sich aufs Lokale: Ist das die einzige Ebene, auf der es funktionieren kann?

Die lokale Lebenswelt ist natürlich das erste, was einem Journalisten als Lücke im Medienangebot auffällt. Hier werden wir mehr Aktivitäten sehen. Aber das ist ganz sicher nicht die einzige Ebene. Bei Opinio behandeln 70 bis 80 Prozent der Beiträge nicht ortsgebundene Themen, die eben Menschen passieren, die an einem bestimmten Ort leben. Ist das jetzt lokal oder nicht?

Werden sich solche Projekte langfristig etablieren?

In manchen Ländern ganz sicher. Für Deutschland ist es noch zu früh für eine sichere Aussage. Ernst nehmen sollte man jedoch den Trend, dass sich Communities auch außerhalb der vertrauten Medienlandschaft etabieren können. Denken Sie an den weltweiten Erfolg von Flickr.com. fotocommunity.de hat auch eine beachtlich aktive Nutzerbasis.

Rechnen sich solche Citizen-Media-Projekte für Medienhäuser?

Das kommt ganz darauf an, welchen Maßstab man anlegt und mit welchem Aufwand ein solches Projekt betrieben wird. Ganz sicher werden direkte Werbeeinnahmen auf solchen Seiten nicht vom Tag 1 an die Ausgaben decken. Umgekehrt bietet eine aktive Community-Seite vielfache Möglichkeiten, für die anderen Verlagsprodukte zu werben und auch inhaltlich zu profitieren. Es gibt Refinanzierungsmöglichkeiten. Dazu muss man allerdings erst einmal eine gewisse Reichweite haben und bereit sein, Neues auszuprobieren.

Katja Rieflers Homepage: www.risolutions.de

Dieses Interview erschien zuerst in der Zeitschrift Journalist (8/2005).

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