Bürgerjournalismus: Ein Gespräch mit Dan Gillmor

Auf die Frage, ob man mit Citizen Journalism Geld verdienen kann, gab Dan Gillmor eine zurückhaltende, sehr skeptische Antwort.

Dass er vor wenigen Tagen das Ende seines ambitionierten Projekts Bayosphere verkündete, ist vor diesem Hintergrund keine Überraschung. Spätestens seit Gillmor, einer der profiliertesten Technologie-Journalisten und Autor von We the Media, für das Center for Citizen Media als Direktor aktiv wurde, stand hinter Bayosphere ein logisches Fragezeichen. Auch wenn Citizen Journalism als Geschäftsmodell bei diesem frühen Testlauf nicht gezündet hat – das Phänomen als solches verändert die Medienlandschaft nachhaltig.

Vor Beginn des Digital Lifestyle Day 06 in München hatte ich Gelegenheit, mit Dan Gillmor [Foto] über seine Erfahrungen als Citizen Journalist zu sprechen.

[Audio-Hinweis: Das Interview wurde auf Englisch geführt und anschließend übersetzt - Sie können die Originalversion als MP3-Audio abrufen.]

Citizen Journalism ist längst nicht mehr nur Theorie – wie haben sich die Projekte bewährt, die bisher an den Start gingen? Überraschungen? Enttäuschungen?

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Gillmor: Ich beobachte, was viele andere Leute tun und ich habe meine eigenen Experimente gemacht. Was wir im Auge behalten müssen: Immer wenn ein neues Unternehmen beginnt, gibt es sehr, sehr viele Experimente. Die Leute probieren viele Dinge aus – die meisten davon werden nicht übermäßig erfolgreich sein, einige dagegen schon. Wir werden die nehmen, die sich bewähren und auf ihnen aufbauen. Genau das passiert derzeit: Wir lernen, in dem wir einfach machen und voran gehen.

Ich beobachte mit großer Freude, wie viele Menschen und Institutionen, groß und klein, sich hier einbringen und etwas anderes ausprobieren. Ich denke, am Ende werden wir faszinierende Ergebnisse sehen.

Viele Journalisten haben keine Vorstellung, wie Citizen Journalism konkret ausieht. Welche Websites sollte man unbedingt kennen?

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Gillmor: Traditionelle Medien beginnen allmählich zu verstehen, dass dieses Phänomen wichtig ist für sie. Ich bin davon überzeugt, dass Medien in der Entwicklung von Citizen Journalism eine doch sehr wichtige Rolle spielen werden – wenn sie selber dabei sind.

Die BBC arbeitet bereits auf diesem Gebiet, auch andere. Ich würde sehr empfehlen, sich anzusehen, was die Zeitung in New Orleans (Anmerkung: Gemeint ist die Times-Picayune) gemacht hat, nachdem der Hurrikan die Stadt zerstörte – ihre Online-Startseite war für einige Zeit ein Weblog. Sie haben die Bewohner der verschiedenen Stadtteile miteinbezogen und sie aufgefordert: “Erzählt uns, was Ihr wisst.” Die Leute haben diesen Ball auf geradezu dramatische Art und Weise aufgenommen. Wir sollten das in nächster Zeit im Auge behalten.

Weltweit sehen wir viele interessante Experimente. Eines, das sich jeder ansehen sollte, ist Ohmynews in Südkorea. Es hat mitgeholfen, zu definieren, worüber wir hier in vielerlei Hinsicht überhaupt reden.

Ein weiteres globales Experiment ist Wikipedia. Es hat Schönheitsfehler – aber im Allgemeinen zeigt es, wie erstaunlich und leistungsfähig die Dinge sind, die eine Online-Community schaffen kann. Es lohnt sich zu verstehen, dass die Wikipedia nicht perfekt ist – dass sie aber danach strebt, besser und besser zu werden. Das ist ein neues Phänomen und wir haben so etwas wie Wikipedia noch nie gesehen.

Warum sollten etablierte Medien wie Zeitung, Radio und Fernsehen sich darauf einlassen, die Nutzer wirklich mit ins Boot zu holen – wo liegt der Benefit?

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Gillmor: Ich denke, traditionelle Medien tun gut daran, sich diese Entwicklung zu Eigen zu machen – denn das Wesen des Journalismus ändert sich. Was früher nur eine Vorlesung war, bewegt sich immer mehr in Richtung einer Konversation. Wenn Medien ihre Attitüde und ihre journalistische Praxis nicht ändern, um darauf zu reagieren, wird ihnen das auf lange Sicht schaden. Sie haben also gute journalistische Gründe dafür.

Etwas, das ich vor langer Zeit gelernt habe, als ich im Silicon Valley über Technologie geschrieben habe: Die Gesamtheit meiner Leser weiß viel mehr als ich! Das war eine großartige Chance, besseren Journalismus zu produzieren.

Qualitätssicherung ist auch für Citizen Media ein wunder Punkt. Haben sich kollaborative Modelle wie bei Wikipedia bewährt?

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Gillmor: Kein System ist perfekt. Menschen werden sich den Inhalten zuwenden, denen sie vertrauen. Eigentlich wird genau das bis zu einem gewissen Grad den traditionellen Medien nützen – sie haben lange Traditionen und Prinzipien, die – trotz aller Unvollkommenheiten – nachweislich darauf abzielen, Fehler auszuschließen.

Wie etwa Wikipedia sicherstellt, dass Inhalte, die falsch sind, dort nicht bleiben, ist eine gute Frage. Das sind alles Probleme, die wir lösen werden – etwa durch Empfehlungssysteme und andere Ansätze. Wir brauchen viel bessere Tools und wir müssen beobachten, wie sich User verhalten. Ich denke, wir sind noch ganz am Anfang. Es ist viel zu früh, um abzuschätzen, wo wir am Ende dieser sehr schnellen Evolution stehen werden, wie der Journalismus von morgen aussieht. Wir kennen die Konturen, aber nicht die Details.

Kann man mit Citizen Journalism Geld verdienen? Wenn ja – welche Geschäftsmodelle sind realistisch?

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Gillmor: Ich denke, wir müssen abwarten und am Ball bleiben. Es wird etwas dauern, bis sich der Markt bereinigt hat. Ich habe bisher keine überwältigenden Indizien für ein verlässliches Geschäftsmodell entdeckt.

Was sind das für Leute, die Citizen Journalism voranbringen? Blogger? Sozial Bewegte? Normale Menschen?

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Gillmor: Das Ganze beginnt sicher mit Leuten, die sich in der einen oder anderen Art als “Aktivist” fühlen. Aber Ihnen ist sicher aufgefallen, dass ich Weblogs bisher nicht erwähnt habe. Und das hat einen Grund. Ich denke, Weblogs sind außerordentlich wichtig. Etwa, weil es das erste Mal ist, dass Menschen ebenso im Netz publizieren wie lesen können. Weblogs werden ein ganz eigenes Medium. Aber sie sind nicht alles.

Wir sehen zum Beispiel, wie sich Menschen in Online-Konversationen zusammenschließen, die in gewissser Hinsicht nichts anderes als Journalismus sind. Wir sehen Flickr, wo Fotos von wichtigen Ereignissen veröffentlicht werden, bevor sie in Zeitungen zu sehen sind. Die Menschen nehmen auf alle erdenklichen Arten an diesem Prozess teil. Die nächste Herausforderung wird sein, in dieser Flut von Informationen das wirklich gute Material zu finden.

Gibt es nennenswerte regionale Unterschiede, etwa zwischen Asien und Nordamerika?

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Gillmor: Die Menschen starten aus einer unterschiedlichen kulturellen Perspektive und das jeweilige “Aroma” leitet sich davon ab. Aber ich denke nicht, dass wir uns irgendwo unterscheiden. Wir alle glauben daran, dass jeder Mensch das Recht haben sollte, frei zu sprechen – und das Recht hat, frei zu sein, Freiheiten zu haben. Und dass es sehr wichtig ist, dass sich Bürger bis zu einem bestimmten Grad selbst verwalten können. Vor diesem Hintergrund beobachten wir, welche Entwicklungen sich anderswo abspielen.

Der radikale Wandel unserer Medienlandschaft trifft Zeitungen mit Abstand am härtesten – gibt es für sie eine Zukunft?

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Gillmor: Ihnen steht ganz klar ein fundamentaler Wandel bevor, der hoch profitable Unternehmen zu Verlustbringern machen könnte. Wie man das Geschäftsmodell in Ordnung bringen könnte? Ich habe keine gute Antwort darauf. Es ist ein sehr ernstes Thema, mit dem sich viel klügere Menschen als ich beschäftigen werden.

Ich glaube aber daran, dass Zeitungen die Ideen aufnehmen müssen, die sich mit Citizen Journalism verbinden – dass ihre Leser mehr wissen als sie selbst, dass die Konversation mit ihnen unerlässlich ist. Es ist entscheidend, dass sich Zeitungen hier bewegen und ich hoffe, dass sie es tun werden.

Quelle: Notebook Onlinejournalismus

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