Podcasting: Die Wiedergeburt des Radios

Internet-Radio gibt’s schon seit zehn Jahren, aber neuartig war höchstens der Verbreitungsweg. Mit Podcasting ändert sich nun auch der Umgang mit dem Medium Hörfunk. Das Publikum kann sich gezielt das Beste herauspicken – ganz egal, von welchem Sender es kommt – und hören, wann es mag.

[Der nachfolgende Artikel ist in ähnlicher Form im “BJV report” des Bayerischen Journalisten-Verbands, im Oktober 2005 erschienen.]

Ausgerechnet mit dem „Ende der Welt“ fing beim Bayerischen Rundfunk im Sommer die Zukunft an. Die werktägliche Glosse von Bayern2Radio war der erste so genannte Podcast* auf der Website des Senders – und für die Münchner ARD-Anstalt der Einstieg in eine Medienlandschaft, in der die alte Definition des Massenmediums Rundfunk keine Rolle mehr spielt.

Die simultane Nutzung durch viele Menschen, im Fernsehen spätestens durch den Timeshift-Recorder aufgehoben, ist nun auch für den Hörfunk endgültig kein Charakteristikum mehr. Die Illusion, dass man das Radio einschaltet und im selben Moment hört, was jemand in einem Studio spricht, ist für immer dahin; die Realität sieht ohnehin längst anders aus, mit Voicetracking und Zuspielungen von der Festplatte. Dank digitaler Perfektion merkt kein Mensch mehr am Sound, was aus der Konserve kommt und was noch live übers Mikro.

Vom Betthupferl bis zur Münchner Runde

„Vollkommen zeitsouverän können die Nutzer entscheiden, wann sie welche Sendung anhören wollen“, schwärmt BR-Online-Chef Rainer Tief von der neuen Art, Radio zu hören, „egal ob sie in der U-Bahn, im Büro, im Auto oder sonst wo sind.“

Die Freiheit hat für einen Sender, der auf Einschaltquoten Wert legt, allerdings ihren Preis: Podcasting ist das Radio für Menschen, die kein „durchhörbares“ Formatradio wollen. Sie stellen nicht nur die Musik auf dem i-Pod individuell zusammen, sondern komponieren ihr eigenes Radioprogramm aus verschiedenen Quellen, seien dies öffentlich-rechtliche Anstalten, Privatsender oder radiophile Podcast-Amateure. Der BR steckt mit seinen Podcast-Aktivitäten noch in der Experimentierphase. „Wir müssen uns in die verschiedenen Nutzersituationen einfühlen“, sagt Tief. Neben Standards wie dem Wochenhoroskop, dem Betthupferl oder christlichen Morgenfeiern hält der Sender auch Sendungen wie die biografischen Gespräche des „radio-Duos“ auf BR Online zum Download bereit.

Sogar die ersten Fernsehredaktionen aus München-Freimann liefern schon Hörangebote zu: Die Talks der Münchner Runde kann man sich genauso auf seinen Musik-Player laden wie Interviews aus Blickpunkt Sport. Technisch sei das Ganze für den Sender nicht sehr aufwändig: „Es müssen eigentlich nur die entsprechenden Metadaten eingepflegt werden“, sagt Tief, dies sei eine Sache von Minuten.

Dennoch gab es anfangs Widerstände. Einige Redakteure sahen das neue Angebot zunächst als Konkurrenz. Ihnen sei aber rasch klar geworden, was die eigentliche Mission eines Senders ist: „Wir wollen gehört werden.“ Mit dem wachsenden Podcast-Angebot (siehe Übersicht bei BR-Online) dürfte sich dieser Wunsch mehr und mehr erfüllen.

Aufwändig produzierte Beiträge bleiben so für die Hörer stets abrufbar. Die Nachfrage sei von Anfang an sehr groß gewesen und steige ständig, sagt Tief. Der Online-Chef rechnet damit, dass bereits im Oktober 100.000 einzelne Podcast-Beiträge von der Website des BR runtergeladen werden – keineswegs nur von der Jugend. Auch zahlreiche ältere Hörer nutzten das Angebot.

Als einer der Pioniere beim Podcasting gilt Wolfgang Harrer. Sein Podcast für das gemeinsame Wahl-Blog von ZDF.de und Deutscher Welle anlässlich der US-Präsidentschaftswahl 2004 war das erste Podcast eines deutschen Medienunternehmens. Der 37-Jährige, der seit 1999 als freier Korrespondent in San Francisco arbeitet, lobt die Initiative der Münchner Kollegen:

„Die Gebührenzahler haben für die Produktion dieser Inhalte ja bereits bezahlt. Indem der BR diese Sendungen jetzt auch on demand verfügbar macht, erfüllt er nur seinen Hörerauftrag.“

Harrer, der für die Produktion des mit Podcasts ausgestatteten Tsunami-Weblogs des ZDF für den Grimme Online Award nominiert wurde, sieht aber auch Grenzen für das Podcast-Publizieren der Sender: „Es stellt sich die Rechte-Frage, seien es Musikrechte via GEMA, die Darstellerrechte via GVL (Gesellschaft zur Verwertung von Leistungsschutzrechten, T.M.) oder die Textrechte via VG Wort.“ Bis zur Klärung dieser Fragen eigneten sich vor allem eigenproduzierte Wort-Formate und einzelne „rechtefreie“ Musik-Sendungen für das Podcasting.

Dennoch werde sich die Technik durchsetzen:

„Langfristig werden die Sender alle Inhalte on demand anbieten müssen, bei denen die Rechtesituation dies zulässt. Die Hörer werden das verlangen.“

Ein weiteres Hindernis für den Ausbau solcher Angebote könne der Streit um die Auslegung des Rundfunkstaatsvertrages darstellen: „Nachdem die Zeitungsverleger inzwischen Rasierklingen an den Ellbogen haben, wenn es um die Online-Konkurrenz durch die Öffentlich-Rechtlichen geht, sind die Sender vermutlich etwas vorsichtiger geworden“, meint Harrer.

Für den lokalen Rundfunk sieht der Korrespondent, der vor seinem Wechsel in die USA als Chef vom Dienst beim BLR-Radiodienst arbeitete, ebenfalls Chancen:

„Es ist naheliegend für einen Lokalsender, einen Podcast mit regionalen Bands anzubieten, die zwar nicht ins On-Air-Format passen, aber hörenswert sind. Der Sender unterstreicht damit seine lokale Verwurzelung, ohne sein Format zu brechen.“

Eine Finanzierungsidee hat Harrer auch parat: die Einblendung von Sponsorengrafiken aufs Player-Display. Öffentlich-rechtliche Anstalten dagegen könnten bestimmte Sendungen nur als Podcast produzieren und so ihren Volontären die Chance bieten, „mehr ans Mikro zu kommen“ – oder erfahrenen Moderatoren, „die an ihrem eigenen Format-Radio ersticken, die Möglichkeit, sich kreativ zu erneuern“, sagt Harrer. Geht es nach ihm, sollen sogar die Hörer mitmachen – sie könnten ihre eigenen Podcasts zu Spezial-Interessen auf die Website ihres Lieblingssenders stellen.

Frau Rubens’ tägliche Ohrflüstereien

Schätzungsweise 700 deutschsprachige Podcasts gibt es schon (Stand 09/2005; neuester Stand laut Thomas Wanhoff im Februar 2006: 1000); hinter den meisten stehen Privatleute. „Die Zahl wird in den nächsten Monaten noch rasant steigen“, sagt der Journalist Thomas Wanhoff, der kürzlich den Verband deutschsprachiger Podcaster gründete. Eine der bekanntesten Podcasterinnen dürfte die Münchner Journalistin Larissa Vassilian sein. Unter dem Pseudonym Annik Rubens bietet sie seit dem Frühjahr eine tägliche Kolumne zum Anhören an: Schlaflos in München (SiM). Die 29-Jährige trifft damit den Geschmack vieler Hörer – rund 7000 Mal wird jede Folge runtergeladen. Warum sie so gut ankommt? „Weil ich zum einen eine Frauenstimme habe und die Hörer hauptsächlich Männer sind“, meint Vassilian, „zum anderen weil SiM sehr kurz ist und sehr regelmäßig erscheint. So meinen die Menschen, mich zu kennen, ich werde zur Freundin, die allabendlich mal kurz was ins Ohr flüstert.“ Ihre tägliche Hördosis sei aber keine Nabelschau: „Von meiner Person gebe ich wenig preis, das ist kein Tagebuch-Podcast.“

Mittlerweile bekommt die Journalistin „im Schnitt pro Woche ein ernst zu nehmendes geschäftliches Angebot“. Vassilian, die von sich selber sagt, kein „Audio-Profi“ zu sein, kann sich vorstellen, dass Podcasting auch zur Selbstvermarktung von freien Journalisten taugt: „Ein erfolgreicher Podcast ist eine gute Visitenkarte.“ Ihr scheint es nebenbei gelungen zu sein: In der Bayern3-Podparade stellt sie seit kurzem einmal in der Woche interessante Podcasts vor.

„Ohne Podcasts hätten wir bald vergessen, was Radio alles sein könnte“, sagte Wolfgang Harrer kürzlich in einem Interview und ergänzte: „Das Radio hat jetzt seine Chance auf eine Wiedergeburt.“ Im Ende der Welt steckt ein Neubeginn.

* Podcasts sind Audio-Dateien, die automatisch aus dem Internet heruntergeladen werden und jederzeit entweder auf dem eigenen Rechner oder einem MP3-Player angehört werden können. Der Begriff Podcasting setzt sich aus dem Namen des tragbaren MP3-Players i-Pod und dem englischen Wort für Rundfunk, Broadcasting, zusammen.

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