Epic 2006: Norddeutschlands meister Blogger

Von Andreas K. Bittner

Schon wieder eine Revolution im Web? Begriffe wie Wiki, Tagging, Folksonomy und Podcasting machen die Runde. Journalistisch interessant, das so genannte Blogging. Für die einen aggressiver Internet-Journalismus, für die anderen sind es wohl die größten Banalitäten der Welt. Es tut sich was im Web.

Dank neuer Technologien (wie AJAX, Permalinks, RSS-Feeds), zunehmender Bandbreiten und niedriger Eintrittsbarrieren. In kaum fünf Minuten kann jeder kostenfrei und ohne technische Kenntnisse selbst zum Blogger werden. Die digitale Meinungsvielfalt wird im Sekundentakt bereichert.

Entsteht im Web eine neue Gegenöffentlichkeit? Eine Konkurrenz für die traditionellen Gatekeeper von Fakten und Meinungen? Verlieren die klassischen Medien im Spiel der Aufmerksamkeitsökonomie? Sicher ist: Mediennutzung und Nachrichtenverbreitung werden sich in den nächsten Jahren dramatisch verändern. Wie die globale elektronische Medienlandschaft nach den Nachrichtenkriegen von 2010 und der Fusion von Google und Amazon (‚Googlezon’) aussehen könnte, zeigt der medienkritische Flash-Film Google Epic 2015.

Was passiert mit der klassischen Presse, im Google-Epos anspielungsreich als der vierte Stand bezeichnet. Wird sie in weniger als zehn Jahren nur noch ein Nachgedanke sein? Wird die New York Times protestierend vom Netz gehen und nur noch als nostalgisches Printprodukt für Eliten und Ältere überdauern? Die zögerlichen, bisweilen gar feindlichen Reaktionen der Old Media Economy deuten darauf hin, dass die traditionellen Media Player noch kein kluges Konzept angesichts der geballten Macht von Bloggern und Nachrichtenaggregatoren à la Google News gefunden haben. Die ersten, eher hilflosen Reaktionen waren öffentliches Jammern und Appelle an EU-Kommissare (siehe hierzu Spiegel Online: Zeitungsverleger gegen Suchmaschinen). Wie halten die Medien und ihre Verbände dagegen, wenn die Ware Nachricht persönlich zusammengestellt und mehrwertig angereichert werden kann? Kombiniert mit Such- und Einkaufsmöglichkeiten von Google, Amazon, Microsoft oder Yahoo?

Bremer Shopblogger schlägt Weserkurier online

Trägt, wie im Film behauptet, künftig jeder irgendwie zu einer lebendigen Medienlandschaft bei? Björn Harste, der Shopblogger, ist schon dabei. Björn, Betreiber eines SPAR-Supermarktes in der Bremer Neustadt, beschloss Anfang 2005 zu bloggen. Und legte einfach los. Bis heute verfasste er schon über 3.200 Einträge. Sein Streit mit dem Bremer Sozialgericht bewegte die deutsche Blogosphäre. Täglich lädt er neue Schnappschüsse hoch, setzt sich mit seinen freundlichen Fans und doofen Spammern auseinander. Verfasst Witziges über Kunden, Lieferanten, streikende Kassensysteme und abgebrochene Bleistifte. Er berichtet vom Gunstgewerbe, das bei ihm Guthabenkarten kauft, sucht für eine Aushilfe einen Ausbildungsplatz und registriert Auswüchse des FIFA-Merchandising. Lokal-banal? Je nach Tagesform und Zählweise lesen das täglich 7.000 bis 17.000 Besucher. Aufgemerkt: Das sind klar mehr als beim Bremer Web-Weserkurier.

Bislang bloggt Björn – trotz mancher Anfechtungen – verblümt und werbefrei. Bremsen muss er sich höchstens selbst, wie er im Gespräch einräumt, damit er nicht mehr als zehn Blog-Einträge am Tag schreibt. Oder dass er sich nicht zu intensiv auf den digitalen Plausch mit seiner Fangemeinde einlässt. Aber: Welcher Supermarktbesitzer hätte bislang jemals eine Reaktion auf sein neues Briefpapier bekommen? Beim Blogcounter, einem der Resonanzmesser der deutschen Blogosphäre, steht das BILDblog zwar unangefochten auf Platz 1, aber mit all den anderen Spaß-, Gesinnungs-, PR- und Businessbloggern in den TOP 10 kann es der Shopblogger locker aufnehmen.

Neighborhood Store und Single-Börse

Noch mal zurück zu der Vision von Epic 2015. Auch der sogenannte Bürgerjournalismus (Citizen Journalism) dürfte zunehmend an Bedeutung gewinnen. Demnach werden die bisherigen Massenmedien durch Blogger und Amateurreporter ergänzt. Oder verdrängt?

Das Internet wird zum Medium der Massen. Noch stärker als beim Blogging scheint sich dieser Trend beim Podcasting auszubreiten. Ausgelöst durch den Siegeszug des Apple iPod, der Playlists und dem alltäglichen Empfehlungsmarketing lässt sich ein Wandel vom undifferenzierten Broadcasting zu einem stark zielgruppenorientierten, authentischen und vielstimmigen Narrowcasting beobachten. Durchaus denkbar, dass private Podcasts demnächst mit Geodaten (GPS) anreichert werden. Poddies aus der Nachbarschaft können sich vernetzen – und machen Bürgerfunk, ja Stadtviertelradio und wahrhaftige Haus-Musik im Web.

Die Amateurproduzenten könnten mit ihren Online-Tagebüchern, hochspezialisierten Nischenmedien und lockeren Radiosendungen vom heimischen Küchentisch sogar Geld verdienen. Jeder wird proportional zu seiner Beliebtheit bezahlt. Resonanz ersetzt Relevanz.

Und was ist mit den Romantikern, die beharrlich darauf verweisen, dass der Mensch sich immer noch gern off-line trifft? Seinem Gegenüber vielleicht die Hand schütteln oder in die Augen schauen möchte. Der auch in Zukunft lieber am Kühlregal flirtet oder mit einem Blick in den Einkaufswagen versucht, Sozialstatus, Familienstand und Akquiseerfolg abzuschätzen, statt sich auf Matchingpoints in Single-Börsen zu verlassen?

Der Supermarktbesitzer Björn Harste hat nach eigener Auskunft einen 16-Stundentag. Als Vollkaufmann, der täglich mit rund 1.000 Kunden, 25 Mitarbeitern, 15.000 Artikeln und Dutzenden Lieferanten zu tun hat, erlebt er viele ungewöhnliche und unterhaltsame Dinge. Gut vorstellbar, dass sich sein Mitteilungsbedürfnis, seine heitere Experimentierfreude vermischt mit einer Prise Selbsttherapie eines Tages auszahlen. Der digitale Neighborhood-Store mit angeschlossenem Weblog, Warteschlangen-Radio und Reichhaltigem Sonderangebots-Service (RSS) im Abo. All business is local. Sollte er durchhalten, wird der Shopblogger es mit Googlezon aufnehmen können.

Andreas K. Bittner ist Vorsitzender des Bundesfachausschusses Online im Deutschen Journalistenverband (DJV). Für onlinejournalismus.de hat er 2005 ein umfangreiches Dossier zur Barrierefreiheit (Achtung, altes Design) erstellt.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

in onlinejournalismus.de:

  • Facebook
  • Twitter
  • StumbleUpon
  • Diigo