Blum: “Keine Zukunft fürs Massenblatt”
Glückliche Schweiz? Der Berner Medienprofessor Roger Blum über das, was die gedruckte Presse im Nachbarland erwartet. Ein Interview von Michael Soukup.
Die amerikanischen und die deutschen Zeitungen sind in einer desolaten Lage. Wie geht es der Schweizer Presse?
Auch die Schweizer Tageszeitungen stecken in einer Krise. Allerdings ist die Situation hier zu Lande weniger dramatisch, da die Leserbindung im internationalen Vergleich hoch ist. Es braucht schon viel, bis eine Familie auf ihre Regionalzeitung verzichtet.
Die Schweiz hat eine der grössten Zeitungsdichten der Welt. Ist die lokale Verankerung der Schlüssel zum Erfolg?
Komplettzeitungen wie die NZZ, die “Basler Zeitung” oder der “Tages-Anzeiger” mit Auflagen von über 100.000 oder 200.000 Exemplaren leisten sich eine teure Redaktion. Diese ist nur finanzierbar, wenn die Werbeeinnahmen fliessen. Lokalzeitungen, die sich im Wesentlichen darauf beschränken, die amtlichen Mitteilungen und Vereinsmeldungen zu publizieren, produzieren viel billiger und sind so weit gehend konjunkturunabhängig. In der Schweiz gibt es über 100 Zeitungen mit weniger als 15 000 Exemplaren an Auflage.
Und wie können die grossen Titel überleben, wenn die Anzeigen wegbrechen?
Einerseits mittels Kostenoptimierung durch Kooperationen in der Redaktion, Produktion, Distribution und Administration. Andererseits, indem sie ihre Auflage dank Zusammenarbeit mit anderen Zeitungen auf mindestens 200.000 anheben. Nur so bleiben sie für die grossen Werbekampagnen attraktiv und können gleichzeitig genug Umsatz generieren, um in Fernsehen, Radio und Internet investieren zu können.
Hinsichtlich Umsatz sind die Internetaktivitäten unwichtig.
Natürlich handelt es sich dabei immer noch um Peanuts. Doch die Werbeeinnahmen im Internet wachsen schnell. Das war mit dem Radio und Fernsehen anfangs auch so. Deshalb müssen Medienhäuser in alle künftigen Werbeträger investieren.
Trotzdem: Wird es die Tageszeitung, wie wir sie heute kennen, auch in zehn oder zwanzig Jahren noch geben?
Ja, aber als Massenmedium hat die Zeitung langfristig wohl keine Zukunft. Denn es wird immer schwieriger, via Zeitung ein Massenpublikum zu erreichen. Qualitätszeitungen werden sich künftig auf eine breite Elite – bestehend aus allen beruflichen Aufsteigern – stützen müssen.
Roger Blum ist seit 1989 Professor für Medienwissenschaft an der Universität Bern. Vorher war er journalistisch tätig unter anderem als Inlandchef der “Luzerner Neusten Nachrichten”, als Mitglied der Chefredaktion und Bundeshauskorrespondent beim “Tages-Anzeiger”.
Das Interview führte Michael Sokoup für die SonntagsZeitung. Dort erschien es bereits im Sommer 2005.



