E-Paper zum Mitnehmen

'De Tijd' auf dem 'iLiad' | Produktfoto: iRex Technologies
In Belgien erscheint ab April “De Tijd” als erste Zeitung der Welt auch auf elektronischem Papier. Eine Reise in die Zukunft der Medien.

Von Michael Soukup

Belgien ist wie Italien ohne Sonnenschein. Zumindest der erste Eindruck bestätigt das französische Vorurteil. In einem heruntergekommenen Teil Antwerpens befindet sich der Sitz von “De Tijd“, der führenden flämischsprachigen Wirtschaftszeitung Belgiens. Vor dem düsteren Redaktionsgebäude der “Zeit” ragen Kabel aus dem aufgerissenen Boden, Plastiktüten und Papierfetzen fliegen herum. Die Geschäftsflächen im Erdgeschoss sind längst aufgegeben und die Schaufenster mit Plakaten zugekleistert. Auf der anderen Strassenseite steht die schäbige Bahnstation “Antwerpen-Berchem”.

Belgien sei skurril, fand der verstorbene Schweizer Kurator Harald Szeemann. Kurios ist sicher die Mickymaus-Krawatte von “Hoofredacteur” Frederik Delaplace. Undenkbar, dass sich der Chef eines hiesigen Finanzblattes so was um den Hals binden würde.

Die elektronische Zeitung wiegt 390 Gramm

Aber Delaplace hat eine Mission. Er will die sinkende Auflage seiner Zeitung stoppen, indem er aus dem Börsenblatt “De Financieel-Economische Tijd” eine Wirtschaftszeitung mit einer breiteren Berichterstattung aus Politik und Kultur neu ausrichtet – und die Zeitung auf elektronischem Papier herausbringt. Anfang April startet “De Tijd” die erste E-Paper-Zeitung der Welt. Zu Beginn werden 200 Abonnenten die Zeitung testweise auf elektronischem Papier lesen können. Ein alter Traum wird damit ein Stück weit Wirklichkeit: die Kombination von Computerbildschirm und Papier. E-Papier hat im Vergleich zu den üblichen Bildschirmen folgende Vorteile:

  • Elektronisches Papier flimmert nicht und lässt sich aus jedem Blickwinkel lesen.
  • Der Stromverbrauch ist im Unterschied zu LCD-Monitoren äusserst gering, da nur bei der Änderung der Spannung, also beim Blättern, Strom fliesst.

  • Im Idealfall lässt sich E-Papier wie herkömmliches Papier handhaben: rollen, biegen oder falten.
  • Elektronisches Papier ist billig in der Herstellung und verbraucht keinen Zellstoff.

Zwar wird E-Papier nicht mehr aus starren Glasplatten, sondern aus hauchdünnen und biegbaren Folien hergestellt. Um tagtäglich die mehr als 30 Zeitungsseiten umfassende “De Tijd” auf den Folienbildschirm zu laden, braucht es jedoch weiterhin Elektronik drumherum. So sind Mikroprozessor, Speicher, Netzwerkadapter oder Akku in eine 1,5 Zentimeter dicke Plastikhülle verpackt.

Das nach dem homerischen Epos “Ilias” benannte Lesegerät iLiad hat A5-Grösse, wiegt 390 Gramm und kostet 1000 Franken. Entwickelt wurde das Gadget bei iRex Technologies, einer früheren Forschungsabteilung des niederländischen Elektronikkonzerns Philips.

“De Tijd” gelangt über Internet auf das Lesegerät

“Projectleider” Peter Bruynseels ist nervös. Die Lesegeräte sind erst Ende März eingetroffen, so dass dem technischen Projektleiter wenig Zeit für Tests bleibt. Auf dem iLiad werden ganze Zeitungsseiten abgebildet. Mittels Antippens mit dem Stift auf den berührungsempfindlichen Bildschirm gelangt man zu den einzelnen Artikeln. Die Seiten lassen sich per Druck auf die linke Metallleiste umblättern. Das Blättern erfolgt jedoch mit einer störenden Verzögerung von 1 bis 2 Sekunden. “Das macht mich wirklich nervös”, lächelt der 40-Jährige etwas verlegen. Bis April muss es in Echtzeit erfolgen.

“De Tijd” gelangt via Internet – entweder über einen Festnetzanschluss oder W-LAN – auf den iLiad. Eine Tagesausgabe umfasst etwa 4 bis 6 Megabytes. “Der Ladeprozess dauert höchstens zwei Minuten”, sagt Bruynseels. Künftig wird das Gerät nachts in einer Dockingstation aufbewahrt und automatisch geladen.

Belgier gelten als bescheiden. “Still ist’s, wo kein Wind weht”, heisst ein flämisches Sprichwort. Und Bruynseels macht nicht viel Wind um sein Projekt: “Vieles, was wir hier ausprobieren, ist nicht neu und wurde schon getestet.” Er hat denn auch nur widerstrebend in unseren Besuch eingewilligt, dem ersten Augenschein ausländischer Journalisten. Dabei blickt die Zeitungsbranche gespannt nach Antwerpen.

Auch Frederik Delaplace stapelt tief: “Für uns ist das E-Paper-Projekt so interessant, weil es unsere redaktionelle Arbeit gerade nicht auf den Kopf stellt: Wir werden weiterhin altmodischen Journalismus betreiben.” Tatsächlich soll die Zeitung erst im nächsten Schritt mehrmals täglich aktualisiert werden. Dabei werden zeitgemässe Aktienkurse und die Börsenberichterstattung im Vordergrund stehen.

E-Papier verändert die Kostenstruktur radikal

Auf den Kopf stellen könnte elektronisches Papier hingegen die Kostenstruktur. Gemessen an den Gesamtkosten einer Zeitung machen die Ausgaben für Papier, Druck und Vertrieb etwa die Hälfte aus. Der Rest entfällt auf Redaktion und Verlag. Einmal mehr gibt sich Delaplace zurückhaltend: “Es geht nicht darum, Papier und Druck zu ersetzen, sondern zu ergänzen. Print bleibt für die nächsten zehn Jahre Trumpf.” Immerhin. Hier zu Lande wurde das einzige öffentlich bekannte E-Paper-Projekt – die multimediale Wirtschaftsplattform «Cash Daily» – vorerst begraben: “Elektronisches Papier spielt bei ‘Cash Daily’ zurzeit noch keine Rolle”, heisst es bei Ringier.

Läuft einmal “De Tijd” auf dem iLiad, können sich Peter Bruynseels und Arbeitskollegen dem wichtigsten Projekt der Zeitung widmen: dem Umzug der Redaktion im Mai nach Brüssel. Dort wird sie direkt mit ihrer französischsprachigen Schwesterzeitung “L’Echo” zusammenarbeiten. Und: “Wenn der Name der Hauptstadt statt Antwerpen-Berchem auf dem Briefpapier steht, sieht das besser aus”, sagt Bruynseels schmunzelnd.

Der Artikel erschien zuerst in der Schweizer SonntagsZeitung vom 19.03.2006

Weitere Links

bei onlinejournalismus.de:
iLiad und seine Konkurrenz. Gadgets für das elektronische Papier.
E-Paper: Keine digitale Goldgrube. Dieser Artikel erschien bei onlinejournalismus.de 2004.

im sonstigen Internet:
De Tijd. Homepage der Zeitung.
“De Tid”. Informationen von Wikipedia.de
Ifra. Artikel im Magazin der Zeitungsorganisation (PDF).

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