“iLiad” und seine Konkurrenz

Der neue Zeitungsausträger heisst “iLiad” und hat keine Beine. iRex Technologies hat das erste massentaugliche E-Paper-Lesegerät für Zeitungen entwickelt. Aber es hat auch Konkurrenz.

Von Michael Soukup

Willem Endhoven hat bereits sein halbes Leben bei Koninklijke Philips Electronics N.V. verbracht. Lange Zeit vertrieb er für den holländischen Elektronikkonzern Fernbedienungen. Heute möchte der Industrieingenieur den Zeitungsausträger wegknipsen. Der 49-Jährige ist Verkaufschef von iRex Technologies, einer auf die Entwicklung von E-Paper-Lesegeräten spezialisierten Firma und ein Spinoff von Philips.

In nicht allzu ferner Zukunft – so die Vision Endhovens – werden nicht mehr mühsam Millionen Bäume gefällt, zu Papier verarbeitet, bedruckt, als Zeitung ausgeliefert und rezykliert. Dereinst werden wir unsere Zeitung in gleich guter Auflösung auf elektronischem Papier lesen und dabei getrost auf Papier, Druck und Auslieferung verzichten können. Den Anfang macht die belgische Wirtschaftszeitung “De Tijd” im April.

Erstes elektronisches Papier wurde zwar in den Siebzigerjahren am kalifornischen Palo Alto Research Center der Firma Xerox entwickelt. Und 30 Jahre später gelang der E Ink Corporation – eine Ausgründung des Media Lab am Massachusetts Institute of Technology (MIT) – mit der elektronischen Tinte der Durchbruch. Aber iRex bietet nach eigenen Angaben mit seinem Lesegerät iLiad erstmals eine massenmarkttaugliche E-Paper-Lösung für Zeitungen an.

Philips baute für Sony die ersten E-Book-Lesegeräte

iRex steht für “interactive reading experience” und gehört mehrheitlich Risikokapitalgebern. Als frühere Forschungsabteilung von Philips ist das junge Unternehmen mit seiner Mutter immer noch eng verbunden. iRex hat seinen Sitz auf dem Philips-Hightech-Campus in Eindhoven, der fünftgrössten Stadt der Niederlande und Gründungsort von Philips. Auf dem 175.000 Quadratmeter grossen Gelände arbeiten 4000 Forscher.

Bloss einen Steinwurf von iRex entfernt befindet sich Polymer Vision. Das Philips-Tochterunternehmen hat Anfang September mit dem Readius, einem E-Paper-Prototypen mit einem ausrollbaren Bildschirm, für Aufsehen gesorgt. Endhoven winkt jedoch ab: “Wir rollen nicht.” Die Zeitungsverlage hätten an der Funktionalität des ausrollbaren Displays gezweifelt. “Die biegbaren Folien sind bloss ein Hype.” Damit sind Hersteller von Folienpapier wie Fujitsu, Siemens oder Sanyo wohl nicht ganz einverstanden.

Und was ist mit Sony? Auch die japanische Konkurrenz erntet ein müdes Lächeln von Willem Endhoven: “Sonys E-Book, das Librie, hatten wir gebaut.” Im Jahr 2004, als iRex noch zu Philips gehörte, wurde im Auftrag Sonys das erste Lesegerät für Bücher in digitaler Form entwickelt. “Sony hat bloss die Plastikhülle und die Bedienknöpfe bereitgestellt.” Die Holländer lieferten den Bildschirm und die Elektronik. Allerdings stammt die elektronische Tinte sowohl beim Librie als auch beim iLiad von E Ink.

Das ausschliesslich in Japan erhältliche Librie scheiterte vor allem an den restriktiven Kopierschutzmassnahmen. Auch Sonys zweiter Versuch, der Sony Reader, ist in erster Linie ein Lesegerät für elektronische Bücher. Allerdings arbeitet Sony inzwischen mit einem anderen Partner zusammen.

Sobald im April der iLiad lanciert wird, soll das Gerät in Produktion gehen. In Eindhoven selbst arbeiten bloss 20 Forscher, die Herstellung erfolgt im Tieflohnland Philippinen. Gemäss iRex hätten sich abgesehen von der belgischen Tageszeitung “De Tijd” drei weitere Zeitungen oder Unternehmen für den iLiad entschieden. “Gegen 15 Interessenten” würden zurzeit das Gerät evaluieren. Wie sieht es mit den grossen Finanzblättern wie “Wall Street Journal” oder “Financial Times” aus? “Wir stehen mit allen in Kontakt”, flüstert Endhoven augenzwinkernd.

iRex hat nicht nur Zeitungsverlage im Visier. Firmen, deren Mitarbeiter dicke Betriebsanleitungen mitschleppen und lesen müssen, sollen künftig ihre Manuals auf dem iLiad abrufen können. “Ich denke dabei an Ingenieurunternehmen oder Logistikfirmen.” Gerüchteweise soll der Paketdienst-Gigant UPS, der in Eindhoven ein Logistikzentrum führt, dazugehören.

Sony portable Reader – der iPod für den Buchmarkt

Sony will in Kürze sein neues E-Paper-Lesegerät Portable Reader lancieren. Im Unterschied zum iLiad wird der Reader in den USA und in Japan direkt an Endbenutzer verkauft. Ob und wann das Gerät nach Europa kommt, ist jedoch nicht klar.

Zwar ist der Reader mit 250 Gramm etwas leichter als das Konkurrenzprodukt aus Holland. Dafür hat der Holländer einen grösseren Bildschirm und eine bessere Auflösung. Zudem ist der iLiad-Monitor auch noch berührungsempfindlich.

Sony gibt die Batterielaufzeit mit 7500 “Page Turns” an. Der iLiad soll bei einer durchschnittlichen Lesezeit von täglich drei Stunden eine Woche laufen. Im Unterschied zu iRex scheint Sony ausschliesslich auf elektronische Bücher zu setzen. Zumindest sind keine Zeitungen bekannt, die den Reader verwenden wollen. Für den Reader gibt es ein grosses Sortiment an Online E-Books. Offenbar möchte Sony analog zu Apples Geschäftsmodell auf dem Musikmarkt (iPod und iTunes MusicStore) den digitalen Buchmarkt entwickeln.

Zuerst erschienen in der SonntagsZeitung vom 19.03.2006

Weitere Links:

… bei onlinejournalismus.de
E-Paper zum Mitnehmen. Der iLad im Versuch bei der belgischen Zeitung “De Tijd”

… im sonstigen Internet:
De Tijd. Homepage der Zeitung.
“De Tid”. Informationen von Wikipedia.de
Ifra. Artikel im Magazin der Zeitungsorganisation (PDF)

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