Die Web-Pläne der “taz”

Bild [M]: taz / FoeBuD e. V. / ojour.de

In einem E-Mail-Interview sagt Mathias Bröckers, wie er das “alte Schlachtschiff “taz” fit für die Zukunft im Web” machen möchte.

Seit einigen Wochen arbeitet Mathias Bröckers als Online-Projektleiter bei der “taz”. Bröckers wurde laut Wikipedia vor allem durch seine umstrittene WTC-Conspiracy-Serie bei Telepolis und sein darauf folgendes Buch “Verschwörungen, Verschwörungstheorien und die Geheimnisse des 11.9.” bekannt.

Das Interview wurde per E-Mail geführt, die Links in den Texten wurden von mir ausgewählt.

Was hat die ständig klamme “taz” (“Ewiger Konkursbetrieb”, “Handelsblatt”) dazu bewogen, nun mehr in das Internet-Angebot zu investieren, denn Gewinne sind wohl zunächst nicht zu erwarten?

Nicht nur die Zahl der Online-LeserInnen insgesamt, sondern auch die der “taz” haben in den letzten Jahren stark zugenommen. Dieser Nachfrage kommt die “taz” mit dem Ausbau ihres Webangebots nach.

Sind Sie nun formal Online-Chefredakteur, warum hat sich die “taz” für Sie entschieden?

Da es noch keine Online-Redaktion gibt, gibt es auch keinen Online-Chefredakteur – und ob es den überhaupt braucht ist noch die Frage. Ich war von 1980 bis 1991 Redakteur und dann noch lange Autor der “taz” und habe die alten Kollegen seit Jahren immer wieder darauf aufmerksam gemacht, dass sich online bei der “taz” so wenig tut. Und wie das schon früher so war – wenn einer eine gute Idee hat, muss er sie auch selbst realisieren, weil alle andern haben anderes zu tun – wurde ich irgendwann gefragt, ob ich es nicht selbst machen will.

Was ist überhaupt geplant, bisher war nur von einigen Watchblogs zu Unternehmen, Politikern oder Medien die Rede?

Die “taz” wird auch online im Wesentlichen aus den Inhalten der Druckausgabe bestehen, mit einigen zusätzlichen Elementen wie zum Beispiel den Blogs und mit laufenden Aktualisierungen.

Blogs von Medien werden von den Nutzern zumeist nur mäßig akzeptiert (siehe etwa Telepolis-Artikel “Schwer ist leicht was”), was wollen Sie da anders machen, was erhoffen Sie sich?

Wenn langweilige Redakteure langweiliger Zeitungen Blogs schreiben kommt eben auch nichts Spannendes dabei raus. Die “taz” war da schon immer ein bisschen anders und das wird sich auch im taz-Blog wiederfinden.

Wann soll das neue Internet-Angebot starten?

Ein definitiver Termin für den Start steht noch nicht fest, geplant ist Oktober 2006, die Blogs werden aber schon früher an den Start gehen.

Wieviel Leute arbeiten in der Online-Redaktion neben Ihnen mit, werden auch Print-Redakteure zusätzlich Beiträge für die Internet-Ausgabe schreiben?

taz-logo

Ab Herbst werden vier bis fünf RedakteurInnen mit der Online-taz befasst sein. Print-Redakteure und Autoren werden sicher gelegentlich auch für die Online-Ausgabe etwa zusätzlich produzieren

Auf taz.de heißt es: “Die digitaz verzeichnet monatlich fünf bis sechs Millionen Seitenzugriffe.” Stimmen diese Zahlen noch? Wie sollen sich diese Zahlen weiterentwickeln, wie möchten Sie Einnahmen generieren?

Im letzten Monat wurden auf taz.de 7,2 Millionen Seitenzugriffe verzeichnet. Wir denken, dass diese Zugriffe noch deutlich erhöht werden, wenn die Seite regelmäßig aktualisiert wird. Bisher wandert ja nur die Druckausgabe des Nachfolgetages gegen 22 Uhr automatisch ins Netz. Einnahmen werden wir mit Anzeigen und dem digi-taz-Abo generieren.

Wird die aktuelle Ausgabe der “taz” weiterhin kostenlos im Internet erscheinen?

Die aktuelle “taz” wird auch weiterhin kostenlos und komplett im Netz lesbar sein.

Werden auch die Leser bei taz.de wieder zu Wort kommen (das “taz”-Forum wurde im November 2002 wegen häufiger “rassistischer und sexistischer Äußerungen” geschlossen, siehe hierzu “journalist”-Artikel) ?

Wir möchten Foren und Kommentiermöglichkeiten sehr gern wieder öffnen, aufgrund der üblen Erfahrungen mit dem Trollwesen und des jüngsten Urteils gegen heise.de über die Verantwortlichkeit für Forenkommentare – wird dies aber so wohl nicht möglich sein. Wir können keine drei Leute nur dafür beschäftigen, die notwendige Vorab-Kontrolle der Beiträge zu übernehmen. Deshalb wird derzeit überlegt, die Foren nur für registrierte und identifizierbare AbonnentInnen der “taz” (und der digitaz) zu öffnen.

Sie haben die Entwicklung der “taz” (siehe hierzu Wikipedia-Eintrag zur “taz”) wohl von Anfang mitverfolgt und frühzeitig zumindest auch ein wenig mitgestaltet – die “taz” war die erste deutsche Zeitung, die schon 1995 im Volltext ins Internet ging. Wie hat das Internet die Entwicklung dieser Zeitung beeinflusst, die aufgrund ihrer Struktur und ihres Geschäftsmodells zumindest weniger Probleme als andere Zeitungen mit dem Netz hatte …?

Meine ersten Artikel wurden 1980 noch auf Schreibmaschine geschrieben und von den SäzzerInnen eingetippt. Die “taz” war damals die erste Zeitung in Deutschland, die komplett im Lichtsatz erstellt wurde. Mit dem Olivetti M 10 – dem Vorgänger heutiger Notebooks – den man über einen Akustikkoppler mit einem Telefonhörer verband, konnten wir schon ab Mitte der 1980-er die Artikel ins Redaktionssystem “emailen” – während die internationale Presse noch mit Bleistift und Stenoblöcken hantierte.

Die vollautomatisch generierte Internetausgabe ab 1995 war einmal mehr ein Meisterstück der hauseigenen EDV – und sie funktioniert so reibungslos, dass sich seitdem auch niemand mehr richtig um das Internet kümmern musste. So blieben der “taz” auch die Groß-Verluste erspart, die im Zuge der Dotcom-Hysterie mit Online-Auftritten allenthalben produziert wurden. Auch dass die “taz” aus Prinzip nie primär von Werbeeinnahmen, sondern von ihren AbonnentInnen (und den 6000 Mitgliedern der taz-Genossenschaft) finanziert wurde, hat sich im Zuge der allgemeinen Medienkrise als segensreich erwiesen. Sowie vor allem die Unabhängigkeit des Blatts gesichert. Diese werden wir auch im Internet demonstrieren und sind überzeugt, dass die LeserInnen dafür auch bereit sind, ein paar Online-Anzeigen mehr zu akzeptieren.

Sie haben mit Ihrer The WTC Conspiracy-Serie bei Telepolis für Aufsehen gesorgt. Werden Sie wieder verstärkt bei taz.de publizieren?

Ich habe die letzten fünf Jahre mehr oder weniger rund um die Uhr Bücher und Artikel geschrieben und dass mein Job hier erst mal nichts mit Schreiben zu tun hat, war ein wichtiger Grund ihn anzunehmen. Was mir aktuell auffällt, schreibe ich in meinem Blog – und irgendwann sicher auch wieder ein Buch – im Moment geht es mir aber nicht ums Publizieren. Sondern darum, das alte Schlachtschiff “taz” für die Zukunft im Web fit zu machen – zu einem Publikationsforum für aktuelle Nachrichten und Kommentare, an dem keiner vorbeikommt, der im Web nach unabhängiger, kritischer Berichterstattung sucht.

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