Die demokratische Zeitung
Von Gastautor(in) am 19. April 2006
Der “Seattle Post Intelligencer” experimentiert mit Editorials, an denen auch die Nutzer beteiligt sind. Unser Gastautor Marc Hofer sieht das Experiment mit Citizen Journalism in der Tradition der Zeitung als Element der Demokratisierung.
Von Marc Hofer
Pressefreiheit und Zeitungen waren schon seit jeher treibende Kraft der Demokratisierung. Als Hort der Meinungsbildung könnte man sich heutzutage eine funktionierende demokratische Gesellschaft ohne freie Presse kaum noch vorstellen. Trotzdem waren in der Vergangenheit die Zeitungen an sich ein nicht besonders demokratisches Medium. Der Leser konnten selten Einfluss auf aktuellen Inhalt nehmen oder sich direkt in den Entstehungsprozess eines Artikels einmischen. Leserbriefe sind zwar eine lang gehegte Tradition der Zeitungen, haben aber eher rückwirkenden Charakter.
Partizipatorische Zeitung
Laut Mark Trahant soll sich das ändern. In seinem Editorial vom 14. August 2005 vertrat er die Meinung, dass Leser über das Internet am Entstehungsprozess der Zeitung partizipieren sollen. Die Idee ist allerdings nicht ganz neu. Schon die “Los Angeles Times” versuchte mittels eines Wiki-Systems Kommentare zum Irak-Krieg zu sammeln: Alle interessierten User konnten daran mitschreiben, um damit einen möglichst große Bandbreite an Information einfließen zu lassen. Das Projekt scheiterte allerdings an dem Aufwand der Inhaltspflege- und Kontrolle. Nur durch die Abschaltung des Wikis konnte ein größerer Imageschaden für die “LA Times” verhindert werden.
Trahants Zeitung, der “Seattle Post Intelligencer” (”SPI”) bietet seit kurzem ein ähnliches Projekt. Das neue Angebot namens Virtual Editorial Board funktioniert nach einem Zweischrittsystem: Zuerst erstellt die Redaktion eine Liste von möglichen Themen für einen Meinungsartikel. Nachdem diese Liste auf der Webseite der Zeitung zugänglich gemacht wurden, dürfen Leser die Themen kommentieren, bewerten und Verbesserungsvorschläge machen. Diese Kommentare werden sofort weiter verarbeitet und sollen in den Entstehungsprozess direkt (Zitate) oder indirekt (Nachbearbeitung des Themas) einfließen.
Die Verantwortlichen erhoffen sich dadurch eine breitere Akzeptanz durch die Leserschaft und neue Einflüsse in den Entstehungsprozess eines solchen Artikels. Um mehr Kontrolle über die eintreffende Information zu haben und eine gewisse „Seriosität“ zu wahren, setzt die Zeitung auf eine vorherige eine Registrierung der Benutzer, nicht nur mit Namen sondern auch mit Postleitzahl (ZIP Code). Damit erhofft man sich schon zu Anfang unliebsame Beiträge fern zu halten. Man scheint aus dem Fiasko, dass die “LA Times” erlitten hatte, gelernt zu haben.
Das Ende der Top-Down-Kommunikation
In Zeiten der steigenden Internetaffinität und sinkender Auflagezahlen der Tageszeitungen vielleicht eine zukunftsorientierte Lösung? Das Experiment des “SPI” gehört zu dem, was in den USA unter dem Schlagwort “Citizen journalism” viele Zeitungsredaktionen erfasst hat. Geprägt haben diesen Begriff Shayne Bowman und Chris Willis in ihrem Bericht “We Media: How Audiences are Shaping the Future of News and Information”. Dieser steuert dem bisher etablierten Trend des Top Down Journalismus entgegen, welcher dem traditionellen Weg entspricht – dass eine Redaktion Themen in geschlossenem Kreis auswählt und darüber von ihrem Standpunkt aus berichtet. Der Leser kann letztendlich nur noch konsumieren.
Samantha Henig hat sich in ihrem Artikel “Spin Buster” genauer mit den Auswirkungen einer solchen veränderten Realität und ihrer Auswirkung auf den existierenden Journalismus befasst. Laut ihren Erkenntnissen würde das, was der “SPI” anstrebt als participatory journalism gelten, Blogs, Wikis etc. als civic journalism. Für sie liegt der Unterschied darin, dass ersteres von professionellen Journalisten überarbeitet wurde und in offiziellen Nachrichtenkanälen auftaucht, wohingegen letzteres ungeprüft im Internet veröffentlicht wird. Sie stellt die Frage, ob es eine neue Definition des Journalisten geben wird, oder ob dazu mehr gehört als nur die Tatsache “an der falschen Zeit am richtigen Ort zu sein” .
Als Beispiel dient hierbei der Bombenanschlag auf das Londoner U-Bahnsystem, als kurz nach der Tat massenweise Bilder aus der Nähe des Tatorts kursierten – aufgenommen mit Kameras in Mobilfunktelefonen. Sofort wurde eine neue Ära des „Journalismus für Jedermann“ ausgerufen. Danach müsste jeder Informant, der Nachrichten erstellen, bearbeiten oder veröffentlichen kann, auch den Status eines Journalisten bekommen. Eine gewagte These.
Der einfache Zugang zu modernen Technologien, welche die Dokumentation erleichtern und das Publizieren von Informationen sehr einfach machen, ist für traditionelle Zeitungen wohl die größte Herausforderung. Zum einen müssen die Zeitungen gegen ein stetig wachsendes Aufkommen an Nachrichtenangeboten, ob ernsthaft oder nicht, ankämpfen.
Die Leser als Herausforderung
Zum anderen wird es wohl in der Zukunft eine große Herausforderungen für Zeitungen werden, die Teilnahme der Leser an der Gestaltung ihres Inhaltes sinnvoll zu koordinieren, wenn sie auf diese neue Möglichkeit nicht verzichten möchten. Wenn allerdings viele Menschen mit unterschiedlichsten Ansichten an dem Inhalt einer Zeitung mitarbeiten können, besteht die Gefahr, dass kontroverse Gedanken Kompromissen weichen. Mark Trahant ist da zuversichtlich: „Wir machen uns keine Sorgen über eine öffentliche Zensur, denn letztendlich bleibt es an den Redakteuren was, wie geschrieben wird“, sagt er im E-Mail-Interview.
Was allerdings mit dem Konzept geschieht wenn die eintreffenden E-Mails mit Verbesserungsvorschlägen und Meinungen eine gewisse Obergrenze sprengt, weiß Mark Trahant auch noch nicht: „Wenn die eintreffenden Daten eine nicht zu bewältigende Menge erreichen, müssen wir die Sache noch mal überdenken“.
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12. Juni 2006 um 01:31
Danke für den guten Überblick im Artikel, auf den ich mehr durch Zufall gestossen bin.
Das Prinzip einer “demokratischen Redaktion”, genauer einer Redaktion durch die aktiven Leser, findet schon seit etlichen Jahren mit einer Software names “scoop” webbasiert unter http://www.kuro5hin.org/ statt. Leider nur englischsprachig und mir ist bislang auch kein deutschsprachiges Pendant bekannt.
Man könnte es als kombiniertes WCMS / Blog bezeichnen. Zur Funktion: Ein Teilnehmer reicht einen Artikel ein, der in einer Moderationswarteschlange landet. Dort steht er interessierten Lesern zur Verfügung, die
a.) den Inhalt kommentieren
b.) die Form kommentieren
c.) über das Erscheinen abstimmen
können.
Dabei kann man noch entscheiden, ob man den Artikel lieber “hinten” in der Zeitung oder auf der Titelseite oder überhaupt nicht haben möchte. Danach setzt dann ein Abstimmungsprozeß ein, der so lange weitergeht, bis eine qualifizierte Mehrheit erreicht ist oder die Anzahl der Ablehnungen zu überwiegen beginnt. Diese qualitative Entscheidung ist natürlich in exakte Zahlen gefaßt und kontrollierbar.
Das wirklich interessante an dieser Angelegenheit ist, daß es im Gegensatz zu Onlinezeitungen mit “hauptamtlichen” Redaktionen eigentlich erst mit großen Benutzerzahlen richtig gut im Sinne von demokratisch funktioniert, weil dann erst die für eine Aussagekraft nötigen hohen Stimmzahlen erreicht werden. Teilweise werden rasend schnell Entscheidungen gefällt, manchmal dauert es auch ewig und scheitert dann am Zeitlimit von wenigen Tagen. Also die im Artikel beschriebenen Probleme der Überlastung der Redaktionen findet in dem Sinne nur in der Belastung der Rechnersysteme ihren Niederschlag. Die Kerncrew von kuro5hin.org besteht auch heute noch aus nur wenig mehr Personen außer rusty, dem Programmierer von scoop.
Es gibt natürlich auch Mängel, die ich hier nicht im einzelnen aufführen möchte, weil man sich mit der Eigendynamik dieses Systems schon detaillierter beschäftigen sollte. Allein die solide Parametrierung des Systems erfordert fast schon nen studierten Kybernetiker. ;-)
scoop ist nicht lokalisiert und benötigt perl (statt PHP) sowie MySQL oder PostgreSQL.
Aus diesem Grunde experimentiere ich gerade mit einer anderen Software names Drupal (s.a. drupalcenter.de), die mit etlichen Zusatzmodulen möglicherweise eine ähnliche Funktion des Abstimmens über eine Moderationswarteschlange bietet. Das ist allerdings noch im Teststadium im Rahmen eines etwas anders gelagerten Parteibildungsprojekts (gelegentlich online unter demokratische-redaktion.selfhost.in/drupal/ auf einem Heim-PC.
Gruß,
Tobias.