Jetzt ein bißchen bloggiger

Screenshot Homepage jetzt.de
Er bittet um Ruhe im Vorraum, fragt sich gerade, ob alles klappt und ist schon länger auf jetzt.de – so stellt sich Dirk von Gehlen seiner Community vor. Als Redaktionsleiter von jetzt.de ist er da, wo SpOn-Chef Blumencron auch gerne wäre – auch wenn Gehlen das nicht wahr haben möchte. Mit onlinejournalismus.de sprach er darüber, warum das für den Grimme Online Award nominierte jetzt.de seiner Meinung nach trotz Relaunchs nicht so bloggig ist, wie es den Anschein hat.

Zum Jahreswechsel gab es bei jetzt.de einen Relaunch. Auffälligste Änderung: Statt einer klassischen Portalseite zeigt sich das Angebot in einem schlichten Design. Einerseits werden verstärkt Artikel aus dem Muttermedium Süddeutsche Zeitung verwiesen. Andererseits werden Nutzerbeiträge nach dem Tagging-Prinzip organisiert – Tag Cloud und RSS-Abonnements inklusive.
Weil aber Stammnutzer nach dem Relaunch lieb gewonnene Schaufenster und Rubriken vermissten, verlangten sie hitzig das alte jetzt.de zurück. Auch Monate nach dem Relaunch gibt es noch Kritik von Nutzern, einige Stammschreiber haben sich offenbar aus der Community verabschiedet. Andere versuchen, mit den Werkzeugen des neuen jetzt.de die Elemente der alten Plattform wie den Tagesticker weiter leben zu lassen.

Während SpOn-Chef Mathias Müller von Blumencron kürzlich sagte, auch Spiegel Online sei ja eigentlich so etwas wie ein Blog, wehrt sich jetzt.de-Redaktionsleiter Dirk von Gehlen (jetzt.de-Steckbrief) in unserem Interview dagegen, dass seine für den Grimme Online Award nominierte Plattform „bloggig“sei.

Screenshot jetzt.de

onlinejournalismus.de:Welches Konzept steckt hinter jetzt.de?

Dirk von Gehlen:
Die Hauptidee von jetzt.de ist es, junge Leser für das Angebot der Süddeutschen Zeitung zu interessieren. Weil wir glauben, dass sich immer mehr junge Menschen – die Leser von Morgen – im Netz aufhalten und so die Zeitungen und ihre Angebote kenenlernen können Dafür haben wir seit dem Sommer 2001 unter jetzt.de eine Community. Im Dezember 2005 haben wir einen relativ starken Relaunch gemacht, der noch stärker als bisher diesen Weg hin zur Zeitung zum Ziel hat. Dazu wählen wir einmal am Tag die vermeintlich wichtigsten Texte aus der Süddeutschen Zeitung aus. Die ergänzen wir um für junge Leser relevante, interessante Themen.

„Gegenfrage: Was ist ein Blog?“

Optisch könnte man sagen, Sie haben sich mit dem Relaunch in ein Blog verwandelt und brauchen eigentlich die gedruckte Ausgabe gar nicht mehr.

Da kann man natürlich gegenfragen: Was ist ein Blog? Ich glaube nicht, dass wir uns in ein Blog verwandelt haben. Wir waren schon ein Blog, als Menschen da gar nicht drüber geredet haben. Und wir sind das auch, ohne dass wir da weiter drüber reden wollen oder das betonen wollen. Wir bieten unseren Lesern die Möglichkeit zu schreiben und sogar die Möglichkeit, einmal in der Woche in die gedruckte Süddeutsche Zeitung zu kommen.

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Optisch haben wir die Seite etwas zurückgenommen. Wir glauben aus unserer Erfahrung mit der Community, dass es sehr aktive und kreative Menschen gibt, die die Möglichkeiten gerne selber nutzen. Das ist ihnen eher möglich mit einem zurückgenommen Layout, als mit einem, das für sich schon einmal sehr im Vordergrund steht und dann noch mit Usercontent überfrachtet wird.

Auffällig ist ja, dass Sie eine Tag Cloud integriert haben. Warum?

Weil bei uns ganz viele Menschen Texte schreiben, haben wir immer wieder vor der Frage gestanden: Wie kann ich das Interessante und Relevante für mich sortieren? Da gibt es weiterhin eine Redaktion hier bei uns im Hause, die besondere Perlen auswählt. Das ist aber eine Frage von Zufall, ob man auch die Sachen findet oder ob man sie übersieht. Mit den Tags, oder bei uns Labels genannt, also einer Sortierung über Schlagworte, glauben wir, dass wir eine Sortierung gefunden haben, die wirklich interessengetrieben und sehr communityaffin ist. Sie wird in unserer Community auch gut angenommen.

Warum heißen die Tags denn Labels?

Der Begriff Tag wird im amerikanischen Sprachraum sehr stark benutzt. Der Begriff Label erschien uns irgendwie geeigneter. Das hat aber keine tiefere Bedeutung.

Nach dem Relaunch haben sich Nutzer beschwert: „Die Übersichtlichkeit geht verloren. Ich finde Texte nicht, weil nicht mehr in dem Maße auf der Startseite auf Nutzerinhalte verwiesen wird, weil man nicht mehr sehen kann, wer wieviel worauf klickt.“ Wie sind Sie mit diesem Sturm der Empörung umgegangen?

Es ist immer so, dass es Leute gibt, die sich beschweren, wenn ein Produkt sich ändert. Es gibt aber auch Leute, die sehr zufrieden sind. Das sieht man daran, dass sie immer wieder auf die Seite kommen. Wir haben unsere Page Impressions und Visits seit dem Relaunch sehr stark erhöht. Und das sind Dinge, die für mich wichtiger sind, als dass es einen negativen Kommentar gibt unter einem Text. Deswegen spreche ich davon, dass dieser Relaunch erfolgreich war. Den Leuten, die bisher auf den Seiten waren, muss man eine gewisse Zeit geben, weil sie sich eben neu zurechtfinden müssen. Man muss aber parallel auch gucken: Gibt es neue Nutzer?

Können Sie Zahlen nennen?

Wir tragen zum Angebot der Süddeutschen Zeitung so plus/minus zehn Prozent bei. (sueddeutsche.de hatte im März 2006 laut IVW rund 63 Millionen PI bei 8,8 Millionen Visits., Anm. der Redaktion)

Wenn Ihr Angebot jetzt so bloggig angelegt ist …

Das ist nicht bloggig angelegt, auf die Frage, wie ein Blog aussieht, konnten Sie mir bisher noch keine befriedigende Antwort geben …

Es gibt Labels, man kann kommentieren, das Design mit der Tag Cloud erinnert an …

Nutzerkommentare kann man setzen, seit das jetzt-Magazin seit 1994 im Netz aktiv ist. Das ist kein „Bloggig anlegen“. Nein, wir machen jeden Tag ein journalistisches Angebot, in dem wir Texte aus der SZ auswählen und neue ergänzen. Da sehe ich nicht, wie der Relaunch bloggig angelegt sein kann. Wir haben eine Community, wo Leute Texte schreiben und wo es jetzt eine neue Sortierung gibt. Wenn man das aber als Blog einstuft, wo Leute Texte schreiben, dann ist fast alles ein Blog. Ich glaube aber, jetzt.de zeichnet sich dadurch aus , dass es einen inhaltlichen getriebenen redaktionellen Teil gibt und einen wo Nutzer sich austauschen und selber Texte schreiben, mit einer Sortierung, die es eben auch bei Blogs gibt.

„Vielleicht ein bisschen anders kommuniziert“

Etliche Nutzer haben sich beschwert, dass mit dem Relaunch ein Teil ihrer Inhalte verschwunden war.

Wir haben beim Relaunch auf Foren verzichtet, sind dann aber – das muss man sagen – von unseren Nutzern eines besseren belehrt worden – und arbeiten jetzt an einem neuen Forenkonzept. Die alten Inhalte werden wieder da sein, aber die Verpackung wird sich dem neuen Design anpassen. 80 bis 85 Prozent aller Inhalte sind aber sowieso problemlos migriert worden.

Der Relaunch erfolgte ja auch ohne große Vorankündigungen. Waren deshalb viele User nicht so angetan? Würden Sie das noch mal so machen?

Es ist immer ein relativ komplizierter Prozess, wenn sich Formate ändern, die so akzeptiert sind. Ich bin ganz froh, dass wir ihn so weit überstanden haben, wie wir ihn überstanden haben. Trotzdem würde ich das noch mal so machen – vielleicht ein bisschen anders kommuniziert. Wir haben vorher Userbefragungen und Beta-Tests mit Usern gemacht, vielleicht hätte man das noch mehr machen müssen. Wir haben sehr intensiv für unsere Neuerungen geworben und es ist auch zu merken, dass der Unmut, den sie angesprochen haben, sich legt, respektive, dass die Menschen, die nicht zufrieden sind, sich vielleicht andere Angebote suchen.

Nutzer von 13 bis Ende 30

Wie sehen denn die Nutzer bei Ihnen aus?

Die sind sehr unterschiedlich. Es gibt sowohl den klassischen Jugendmagazin-Nutzer, der unter zwanzig ist und sich in den eher jungen Themen wieder findet. Es gibt aber auch ältere Nutzer, die die Seiten benutzen, weil sie jüngere, andere Zugänge wollen. Die Nutzer sind sehr viel jünger sind als die, die noch zu Zeiten des gedruckten jetzt-Magazins mit der Zeitung in Kontakt gekommen sind – nach Nutzer-Angaben manche schon mit 13 oder 14 Jahren.

Gibt es auch andererseits auch ältere?

Die Spannbreite der Zielgruppe hat sich durchaus vergrößert. Nutzer, Leser kommen sehr viel früher an das Produkt heran und bleiben sehr viel länger dabei. Es gibt einige Leute, die – nach eigenen Angaben – in einer Werbeagentur oder in einem anderen Medienbetrieb arbeiten und dort parallel zu ihrer Arbeit jetzt.de nutzen und selber aktiv schreiben, kommentieren und dort ihre Freunde treffen, die auch wiederum eher in den Dreißigern sind als Anfang zwanzig oder fünfzehn. Insofern zeichnet sich die Leserschaft vielleicht gar nicht durch ihr Alter aus, sondern dadurch, dass sie einen gemeinsamen Blick auf Dinge hat.

jetzt.de-Tags bei sueddeutsche.de

Wie groß ist denn der Anteil von registrierten Nutzern an der Gesamtnutzerzahl?

Es gibt einen sehr großen Anteil von aktiven Community-Mitgliedern. Das war vor dem Relaunch die Hauptzielgruppe. Inzwischen hat sich der Anteil der nichtregistrierten Nutzer, die also nur lesen, extrem erhöht. Das ist gut halbe-halbe, würde ich sagen.

Warum werden dann unter „Alle User“ immer mehr registrierte Nutzer als bloße Besucher angezeigt?

Die Verweildauer eines registrierten Nutzers ist viel höher als die eines nichtregistrierten Nutzers. Die sind vielleicht mal 10 Minuten am Stück da. Ein registrierter Powernutzer kann auch mal den ganzen Tag online sein.

Bei vielen Online-Angeboten ist die Platzierung auf der Homepage entscheidend dafür, wie oft Artikel angeklickt und gelesen werden. Wie ist das bei Ihnen – gerade auch in Hinblick auf die Labels?

Auch hier kann man etwa von einem Verhältnis halbe-halbe sprechen, vielleicht etwas zugunsten der redaktionenellen Angebote im oberen Teil der Seite. Aber wir haben eine große und aktive Community, und die Labels funktionieren da gut. Der Anteil der Nutzer, die über RSS kommen, ist dagegen noch relativ gering.

Welches Geschäftsmodell hat jetzt.de?

Wir sind eine Marketingmaßnahme für den Süddeutschen Verlag, werden aber zunehmend von Anzeigenkunden auch als eine Plattform gesehen, wo man eine junge Zielgruppe im Netz erreichen kann. Und wenn man sich die Zahlen aus den Vereinigten Staaten anguckt, sieht man ja, dass sich das Anzeigenvolumen immer stärker im Netz niederschlägt.

Haben Sie da ein geschäftliches Ziel im Auge, so wie Herr Blumencron in den letzten Jahren immer von schwarzen Zahlen 2006 sprach?

Nein, Unser primäres Ziel ist es, Menschen zu Lesern der Süddeutschen Zeitung zu machen und von sueddeutsche.de. Wir sind hier auch alle Fans dieses Angebots.

Aber warum fragt dann sueddeutsche.de nicht bei Ihnen nach, was man besser machen kann, Stichwort Labels und so?

(lacht) Ich verstehe ihre Nachfrage, aber das ist ein anderer Unternehmensbereich, über den ich mich nicht äußern kann. Ich kann nur sagen, dass wir guten Kontakt haben zu den Kollegen und die eine Menge in der Pipeline haben.

„Web 2.0 auch für Kerngeschäft Nachrichten interessant“

Wohin gucken Sie selbst, um sich inspirieren zu lassen?

Auch wenn ich jetzt wieder in Gefahr laufe, dass Sie hinterher sagen, die Seite sei bloggiger geworden – was derzeit unter dem Stichwort Web 2.0 verhandelt wird, hat interessante Ansätze. Wir brauchen den Hype nicht, der damit einhergeht, aber wir wissen, dass es gut ist, den Nutzer einzubinden. Alles, was daran hängt, an gemeinsam erstellten Inhalten, an Sortierungen über Tags oder Labels, über Empfehlungen, die Nutzer einander geben, ist intessant. Auch gerade für unser Hauptgeschäft: Nachrichten. Eine Tageszeitung wie die Süddeutsche zeichnet sich ja nicht dadurch aus, dass sie eine besonders gute Community hat, sondern dadurch, das sie besonders verlässlich ist. Wenn es gelingt, den oberen redaktionellen Teil von jetzt.de und den User-Teil zu verbinden, dann glaube ich, dass darin sehr viel Inspirierendes liegen kann – für das Internet, aber auch für die Zeitung.

Wenn ich Sie frage, wie die Zusamenenarbeit mit den Zeitungskollegen läuft, werden Sie sicher sagen, dass es jetzt.de nun seit fünf Jahren gibt und man ihr Schaffen inzwischen sehr wohlwollend betrachtet …

Genau, das werde ich sagen. Nein, natürlich gibt es noch Skepsis, aber das Internet ist ja auch noch ein verhältnismäßig junges Medium, das sich erst noch beweisen muss.

Das Interview wurde bereits vor einiger Zeit geführt – gerade, Ende April, hat jetzt.de noch einmal am Design herumgeschraubt und sich von der klaren, schlichten Konzentration auf die Tag-Cloud verabschiedet. Stattdessen werden jetzt wieder prominent die beliebtesten und am häufigsten kommentierten User-Artikel herausgestellt. Andererseits hat die Tag Cloud von jetzt.de inzwischen auch bei der Mutter sueddeutsche.de Einzug gefunden – ganz unten am Ende der Startseite.

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