Peter Turi meint: Bildblog zu 90 Prozent Schrott
Von Thomas Mrazek am 22. Juni 2006In der Gesprächsreihe Blogtalk bringt der Medienjournalist Peter Turi seine Abneigung gegenüber dem Bildblog auf den Punkt:
“90 Prozent des Inhalts beim Bildblog sind Schrott. Und: Ein Blog ohne Kommentarfunktion ist wie ein Hahn ohne Libido.”
Vorher schildert er freilich, dass er mit dem Bildblogger Stefan Niggemeier ein persönliches Problem hat:
“Vielleicht liegt’s an der Person. (…) So circa 2001/2002 hat Nigge einen sehr, sehr bösen und hämischen Artikel über die Krise beim kressreport geschrieben, der in dem Satz gipfelte. “Der kressreport ist tot.” Das war und ist gelogen und hat den Kollegen, die ums Überleben kämpften, sehr, sehr, sehr geschadet. Es wäre um ein Haar eine Self-Fullfilling-Prophecy geworden. Deshalb möchte ich von Stefan, der meines Erachtens an in dramatischen Situation jedes Verantwortungsgefühl hat vermissen lassen, nicht über Ethik im Journalismus belehrt werden.”
Das Ganze ist für einen Medienjournalisten ziemlich unprofessionell. Selbstverständlich sollen und müssen das Bildblog und seine Macher auch kritisiert werden, aber nicht auf so eine dämliche und primitive Art und Weise.
Nachtrag 24.06.2006
Jürgen Habermas lobte das Bildblog kürzlich bei einer Tagung in Dresden:
Laut Habermas kann die Online-Kommunikation nur dann einen relevanten Beitrag zum politischen Diskurs leisten, wenn sie sich mit der Berichterstattung der etablierten Medien auseinander setzt. Ein positives Beispiel hierfür sei die Webseite von bildblog.de. Die Bildblog-Redakteure haben der Online-Ausgabe des Massenblatts neulich eine Honorarforderung in Höhe von 2088 Euro für ihre ungebetenen Korrekturarbeiten zukommen lassen. Über diesen Gag kann sich der Theoretiker des kommunikativen Handelns köstlich amüsieren.
Nachzulesen im “Tagesspiegel” vom 23.06.2006
22. Juni 2006 um 09:18
Nur weil sich solche Behauptungen gerne mal verselbständigen: Es gibt keinen Artikel von mir, in dem ich geschrieben habe “Der kressreport ist tot”.
22. Juni 2006 um 09:26
Danke für die Richtigstellung. Heute Nachmittag steht in meinem Uni-Seminar das Thema “Ein neuer Medienjournalismus? Weblogs & Co.” auf dem Programm. Die Studenten bekommen durch Herrn Turi wunderbares Anschauungsmaterial dafür, wie es nicht laufen soll.
22. Juni 2006 um 10:19
Hallo Herr Mrazek,
“Ein neuer Medienjournalismus? Weblogs & Co.” hätten sie nicht mal lust, so ein seminar im blogtalk mit mir zu führen?
es würde mich sehr interessieren, was zur zeit bzgl. weblogs gelehrt wird.
viele grüße
achim meißner
22. Juni 2006 um 10:40
Hallo Herr Meißner,
können wir gerne machen, wir wäre es zum Semesterende (ab 20. Juli), dann dürfte ich hoffentlich wieder etwas Luft haben? Schreiben Sie mir einfach kontakt (at) thomas-mrazek.de
23. Juni 2006 um 14:46
Für unprofessionell halte ich die Turi-Kritik wohl auch, die Art und Weise als “dämlich und primitiv” zu bezeichnen zeugt allerdings auch nicht unbedingt von Professionalität.
Die Kritik an der fehlenden Kommentarfunktion ist zumindest halbwegs berechtigt, weil es sich hierbei eigentlich um einen Standard in Blogs handelt. Insofern halte ich bildblog auch nicht für ein Weblog im herkömmlichen Sinne.
Mit 90% würde ich jedenfalls eher den Anteil lesenswerter Beiträge beziffern. Die restlichen 10 haben einen leicht missionarischen Beigeschmack.
23. Juni 2006 um 16:02
>Für unprofessionell halte ich die Turi-Kritik wohl auch, die Art und Weise als “dämlich und primitiv” zu bezeichnen zeugt allerdings auch nicht unbedingt von Professionalität.
Die Hosen so wie Peter Turi runterzulassen - das halte ich nun mal eben für “dämlich und primitiv”. Aber vielleicht hast Du Recht, wenn ich meine Kritik nicht salopp mal so nebenbei gebloggt und in einem anderen Medium veröffentlicht hätte, dann hätte ich es etwas eleganter und zurückhaltender formuliert.
>Die Kritik an der fehlenden Kommentarfunktion ist zumindest halbwegs berechtigt, weil es sich hierbei eigentlich um einen Standard in Blogs handelt. Insofern halte ich bildblog auch nicht für ein Weblog im herkömmlichen Sinne.
Turi trägt diese Kritik gebetsmühlenhaft vor, die Erklärung, warum das Bildblog keine Kommentarfunktion mehr hat, wurde x-fach schon gegeben. Dass der Rückkanal zu den Lesern, dass die Kommunikation mit den Lesern trotzdem funktioniert, ja ein ganz wichtiges Element für das Funktionieren des Bildblogs ist, hat Stefan Niggemeier hier bei onlinejournalismus.de in seinem Artikel “Vom Glück, BILDblog zu machen” vor einem Jahr eindrucksvoll dargestellt. Ob das nun in den Definitionsrahmen für ein Weblog passt oder nicht, ist mir wurscht, da bin ich undogmatisch, da sehe ich einfach nur den praktischen Arbeitsalltag der Bildblogger. Ich maße mir da allerdings keine Deutungshoheit an.
>Mit 90% würde ich jedenfalls eher den Anteil lesenswerter Beiträge beziffern. Die restlichen 10 haben einen leicht missionarischen Beigeschmack.
Mei Leute, lasst doch diese Zahlenspielereien, das bringt doch nix. Ganz klar erscheinen manche Beiträge wie Erbsenzählerei, mitunter auch besserwisserisch, aber wenn ich so etwas gescheit machen möchte, dann muss ich versuchen, es so penibel wie möglich zu machen und nicht nur auf die vermeintlich besonders lustigen oder spektakulären Fälle hinweisen. Manche Einträge sehen für uns ziemlich einfach aus, da würde man sagen, mei das ist mir doch auch schon häufig passiert, das langweilt mich - aber vielleicht steckt gerade hinter so einem Eintrag auch viel Arbeit.
Jetzt habe ich ausführlich meine Sympathien für dieses Projekt geschildert. So weit, so gut oder auch nicht. Ich habe auch meine Zweifel am Bildblog:
Wo ist es in ein, zwei Jahren - das kann wohl keiner seriös voraussagen? Wie entwickeln sich die Leserzahlen, wie läuft es mit der Vermarktung, was passiert wenn die Leserzahlen zurückgehen, wie ist es dann um die Motivation der Projektbeteiligten bestellt? Sind viele Leser nach einer gewissen Zeit nicht gelangweilt und wollen was Neues, Spektakuläres sehen? Was sind das überhaupt für Leute, die sich das Bildblog anschauen? Wird die “Bild” zumindest ihr Qualitätsmanagement entscheidend verbessern und immer weniger Vorlagen liefern? Wo bleibt der große Scoop oder können sich die Bildblogger auf Dauer mit diesen “Nadelstichen” zufrieden geben, wird mancher fragen, welche Relevanz hat das denn noch?
24. Juni 2006 um 13:16
Man liest immer wieder sinngemäß: “Wie die Bild-Zeitung ist, das wissen wir doch - kein Mensch muss daran täglich erinnert werden.” Ich halte das für dummes Gerede. Solange Redaktionen jeden Tag Bild als so genannte Quelle benutzen, kann man nicht oft genug dokumentieren, wie schlecht diese Zeitung handwerklich arbeitet. Auch im Sport, der angeblich so “gut informiert” ist.
Der eigentliche Benefit des Bildblogs liegt m.E. darin, dass das Standing der Bild-Zeitung unter Journalisten bröckelt. Das ist ein mühsamer Prozess - man muss am Ball bleiben und ich bin Bildblog dafür dankbar.
Was die “Scoops” angeht: Ich glaube, die Maßstäbe sind uns etwas verrutscht. Was bei Bild in den letzten 1,2 Jahren abgeliefert wurde, hätte in normalen Zeitungen längst Köpfe rollen lassen. Ich meine - auf was für noch größere Scoops warten wir eigentlich? Auf ein geheimes Atomwaffenprogramm bei Springer?
24. Juni 2006 um 13:39
Erst einmal danke für den Link zum bildblog-Glück. Die x-fach gegebene Erklärung für die fehlende Kommentarfunktion kannte ich noch nicht. Ich stimme Dir nach der Lektüre des Artikels jedenfalls zu.
>Mei Leute, lasst doch diese Zahlenspielereien, das bringt doch nix.
Die Zahlenspielerei von mir war nicht wörtlich gemeint. Mir gefiel stilistisch einfach die Analogie zur Turi-Kritik. Als Verantwortlicher eines Projekts passiert es nicht selten, dass hin und wieder der Blick für das Wesentliche verloren geht und insofern halte ich es für berechtigt und vor allem konstruktiv, als Außenstehender hin und wieder darauf hinzuweisen. Das wollte ich damit sagen. Mir gefällt diesbezüglich ja besonders die Beschreibung “kritische Würdigung”.
Deine Fragen finde ich interessant. Wie meinst Du denn, wird sich das Projekt weiterentwicken? Derzeit sehe ich keinen Grund, weshalb die Leserzahlen zurückgehen sollten; ich erwarte eher im Gegenteil, dass sie steigen - auch weil bildblog in zunehmendem Maße auch in anderen Medien stattfindet. Und wenn den Leser die “Nadelstiche” nicht zufriedenstellen würden, dann hätte dies meiner Meinung nach bereits dazu geführt, dass die Leserzahlen zurückgingen.
>Was sind das überhaupt für Leute, die sich das Bildblog anschauen?
Die Antwort auf diese Frage würde sicher auch die Beantwortung der anderen Fragen erleichtern. Wobei das auch wieder ein zweischneidiges Schwert ist. Wenn ich weiß, wer meine Rezipienten sind und welche Bedürfnisse sie haben, was sind dann die Kriterien, nach denen ich arbeite? Orientiere ich mich weiterhin an meinen eigenen Wertvorstellungen, passe ich mich den Bedürfnissen an, versuche ich beides unter einen Hut zu bekommen und wie begründe ich meine Entscheidung?
27. Juni 2006 um 12:55
Witzig finde ich ja, dass Turi eine Krise bei Kress sieht, aber nicht darüber redet, wer den Laden denn operativ-visionär ohne Geschäftsmodell in die Scheisse gefahren hat. Turi hat dem Kress zu einer Zeit gross gemacht, als man mit jeder Infoseite zum Medienthema gross wurde. Halt einer von denen, die nur manisch können, wie jetzt auch wieder, bei jedem Fitzelchen Aufmerksamkeit gleich wieder nach Sucht nach Anerkennung stinkend. Dass er sich dafür notorisch immer die gleichen Figuren zum Anraunzen raussucht, macht ihn auch nicht gerade innovativer.
Wenn ich mich nicht ganz täusche, habe ich das mit dem “tot” mal bei Dotcomtod geschrieben, in Zusammenhang mit einem bei Kress sitzenden Insider.
30. Juni 2006 um 01:16
Obwohl er selbst bloggt, hat Herr Turi vielleicht nicht gar so viel von der Sache verstanden. Seine Kritik am BILDblog:
“Ein Blog ohne Kommentarfunktion ist wie ein Hahn ohne Libido.”
ist einfach nur technikfixiert. Wichtig für ein Weblog ist Möglichkeit zur Interaktion durch die Leser, aber nicht, wie das technisch realisiert ist. Die Kommentarfunktion ist Teil der Blog-Programme, deswegen ist sie der für Weblogs typische Weg. Der BILDblog nutzt dazu die simple E-Mail - und siehe da, das reicht.