RP-Ideen bei der WAZ

„Im Moment schaue ich vornehmlich aufs Internet. Die Dynamik des Netzes bringt für uns eine große Chance“, sagt Ulrich Reitz, Chefredakteur beim Regionalzeitungsriesen WAZ. Dafür hat er die Bloggerin Katharina Borchert angeheuert, die er am Montag offiziell vorstellen will. Im Interview mit der Fachzeitschrift Journalist führt Reitz die neuen Online-Ziele der WAZ bereits weiter aus: „Das Stichwort ist ‚User generated Content‘.“ Das klingt verdammt nach RP und Opinio – doch Reitz will seinen früheren Arbeitgeber nicht kopieren.

„Wir wissen, dass wir im Internet stärker investieren müssen. Die Berufung von Katharina Borchert, einer ausgewiesenen Kennerin, zur Chefredakteurin von Online, zeigt ja, wie ernst wir es meinen“, sagt Reitz dem Journalist. Ein doppelter Hammer: Die notorisch sparsame WAZ ist nach den Großinvestitionen in die Provider-/Portal-Tochter Cityweb im Internet auf ganz kleiner Flamme gefahren. Und ein Bloggerin ohne klassischen journalistischen Stallgeruch als Online-Chefin klingt auch nicht eben nach dem Essener Zeitungsriesen.

„Wir müssen versuchen, die Eigenheiten des Internets mit seinen Stärken und Schwächen für die Zeitung nutzbar zu machen“, verkündet Reitz im Journalist-Interview – eigentlich eine Binsenweisheit. Was meint er damit? „Deswegen stellt sich die WAZ in aller Konsequenz crossmedial auf. Zum Beispiel sitzt an unserem Newsdesk auch ein Online-Kollege. Da findet ein ständiger Nachrichtenfluss statt.“

Offenbar guckt die WAZ deutlich ein paar dutzend Kilometer nach Süden, wo die Rheinische Post seit Ende 2004 das crossmediale Citizen-Media-Projekt „Opinio“ betreibt und einen Newsdesk eingerichtet hat. Kein Wunder: Reitz kommt selbst von der RP, hat dort versucht, sie zum Autorenblatt umzudrehen.

Reitz über Opinio: Idee gut, aber bringt kein Geld

„Die Grundidee von ‚Opinio‘ ist gut, aber die RP sagt selbst, dass es am Werbemarkt nicht erfolgreich ist. User generated Content bildet klare Zielgruppen. In ‚Opinio‘ finden Sie alles: Reise, Hund, Politik. Damit kann kein Werbekunde etwas anfangen. Wenn Sie aber beispielsweise eine Medizin-Community generieren und dabei Menschen mit Rückenschmerzen zusammenführen, dann kommen Sie zu anderen Inhalten und haben eine ganz andere Zielgruppenansprache. Am Ende kann dann ein Medizin-Magazin im Print stehen“, erläutert Reitz weiter (schleierhaft, wie er mit der WAZ-Ausgangszielgruppe ausreichend Inhalte für ein notgedrungen deutschlandweites Special-Interest-Magazin generieren will). Für die Printredaktion sei es wichtig zu sehen, welche Erfahrungen online gemacht werden.



Print-Redakteure ab ins Netz

Ein erster Schritt der Crossmedia-Strategie: „Immerhin haben wir es schon dazu gebracht, dass in allen 28 Lokalredaktionen ein Internet-Beauftragter sitzt, den wir geschult haben, der sich mit der Technik auskennt und der Ansprechpartner für die Online-Redaktion ist“, meint der Chefredakteur. In Zukunft soll das mehr werden: „Wir werden Redakteuren die Möglichkeit eröffnen, von Print zu Online zu wechseln.“

Manche offenbar nicht ganz freiwillig. Es ist klar, dass Print in Zukunft überall weitere Einbußen hinnehmen muss. Die taz sieht die Umstrukturierungen in der WAZ-Gruppe allerdings als Teil der Flurbereinigung zwischen den nordrhein-westfälischen Zeitungsverlagen, wo Lokalteile eingestellt und Einzeitungskreise drohen – womit sich eine Lücke für Gratiszeitungen oder Uwe Knüpfers seltsames E-Paper-Projekt auftun könnte.

Die von Reitz in diesem Zusammenhang angekündigten Blogs existieren auf der WAZ-Homepage schon in Ansätzen – etwas versteckt und inhaltlich die aus anderen „Old Media“-Blogs bekannte Hausmannskost.

Das mehrseitige Interview mit Reitz findet sich in der Juli-Ausgabe des Journalist. Mehr über Borcherts Pläne gibt’s in der Blogosphäre sicher nach dem Termin am Montag. Mit anderen Bloggern ist auch Alexander Svensson von Wortfeld zum Termin nach Essen geladen: Er hat schon mal fleißig zusammengetragen, was bei Tageszeitungswebsites 2006 so als interaktiv durchgehen kann.


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