Mit Bewegtbildern und PR-Drachen klarkommen

Professor Klaus Meier, Hochschule Darmstadt
Hoffnungsvoll startete 2001 in Darmstadt der erste Journalismus-Studiengang, der sich auf das Medium Online konzentrierte – direkt in die große Job-Krise hinein. Jetzt bessert sich die Lage – und Darmstadt hat längst seine ersten Absolventen auf den Markt gebracht. Professor Klaus Meier berichtet im Interview mit onlinejournalismus.de, wo sie heute sind und was sie aus Darmstadt mitgenommen haben.

Herr Meier, Sie wollten „Marathonläufer für 2005“ ausbilden, meinten Sie kurz nach dem Start Ihres Studiengangs in einem Artikel für onlinejournalismus.de. Wieviele der ersten Studienanfänger hatten den langen Atem?

Von unseren 40 ersten Studierenden haben wir bislang 30 mit Diplom entlassen – demnächst werden 35 aus dem ersten und zweiten Jahrgang folgen. Einige davon haben bereits jetzt feste Verträge in der Tasche. Insgesamt verlieren wir wenige Studenten während der vier Jahre. Unsere Abbrecherquoten von 15 bis 20 Prozent sind im Vergleich zu anderen Studiengängen sehr gering. 70 bis 75 Prozent schließen ihr Studium in der Regelstudienzeit ab; damit liegen wir an unserer Hochschule an der Spitze. Die Zahl der Bewerber liegt seit 2001 immer zwischen 260 und 280.

Sieben gingen zu T-Online

Im Impressum von Spiegel Online haben wir noch keinen ihrer Absolventen gesichtet. Wo ist der erste Jahrgang ein Jahr nach Abschluss seines Studiums?

Spiegel Online bietet zwar attraktive Arbeitsplätze – stellt aber mit 60 Redakteuren nur einen ganz kleinen Anteil der ca. 2500 Online-Journalisten, die es laut der Studie „Journalismus in Deutschland“ der Uni Hamburg gibt. Sieben unserer Absolventen arbeiten bei T-Online in Darmstadt (mit unterschiedlichen Arbeitsverträgen). Andere sind Online-Redakteurinnen zum Beispiel bei Radio FFH, der Lebensmittelzeitung oder dem Playboy – oder auch in den traditionellen Medien als Fernsehmoderatorin und als Volontärin einer Tageszeitung. Einer arbeitet fest angestellt im Bereich „mobile content“.

Etwa die Hälfte ist in die Public Relations gegangen, wo sie in festen Anstellungen beispielsweise für die Lufthansa, den Spielwarenhersteller Mattel, für einen Unternehmensverband oder in PR-Agenturen arbeiten. Weitere Absolventen sind noch auf Weltreise, andere haben Kinder geboren.

Der Jobmarkt für Online-Redakteure bei Unternehmsauftritten und Pressestellen scheint viel größer zu sein als bei klassischen Medienhäusern. Ihre Studenten wählen entweder den klassischen Journalismus oder PR als Schwerpunkt. Wie ist das Verhältnis dort?

Etwa 60 Prozent entscheiden sich zurzeit für den Schwerpunkt PR im Hauptstudium – wobei das Verhältnis von Jahrgang zu Jahrgang schwankt. Allerdings wollen nicht alle, die sich im Studium mit PR beschäftigen, auch später in der PR arbeiten. Die Kenntnis der Arbeits- und Denkweisen der Öffentlichkeitsarbeit erweitert den Horizont und hilft späteren Journalisten im Umgang mit der anderen Seite des Schreibtisches.

„Weltsicht von Herrn Leif unterkomplex“

Thomas Leif vom Netzwerk Recherche kritisiert genau das, was bei Ihnen stattfindet – die Ausbildung von PR-Redakteuren und Journalisten unter einen Dach. So würden dem Nachwuchs die Unterschiede zwischen beiden nicht klar genug, sagt Leif. Ihre Gegenrede?

Fernsehjournalisten neigen dazu, die Welt sehr einfach und nach dem Prinzip „schwarz-weiß“ wahrzunehmen und darzustellen. Auch die Weltsicht von Herrn Leif ist deutlich unterkomplex. Geradezu unerträglich wird es, wenn dies dazu führt, den Mythos vom edlen Ritter Journalismus und dem bösen Drachen PR zu schüren. Polemisch könnte man das Bild vervollständigen: Wenn der Journalist in seiner Ausbildung den Drachen kennen lernt, kann er ihn später leichter überlisten und bekämpfen. Herr Leif hat diese Schule nicht genossen und tut sich nun offenbar schwer mit dem grünen Ungetüm.

Im Ernst: Beide Berufe können gut und legitim ausgeübt werden – und die Gesellschaft profitiert davon, wenn sich beide Berufswelten professionalisieren und dafür nach ethischen Prinzipien ausgebildet wird. Gerade in einem gemeinsamen Studiengang kann man die unterschiedlichen Funktionen und Aufgaben deutlich machen und das Gespür für die Trennlinie schärfen. Viele freie Journalisten müssen schließlich später wirklich in beiden Welten arbeiten – im Studium können sie lernen, diese auch professionell zu trennen. Alles in allem ist ein solches Konzept weit sinnvoller als ein Journalistik-Studiengang, der keine PR-Ausbildung anbietet, später aber Absolventen auch in dieses Berufsfeld entlässt und damit Professionalisierungsbestrebungen untergräbt. Moderne Öffentlichkeitsarbeit ist nicht Journalismus zweiter Klasse, sondern eine ganz eigene Profession mit handwerklichen und ethischen Regeln.

Dass sich die gesellschaftliche Kommunikation insgesamt immer mehr vom Journalismus zur Public Relations verschiebt, ist eine demokratietheoretisch bedenkliche Entwicklung, die man aber durch das Leifsche Ausbildungskonzept mit Sicherheit nicht aufhalten kann.

Social Software stand nicht in der Studienordnung

Wie onlinespezifisch ist Ihr Studium denn nun tatsächlich? Und: Sind die Studenten Online-Enthusiasten oder will mancher nicht doch insgeheim lieber zu den traditionellen Medien?

Als Online-Enthusiasten würde ich die Mehrzahl unserer Studenten tatsächlich bezeichnen – nur einige wollen später zu traditionellen Medien. Alle unsere Studienprojekte und die meisten Diplomarbeiten sind klar auf Online-Medien fokussiert – wobei wir natürlich die traditionellen Medien nicht ignorieren, sondern – wo es angebracht ist – crossmediale Konzepte integrieren. Zudem gibt es praktische Trainings in der Recherche und im Texten, die natürlich auch auf Jobs für Printmedien vorbereiten, und Übungen im Video-Reporting – was fürs Internet inzwischen unverzichtbar ist, aber auch eine Vorbildung fürs Fernsehen liefert.

Andere Studieninhalte wie Medienrecht oder Medienökonomie sind breit angelegt, bieten aber auch Vertiefung für Online-Medien. Alles in allem bereiten wir unsere Studierenden auf neue Medien, Plattformen, Formate und Produktionstechniken vor. Fast alle anderen Journalistenausbildungen bringen eine Denkweise aus Richtung Print, Radio, TV bei – Online ist da ein „add on“, etwas, was man zusätzlich noch machen kann, etwas für Freaks. Wir stellen dagegen neue Medien in den Mittelpunkt und blicken aus dieser Richtung auf die alten medialen Plattformen. Das ist das Innovative – nicht, dass unser Studium „onlinespezifisch“ ist.

Welche Veränderungen gab es bei Inhalten und Organisation des Studiengangs?

Unser Studienplan ist bislang nicht verändert, aber Gott sei Dank so flexibel, dass wir uns parallel zur Dynamik des Internet weiterentwickeln. Social Software und Web 2.0 stehen zum Beispiel nicht in der Studienordnung aus dem Jahr 2001 – aber natürlich beschäftigen wir uns in praktischen Projekten und in theoretischen Reflexionen damit. Den aktuellen Trend zu mehr Multimedia und Video haben wir in der Ausbildung schon vor Anfang an verfolgt (hier sind wir der Netz-Realität also voraus).

Im Rahmen des Bologna-Prozesses planen wir zurzeit die Umstellung auf einen dreijährigen Bachelor und sind in Gesprächen für einen Master. Dies wird sich aber erst in einigen Jahren verwirklichen lassen. Wir wollen da auch gar nicht drängen, denn der Diplomstudiengang läuft gut, ist anwendungsorientiert und findet Zuspruch in der Berufswelt.

„Weiterer Boom bei Video zu erwarten“

Multimedia und Interaktion, zwei alte Schlagworte des Online-Journalismus, scheinen nun tatsächlich eine immer größere Rolle für die Online-Medien zu spielen – siehe Video-Einsatz und Citzen-Journalism-Projekte. Was bedeutet das für Journalisten und Redaktionen?

Das sind zwei ganz unterschiedliche Baustellen – beide aber mit eher mittelfristigen und nicht kurzfristigen Auswirkungen auf den Journalismus.

Zum Multimedia-Phänomen: Das Interesse an Videos im Netz ist in den vergangenen Monaten weltweit enorm gestiegen. So war zum Beispiel das beherrschende Thema einer Tagung der Europäischen Nachrichtenagenturen im Mai 2006 in Wien die wachsende Nachfrage nach Videos von Online-Anbietern jeglicher Couleur. Bislang hatte ja nur Reuters einen Video-Dienst. Seit kurzem liefern neben den Weltagenturen AFP und AP z.B. auch die nationalen Nachrichtenagenturen TT in Schweden, ANSA in Italien, PA in Großbritannien oder CTK in Tschechien Videoservices für Online-Anbieter. Die Videos können z.T. in Agentur-Online-Shops gekauft und auf der eigenen Website verwendet werden. Die Möglichkeiten der Werbung in und mit Videos im Netz werden zurzeit ausgelotet und getestet. Wenn sich hier Geschäftsmodelle festigen, ist ein weiterer Boom zu erwarten.

Bislang hinken die deutschen Online-Medien und Agenturen der europäischen Entwicklung nach. Ähnlich verhält es sich mit dem Einsatz von Audio auf Websites bzw. dem Podcasting: Auch hier nimmt das Angebot zu, und Redaktionen überlegen, welche inhaltlichen Konzepte sie dafür sinnvoll einsetzen können.

Was das für Online-Journalisten bedeutet? – Nun, eigentlich das, was wir schon vor Jahren gefordert haben: Das Denken in Bewegtbildern, das multimediale Storytelling (also die Kombination von Text, Foto, Ton und Video), das Video-Produktionshandwerk (Dreh und Schnitt) werden bald für Online-Journalisten zur Basis-Kompetenz gehören. Ebenso werden sie in der Lage sein, z.B. ein Interview als Podcast bereitzustellen.

Zum Phänomen Interaktion: Das „Social Web“ bietet interessante Projekte, die jede Redaktion für sich beobachten, ausloten und testen sollte. Man muss ja nicht gleich eine Readers Edition aufsetzen wie die Netzeitung. Aber das Netz hat sich insgesamt durch die neuen Interaktionsformate schon verändert. Ich denke auch, dass der Journalismus sich verändert, was den Umgang mit dem Publikum, mit Quellen und mit Aufmerksamkeitsmanagement betrifft. Für diese Art von Dynamik sind unsere Studenten gut gerüstet.


Klaus Meier hat den Studiengang Online-Journalismus mit aufgebaut. Das Interview wurde per E-Mail geführt. Demnächst veröffentlicht onlinejournalismus.de außerdem ein Interview mit Konrad Scherfer vom Studiengang Online-Redakteur an der FH Köln.

Bewerbungsschluss für den Studienbeginn an der Hochschule Darmstadt im Wintersemester 2006/2007 ist der 15. Juli.

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