Ich möchte Teil einer Online-Bewegung sein
Von Fiete Stegers am 9. Juli 2006Bewusst wollte ich ein wenig abwarten bevor ich noch mal einmal auf das Blog-Groß-Projekt der WAZ (bzw. vorerst ja: dessen Ankündigung) eingehe. Bei der flüchtigen Lektüre so mancher Blogeinträge (zum Beispiel 50 HZ, zu weiteren durchklicken über Indiskretion Ehrensache, Wirres oder Print To Internet) zum Thema machte sich nämlich ein etwas seltsamer Unterton bemerkbar.
Die Community freut sich mit der zur WAZ-Online-Chefredakteurin beförderten Bloggerin Katharina “Lyssa” Borchert, gratuliert, schreibt Lobendes über die Anerkennung für die Szene-Kollegin und das noch längst nicht gestartete Projekt - ganz so als sei der eine oder andere unter mangelnder Aufmerksamkeit leidende Blogger ein wenig geblendet davon, wenn richtig wichtige Leute aus den alten Medien ihm im gefütterten Umschlag die Einladung zum “Strategietreffen” schicken und dort die gleichen Web2.0-Buzzwörter in den Mund nehmen wie man selbst.
Denn trotz aller der großen Pläne und Worte - warum sollte denn gerade das WAZ-Projekt abheben? Alles, was nach reiner Community, nach MySpace oder Flickr klingt, können die Originale besser - auch wenn die WAZ vielleicht potenziell ein großes Zeitungspublikum erschließen könnte, sind die Leser eben gerade nicht die Early Adopters, die so etwas dankbar aufgreifen.
Bleiben die (thematische und/oder) lokale Lücke und die crossmediale Lücke. Also genau der Ansatz, den die Rheinische Post fährt. Aber auch die RP hat es trotz dieses frühen Startes nicht gelungen, damit bisher irgendwie nennenswert über ihr Print-Verbreitungsgebiet und einen Teil ihres Print-Publikums herauszustoßen - warum sollte also einer noch so ambitionierten WAZ-Geschichte mehr gelingen?
Auf meiner Seite bleibt auf jeden Falle eine gehörige Menge Old-Media-Skepsis gegenüber den Plänen. Die WAZ kann und muss sich crossmedial modernisieren, aber allzu viel sollte man nicht erwarten. Denn als besonders innovativ hat sich der Konzern in den letzten Jahren nicht gerade hervorgetan - kein mutiger Einstieg bei einer deutschen Qualitätszeitung, stattdessen Langeweile im Kerngeschäft und ebenso stumpfe, aber gewinnträchtige Lizenz-Titel und Aufkäufe in Osteuropa.
Jetzt gibt es in der Blogosphäre ein bisschen Gegenfeuer als Antwort auf den erfolgreichen WAZ-PR-Event - aus dem Essener Blog Tom’s Diner, wo in einer heftigen (aber schwer zu nachzuverfolgende Diskussion) auf einige Haken bei der Umsetzung noch so großer Online-Pläne im behäbigen WAZ-Konzern aufmerksam gemacht wird (mehr inzwischen auch bei Thomas Knüwer und in der Diskussion in der Dezentrale. Und auch über die RP munkelt der nicht immer verlässliche Don Alphonso, dass dort im Gegensatz zum großen Lob von Opinio, wie es es Online-Chef Oliver Eckert uns (und anderen) gegenüber noch kürzlich im Munde führte zumindest die monatliche Print-Magazin-Version gestrichen würde und künftig nur noch eine wöchentliche Zeitungsseite mit Opinio-Beiträge erschiene (wie bei jetzt.de). Eine Stellungnahme der RP dazu ist angefragt.
Mehr zum Thema
… bei onlinejournalismus.de:
- RP-Ideen bei der WAZ. Der WAZ-Chefredakteur erzählt von seinen Plänen.
- Bloggerin wird Chefredakteurin von “WAZ live”. Der Aufstieg der Katharina Borchert.
- So sieht die WAZ es selbst und verrät den Namen ihres Projekts: “In Zukunft finden die Menschen aus der Region bei Westeins eine virtuelle Heimat”.
- Crossmedia in der Region. Interview mit Oliver Eckert von rp-online, auch als Video.
… im sonstigen Internet:
- WAZ sucht schon die ersten Bürgerreporter. Pottblogger Jens Matheuszik hat den Aufruf in der Bochumer WAZ entdeckt.
- Von “Lysssas Lounge” in die Konzernzentrale. Thomas Knüwer bei Handelsblatt.com über Borchert, Merkel und die Coca-Cola-WG.
9. Juli 2006 um 20:55
3/4 der o.g. Blogs waren ja auch beim entsprechenden strategischen Workshop dabei.
9. Juli 2006 um 22:38
wo sie den seltsamen unterton „voll des geblendeten lobes“ gehört haben wollen müssen sie nochmal erklären. einfach rausreden mit „oberflächlichem lesen“ ist ja nu auch ein bisschen billig. ich höre hier wieder einen ganz anderen, altbekannten unterton: aufmerksamkeitsgeile und leicht beeinflussbare blogger vs. kritische und unabhängige journalisten. diesen amateuren verblendung zu unterstellen ist ganz einfach und schwingt so witzigerweise auch gerade durch die blogoshäre: die eingeladenen üben euphorie und arschkriecherei in den waz-arsch in der hoffnung auf künftige anstellung oder beraterverträge, alles nur wichtigtuerei, kumpanei. kann man so sehen, muss man aber nicht, vor allem wenn man sich vor augen hält, dass einige der „geblendeten“ von der konkurenz waren.
dass sie hier zum wiederholten male voreingenommenes blogger-bashing abblubbern, kam mir natürlich nur beim oberflächlichen lesen dieses artikels. aber sie lesen ja auch nicht richtig.
9. Juli 2006 um 23:05
Ich gestehe auch noch mal hier:
Ja, ich hätte mich gefreut, wenn auch ich den gefütterten Umschlag bekommen hätte. Deshalb würde ich mich jedoch weiterhin nicht als Experten verstehen.
Ja, ich freue mich, dass Lyssa die Blogger von der Ruhr zu ihrem Projekt einbinden will.
Ja, ich bin in dieser Disksussion ein ganz kleines Licht. Aber das kann auch ruhig so bleiben.
Aber eines sei noch mal klar gestellt: Die WAZ wird in meinen Augen so lange keinen Deut besser, wie sie nicht etwas Mutiges in real auf die Beine stellt. Die WAZ bekam und bekommt Feuer von mir, was beim aufmerksamem Lesen meines Blog auch wohl deutlich werden sollte.
9. Juli 2006 um 23:44
Na, na, na Herr ix!
Lass Sie das Fass mal zu, dass Sie hier zidanemäßig aufreißen wollen … Ich habe lediglich bei den sonst doch häufig so kritischen Bloggern insgesamt ein wenig zuviel Enthusiasmus verspürt und zu wenig Inhaltliches zur WAZ-Ankündigung gehört, bei aller kritischen Distanz, die doch sonst den “alten Medien” entgegenschlägt. Aber die Debatte geht ja jetzt offenbar los.
(Wo bei onlinejournalismus.de Blogger gebasht werden, müssten Sie mir noch zeigen, wenn Ihnen daran etwas liegt. Das läuft doch normalerweise szeneintern.)
10. Juli 2006 um 00:08
na herr stegers, da hab ich halt bei oberflächlicher lektüre ihre nach seilschaften duftenden jubel-tätigkeiten für die tageschau.de und hier verwechselt. kommt vor. ebenso wie kleine ungenauigkeiten bei ihrer lektüre von verlinkten beiträgen ihrerseits. enthusiasmus konnte ich jetzt auch bei erneutem durchlesen von knüwers oder m. kretschmers beitrag finden, ebenso wie allzuviel inhaltliches. das liegt in der natur der sache. über ungelegte eier ist nicht so arg viel zu sagen (wobei sie da mit ein bisschen mehr mühe auch was beim sich so wichtig nehmenden knüwer hätten lesen können).
und ihre fragen zum inhaltlichen grossen ganzen sind ja alle berechtigt und im sinne weiterer diskussionen gar nicht so daneben, wenn sie nicht diesen unsäglichen doofen aufhänger von den willfährigen, geblendeten bloggern gewählt hätten. aber das ist ja offensichtlich reflex: unausgebildete leute die ins internet schreiben sind aggressiv und hinterhältig und wennn sie mal ein bisschen sachlich sind, dann ist was faul.
10. Juli 2006 um 00:53
enthusiasmus konnte ich bei erneutem lesen natürlich *nicht* finden müsste es weiter oben heissen. sonst ändert sich nix.
10. Juli 2006 um 11:05
Guten Morgen, Herr ix.
Danke, dass meine Fragen auch vor Ihren Augen Gnade finden. Vielleicht lesen Sie auch meinen Text ein zweites Mal? Dann könnte Ihnen auffallen, dass es dort ersten steht “zu weiteren durchklicken über” steht, es also gar nicht nur um die dort direkten verlinkten Blogeinträge geht sondern um die Gesamtheit aller mir untergekommenen Posts, und zweitens um einen “Unterton”. Den interpretieren wir offenbar anders, und das ist auch gut so.
Warum Sie sich dann dennoch gerade als ein Paradebeispiel von “Blogger, leicht zu empörender” gebärden, wird mir schleierhaft bleiben. Fühlen Sie sich persönlich irgendwie getroffen? Das wäre doch ein wenig dünnhäutig.
Ich kreide Ihnen ja auch nicht an, dass in Ihrem Text zum Thema der auslösende WamS-Artikel zum Thema als Kommunikationsleck und nicht vom WAZ-Konzern beabsichtigt bezeichnet wird, ohne näher darauf einzugehen, dass die WamS mit einem klaren Zitat aufwartet: “Klaus Schrotthofer, Chefredakteur der ‘Westfälischen Rundschau’, bestätigt den Coup - und ist ein halbes Jahr vor dem geplanten Start der Ruhrgebiets-Plattform sicher: ‘Das wird spektakulär.’” Hat Schrotthofer das nur beim Bier einem Weltkollegen gesagt, auf den er jetzt tierisch sauer ist?
10. Juli 2006 um 13:35
ich kann — ihnen nicht ganz unähnlich — auch pampig sein ohne besonderen grund oder persönlich getroffen zu sein.
dass ich die information mit dem informationsleck ohne weitere quelle kolportiert habe, können sie mir ruhig ankreiden, da habe ich tatsächlich lyssas schilderung glauben geschenkt und es einfach so aufgeschrieben. die o-töne waren mir etwas zu heikel um sie ohne weitere rücksprache aufzuschreiben.
wer wo mit wem oder gegen wen intrigen schmiedet, ob der herr schrotthofer sich beim bier verplappert hat oder irgendwer, von unten, von oben, von rechts, von links die wams mit informationen geimpft hat — interessiert mich, mit verlaub, null und fand deshalb auch keine weitere erwähnung bei mir. ich bin aber sicher, sie finden es raus, zur not durch wiederholtes lesen des wams artikels und locker, flockige untertoninterpretationen.
10. Juli 2006 um 21:17
Lieber Herr Stegers, die Skepsis gegenüber den Plänen, die Sie im Detail (wahrscheinlich) noch schlechter kennen als die Teilnehmer des Meetings in Essen, sei Ihnen durchaus gegönnt. Ich bin auch immer skeptisch, wenn ich das Wort “Online-Bewegung” in einer Überschrift lese.
11. Juli 2006 um 01:10
Ich glaub man darf fairerweise keine Wunder erwarten - es ist harte, superzähe Arbeit, einen traditionell angelegten Medienkonzern auch in der 2. und 3. Reihe für neue Formate zu begeistern. Man muss dem Projekt Zeit geben - mindestens ein halbes Jahr, eher ein Jahr. Und dann sieht man klarer. Bis dahin: Good luck, sehr spannendes Projekt. Immer Aspirin griffbereit halten.
11. Juli 2006 um 13:42
Ich habe mich schon an anderer Stelle gewundert, wie einige derer, die sonst (dankenswerterweise) das Hohelied der Diskussionskultur im Internet singen, kaum dass sie betroffen sind, offensichtlich den guten Ton verlieren und bellen, was das Zeug hält. Getreu dem Motto “Wer nicht für uns ist, ist gegen uns”.
11. Juli 2006 um 15:00
auch bellendend kann man diskutieren. allerdings sieht man sich dann oft mit mahnenden zeigefingern die an schreihälsen hängen konfrontiert.
12. Juli 2006 um 00:35
Ich kreide Ihnen ja auch nicht an, dass in Ihrem Text zum Thema der auslösende WamS-Artikel zum Thema als Kommunikationsleck und nicht vom WAZ-Konzern beabsichtigt bezeichnet wird, ohne näher darauf einzugehen, dass die WamS mit einem klaren Zitat aufwartet: “Klaus Schrotthofer, Chefredakteur der ‘Westfälischen Rundschau’, bestätigt den Coup - und ist ein halbes Jahr vor dem geplanten Start der Ruhrgebiets-Plattform sicher: ‘Das wird spektakulär.’” Hat Schrotthofer das nur beim Bier einem Weltkollegen gesagt, auf den er jetzt tierisch sauer ist?
Naja, ich stelle mir das mal so vor:
Der WamS-Mensch erfährt von den WAZ-Plänen. Er kennt vielleicht den WR-Chef und fragt ihn. Der ist ganz verwundert und entrüstet und will nix dazu sagen. Der von der WamS sagt: “Okay, bringen werden wir das eh. Dann halt ohne ein Zitat von irgendeinem von der WAZ. Ist Dir das lieber?”
Und dann könnte der Herr von der WR vielleicht doch noch ein Zitat gebracht haben.
So könnte es doch gewesen sein, oder?
PS: Mich muß man hier nicht siezen. :)
12. Juli 2006 um 17:31
[…] Print-To-Internet sieht dagegen schon die Readers Edition mangels Masse einstellgefährdet. Geben wir ihr erst mal noch ein paar Monate (genau wie der WAZ), um ihre Versprechen einzulösen. Wie sagte RE-Redakteur Peter Schink noch zum Start: “Es ist ein Experiment.” […]
13. Juli 2006 um 02:14
Es spielt doch gar keine Rolle, wer mit welcher Aussage in welcher Zeitung zitiert wird, von diesen Medien-Spielchen sollte man sich nicht beeindrucken lassen. Wenn es denn dem eigenen Profil dient, zitieren sich die Herren Chefredakteure nur zu gerne gegenseitig - um diese tollen Nachrichten dann im hauseigenen Pressedienst bestaunen zu lassen.
Ein mir bekanter WAZ-Mann, der sich hier von mir ganz bestimmt nicht namentlich zitieren lassen möchte, beschrieb mir diesen Medienzirkus so: “Das Klappern gehörte immer schon zum Handwerk, aber nur die wenigsten von denen, die da so laut klappern, beherrschen ihr Handwerk. Leider!”
Die aktuelle Auflagenentwicklung der WAZ und der WR scheint das sehr eindrucksvoll zu bestätigen.
10. Oktober 2006 um 09:04
[…] Die seit August amtierende WAZ-Online-Chefin Katharina Borchert war schon öfter ein Thema hier (Interview mit einem anonymen WAZ-Blogger, Video-Interview mit Angela Merkel, Ich möchte Teil einer Online-Bewegung sein, RP-Ideen bei der WAZ, Bloggerin wird Chefredakteurin von “WAZ live”). […]