In sechs Semestern Online-Redakteur

Konrad Scherfer, FH Köln | Foto [M]: privat
Neben den Darmstädter Online-Journalisten gibt es auch noch einen Studiengang in Köln: In sechs Semestern bildet die Fachhochschule dort Online-Redakteure mit Bachelor-Abschluss aus. Professor Konrad Scherfer zieht im Interview mit onlinejournalismus.de eine erste Bilanz der Ausbildung.

Herr Scherfer, die ersten Absolventen haben Ihren Studiengang abgeschlossen. Was machen sie nun?

Ein Großteil der Absolventen hat bereits eine feste Stelle, z.B. als Online-Redakteur, als Mitarbeiter in einer Agentur, Volontär oder als fester freier Mitarbeiter bei Unternehmen wie Bayer, BMZ, Trans Fair oder T-Mobile. Daran sieht man, dass wir hier Absolventen ausbilden, die nicht nur im Journalismus, sondern durchaus auch in Online-Redaktionen anderer Wirtschaftszweige arbeiten.

Wie viele machen noch hinterher einen Master oder ein klassisches Volontariat?

Von den Absolventen möchte ca. ein Fünftel einen Master machen. Ein weiteres Fünftel unserer Absolventen absolviert zur Zeit ein Volontariat.

Wie viele der ersten Studienanfänger hatten den langen Atem – und wie hat sich die Zahl ihrer Studenten und Studienbewerber in den letzten Jahren entwickelt?

80 Prozent des ersten Jahrgangs haben in der Regelstudienzeit von sechs Semestern das Studium erfolgreich abgeschlossen. Die Zahl der Studienbewerber liegt in unserem NC-Studiengang konstant hoch: Aufgrund unserer Beschränkung auf 30 Plätze können wir nur jeden zehnten Bewerber aufnehmen.

Wie onlinespezifisch ist Ihr Studium denn nun tatsächlich?

Ziel des Studiengangs ist die Vermittlung von Wissen und Fertigkeiten zur Analyse, Bewertung und Umsetzung von Websites. Was aber wichtig ist, ist eine gewisse theoretische Fundierung sowie analytisches und strukturiertes Denken. Wenn Sie strukturiertes Denken lernen, sind Sie auch in der Lage Webseiten zu strukturieren. Insofern braucht man auch in so einem Studiengang theoretische Grundlagen, die wir in der Medien- und Kommunikationswissenschaft anbieten. Onlinespezifische Inhalte sind Website-Projekte, die die Studierenden umsetzen, bspw. eine Website zur Kölner Südstadt oder der Relaunch der Website des Studiengangs. Die onlinespezifischen Lehrinhalte werden hier praktisch umgesetzt: in Hypertextformen, im Webdesign, in der Website-Konzeption oder im Umgang mit Content Management Systemen. Und der dritte Bereich ist die redaktionelle Professionalität, die man erlernen soll. Der Online-Redakteur schreibt, er redigiert, er recherchiert und soll eben auch die klassischen journalistischen Darstellungsformen und Stilformen kennen lernen.

„Absolventen wollen tatsächlich für Online-Medien arbeiten“

Sind die Studenten Online-Enthusiasten oder will mancher nicht doch lieber zu den traditionellen Medien?

Der Gegensatz zwischen Online-Enthusiasmus und traditionellen Medien stellt sich für mich nicht so eindeutig dar, da die Medien, wenn Sie sich die Inhalte und Formen im Fernsehen, Hörfunk und in den Printmedien ansehen, – Stichwort Crossmedialität – zusammenwachsen. Der größte Teil unserer Absolventen will tatsächlich für Online-Medien arbeiten – und will nicht unmittelbar zu einer Zeitung oder einem Fernsehsender.

Hinweis: Weitere ausführliche Artikel gibt es bei onlinejournalismus.de in der Rubrik Langtext.

Welche Veränderungen gab es bei Inhalten und Organisation?

Da der Studiengang noch recht jung ist und wir im März 2005 akkreditiert wurden, wird es größere Änderungen erst bei der Re-Akkreditierung 2010 geben. Selbstverständlich gibt es aber in der Lehre inhaltliche Anpassungen, die z.B. die Entwicklungen der webspezifischen Formen aufgreifen. Wichtig ist die Grundlagenvermittlung für eine professionelle Tätigkeit in Online-Medien und für uns zählt das Aufgreifen von Themen, die gerade en vogue sind, selbstverständlich auch mit dazu.

„Kürzer, aber intensiver“

Sechs Semester inklusive Praxisteil – da muss doch notgedrungen weniger herumkommen als in klassischen Diplom-Studiengängen: Wo machen Sie die Abstriche?

Das BA-Studium ist in der Tat kürzer als ein klassisches Diplom-Studium – aber es ist auch deutlich intensiver: Die Studierenden belegen pro Semester erheblich mehr Lehrveranstaltungen als bei einem Uni-Studium alten Stils. Gerade Medienstudiengänge sind häufig als Teilzeit-Studiengänge angelegt. Hier wird dagegen Vollzeit studiert. Zudem gibt es kein Zweit- oder Nebenfach; die Studierenden konzentrieren sich sechs Semester lang voll aufs Hauptfach. Dadurch müssen wir weder in der Tiefe noch in der Breite größere Abstriche machen.

Der Jobmarkt für Online-Redakteure bei Unternehmsauftritten und Pressestellen scheint viel größer zu sein als bei klassischen Medienhäusern. Wie wirkt sich das auf Ihr Studium aus?

Der Studiengang Online-Redakteur fokussiert sich von Anfang nicht auf die Ausbildung von Online-Journalisten. Die Einsatzgebiete unserer Absolventen können in Medienunternehmen selbst sein, die in ihrem Online-Bereich explizit Online-Redakteure einsetzen wollen. Aber ein besonderer Schwerpunkt ist bei uns, dass unsere Absolventen eben auch an Unternehmen herantreten, die ihren Content pflegen und Web-Projekte planen. Auf diese Aufgaben werden die Studierenden in Lehrveranstaltungen wie „Kommunikationspolitik des Unternehmens“, „PR“ und „Onlinespezifische Werbung“ vorbereitet.

Thomas Leif vom Netzwerk Recherche kritisiert genau das, was bei Ihnen stattfindet – die Ausbildung von PR-Redakteuren und Journalisten unter einen Dach. So würden dem Nachwuchs die Unterschiede zwischen beiden nicht klar genug, sagt Leif. Ihre Gegenrede?

Ich kann nur für unseren Studiengang antworten und unsere Studenten kennen den Unterschied zwischen Journalismus und PR. Dafür sorgen beispielsweise Veranstaltungen wie „Berufs- und Sebstverständnis publizistischer Berufe“ oder „Kommunikations- und Medienethik“. Diese Veranstaltungen sind keine „Feigenblätter“, sondern unsere Studierenden setzen sich ihr ganzes Studium hindurch intensiv mit den Unterschieden von PR und Journalismus auseinander. In beiden Feldern werden Online-Redakteure gesucht und wir bilden für beiden Felder aus.

Multimedia und Interaktion, zwei alte Schlagworte des Online-Journalismus, scheinen nun tatsächlich eine immer größere Rolle für die Online-Medien zu spielen – siehe Video-Einsatz und Citzen-Journalism-Projekte. Was bedeutet das für Journalisten und Redaktionen?

Entscheidend ist, dass die Studenten die Kompetenz erlernen, webgerecht zu publizieren. Und das spannende ist ja gerade, dass sie die webspezifischen Formen in traditionellen (Online-)Medien und/oder als Anbieter von „user-generated content“ umsetzen können. Weit wichtiger ist die Frage der Content-Bewertung, also Fragen der (klassischen) Recherche, der Zielgruppen-Ansprache und nicht zuletzt der Qualität des Contents. Um sich im Web Gehör zu verschaffen, benötigen Sie immer eine kritische Größe an Aufmerksamkeit und diese Marken-Strategie, das haben erfolgreiche Web-Projekte wie Bildblog oder Ehrensenf gezeigt, ist Bestandteil einer professionellen Arbeit im Mediensystem.

Das Interview wurde per E-Mail geführt.

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