Heise.de / Behind The Scenes

Die Redaktion der wichtigsten deutschen Website für Computerthemen sitzt in einer undurchdringlichen Festung. Jedenfalls freitags nach 16 Uhr, denn dann hat der Pförtner des Heinz-Heise-Verlags offenbar schon Feierabend. Mit dem Namen einer respektablen Hochschule im Rücken gelang es mir trotzdem, die Schleuse am Eingang zu überwinden.

Das ist auch für Angestellten offenbar nicht einfach: Die Automatiktüren am Eingang haben sich in eine Schleuse verwandelt, die nur mit Chipkarte und genauem Beachten des Bewegungsmelders zu überwinden sind. „Hier sind schon einige Testgeräte weggekommen“, wird der Gesprächspartner aus dem Verlagshaus später sagen, den ich mit Studenten und meinem Co-Dozenten im Rahmen eines CMS-Seminars der Hochschule für Musik und Theater Hannover hier besuche. Aber erst einmal warten wir im Foyer. Neben Ausgaben von c’t und ix laden regionale Telefonbücher die Verweilenden zum Schmökern ein, draußen erstreckt sich das malerische Industriegebiet.

Ab und an passieren Heise-Angestellte auf dem Weg ins WM-Wochenende die Pforte. Sie sehen genauso aus, wie ich es erwartet hatte, nämlich ganz verschieden. Vom Krawattentyp bis zur Sandalen- und Fahrradhelm-Kombo ist alles dabei. Geschätzte 100 Prozent davon sind Männer. Jürgen Kuri auch. Er weiß noch nicht, dass ich einige Informationen aus dem Gespräch mit unserer Studentengruppe für diesen Blogeintrag verwende, aber er kann mit ziemlicher Sicherheit viel größere Herausforderungen und Schmähungen wegstecken. Zumindest nehme ich das von jemanden an, der laut eigener Aussage ein paar hundert E-Mails täglich bekommt, nachdem der Spamfilter das Gröbste rausgefiltert hat, und zu dessen Verantwortungsbereich die Nutzerschaft der Heise-Foren gehört, und trotzdem nicht den Eindruck macht, als leide er unter Magengeschwüren. Kuri ist einer von nur einer Handvoll Redakteure, die für den Heise-Newsticker zuständig sind.

Dass es nur so wenige sind, die Deutschlands einflussreichste IT-Website betreuen, ist vielleicht die erste Überraschung (zwei, drei weitere werden folgen, die erheblich mehr Staunen auslösen). Das funktioniert natürlich nur über ein Autorensystem: Kuri oder oder ein anderer, die im Newsroom im ersten (zweiten?) Stock im Schichtsystem (früh/spät) verantwortlich sind, delegieren soviel wie möglich an ihre Schreiber aus den Fachredaktionen von c’t & Co. Die stehen dann neben ihrer Arbeit an den Magazinen in der Pflicht, so schnell wie nötig eine Meldung für Heise.de liefern zu müssen. Das sei schon ein anderer Arbeitsrhythmus als früher für die Printredakteure, meint Kuri.

Wo der Amiga noch kein altes Eisen ist

Eins hat sich dafür nicht verändert: Jeder Autor darf die Hardware und die Software einsetzen, die er selbst am besten findet. Angeliefert wird im reinen Textformat, ein Redaktionssystem für die Magazine wird nicht eingesetzt. Genau, richtig gehört, auch wenn unsere Studenten, die SMS- und MySpace-Generation, es nicht recht glauben kann. Man will gar nicht wissen, auf was für Maschinen die alten Heise-Hasen da ihre Texte in die Tasten hauen.

Bei Heise gehört es zur Firmenphilosophie, dass man sich nicht immer neue Software-Updates vorschreiben lassen will und zwei Jahre alte Rechner auf dem Müll landen, weil auf ihnen nicht einmal mehr die neueste Word-Version läuft. Kuri steht zum Vorgehen, es habe auch Vorteile. Nach dieser Eröffnung überrascht auch niemanden mehr, wie bei Heise.de die Inhalte auf die Website kommen – mit einer Art rudimentärem CMS: Es gibt quasi nur eine Übersichtsseite und eine Maske für jeden Artikel, die sich aber auf ein Texteingabefeld und ein paar Checkboxen für Rubrik etc. beschränkt (2006, nur mal so als Hinweis). Den Text selbst schreiben die Redakteure in einem Editor – keinem integrierten WYSIWYG-Rich-Text-Dingen, sondern, wir erinnern uns, in einer Software nach Wahl (möglichst einer, die den Nutzer nicht mit überflüssigen Icons und Maussteuerung vom reinen Text ablenkt, nehme ich an). Auch Links auf Archivmeldungen und externe Websites setzen – was bei Heise im Gegensatz zu anderen Online-Medien ja sehr häufig und manchmal extensiv geschieht – läuft alles per Hand.

Was Heise unter einem CMS versteht

Dafür ist das ganze natürlich eine extrem schlanke Lösung: Die Redakteure könnten sich auch problemlos auch von unterwegs und bei geringer Bandbreite einloggen, wenn sie zum Beispiel auf einer Messe sind, erläutert Kuri (oder am Wochenende von zuhause arbeiten). Andererseits gibt es eine ganze Menge Limitationen, so mein Eindruck. Zum Beispiel würde die Heise-Redaktion auch gern mehr Video einsetzen (bisher gibt es nur die Beiträge aus dem c’t-Magazin des Hessischen Rundfunks zu sehen), das klappt aber offenbar nicht so gut. Für Kuri zählt außerdem die Flexibilität beim „Dranstricken neuer Funktionen (wenn sie sich in einem gewissen Rahmen bewegen): So wäre, wenn Video/Streaming einmal implementiert ist, kein Problem diese Funktion dann je nach den Bedürfnissen anzupassen, zu erweitern, und für unterschiedliche Channel zu modifizieren.“ Außerdem habe kein käuflich zu erwerbendes CMS Heises Sicherheitswünsche erfüllen können.

Wenn der Elektrosmog greifbar wird

Insgesamt ist es aber doch unglaublich, dass ausgerechnet eine Redaktion, die in vielen Dingen so sehr den technischen Fortschritt verfolgt, hier selbst mit beinahe vorsintflutlichen Methoden arbeitet. Auch beim Design hat man ja nur mit allergrößter Vorsicht Operationen durchgeführt – und auch hier bei den Nutzern den üblichen Entrüstungssturm geerntet, auf Heise-Foren-Niveau allerdings. Kuri macht noch einen ziemlich entspannten Eindruck, als er über die Erfahrungen mit den Foren spricht. Dennoch schreckt die Redaktion offenbar davor zurück, es sich mit der Hardcore-Klientel (immerhin für rund die Hälfte der Heise-Reichweite verantwortlich) durch ein Redesign zu verscherzen. Außerdem solle die Seite ja durch attraktivere Optik nicht schwerer zu laden sein, meint Kuri. Den Einwand „Aber mit CSS … “ eines Studenten lässt er da nicht gelten.

Es ist schon eine eigene Welt. Das wird uns noch einmal bewusst, als uns der Gastgeber den Rest der Heise-Hallen zeigt, bis hinunter zur heiligen Hardware-Abteilung. Jede Tür, die aufgeht, lässt uns auf neue staunen: Riesige Bildschirme, nagelneue Drucker, auseinander geschraubte Rechner und mit noch viel mehr Hardware, leeren Computerkartons und haufenweise Kabeln vollgestopfte Kellerregale. Dazwischen, vermutlich, irgendwo die Arbeitsplätze der Redakteure. In manchen Räumen wird der Elektrosmog fast greifbar. Die Studenten machen große Augen. Arbeiten möchte hier aber (fast) keiner mehr.

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