Heise.de / Behind The Scenes

Von Fiete Stegers am 23. Juli 2006

Die Redaktion der wichtigsten deutschen Website für Computerthemen sitzt in einer undurchdringlichen Festung. Jedenfalls freitags nach 16 Uhr, denn dann hat der Pförtner des Heinz-Heise-Verlags offenbar schon Feierabend. Mit dem Namen einer respektablen Hochschule im Rücken gelang es mir trotzdem, die Schleuse am Eingang zu überwinden.

Das ist auch für Angestellten offenbar nicht einfach: Die Automatiktüren am Eingang haben sich in eine Schleuse verwandelt, die nur mit Chipkarte und genauem Beachten des Bewegungsmelders zu überwinden sind. “Hier sind schon einige Testgeräte weggekommen”, wird der Gesprächspartner aus dem Verlagshaus später sagen, den ich mit Studenten und meinem Co-Dozenten im Rahmen eines CMS-Seminars der Hochschule für Musik und Theater Hannover hier besuche. Aber erst einmal warten wir im Foyer. Neben Ausgaben von c’t und ix laden regionale Telefonbücher die Verweilenden zum Schmökern ein, draußen erstreckt sich das malerische Industriegebiet.

Ab und an passieren Heise-Angestellte auf dem Weg ins WM-Wochenende die Pforte. Sie sehen genauso aus, wie ich es erwartet hatte, nämlich ganz verschieden. Vom Krawattentyp bis zur Sandalen- und Fahrradhelm-Kombo ist alles dabei. Geschätzte 100 Prozent davon sind Männer. Jürgen Kuri auch. Er weiß noch nicht, dass ich einige Informationen aus dem Gespräch mit unserer Studentengruppe für diesen Blogeintrag verwende, aber er kann mit ziemlicher Sicherheit viel größere Herausforderungen und Schmähungen wegstecken. Zumindest nehme ich das von jemanden an, der laut eigener Aussage ein paar hundert E-Mails täglich bekommt, nachdem der Spamfilter das Gröbste rausgefiltert hat, und zu dessen Verantwortungsbereich die Nutzerschaft der Heise-Foren gehört, und trotzdem nicht den Eindruck macht, als leide er unter Magengeschwüren. Kuri ist einer von nur einer Handvoll Redakteure, die für den Heise-Newsticker zuständig sind.

Dass es nur so wenige sind, die Deutschlands einflussreichste IT-Website betreuen, ist vielleicht die erste Überraschung (zwei, drei weitere werden folgen, die erheblich mehr Staunen auslösen). Das funktioniert natürlich nur über ein Autorensystem: Kuri oder oder ein anderer, die im Newsroom im ersten (zweiten?) Stock im Schichtsystem (früh/spät) verantwortlich sind, delegieren soviel wie möglich an ihre Schreiber aus den Fachredaktionen von c’t & Co. Die stehen dann neben ihrer Arbeit an den Magazinen in der Pflicht, so schnell wie nötig eine Meldung für Heise.de liefern zu müssen. Das sei schon ein anderer Arbeitsrhythmus als früher für die Printredakteure, meint Kuri.

Wo der Amiga noch kein altes Eisen ist

Eins hat sich dafür nicht verändert: Jeder Autor darf die Hardware und die Software einsetzen, die er selbst am besten findet. Angeliefert wird im reinen Textformat, ein Redaktionssystem für die Magazine wird nicht eingesetzt. Genau, richtig gehört, auch wenn unsere Studenten, die SMS- und MySpace-Generation, es nicht recht glauben kann. Man will gar nicht wissen, auf was für Maschinen die alten Heise-Hasen da ihre Texte in die Tasten hauen.

Bei Heise gehört es zur Firmenphilosophie, dass man sich nicht immer neue Software-Updates vorschreiben lassen will und zwei Jahre alte Rechner auf dem Müll landen, weil auf ihnen nicht einmal mehr die neueste Word-Version läuft. Kuri steht zum Vorgehen, es habe auch Vorteile. Nach dieser Eröffnung überrascht auch niemanden mehr, wie bei Heise.de die Inhalte auf die Website kommen - mit einer Art rudimentärem CMS: Es gibt quasi nur eine Übersichtsseite und eine Maske für jeden Artikel, die sich aber auf ein Texteingabefeld und ein paar Checkboxen für Rubrik etc. beschränkt (2006, nur mal so als Hinweis). Den Text selbst schreiben die Redakteure in einem Editor - keinem integrierten WYSIWYG-Rich-Text-Dingen, sondern, wir erinnern uns, in einer Software nach Wahl (möglichst einer, die den Nutzer nicht mit überflüssigen Icons und Maussteuerung vom reinen Text ablenkt, nehme ich an). Auch Links auf Archivmeldungen und externe Websites setzen - was bei Heise im Gegensatz zu anderen Online-Medien ja sehr häufig und manchmal extensiv geschieht - läuft alles per Hand.

Was Heise unter einem CMS versteht

Dafür ist das ganze natürlich eine extrem schlanke Lösung: Die Redakteure könnten sich auch problemlos auch von unterwegs und bei geringer Bandbreite einloggen, wenn sie zum Beispiel auf einer Messe sind, erläutert Kuri (oder am Wochenende von zuhause arbeiten). Andererseits gibt es eine ganze Menge Limitationen, so mein Eindruck. Zum Beispiel würde die Heise-Redaktion auch gern mehr Video einsetzen (bisher gibt es nur die Beiträge aus dem c’t-Magazin des Hessischen Rundfunks zu sehen), das klappt aber offenbar nicht so gut. Für Kuri zählt außerdem die Flexibilität beim “Dranstricken neuer Funktionen (wenn sie sich in einem gewissen Rahmen bewegen): So wäre, wenn Video/Streaming einmal implementiert ist, kein Problem diese Funktion dann je nach den Bedürfnissen anzupassen, zu erweitern, und für unterschiedliche Channel zu modifizieren.” Außerdem habe kein käuflich zu erwerbendes CMS Heises Sicherheitswünsche erfüllen können.

Wenn der Elektrosmog greifbar wird

Insgesamt ist es aber doch unglaublich, dass ausgerechnet eine Redaktion, die in vielen Dingen so sehr den technischen Fortschritt verfolgt, hier selbst mit beinahe vorsintflutlichen Methoden arbeitet. Auch beim Design hat man ja nur mit allergrößter Vorsicht Operationen durchgeführt - und auch hier bei den Nutzern den üblichen Entrüstungssturm geerntet, auf Heise-Foren-Niveau allerdings. Kuri macht noch einen ziemlich entspannten Eindruck, als er über die Erfahrungen mit den Foren spricht. Dennoch schreckt die Redaktion offenbar davor zurück, es sich mit der Hardcore-Klientel (immerhin für rund die Hälfte der Heise-Reichweite verantwortlich) durch ein Redesign zu verscherzen. Außerdem solle die Seite ja durch attraktivere Optik nicht schwerer zu laden sein, meint Kuri. Den Einwand “Aber mit CSS … ” eines Studenten lässt er da nicht gelten.

Es ist schon eine eigene Welt. Das wird uns noch einmal bewusst, als uns der Gastgeber den Rest der Heise-Hallen zeigt, bis hinunter zur heiligen Hardware-Abteilung. Jede Tür, die aufgeht, lässt uns auf neue staunen: Riesige Bildschirme, nagelneue Drucker, auseinander geschraubte Rechner und mit noch viel mehr Hardware, leeren Computerkartons und haufenweise Kabeln vollgestopfte Kellerregale. Dazwischen, vermutlich, irgendwo die Arbeitsplätze der Redakteure. In manchen Räumen wird der Elektrosmog fast greifbar. Die Studenten machen große Augen. Arbeiten möchte hier aber (fast) keiner mehr.

Links:

20 Antworten zu “Heise.de / Behind The Scenes”

  1. Die Welt ist Scheisse - Aber ohne Geruch » Blog Archiv » One Night in Heise sagt:

    […] Schön geschrieben, gut beobachtet, kurz: Lesen! […]

  2. netzausfall sagt:

    Der Redakteur und sein CMS

    What you see is what you get - So wie die Website aussieht, ist dann auch das CMS? Fiete Stegers berichtet auf onlinejournalismus.de von seinem Besuch im Heise-Verlag. “… überrascht auch niemanden mehr, wie bei Heise.de die Inhalte auf di…

  3. Fiete Stegers sagt:

    Weil es in der Netzausfall-Reaktion auch um die geringe (Rechtschreib-)fehlerquote bei Heise.de geht: Dort gibt es auch ein eigenes mehrköpfiges externes Korrektorat - allerdings nur in der Kernarbeitszeit.

  4. Im Mediendschungel. sagt:

    Kleinteiliges (Wochenend-Kurzfassung)

    Fiete Stegers hat zusammen mit seinen Studenten einen Blick in die (bekanntlich erstaunlich kleine) Heise Online-Redaktion werfen dürfen: “Insgesamt ist es aber doch unglaublich, dass ausgerechnet eine Redaktion, die in vielen Dingen so sehr de…

  5. netzjournalismus.de » Blog Archive » Hinter Heises hohen Mauern sagt:

    […] Die Redaktion der wichtigsten deutschen Website für Computerthemen sitzt in einer undurchdringlichen Festung. Jedenfalls freitags nach 16 Uhr, denn dann hat der Pförtner des Heinz-Heise-Verlags offenbar schon Feierabend. Mit dem Namen einer respektablen Hochschule im Rücken gelang es mir trotzdem, die Schleuse am Eingang zu überwinden. Grund des Besuchs: Ein Seminar über Content Management Systeme, das ich zusammen mit Bastian Pelka am Journalistikinstitut der Hochschule für Musik und Theater in Hannover geleitet habe. Weil sich beim Gespräch mit der Online-Redaktion von Heise.de erstaunliche Erkenntnisse ergaben, ist ein eher ungeplant Text für onlinejournalismus.de daraus geworden. […]

  6. Tobias sagt:

    Nett geschrieben und schon ein interessanter Einblick in die Welt der heise-Redaktion. Vielen Dank.

    Und auch ein netter Spambot-Trick ;-)

  7. mfkne.de » Zuhause bei Heise sagt:

    […] Sehr interessant, was Fiete Stegers da in seinem Blogbeitrag “Heise.de / Behind the scenes” zu berichten weiss. Wer schon immer wissen wollte, wie es bei Heise so aussieht, der erhält dort einen kleineren (textlichen) Einblick in die Materie. Irgendwo zwischen Heldentum, Altertum und Paranoia […]

  8. Wolf-Dieter Roth sagt:

    LOL, was habt ihr denn erwartet? Sun Workstation, Windoofs Vista, Girls, die den Redakteuren Pina Colada reichen?

    Dat is Arbeit, Jungs, nicht Rumspielen….

  9. Thomas Mrazek sagt:

    Wie es einst bei Telepolis aussah, wurde 1998 in der “taz” beschrieben. Vielleicht sollte ich das mal auffrischen. (-;

  10. Markgrafendamm » Zu Besuch bei der bekanntesten Internetredaktion oder wie man auch ohne Technik glücklich wird sagt:

    […] Zu Besuch bei der bekanntesten Internetredaktion oder wie man auch ohne Technik glücklich wird Andere Blogs, cms, Das Netz, heise, redaktionenDa beschäftigt man sich Jahrelang mit Contentmanagement Systemen, berät Unternehmen bezüglich Workflows und Dokumenten / Wissensmanagement und dann das. Fiete Stegers berichtet von seinem Besuch bei der Heise Redaktion und deren Einstellung zu CMS Systemen und modernen Redaktionsstrukturen. Schön, wenn es auch mal so einfach gehen kann. […]

  11. Zu Besuch bei Heise auf Webdevice.de sagt:

    […] Einen sehr interessanten Artikel mit dem Titel Heise.de / Behind The Scences gibt es auf onlinejournalismus.de zu lesen. Fiete Stegers berichtet über den Besuch im Heise-Verlag mit ein paar Beschreibungen über das CMS (sofern man es so nennen darf) und den Alltag im Stammhaus. […]

  12. blog.babytux.de » Behind the scenes sagt:

    […] Onlinejournalismus: Heise.de / Behind the scenes […]

  13. Werbeblogger » Blog Archiv » Wie der Heise-Freitags-Thread gemacht wird sagt:

    […] Der Link hat heute zwar schon kräftig die Runde gemacht, dennoch auch hier noch mal der Hinweis: Fiete Stegers von onlinejournalismus.de hat hinter die Mauern der Bank von England des Heise-Verlags geschaut. Eins hat sich dafür nicht verändert: Jeder Autor darf die Hardware und die Software einsetzen, die er selbst am besten findet. Angeliefert wird im reinen Textformat, ein Redaktionssystem für die Magazine wird nicht eingesetzt. Genau, richtig gehört, auch wenn unsere Studenten, die SMS- und MySpace-Generation, es nicht recht glauben kann. Man will gar nicht wissen, auf was für Maschinen die alten Heise-Hasen da ihre Texte in die Tasten hauen. […]

  14. Volkers Blog » Blog Archiv » Einblicke in die heise.de Redaktion sagt:

    […] Einen interessanten Einblick in die heise.de Redaktion liefert der Blogartikel Heise.de / Behind The Scenes. […]

  15. oliver-liebchen.de » Blog Archive » Seitdem … sagt:

    […] Heise.de - behind The Scenes - [via: werbeblogger] […]

  16. F!XMBR » Linktipps zum Dienstag sagt:

    […] Einen sehr interessanten Artikel hat Fiete geschrieben. Er war beim Heise Zeitschriftenverlag zu Gast: Heise.de / Behind The Scenes. Zwei Suchmaschinen-Referers habe ich auch für Euch. Zum einen sucht jemand einen Puff in Baden-Baden. Und zum anderen sucht jemand Stefan B. aus Hamburg. Hat ihn wer gesehen oder sitzt er schon ein. Einen Tipp von unserem Hoster möchte ich auch loswerden: Wer ein unter der Haube leicht zu bedienendes CMS mal ausprobieren möchte, sollte sich mal phpwcms anschauen. Es soll wirklich gut sein, ich muss es mir nochmal in Ruhe anschauen. Zum Schluß ein kleiner Hinweis: DesktopBSD.eu wird nun bei uns gespiegelt, sollte, aus welchen Gründen auch immer, die Seite mal kurzfristig down sein, habt Ihr eine zweite Anlaufstelle. […]

  17. netzjournalismus.de » Blog Archive » Hinter Heises hohen Mauern sagt:

    […] Die Redaktion der wichtigsten deutschen Website für Computerthemen sitzt in einer undurchdringlichen Festung. Jedenfalls freitags nach 16 Uhr, denn dann hat der Pförtner des Heinz-Heise-Verlags offenbar schon Feierabend. Mit dem Namen einer respektablen Hochschule im Rücken gelang es mir trotzdem, die Schleuse am Eingang zu überwinden. Grund des Besuchs: Ein Seminar über Content Management Systeme, das ich zusammen mit Dr. Bastian Pelka am Journalistikinstitut der Hochschule für Musik und Theater in Hannover geleitet habe. Weil sich beim Gespräch mit der Online-Redaktion von Heise.de erstaunliche Erkenntnisse ergaben, ist eher ungeplant ein Text für onlinejournalismus.de daraus geworden. […]

  18. Tom sagt:

    Fiete, danke für den interessanten Artikel. Endlich wurde mal ein wenig Licht auf den Mythos Heise, der vom Axel Springer Niveau weit entfernt ist, geworfen.

    Jedoch hätte ich mir noch mehr Hintergrundinfos gewünscht. Mal sehen vielleicht findet sich ja was in den externen Links.

    Cheers

  19. Cowboy Jim Productions presents: Munich Mountain » and on a rainy day sagt:

    […] *SiehtAllesSoAndersAus* (das Wordpress 2.0.dingsbums-Backend) Zuviel bunter fancykram und komisches RichText-Zeug… kann mans abstellen? (heiseticker machts richtig. NurText. Ich sollt mir ein Tshirt drucken wo NurText draufsteht) Jedenfalls argh, dringend nachschauen wie mans zurückstellt. Ich will tags um wörter sehen und nicht, daß die beim schreiben selbern kursiv werden. I hate Wysiwyg. Auch so ein Tshirtsatz. Zurück zum Content. Es regnet. Und Leute, das ist meine Schuld. Es liegt daran, dass ich erstens Urlaub habe und zweitens gestern wie ein Irrer durch KaufingerStraße und Konsorten gelaufen bin in verzweifelter Suche nach ner kurzen Hose. Alles nich so einfach. Auf der Sendlinger war gar nix zu holen und auch Brunos Sortiment war in der Hinsicht mau. […]

  20. onlinejournalismus.de - Das Magazin zum Thema » Blog Archive » Push für den Push sagt:

    […] Heise.de: Behind the scenes. So arbeiteten die Redakteure in Deutschlands wichtigester IT-Online-Redaktion. … im sonstigen Internet: […]

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