Europäische Online-Medien

Collage: Eurosites

Was zeichnet europäische Online-Medien aus? Pascal Deter ging dieser Frage im Rahmen seiner Diplomarbeit nach, untersuchte bereits bestehende Angebote und erarbeitete Anforderungen für künftige Projekte. Kann das Internet zur Entwicklung einer europäischen Öffentlichkeit beitragen? Die Voraussetzungen sind gegeben. Nötig ist es zweifellos.

Vogelgrippe, steigende Ölpreise, Integration von Immigranten – immer mehr Themen können nicht länger nur im nationalen Rahmen betrachtet werden. Die Rufe nach einer europäischen Öffentlichkeit werden immer lauter, und auch die derzeitige Stagnation im Ratifizierungsprozess der gemeinsamen europäischen Verfassung und die Kontroverse über die Erweiterung der EU bedürfen einer europaweiten Debatte. Leider beschränkt sich diese Erkenntnis – und damit im Grunde auch die europäische Öffentlichkeit – bisher auf eine relativ kleine Europa-Elite. Ein europäisches Bewusstsein auch bei einer breiteren Öffentlichkeit zu schaffen, sollte das Ziel – nicht nur der EU – sein.

Das Internet als Heilsbringer?

Das Internet könnte beim Erreichen dieses Ziels eine wichtige Rolle spielen. Vor allem die geringen Verbreitungskosten und die hohe Geschwindigkeit, mit der Inhalte – auch mehrsprachig – verbreitet werden können, sind wichtige Argumente, die diese Vermutung bekräftigen.

Auch zur Veranschaulichung der komplexen politischen Prozesse in der EU ist das Internet besonders geeignet. Multimedia-Elemente, Infografiken und Animationen machen komplexe Zusammenhänge besser verständlich als jeder gedruckte Text. Brandaktuelle Europa-Nachrichten lassen sich in keinem anderen Medium so gut mit detaillierten Hintergrundinformationen, beispielsweise zu den komplexen EU-politischen Prozessen, kombinieren. Wie umfangreich diese Zusatzinformationen sein sollen, kann ganz individuell entschieden und noch dazu ständig angepasst werden.

Doch wie steht es überhaupt um den europäischen Online-Journalismus? Die bereits bestehenden Online-Publikationen mit Europa-Fokus umfassen ein breites Spektrum an Zielgruppen, Organisationsformen und inhaltlichen Ansätzen: von der reinen Nachrichtenwebsite (EUobserver), über ein Netzwerk aus Kulturzeitschriften (Eurozine), bis zum Weblog mit Beiträgen aus aller Welt zum Thema Europa (EU-Digest). Das Problem der Mehrsprachigkeit beispielsweise wurde bei café babel am besten gelöst. Ein europaweites Netz junger Europa-Enthusiasten sorgt für eine kontinuierliche, meinungsbetonte Berichterstattung in sieben Sprachen. Im Gegensatz dazu ist europa-digital ausschließlich deutschsprachig. Hier liegt der Schwerpunkt auf der anschaulichen Vermittlung von EU-Grundlagenwissen. Beide Publikationen sind als Verein organisiert und setzen größtenteils auf ehrenamtliche Mitarbeiter.

Dagegen finanziert sich das generalistisch aufgestellte Nachrichtenmagazin Europolitandurch Werbung und setzt auf Beiträge von professionellen Autoren. Ein weiteres, noch junges und beachtenswertes Projekt kommt von der Bundeszentrale für politische Bildung. Hier ist der Name Programm: Die europäische Presseschau eurotopics erscheint in drei Sprachen und soll es ermöglichen, europäische Debatten nachzuzeichnen. Ein europaweites Korrespondentennetz ist die Grundlage dafür. Welches Konzept letztlich die besten Chancen hat, ist offen.

Man nehme …

Ideal wäre die Kombination der besten Ansätze. Ein Rezeptvorschlag: Man nehme ungefähr 50 Mitarbeiter, die in Redaktionen über ganz Europa verstreut virtuell zusammenarbeiten und mit den Besonderheiten der jeweiligen Kulturen und natürlich mit der entsprechenden Sprache vertraut sind. Eine Zentralredaktion in Brüssel koordiniert das Netzwerk.

Die verschiedenen Redaktionen behandeln landesspezifische Europathemen und bieten gleichzeitig übersetzte Inhalte aus den anderen Sprachversionen an. Neben der tagesaktuellen Berichterstattung bietet die Publikation auch Hintergrundinformationen und einen Service-Bereich rund um die EU und ihre Institutionen an, in dem mit Hilfe von Animationen und Infografiken die komplexen Strukturen und Vorgänge erklärt werden.

Um die Nutzer an die Publikation zu binden, etabliere man eine „Virtual Community“ als Treffpunkt für die junge „Euro-Generation“ und gebe dieser regelmäßig die Möglichkeit mit EU-Experten oder -Politikern zu chatten. Darüber hinaus organisiere man regelmäßig Europaveranstaltungen an den jeweiligen Redaktionsstandorten, um neben der virtuellen auch eine reale Gemeinschaft zu schaffen. Dadurch würde auch die Bekanntheit der Publikation steigen und man müsste sich nur noch um die Suchmaschinenoptimierung kümmern, um von Europa-Interessierten so einfach wie möglich gefunden zu werden.

Zugegeben, alle Zutaten für das Rezept zu bekommen, ist vor allem finanziell recht schwierig. Doch das Gericht „Europäische Öffentlichkeit“ ist den Aufwand wert – und erfordert vor allem Geduld.

Pascal Deter studierte Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt. In seiner Diplomarbeit im Wintersemester 2005/2006 untersuchte er „Europäische Online-Medien – Die Rolle des Online-Journalismus bei der Entwicklung einer europäischen Öffentlichkeit“.

  • Facebook
  • Twitter
  • StumbleUpon
  • Diigo