Im Quotenparadies

Es soll ja Print-Journalisten geben, die fürchten sich davor zu wissen, was ihre Leser eigentlich lesen und was nicht. Und während der klassische Branchenpart noch zaghaft über Sinn und Zweck des „Reader Scan“ diskutiert, hat sich in den Online-Redaktionsstuben längst der ständige Blick auf PageImpressions, Click-Through-Rates und HeatMap etabliert. Die Quoten werden immer genauer, immer schneller und immer besser in den Arbeitsalltag integriert.

Wie Klickzahlen die redaktionelle Arbeit verändern – ein Beitrag von Benedikt Tüshaus und Klaus Meier

Eine Online-Redaktion irgendwo in Deutschland, Samstagmorgen, 9.18 Uhr. Seit einer knappen Viertelstunde prangt „Podolski“ als Aufmacher auf der Startseite der Nachrichten-Website. Der neue Superstürmer hat gestern Abend zweimal getroffen und Deutschland ins Viertelfinale der Fußball-WM geschossen. Nach 15 Minuten „Poldi schießt DFB-Elf ins Viertelfinale“ lohnt sich der erste Blick auf die Abrufzahlen: „Das Thema läuft so nicht“, klagt der Chef vom Dienst (CvD) Sekunden später durchs hausinterne Telefon dem Sportredakteur ins Ohr, „könnt ihr da nicht noch was drehen?“

Dabei hat er „Poldi“ doch diesmal gleich mit in die Überschrift geschrieben. Das haben ihm die Statistiken gelehrt. „Poldi“, „Ballack“, allen voran aber „Schumi“: „Wenn der in der Überschrift steht, dann kann man davon ausgehen, dass der Teaser häufig geklickt wird.“ Das gleiche gelte für Bush, Merkel und Putin, und auch für Klum, Schmidt und Jauch. Doch die Nennung von Personennamen ist nur eine Möglichkeit, um die Aufmerksamkeit für ein bestimmtes Thema zu erhöhen. Die Online-Quoten lehren ein ganzes Spektrum an Möglichkeiten des Aufmerksamkeitsmanagements.

Studie in neun Online-Redaktionen

Online-Medien wurden schon viele Revolutionen des Journalismus nachgesagt – und doch kommen ständig weitere hinzu. Dass bereits publizierte Inhalte Minute um Minute verändert, verbessert und der neuen Nachrichtenlage angepasst werden können, ist nichts Neues mehr. Neu ist dagegen, dass sich immer mehr Online-Redakteure dabei direkt an der Akzeptanz des Publikums orientieren können. Einer wachsenden Zahl von Online-Redaktionen stehen unmittelbar die aktuellen Abrufzahlen („Klicks“) zur Verfügung. Bei keinem anderen Medium können Journalisten schneller auf Daten der Akzeptanzmessung zurückgreifen.

Wie werden die Klickzahlen in Online-Redaktionen eingesetzt? Welchen Einfluss hat ihre Verwendung auf redaktionelles Entscheiden? Und welche Konsequenzen ergeben sich daraus für die journalistische Qualität und das Qualitätsmanagement? – Diesen Fragen ging unsere Studie nach, für die wir neun Redaktionen von großen deutschen Online-Nachrichtenangeboten auswählten. Sieben von ihnen konnten auf eine zeitnahe Akzeptanzmessung zurückgreifen – das heißt, die Zugriffszahlen, die von der Redaktion abgerufen werden, sind maximal 15 Minuten alt: Bild online Hamburg, Focus online München, n-tv online Berlin (die Redaktion sitzt in der „Nachrichtenmanufaktur“), Rheinische Post online Düsseldorf, Spiegel online Hamburg, Süddeutsche Zeitung online München und T-Online Darmstadt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung online und die Netzeitung Berlin planten zum Zeitpunkt der Untersuchung die Installation eines entsprechenden Tools. Wir führten Intensivinterviews mit Redaktionsleitern und anderen Redaktionsmanagern und beobachteten in zwei Redaktionen die Entscheidungsprozesse.

Schneller, exakter und unmittelbarer als die TV-Quote

In Online-Redaktionen, die mit solchen Systemen arbeiten, spricht man von „Echtzeit-Quoten“ – in Anlehnung an die folgenreiche Akzeptanzmessung in der Fernsehforschung. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) wirbt in einer Broschüre noch immer damit, dass kein anderes Medium seine Leistungswerte so schnell, so verlässlich und so überprüfbar dokumentieren könne wie das Fernsehen. Dabei stehen die Daten der GfK-Fernsehforschung erst am nächsten Morgen für das redaktionelle Entscheiden zur Verfügung. Hinzu kommt, dass sie lediglich auf einer repräsentativen Stichprobe beruhen und die nötige Aktivität der Panelteilnehmer immer wieder Anlass zur Kritik am Messverfahren ist. „Echtzeit-Quoten“ für Online-Nachrichtenangebote werden dagegen auf Webservern unbemerkt vom Nutzer erhoben, zählen alle Klicks und Seitenabrufe und können in Online-Redaktionen nahezu zeitgleich eingesehen und zur Veränderung aktuell genutzter Inhalte verwendet werden.

Kampf um Aufmerksamkeit

Ein Segen für Onliner. Denn: Immer wieder müssen die Nutzer zum Klicken im eigenen Angebot animiert werden. Sie entscheiden sich nicht einmalig – wie am Kiosk oder im Abonnement – für ein Produkt, sondern nach jedem Beitrag neu über ihren Weg durch das grenzenlose Netz. Der Kampf um Aufmerksamkeit wird zur Daueraufgabe in Online-Redaktionen.

Dieser Kampf wird insbesondere auf der Startseite ausgetragen: Sie hat nicht nur eine Schaufenster-, Übersichts- und Strukturierungsfunktion wie beispielsweise bei der Zeitung, sondern muss attraktive Einstiegspunkte schaffen, die zum Klicken verleiten. Internet-Nutzer nehmen sich nur wenige Sekunden Zeit, um sich auf einer Startseite zu orientieren.
In diesen wenigen Sekunden stechen Signal- und Reizwörter dem Leser besonders ins Auge: „Poldi“, „Schumi“, aber auch „geheim“, „Rätsel“, „Angst“ und „Panik“. Diesen Worten messen die im Rahmen der Studie befragten Redakteure eine besondere Wirkung bei. Begriffe wie „sexy“ und „scharf“ haben offenbar das Potential für besonders viele Klicks. Die Redaktionen sind sich aber bewusst, dass man damit vorsichtig umgehen muss: Eine Inflation dieser Begriffe führt zu einer Übersättigung.

Ein Tag mit Joschka Fischer (Montage: ojour.de)Der Austausch von Teaserbildern unter dem Eindruck schlechter Quoten ist in den untersuchten Redaktionen ein eher selten angewandtes Mittel zur Attraktivitätssteigerung, wenngleich ihre Wirkung als Blickfang für ein Thema unbestritten ist – wie in dem Beispiel zu einem Artikel über Erziehungsirrtümer: In dem Beitrag ging es unter anderem um Belohnungen, die Kinder von ihren Eltern erhalten. Der Redaktionsleiter: „Das Mädchen, das einen Lolli in der Hand hält, wirkte auf den ersten Blick etwas lahm, hat nichts ausgedrückt, war nicht spannend. Danach kam ein Foto mit einem frechen Jungen, der die Zunge rausstreckte. Da wusstest du gleich: Der polarisiert, dieses Kind nervt. Ein nervendes Kind, das Probleme bereitet, interessiert Eltern. Ein braves Kind, das nur einen Lolli in der Hand hält, interessiert keinen.“ Vermeintlich klick-trächtigere Bilder werden von den Online-Journalisten als die „besseren“ Bilder charakterisiert: als „interessanter“, „ausgefallener“ und „verrückter“, mit „viel Aktion“ und „auf denen etwas passiert“.

Themenmischung auf der Startseite

Einen großen Einfluss auf die tägliche Arbeit entwickeln Quoten in Echtzeit weniger auf Details der Darstellung („dafür ist keine Zeit“), sondern vielmehr auf die Grundsatzfrage, welche Themen überhaupt auf der Startseite – und in welcher Gewichtung – angeboten werden. Themen, die trotz (oder auch ohne) verbessertem Teaser nicht die erwarteten Klicks bringen, wandern in drei der befragten Redaktionen zunächst in der Seitenhierarchie schrittweise nach unten und werden später durch ein anderes ersetzt. Drei weitere Redaktionsmanager räumen immerhin ein, dass die Quoten Einfluss auf die Startseitenkomposition haben können. Ein weiterer Befragter stellt fest: „Mit Hilfe der Zahlen lässt sich die Themenmischung feiner abstimmen.“ Ein anderer sagt, er ziehe die Quoten nur in Ausnahmesituationen und langfristig beispielsweise bei Entscheidungen für eine Serie heran. Nur ein befragter Journalist verneint jeglichen Einfluss der Zahlen auf die Themenentscheidungen.

In fast allen befragten Redaktionen werden demnach die aktuelle Gewichtung und die Entscheidung darüber, welches Thema den Platz als Aufmacher verdient, permanent überprüft. Daraus ergibt sich eine Wechselwirkung zwischen den Präferenzen der Nutzer und dem redaktionellen Themenangebot: Einerseits wird die Gewichtung auf der Startseite von den Quoten beeinflusst, andererseits wirkt sich die Gewichtung selbst in gewissem Maße wiederum auf die Quoten aus.

Besteht ein Konflikt zwischen Attraktivität und Relevanz, Quotendruck und Chronistenpflicht? Diese direkte Frage verneinen alle Interview-Partner. Dennoch ergibt sich aus den Interviews und Beobachtungen die Schlussfolgerung, dass sich durch das Sammeln von Erfahrungen mit der Akzeptanzmessung das Erfolgspotential von Themen vorab einschätzen lässt. Daraus ergibt sich eine bewusste wie unbewusste Kategorisierung in vermeintlich unattraktive Pflichtmeldungen und klickträchtige Themen, die unter anderem als „verrückt“, „abstrus“, „ungewöhnlich“, als Meldungen „mit erotischem Einschlag“, als „People- und Entertainment-Meldungen“ oder als Artikel aus den Ressorts „Wissenschaft“ und „Boulevard“ beschrieben werden. Damit wird ein langfristiger Effekt aus der Nutzung der Echtzeit-Quoten deutlich, der allerdings in den Interviews – wenn überhaupt – nur als ein Parameter bei der Themenplanung charakterisiert wird.

Visualisierung der Quoten auf den Redaktionscomputern

Die unmittelbare redaktionelle Verwendung der Akzeptanzdaten hängt entscheidend davon ab, wie gut sie von der Software aufbereitet werden: Je besser die Daten visualisiert und je komfortabler und schneller sie nutzbar sind, umso stärkeren Einfluss haben sie auf das journalistische Entscheiden. Die in den Redaktionen eingesetzten Tools unterscheiden sich hier erheblich – und zwar in zweierlei Hinsicht:

(1) Bedienbarkeit und Visualisierung: Einige Tools bieten mit langen Zahlenkolonnen und mehrseitigen Tabellen wenig Übersicht, andere Software generiert immerhin Diagramme. Einen noch schnelleren Eindruck liefern so genannte Klickmaps oder Heatmaps: Die Redakteure surfen damit durch das eigene Angebot, während ein in den Browser integriertes Tool grafisch und per Mouse-over-Einblendung zu jedem Seitenelement Informationen über seine Klickhäufigkeit liefert.

(2) Analysemöglichkeiten: Einfache Software verlangt von den Redakteuren die eigene Einordnung und Bewertung der Zahlen durch Vergleiche. Bei ausgefeilten Tools lassen sich detaillierte Abrufzahlen automatisch nach verschiedenen Kriterien sortieren, anzeigen, miteinander – auch in der Rückschau – vergleichen und gegenüberstellen. Detaillierte Systeme visualisieren nicht nur aufsummierte PageImpressions (PIs), sondern zum Beispiel auch Nutzerpfade oder die so genannte Click-Through-Rate (kurz: CTR, sie gibt in Prozent an, wieviele aller auf der (Start-)Seite online befindlichen Nutzer auf ein bestimmtes Seitenelement klicken), oder sie ermöglichen Besuchersegmentierung.
Ein ausgefeiltes System wird zum Beispiel von Bild online benutzt: „SiteCatalyst“ von „Omniture“ arbeitet mit einer schnellen und übersichtlichen Heatmap und ermöglicht vertiefende Analysen.

Entscheidungen über Dossiers und Serien

In den untersuchten Redaktionen ist am häufigsten der Chef vom Dienst (CvD), in einigen der Chefredakteur, sein Stellvertreter oder ein Redakteur vom Dienst (RvD) für die Komposition der Einstiegs- und Übersichtsseiten zuständig. Meistens ist die Nutzung der Messsysteme nicht vorgeschrieben, sondern – abhängig von der Arbeitsweise des zuständigen Journalisten – mehr oder weniger fest in den Arbeitsablauf integriert.

Es fällt den befragten Redakteuren schwer, den Anteil der mit den Quoten in direktem Zusammenhang stehenden Arbeit genau zu beziffern. Die Angaben reichen von „etwa 20 bis 30 Prozent“ über „wir prüfen die Zahlen häufig, der Zeitaufwand dafür ist aber vergleichsweise gering“ bis zu „der CvD schaut regelmäßig, etwa im Stundenrhythmus, drauf“. In Konferenzen werden die Nutzerpräferenzen regelmäßig thematisiert, entweder im Hinblick auf einzelne Artikel, Events und Rubriken, oder aber im Wochen-, Monats- und Jahresrückblick. Zudem hat jeder aktuell arbeitende Redakteur ohne Ausnahme und Einschränkung Zugriff auf die Statistik-Auswertungen.

Die Bewertung der Daten durch die Redakteure unterliegt einer Vielzahl von Kriterien. So sind die Klick-„Erfolge“ stark von nicht beeinflussbaren Faktoren abhängig: von der Nachrichtenlage, der damit zusammenhängenden Themenkonkurrenz auf der Startseite und der spezifischen Nutzungsintensität des Internets insgesamt – also von Tagen (Feiertag, Werktag), Ereignissen (Ferienbeginn, Fußball-Weltmeisterschaft, Katastrophen) und sogar dem aktuellen Wetter. Anders als beim Fernsehen geht es nicht um Marktanteile, sondern um selbstgesteckte Erwartungen an das eigene journalistische Produkt, die sich durch Vergleiche mit zurückliegenden Daten ergeben.

Aufgrund von besonders guten oder schlechten Quoten werden kurz- und langfristig Entscheidungen für oder gegen einzelne Themen oder gar ganze Dossiers und Serien getroffen. Dazu werden Ressourcen neu verteilt oder gebündelt und Teams anders gebildet. Mit der Quotenmessung stark verbunden ist daher auch die Organisation der Redaktion: Ein Redaktionsleiter sagt, dass möglichst zeitnahe Abrufzahlen gerade im Hinblick auf die Verteilung der Aufgaben innerhalb der Redaktion wichtig sind – also nicht nur, um sich „im täglichen Redaktionsablauf sicherer in den Themen zu bewegen“.

Qualität und Qualitätsmanagement

Die befragten Online-Journalisten sind sich einig, dass eine gezielte Nutzung der „Echtzeit-Quoten“ die Aufmerksamkeitsverteilung deutlich beeinflussen kann. Sie sagen, dass sich die „Echtzeit-Quoten“ für das Erreichen von quantitativen Zielvorgaben theoretisch instrumentalisieren und missbrauchen ließen, und sie warnen vor einem übertriebenen Einsatz: Zunächst müssten Ausrichtung und Zielgruppe des jeweiligen Mediums beachtet werden; konkret könne vor allem bei einem informationsorientierten Publikum die gehäufte Verwendung bestimmter Reizwörter (gleichzeitig oder über einen längeren Zeitraum) und eine zu einseitige Themenauswahl zu Übersättigung führen. Auch beim einzigen Boulevardmedium im Sample gelten offenbar Grenzen bei der Formulierung der einzelnen Teaser: Jede einzelne Zeile müsse „auf der Geschichte sitzen“, denn „bei täglich drei Sensationen auf der Seite nimmt uns irgendwann keiner mehr ernst“. In allen analysierten Redaktionen gilt die Regel, dass ein Teaser nicht mehr versprechen darf, als der Artikel halten kann.

Fast alle Befragte betonen, es sei eine zu kurzfristige Strategie, würde man die Klicks durch eine verstärkt boulevardeske Ausrichtung hochschrauben wollen. Diese Einschätzung führen die Journalisten auf die Annahme zurück, dass sich das Publikum von Informationsmedien abwendet, wenn es sie als weniger seriös und glaubwürdig einschätzt. Der langfristige Erfolg einer Nachrichten-Website hängt demnach davon ab, dass Vertrauen und Glaubwürdigkeit aufgebaut werden können.

Der Berücksichtigung von Leserpräferenzen messen die Befragten indes auch eine konstruktive Rolle in der Qualitätssicherung bei. Es sei möglich, wenig attraktive, aber als relevant eingeschätzte Themen besser zu präsentieren und so ihre Reichweite zu steigern. „Man kann mit dem Instrument den Beweis antreten, dass man es schafft, für eine langweilige Geschichte Interesse zu wecken“, sagt ein Redaktionsleiter. „Ich kann die Nutzer damit auf Randthemen aufmerksam machen“, meint ein CvD.

In gewisser Weise können die „Echtzeit-Quoten“ sogar zum Text-Coaching in Redaktionen beitragen, weil Formulierungen getestet und überprüft werden können – auch und gerade bei komplexen Themen. Einer der Befragten sieht zum Beispiel ein Ziel darin, „dass die Leser sich nicht nur für Themenpakete interessieren, sondern auch dranbleiben“. Zudem erfolge allgemein eine verstärkte Reflexion über das eigene Produkt – beispielsweise zur Frage, wie man sich in einer scharfen Konkurrenzsituation mit eigenen Qualitätsbeiträgen profilieren kann. Und schließlich ermöglichten die „Echtzeit-Quoten“ auch individuelle Erfolgserlebnisse.

Einige Befragte berichten dagegen von Erfahrungen, dass die „Echtzeit-Quoten“ für das Erreichen ökonomischer Zielvorgaben, die journalistischen Qualitätsansprüchen zuwider laufen, instrumentalisiert wurden. Zwei Redaktionsleiter verweisen darauf, dass vor allem in ökonomischen Krisen wirtschaftliche Ansprüche an die Redaktion entstehen; sie stufen dies als „problematisch“ ein. Zwei andere Befragte berichten von Forderungen der Anzeigenabteilung, den Traffic in besser beworbene Ressorts oder in einzelne von Anzeigenkunden bezahlte Specials zu lenken. Neben derartigen kurzfristigen Ansprüchen gibt es in mindestens einer untersuchten Redaktion Vorgaben, Besucher gezielt auf service-orientierte Bereiche der Website zu lenken, die mit Shopping-Modulen verknüpft sind.

„ReaderScan“: Das Quoten-Tool der Zeitungsredaktion

Die „Echtzeit-Quote“ im Online-Journalismus könnte zum Vorreiter für eine neue Art der Akzeptanzmessung und -verwendung in Redaktionen anderer digitaler Medien werden. Es ist zum Beispiel zu erwarten, dass nicht nur Informations-, Service- und Unterhaltungsdienste für mobile Endgeräte, sondern auch die künftige Technik des interaktiven Fernsehens eine ebenso schnell verwendbare Messung von Abrufzahlen ermöglichen.

Während sich in Online-Redaktionen derzeit völlig selbstverständlich neue Standards der Leser-Orientierung etablieren, sind Zeitungsredaktionen weiterhin auf der Suche nach ihren Lesern und diskutieren zum Teil heftig über neue Quoten-Tools wie „ReaderScan“. Die vom Schweizer Carlo Imboden entwickelte Methode wird von immer mehr Zeitungshäusern eingesetzt, um die Attraktivität von Themen und Sparten bei den Abonnenten festzustellen. Eine Stichprobe von 100 bis 200 Lesern – je nach Budget des Verlagshauses – erhält einen Mini-Scanner in Form eines Stifts, mit dem sie durch kurzes Antippen die Ein- und Ausstiegsstellen der gelesenen Texte scannt. Am Nachmittag liegen die ermittelten Lesequoten auf dem Tisch des Chefredakteurs. Das Messverfahren wird nicht dauerhaft, sondern nur einige Wochen lang angewandt – und eventuell nach einigen Monaten wiederholt.

Im Vergleich zu Online-Quoten ist „ReaderScan“ umständlich, nicht dauerhaft einsetzbar und nicht unmittelbar für die redaktionellen Inhalte verwendbar. Crossmedial organisierte Redaktionen lernen inzwischen, die Online-Quoten auch für ihre Print-Produkte einzusetzen: Themen, die heute online gut laufen, schaffen es eher auf die Titelseite der morgigen Zeitung oder werden in der Zeitung sogar zu Hintergrundseiten, Themenpaketen und Serien ausgebaut. So sagte zum Beispiel der Chefredakteur der Rheinischen Post, Sven Gösmann, in einem Interview mit der Zeitschrift Medium Magazin (Heft 7/06): „Wir haben in der Zeitung viel über den Familienbericht der Bundesregierung geschrieben. Als wir das Gefühl hatten, die Luft sei raus aus dem Thema, stellten wir fest, dass online die Zugriffszahlen dazu deutlich nach oben gingen. Daraufhin haben wir beschlossen, auch in der Zeitung stärker am Thema zu bleiben. Dafür wurden wir mit einer großen Resonanz der Leser belohnt.“

Fazit und Ausblick

Die gezielte Nutzung der „Echtzeit-Quoten“ ist sowohl eine Chance als auch eine Gefahr für das Qualitätsmanagement einer Redaktion. Chancen liegen in neuen Möglichkeiten der Qualitätssicherung auf Basis einer permanenten quantitativen Rückkopplungsschleife zum Publikum. So wird zum Beispiel die Herausforderung, komplexe Themen in das Medienangebot zu integrieren und sowohl knapp und spannend als auch zutreffend anzureißen, für die Online-Journalisten überprüfbar und schnell korrigierbar. Risiken bestehen in einer vorschnellen, unreflektierten Boulevardisierung der Start- und Überblicksseiten, was vor allem bei informationsorientierten Websites problematisch ist, weil diese langfristig Vertrauen und Glaubwürdigkeit aufbauen müssen, um Publikum zu gewinnen. Zudem besteht die Gefahr der ökonomischen Instrumentalisierung in Medienunternehmen, in denen die Verantwortung für redaktionelle und für bezahlte Inhalte nicht klar getrennt ist.

Unsere Befragung ergab jedoch einen ganzen Katalog von Aspekten, die bewusst und unbewusst mehr oder weniger stark einen Quoten-Druck auf Online-Journalisten ausüben können. Dazu zählen neben wirtschaftlichen Zielvorgaben Vergleiche mit bereits erzielten Bestmarken oder auch persönlicher Ehrgeiz. Einige Redaktionen gehen dazu über, leistungsabhängige Gehaltsmodelle für leitende Redakteure direkt an Quotenerfolge zu koppeln – was sicher nicht unproblematisch ist.

Gleichzeitig stellten wir – zumindest in den Aussagen der Journalisten – durchwegs ein ausgeprägtes Bewusstsein für diese Zusammenhänge fest. Als kontrollierende Instanzen wirken neben einer Verpflichtung gegenüber der spezifischen Färbung der Berichterstattung auch die Orientierung an einer bereits etablierten Marke (Muttermedium) sowie ein durch redaktionelle Sozialisation und Ausbildung gefestigtes journalistisches Selbstverständnis.

Zur Optimierung der Chancen und zur Minimierung der Risiken können Instrumente des Qualitätsmanagements beitragen: zum Beispiel mündlich diskutierte und schriftlich formulierte redaktionelle Leitlinien, die den Umgang mit den Quoten-Tools professionalisieren und Lösungswege für Problemfelder beschreiben – wie beispielsweise den Umgang mit Ansprüchen der Anzeigenabteilung. Hier stehen die Online-Redaktionen aber erst am Anfang: Unsere Befragung ergab, dass nur vereinzelt informelle, redaktionsinterne Absprachen oder Vorgaben der Chefredaktion als Instrumente des Qualitätsmanagements existieren. Ein permanentes Aufmerksamkeitsmanagement muss zudem trainiert werden: Es geht zum Beispiel um die Kompetenz für die richtige Entscheidung, ob man als Aufmerksamkeitsdirigent an einzelne Nachrichten „glaubt“ (und sie verbessert) oder sie schnell wieder aufgibt (und ein neues Thema „testet“).

Die Akzeptanzmessung wird weiter verfeinert werden. Die Möglichkeiten der schnellen und komfortablen Visualisierung sowie des Dataminings von Logfile-Massendaten wird zunehmend optimiert. Und: Die Quoten werden in der crossmedialen Redaktion der Zukunft zum journalistischen Alltag gehören – auch für Print-Journalisten. Wie sich der Journalismus dadurch verändert, lässt sich zurzeit in Online-Redaktionen beobachten. Eine breite Diskussion dazu steht noch aus.

Dieser Beitrag ist in ähnlicher Form zuvor in epd medien, 19.7.2006, Nr. 56 erschienen.

Links zum Thema

bei onlinejournalismus.de

im sonstigen Internet

  • Klicks, Quoten, Reizwörter: Nachrichten-Sites im Internet – wie das Web den Journalismus verändert: Gutachten im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung / Steffen Range; Roland Schweins, Berlin 2007. Download: PDF-Datei, 120 Seiten, 2,3 MB.
  • Willkommen in der Welt der Laienherrschaft, liebe Printredakteure – Christoph Maier zitiert in seinem Blog einen Artikel des journalist zum Thema „Reader Scan“.
  • Dieser Beitrag von Stefan Niggemeier zum Wandel der Zeitungslandschaft beleuchtet insbesondere die Vewendung des „Reader Scan“, lässt dabei jedoch den Status Quo „online“ völlig außer Acht.
  • Eyetrack III – Wie wir klicken
  • Omniture zeigt in einer Produktpräsentation was neueste Quotenmessung mit SiteCatalyst kann.
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