Push für den Push

RSS
Die Push-Technik RSS bietet potenziell extrem weitreichende Personalisierungsmöglichkeiten für den Nutzer – bei gleichzeitigem Bedeutungsverlust für die redaktionelle Gewichtung. Doch während RSS für Blogger nicht mehr wegzudenken ist, haben die meisten Normalnutzer noch nie davon gehört. Wie schätzen große Online-Redaktionen die Entwicklung ein?

Was nützt es uns, die „Breaking News“ vor Radio, Fernsehen und sehr oft auch vor der Web-Konkurrenz zu haben, wenn der Leser sie erst Stunden später entdeckt, wenn er zufällig gerade „vorbeisurft“? Da ist RSS doch ideal: Hey, Leser, hier tut sich was in der Welt. Komm vorbei!

Frank Patalong, Netzwelt-Chef von Spiegel Online, bringt den Nutzen von RSS auf den Punkt. RSS ist schon jetzt weiter verbreitet als jede andere Push-Technologie im Pull-Medium Web zuvor. Doch was immer Blogger und andere Hardcore-Internetnutzer auch denken mögen, weil sie selbst ohne ihre Feeds nicht mehr auskommen bzw. feststellen, dass der Großteil ihrer Website-Besuchter über RSS ihre Artikel liest: Beim Normalnutzer ist die Technologie noch längst nicht angekommen. Nur ein paar Prozent der User setzen nach Umfragen RSS ein, viele haben noch nie davon gehört. In Deutschland wird die Verbreitung eher noch unter der in den USA liegen.

Dennoch bieten inzwischen nahezu alle größeren Online-Redaktionen auch hierzulande RSS an – häufig durch ein deutliches oranges „RSS“- oder „XML“-Logo bereits auf der Startseite, manchmal auch unverständlicherweise eher verschämt-versteckt. Selbst bei bei der technikaffinen Nutzerschaft von Heise.de kommen nur nur „rund 10 Prozent der Besucher“ über RSS, wie Redakteur Jürgen Kuri sagt. Bei General-Interest-Sites dürfte der Anteil noch deutlich darunter legen, auch wenn die Redaktionen keine exakten Zahlen kennen oder nennen wollen. „Die Reichweite von RSS-Inhalten zu messen ist uns gegenwärtig nicht möglich“, sagt Gero von Randow, Onlinechef der Zeit. Deshalb könne er auch keine vergleichenden Angaben machen. „Momentan spielt RSS noch eine untergeordnete Rolle und kommt nicht an die Breitenwirkung von Newslettern heran. Bezüglich der Gesamtreichweite sind beide Verbreitungswege keine Kernfaktoren, der Nutzen zeigt sich eher in der Leser-Site-Bindung“, erläutert Kai N. Pritzsche von FAZ.net.

Kastrierter Reader als Lockmittel

Dass RSS-Nutzer prinzipiell häufiger Websites besuchen als andere Surfer, wie Siegfried Hirsch beobachtet, muss dagegen nicht unbedingt gegeben sein: Bisher sind RSS-Nutzer eben tendenziell sowieso Heavy-User.

Noch. Denn das wird sich ändern. Wie Randow und Kuri ist Pritzsche überzeugt: „Mit den immer einfacher einzubindenden Newsreadern und den anstehenden neuen Browsergenerationen wird die Bedeutung von RSS-Feeds zunehmen und auch von weniger technisch bewanderten Lesern eingesetzt werden.“ So können RSS- oder XML-Feeds (die Unterschiede zwischen den Formaten sind für Normalnutzer – und -Redakteure unerheblich) in Firefox und Opera bereits als Bookmarks abonniert werden. Außerdem bieten manche Websites wie heute.de für diese Zielgruppe spezielle und möglichst einfache zu bedienende Reader zum Herunterladen – die allerdings auf den jeweils eigenen Newsfeed geeicht sind.

Spiegel Online hat seit einigen Monaten ebenfalls so einen Reader im Angebot. Dem Profi mögen solche Tools kastriert vorkommen – offenbar besteht dennoch Nachfrage nach derartigen vereinfachten Zugängen.

Das Tool erschließt unsere RSS-Feeds auch für Leser, die mit entsprechenden Readern nicht zurecht kommen. Wir spüren das immer dann, wenn der Veröffentlichungszeitpunkt eines Artikels und der Einbau in die Homepage/Centerpage zeitlich auseinanderliegen. Ausgetestet haben wir das Anfang Juni mit zwei Netzwelt-Artikeln, die wir zwei Stunden lang live schalteten, ohne sie auf der Webseite zu zeigen. Das RSS-Tool führte uns im ersten Fall knapp 5000 Leser zu, im zweiten rund 4000. Das ist nicht viel, gemessen an den Zahlen bei Spiegel Online, aber es ist bemerkbar und bemerkenswert: Bei den betreffenden Artikeln handelte es sich natürlich nicht um „heiße News“. Wir werden diesen „RSS-induzierten“ Leser-Zustrom in regelmäßigen Abständen überprüfen.

schildert Frank Patalong:

Wie oft das Tool mittlerweile heruntergeladen wurde, können wir leider nicht genau sagen. Der begleitende Artikel zum Tool wurde im ersten vollen Monat 64.679 mal herunter geladen. Auch das ist nicht „viel“ im Vergleich zu spannenden aktuellen Nachrichten, zeigt aber ein
lebendiges Interesse am Thema – zumal wir das Tool ja nur kurzzeitig prominent beworben haben.

Interessant sind in diesem Zusammenhang Erkenntnisse aus einem Whitepaper von Yahoo, aus dem RSS-Blogger Siegfried Hirsch zitiert:

7% der Internet Benutzer konsumieren RSS syndizierte Inhalte auf personalisierten Startseiten (wie My Yahoo!, My MSN usw.) ohne zu wissen, dass RSS dafür die Basistechnologie ist. Sogar technisch versierte RSS-Benutzer bevorzugen den Zugriff auf RSS über eher die benutzerfreundliche Erfahrung in Form von browserbasierten Anwendungen (z.B., My Yahoo!, Firefox, My MSN)

Noch einmal Frank Patalong:

Das Gros der Leserschaft erreicht Spiegel Online über Rechner, die entweder im Büro stehen (und entsprechend dünn konfiguriert sind, z.B. über RSS-Reader nicht verfügen), oder als „Paket“ für den Heimgebrauch gekauft wurden. Da ist es kaum verwunderlich, dass die meisten Leser auf „konventionellen“ Wegen zu uns finden. Die Web-Öffentlichkeit hat sich sehr stark verändert. Der technisch informierte, wirklich technikaffine Leser ist heute klar in der Minderheit. Ein Publikumsangebot wie wir kann das auch über das Interesse an technischen Themen ablesen: Artikel zum Themenbereich Web 2.0 – obwohl in Tech-affinen und Medienkreisen gerade heiß diskutiert – sprechen beispielsweise auch nur eine Minderheit an, auch im Vergleich zum „normalen“ Interesse an Netzwelt- oder Technologie-Themen.

Auf der anderen Seite steigt die Zahl der Leser, die sich von uns auch durch Kurzformate, durch mobile Medien, durch Feeds und Newsletter informieren lassen.


Kontrollverlust beim Website-Gestalter

Das zwingt Website-Betreiber dazu, über die Folgeerscheinungen nachzudenken. Heise-Redakteur Kuri: „Viele Leser fragen, warum wir unsere Beiträge nicht wie Blogs im Volltext in den RSS-Feed ausspielen. ‚ Mir reicht das schon’, heißt es dann.“ Übersetzt bedeutet das: Manche Feed-Leser kommen gar nicht mehr auf die eigentliche Website. Deshalb werde bei Heise darüber nachgedacht, wie sich Anzeigen über die Feeds vermarkten lassen können. Und noch etwas anderes gibt Kuri zu bedenken: „Uns ist es wichtig, was auf unserer Website steht.“ Wenn sich immer mehr Nutzer über persönlich zusammengestellte Feeds informieren , nehmen sie – wie diejenigen, die über Google News, Suchmaschinentreffer oder andere Links direkt auf einen Artikel gelangen – den Kontext und die durchs Design vermittelte Gewichtung der Inhalte auf der Website höchstens in einen zweiten Schritt wahr. Die redaktionellen Gestaltungsmöglichkeiten würden so eingeschränkt, meint Kuri. Dem Nutzer fällt nicht auf, was wo in welchem Kontext auf einer Website steht, was hervorgehoben wird.

Online-Vorreiter BBC hat das längst erkannt und begonnen zu reagieren. Großbritanniens öffentlich-rechtlicher Rundfunk erlaubt Nutzern nicht nur – wie in Deutschland etwa Zeit.de oder Heute.de – seine Newsfeeds in ihre private Homepage einzubauen und so weiterzuverbreiten. Die BBC geht noch einen Schritt weiter. Unter backstage.bbc.co.uk geben die Briten ihre Online-Inhalte frei, um damit herumzuexperimentieren und in beliebige Websites, eigene Layouts und Tools einzubauen, so lange diese unkommerziell bleiben. Zukünftig werden Nutzer „mit dem Content von journalistischen Sites ihre eigene eigene Website anreichern“, sieht Gero von Randow, Chef von Zeit.de, vorher. Darauf werde sich seine Redaktion einstellen: „Nutzer sollen ihr Zeit-Angebot selber zusammenstellen und auch auf ihrer Website verwenden können. Berichte, Reportagen, Interviews, News-Ticker, Blogs, Vlogs, Podcasts – der Nutzer sollte aus der Süßwarentheke seine Bonbonmischung eigenständig zusammenstellen können.“

Bisher ist dagegen noch nicht einmal die Personalisierung von Feeds in Deutschland besonders weit fortgeschritten. Manche Nachrichtensites bieten nur einen einzigen Newsfeed, andere wenigstens nach Ressorts unterteilt. Frei nach Interessen – z. B. „nur Radsport, Lokalnews und Energiewirtschaft – konfigurierbare? Meist Fehlanzeige. Hier kündigt Pritzsche von der FAZ erst einmal Verbesserungen an: „Wir werden unsere RSS-Angebote ausbauen, um möglichst vielen Lesern einen optimal auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Feed anbieten zu können.“ (Steffen Fjaervik sieht personalisierte Newsfeeds sogar bereits als Paid-Content-Kandiaten.)

Mash-ups? Vielleicht, irgendwann …

Auch bei heißen Thema Mash-ups, dem Mixen von Feeds mit anderen Daten, Koordinaten oder User-Bewertungen, sind die deutschen Online-Redaktionen bisher wenig experimentierfreudig. Immerhin wurden beim Spiegel schon eingebaute Google-Maps gesichtet.
Was Zukunftspläne angeht, verspricht Redakteur Patalong „eine ganze Menge Ideen“ in der Pipeline, hält sich bei Details aber bedeckt:

Wir werden in näherer Zukunft weitere Wege finden, unsere auf den neuesten Stand gebrachten Services noch besser und für den Leser bequemer zu präsentieren. Völlig umkrempeln werden wir Spiegel Online aber nicht. Die Services, die wir aufnehmen und anbieten werden, müssen zu uns passen: Wir sind ein professionelles Nachrichtenangebot, keine Community-Seite. Spiegel Online ist ein Angebot, dass seine hohe Akzeptanz und Reichweite auch der Tatsache verdankt, dass es den Lesern wie ein alter Bekannter erscheint.

Wie schnell die Masse des Publikums Freundschaft mit RSS-Feeds und anderen neuen Bekannten schließt, wird sich zeigen. Der New-Economy- und Dotcom-Doom-erfahrene Peter Kabel hat jedenfalls schon das altbekannte Phänomen des vor Newslettern überquellenden Mailfachs in neuer Form wiedererkannt: „Ich habe hunderte RSS-Feeds abonniert. Aber mal ehrlich: Ich lese keinen einzigen. Macht aber Spaß“, flachste er beim Medienforum NRW.

Weitere Links
… bei onlinejournalismus.de:


… im sonstigen Internet:

  • BBC: Die „Feed Factory“ zeigt, wie’s gemacht wird.
  • Steve Rubel. 35 Arten, RSS einzusetzen
  • RSS-Blogger. Siegfried Hirschs Weblog zum Thema.
  • Media Shift. How To Make RSS = Really Satisfying Syndication.
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