Zurück zu den Wurzeln

iPod spielt Podcast (Foto: Stegers)

Für Johnny Haeusler ist es eine Rückkehr zu den Wurzeln: Seit Samstag ist er mit einer Blog-Show im RBB auf Sendung. Nachdem Privatleute mit Podcasts das Radiomachen für sich entdeckt haben, entdecken Radiomacher die Podcasts und deren Kreativität für sich neu. Neben dem RBB startet auch Deutschlandradio Kultur eine Podcast-Show. Bei beiden sind die Macher überzeugt, dass ihr Konzept mehr als ein Versuch für ein paar Sendungen ist.

“Nach acht Jahren stehe ich hier wieder am Sendepult” – so eröffnet Spreeblick-Schöpfer Johnny Haeusler seine erste Trackback-Sendung auf der RBB-Welle Fritz und findet es noch etwas ungewohnt, an seine alte Wirkungsstätte als Radiomoderator ins RBB-Studio zurückzukehren. Auch das gleichzeitige Moderieren, Musikabfahren, Live-Bloggen und Verlinken läuft noch nicht so gut, wie er sich das vorstellt. Aber das werde wohl besser, hofft Haeusler selbst in der Sendung.

Auch das zweite Startproblem seiner Sendung hat Haeusler erkannt: In Trackback liest er Passagen aus Blogs, interviewt Blogger und stellt vor, was in der Blogosphäre Gesprächswert hat – doch was für die Blogger-Fraktion wichtig und interessant ist, soll ja die Normalhörer nicht abschrecken, sondern sie im Gegenteil für das vielleicht fremde Geschehen dort im Netz interessieren. So habe er sich am Anfang der Sendung “ziemlich einen abgebrochen um zu erklären, was Blogs sind”, meint der Moderator zu Gesprächspartner Don Alphonso. Und “als ob das nicht schon alles verwirrend genug wäre”, muss Haeusler zumindest in Sendung 1 noch einiges mehr erklären – was Podcasts sind zum Beispiel.

Spagat zwischen Fritz-Hörern und Blogosphäre

Oder, noch einmal schwieriger, was “freie Musik” bedeutet – weil das eben nicht so eindeutig zu klären ist, gibt es statt der angekündigten Hitparade für “freie Musik” nur Download-Links für legal im Netz verfügbare Songs aus der Sendung. Die meisten Hörer werden solche Feinheiten auch gar nicht interessieren – “Wir wollen Musik nur hören und, wenn sie gut ist, auch kaufen”, sagt Haeusler dazu. Wie ihm nach den Erklärungsklippen in der ersten Sendung der Spagat zwischen den beiden Hörergruppen gelingen wird, wird sich in den nächsten Wochen herausstellen: “Das weiß ich noch nicht. Man wird es hören … – das Feedback der HörerInnen trudelt ein, und wir hören zu”, sagt Haeusler gegenüber onlinejournalismus.de. Zunächst dominieren auf www.spreeblick.com/trackback noch relativ undifferenzierte Kommentare von Spreeblick-Fans, die die Sendung aus Prinzip gut finden und das übliche Technik-Klein-Klein zum Thema Streaming. Der als Dauergast angekündigte Toni Mahoni ist auf jeden Fall eine Bank, um das Publikum bei der Stange zu halten.

Für Fritz-Chefredakteur Stefan Warbeck ist Trackback eine Spielwiese: “Hier wollen wir testen, welche Inhalte aus dem Netz sich für das Radio eignen – und wie die Hörer auf interaktiven Aktionen reagieren.” Ein wichtiges Elemente seien Trackback-Charts, da die Macher mit vielen Audio-Zusendungen rechnen.

Soundbites, Reportagen und Klangkunst im DR-Blogspiel

Über diese Ankündigung wird Markus Heidmeier wohl nicht so glücklich sein. Heidmeier hat mit seiner Kollegin Jana Wuttke für Deutschlandradio Kultur selbst eine auf Interaktivität und User-Audios aufbauende Sendung entwickelt. “Da hat sich ein kleiner Contest entwickelt, aber wir sind gespannt, was Johnny da macht”, meint Heidmeier vor dem Trackback-Start. Sein Blogspiel” soll am 4. November starten und will sich anders als Spreeblick klar auf die Audio-Szene im Netz konzentrieren:

“Wir wollen helfen, den riesigen Kosmos von freien Hörspielmachern, Podcastern und Klangartisten, die sich im Internet tummeln, bekannt zu machen.” Auf dem Sendungsportal können Nutzer eigene Audios hochladen, diskutieren und weiterempfehlen. Andere Nutzer sollen die Audios bewerten – die besten werden dann in der Sendung im Radio zu hören sein. ”

Außerdem soll eine Jury des Festivals Transmediale weiter Highlights aus den User-Beiträgen heraussuchen, die ebenfalls gespielt werden: “Wir wollten den Eindruck vermeiden, dass die Redaktion den Usern sagt „Macht mal“, aber es dann am Ende doch heißt “Jetzt aber Platz, die Erwachsenen kommen.”


Telefon-Interview mit Dietmar Timm, CvD Deutschlandfunk [ca. 2:20 min, 800 KB]
(Foto: Deutschlandradio – Bettina Fürst-Fastré)

“Bisher haben wir mit Blogs noch nicht so viel Erfahrung gemacht. Da haben wir überlegt, ob wir dann nicht gleich etwas ganz neues machen können. Viel mehr kann ich jetzt noch nicht sagen – wir sind aber schon sehr überrascht, wie rege die Beteiligung auf der Website ist, obwohl die Sendung ja bisher noch gar nicht groß propagiert wurde”, sagt Dietmar Timm, Chef vom Dienst beim Deutschlandfunk und Podcast-Vormann der Schwestersender.

Neue Medienkultur oder nur andere Nutzungsform?

Blogspiel-Macher Heidmeier ist überzeugt, dass Podcasts keine Modeerscheinung sind – im Gegenteil. “Weil das Gefälle zwischen Laien und Profis ist nicht mehr so groß, müssen die Medien adäquat reagieren, und zum Beispiel schauen, wie sie Leserreporter einbinden können”, sagte Heidmeier, der selbst als freier Mitarbeiter den Kontakt zum Deutschlandradio knüpfte. “Bei dem Hype um Web 2.0 kann man sich fragen: ‘Wer soll das alles lesen?’ Hier können Tageszeitungen und Fernsehsender ihre Kompetenzen einbringen”, sagt er. In einer derart veränderten Medienkultur hätten die bisherigen Medien eher die Funktion von Lotsen und Wegweisern. “So wie beim Kulturteil einer Zeitung, der aus einer riesigen Menge von neuen Büchern die Besten vorstellt”, sagt Heidmeier.

Für die Senderverantwortlichen Timm und Warbeck sind Podcasts hingegen zunächst nichts anderes als eine neue Radio-Nutzungsform. Timm sieht vor allem Vorteile für Wortprogramme durch die neuen Verbreitungswege, weil deren Inhalte im Gegensatz zu Musik woanders nicht zu bekommen seien. Warbeck ist skeptischer: “Diese Nutzung wird noch zunehmen, aber es ist fraglich, ob sie je den Mainstream erreichen wird.” Auf der anderen Seite brächten Podcast mehr Vielfalt in die “Audiosphäre” – “was klasse ist”.

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