Vermutlich bin ich als Kritiker nicht gerade beliebt – Interview mit dem Zeit-Meckerblogger

Seit einem Jahr lässt sich Zeit Online professionell kritisieren. Ein unabhängiger Journalist, „Onkel Brumm“, beobachtet das Web-Angebot und weist auf Fehler und Fehlentwicklungen hin. Seine Ergebnisse veröffentlicht er im Mecker-Blog bei Zeit Online. Wir sprachen mit dem Meckerblogger.

Das Interview wurde per E-Mail geführt; „Onkel Brumm“ ist mir persönlich bekannt.

Als das Mecker-Blog bei Zeit Online im Dezember 2005 startete, bemängelte ich den Namen unter dem Du firmierst – „Onkel Brumm“, das erscheint mir albern, manchem Leser vielleicht sogar unseriös. Warum kannst Du nicht unter Deinem richtigen Namen firmieren?

Könnte ich ohne weiteres, aber jetzt wird das Ding eben von Onkel Brumm betreut. Wozu den Namen ändern? Der Name entstand spaßeshalber zwischen Tür und Angel und hat einen privaten Hintergrund. Es gibt einen willkommenen Nebeneffekt: Der „Datenschatten“ ist von meinem persönlichen getrennt – da spricht der Sicherheitsfachmann. Bisher gibt es meines Wissens nur eine Spur, und wer die findet, der darf’s auch wissen. Außerdem ist das Photo drin.

Du hast natürlich völlig recht: „Onkel Brumm“ ist zweifellos eine Albernheit. Das ist mir aber ganz recht so, denn bei aller Kritik und Meckerei muss es nicht bierernst zugehen, finde ich. Ich kann mit dem Namen gut leben.

Seit einem Jahr kritisierst Du Zeit Online, wie fällt Deine persönliche Bilanz aus, was meinst Du erreicht zu haben; woran bist Du vielleicht gescheitert, einem Leser hast Du mal Dein Herz ausgeschüttet: „Ich kann – wie Sie! – nur Vorschläge machen. Was davon, und ob, und wann, und wie realisiert wird, darauf haben wir keinen Einfluss.“?

:-) Mein Herz ist kein Tischtuch, dass ich überall ausbreite – jedenfalls bestimmt nicht im Internet. Was ich da geschrieben habe, stimmt, ist aber auch banal. Ich kann nur Vorschläge machen. Das ist aber ja auch ein (angenehmes) Privileg des Kritikers: nicht kohärent sein zu müssen. Macht die Redaktion „A“, darf ich fragen, warum sie nicht „B“ macht. Macht sie „B“, frage ich, weshalb sie sich gegen „A“ entschieden hat. Um die Umsetzung muss ich mich nicht kümmern.

Wenn es um kleinere Fehler geht, ist die Reaktion oft prompt. Sobald aber meine Kritik konzeptionell wird oder technische Maßnahmen verlangt, dauert das. Falls überhaupt eine Reaktion kommt – als Externer habe ich selbstverständlich einen anderen Blick. Sicherlich entgehen mir auch viele Zusammenhänge.

Was ganz schön ist, wenn ich merke, dass ich zum Nachdenken anrege. Bei dem Posting „Fotos aus der Pressestelle“ passierte das. „Scheitern“ kann ich eigentlich nicht. Wenn ein Vorschlag nicht umgesetzt wird, ist das ja kein Scheitern. Ich muss aber durchaus aufpassen, dass ich keinen Bockmist schreibe – im Fall des verhafteten Chinakorrespondenten hab ich das getan, weil ich die entsprechenden Artikel übersehen hatte.

Wünschen würde ich mir ab und an mehr Reaktionen von ZEIT online – das ist ja schließlich meine primäre Zielgruppe.

Mir fällt auf, dass Du häufig formale Dinge (sei es die Navigation oder seien es technische Dinge) kritisierst. Zu kurz kommt mir die Kritik an den journalistischen Inhalten von Zeit Online. Gibt es da so wenig zu kritisieren oder besteht dieses Unbehagen nur bei mir?

Bei einem Onlinemedium sind Technik und insbesondere Navigation gleichrangig mit den Inhalten. Denn ohne funktionierende Technik und Navigation sind die Inhalte faktisch nicht existent! Ich habe oft den Eindruck, dass Redakteure denken, man könne diese Bereiche an „die Techniker“ delegieren und dann liefe das schon; aber genau so läuft es nicht. Deswegen lege ich sehr großes Gewicht darauf, und kann das glücklicherweise auch qualifiziert tun, da ich ab und zu auch als Web-Entwickler und Tester arbeite.

ZEIT online ist meilenweit von einer guten technischen Realisierung entfernt (Stichwort z.B. Barrierefreiheit), und die Navigation ist sehr verbesserungswürdig. Um so mehr, als ZEIT online ja eine enorme Menge Inhalte zu bieten hat – mir kommt das immer vor wie ein ungehobener Schatz, und ich finde es schade, wie wenig Möglichkeiten die Leser haben, um an die Preziosen zu kommen.

Was Inhalte angeht – Deine Kritik ist leider auch mein Eindruck. Ich widme mich dem zu selten. Wobei die Situation komplex ist. Die Inhalte, denen ich mich prominent zuwenden sollte, sind die originären Inhalte von ZEIT online – ich bin ja weder Kritiker der ZEIT noch des Tagesspiegel, dessen Meldungen als „News“ auch auf die Website kommen. Und es gibt weitere externe Quellen.

Diese Kooperationen finde ich zwar nicht fragwürdig, aber problematisch. Als Leser erfährt man nicht, woher welche Inhalte kommen. Will sagen, wer sie wann und wo redaktionell angefasst hat. Da fehlt gerade dem Qualitätsmedium ZEIT noch Bewusstsein.

Bei inhaltlichen Sachen hin ich immer sehr dankbar für Hinweise von Lesern.

Du hast in Deinem Mecker-Blog über 100 Einträge geschrieben. Wo siehst Du die wesentlichen Kritikpunkte, wo hapert es bei Zeit Online immer wieder?

Nur hundert Beiträge in einem Jahr. Das ist ja man kein Ruhmesblatt für mich …

Marke und Maßstab ist die ZEIT. Damit ist ein Qualitätsanspruch gesetzt, von dem der Onlineauftritt profitiert, den er aber auch einlösen muss. Zumal es ja online viel mehr „Output“ gibt, als die bloß die digitalisierte ZEIT. Da sind originäre ZEIT Online-Inhalte, Zuender, Wissen, Campus, Geschichte, Kursbuch und so weiter. Auf der anderen Seite gibt es aber auch mehr „Input“ als nur von ZEIT und ZEIT online. Da fehlt es meines Erachtens an Transparenz den Lesern gegenüber, aber eben auch am Bewusstsein dafür.

Aber das ist vielleicht auch mehr, als das Meckerblog leisten kann. Eigentlich müssten derartige Auskünfte in der ZEITansage [Redaktions-Blog von Zeit Online, T.M.] erscheinen.

Wie reagieren die Kollegen von Zeit Online auf Deine Arbeit, Chefredakteur Gero von Randow hat oft das Wort ergriffen, aber andere Redakteure haben selten etwas geschrieben …?

Diese Frage musst Du den Mitarbeitern von ZEIT online stellen …

Gerade, wenn es um Konzeptionelles geht, habe ich manchmal den Eindruck, nicht recht verstanden zu werden (das ist dann aber mein Fehler). Ich würde mir häufigere Reaktionen von Redakteuren wünschen – aber vielleicht ist ein Blog nicht die geeignete Form für solch einen Dialog. Vermutlich bin ich als Kritiker auch nicht gerade beliebt – wie denn auch?

Wie definierst Du Deine Rolle, siehst Du Dich als ein Anwalt der Leser? Welche Normen leiten Dich? Hast Du Vorbilder für Deine Kritikastertätigkeit? Hattest Du von vornherein eine carte blanche für diesen Job – sprich: gibt es keine Tabus für Deine Kritik? Hat so ein hauseigener, bezahlter Kritiker nicht besonders mit der Schere im Kopf zu kämpfen – kann es zu einem Punkt à la „Wenn ich das blogge, schmeißen sie mich raus!“ kommen?

„Anwalt der Leser“ ist mir zu pathetisch. Aber ich bin für Hinweise der Leser sehr dankbar und auch darauf angewiesen. Die Site ist zu umfangreich, als dass eine Person sie überblicken könnte. Wenn ich Ideen von Lesern aufgreife, schreibe ich das dazu und nutze die Kategorie „Leser schreiben“; ich hoffe, das ist fair so.

Ziel bei all der Kritik ist, ZEIT online besser zu machen. In allen Aspekten. Was das Meckerblog z.B. vom Bildblog unterscheidet, ist, dass ich ein wohlwollender Kritiker bin.

BTW: Ich bin bezahlter Kritiker, aber kein hauseigener! Das ist manchmal hinderlich, weil ich die internen Diskussionen und Entscheidungsprozesse nicht kenne, oft aber aus genau dem Grund hilfreich: Ich darf alle Fragen stellen und habe dabei absolute Carte blanche. Es gibt nicht mal einen schriftlichen Vertrag, und die Magna Charta des Meckerblog steht als „Über dieses Blog“ auf jeder Page.

Ich hoffe daher, keine Schere im Kopf zu haben. Als ich unter der Überschrift „Weischenberg Diekmann 1:0, peinlich für die ZEIT“ über Giovanni di Lorenzo [Chefredakteur der „Zeit“, T.M.] bloggte, war natürlich klar, dass ich da eine Grenze austeste. Bevor ich den Beitrag postete, dachte ich schon, das könne vielleicht der letzte sein. Aber dann wärs immerhin ein guter Abgang gewesen …

Ein Leser, der Darmstädter Professor Lorenz Lorenz-Meyer, bezeichnete Dich vor einigen Wochen als „Hofnarr vom Dienst“. Wie hast Du diese Kritik empfunden?

Als ich mich als „Hofnarr“ bezeichnet sah, musste ich erst schlucken und dann breit grinsen. Lorenz weiß vielleicht gar nicht, wie recht er hat. Vielleicht meinte er das despektierlich; es als Hinweis zu werten, meine Kritik müsse nicht ernst genommen werden, wäre aber eine Fluchtstrategie.

Tatsächlich war der Hofnarr früher der Ratgeber mit den größten Freiheiten. Der Hofnarr konnte aussprechen, was jeden Minister den Kopf gekostet hätte, und er musste sich nicht um Konventionen scheren: das war eben die „Narrenfreiheit“. Ohne die würde das Meckerblog vermutlich gar nicht funktionieren.

Wie groß ist überhaupt das Interesse der Leser an diesem Blog im Vergleich zu den anderen Zeit-Blogs?

Was meinst Du wohl, welche Chancen ich gegen Claras Loft oder das Sexblog habe :-) Das Meckerblog rangiert im unteren Bereich der ZEIT-Blogs, soweit es Abrufzahlen angeht. Genaue Zahlen habe ich allerdings nicht. Offen gesagt, sind die Abrufzahlen kein günstiges Kriterium für Weblogs. Fürs Meckerblog schon mal gar nicht, weil meine ‚primäre‘ Leserschaft ja die Redaktion ist.

Wie sieht die Zukunft des Mecker-Blogs aus, wirst Du es unbefristet weiter betreuen?

Darüber ist nie geredet worden. Und wäre das Blog nicht per se ‚open end‘, wäre es ja auch sinnlos. Ansonsten: „Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen.“ (Karl Valentin).

Kannst Du Dir auch bei anderen Medien eine derartige öffentliche und professionelle Kritik vorstellen? Warum gibt es diese Institution bei deutschsprachigen Medien nicht in so ausgeprägter Form, ist es tatsächlich die oftmals monierte „fehlende Fehlerkultur“?

Mehr öffentliche Kritik wäre auch bei anderen Medien gut. Schließlich ist Fehler machen ja eben kein Fehler, sondern normal. Ein Fehler ist, sich Fehlern nicht zu stellen. Oder wie es Lenin gesagt hat: „Wer arbeitet, macht auch Fehler. Wer keine Fehler macht, arbeitet nicht.“

Mehr Transparenz wäre in allen Medien wünschenswert, solange keine echten Redaktionsgeheimnisse tangiert sind. Schließlich ist es die Aufgabe der Medien, für Transparenz zu sorgen – warum nicht auch im eigenen Stall?

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