“Die haben uns vom Stuhl gehauen”

Mathias Müller von Blumencron (Foto: Spiegel/Montage: ojour)

… sagt SpOn-Chef Mathias Müller von Blumencron. Er meint neue Kompressionstechniken, die Online-Video seiner Ansicht nach in nächster Zeit noch mal einen kräftigen Schub nach vorn verleihen werden – nicht die anderen Medienhäuser, die im Netz kräftig ausbauen wollen. Über deren angekündigte “Online-Offensiven” freue er sich, sagt Blumencron im Gespräch mit onlinejournalismus.de, denn davon “werden wir alle profitieren”.

Einschätzungen für 2007 – diesmal von Mathias Müller von Blumencron, seit sechs Jahren und ein paar Tagen Chef von Spiegel Online. Das Interview wurde im Rahmen einer Recherche für einen Artikel im Medienmagazin Insight geführt.

Die großen Schlagworte 2006 waren Online-Video und Citizen Journalism/Web 2.0. Was kommt Ihrer Meinung nach 2007?

Das werden auch große Themen in diesem Jahr sein. Video wird sich dramatisch weiterentwickeln – und zwar nicht nur als User-Generated Content, sondern auch als redaktionelles Format. Die Visualisierung von Inhalten durch Bewegtbild ist das große Entwicklungsfeld. Neue Kompressionstechniken werden es erlauben, mit geringen Datenmengen Fullscreen-Videos auszuliefern – und zwar in TV-Qualität oder besser. Diese Technik ist im Moment noch in der Entwicklung, aber es ist eher eine Frage von Monaten als Jahren, bis sie serienreif ist. Wir haben schon Test-Videos gesehen – die haben uns vom Stuhl gehauen.

Was hat Spiegel Online 2007 im Video-Bereich vor?

Spiegel Online und Spiegel TV investieren einen siebenstelligen Betrag. Im Moment ist das Thema sehr stark durch schräge, abgedrehte Videos auf YouTube oder den anderen Video-Plattformen geprägt. Aber wir wollen uns nicht allein darauf verlassen, was von den Nutzern kommt und im Prinzip Unterhaltung ist, sondern sehen uns auch im Video-Bereich als Informationsanbieter. Wir haben ja schon sehr gute Erfahrungen gemacht mit Nachrichtenshows und Kurz-Versionen von Magazinbeiträgen, die wir von den Spiegel-TV-Kollegen bekommen haben. Mit Spiegel TV werden wir im kommenden Jahr sehr eng zusammenarbeiten. Es wird viel mehr eigenproduzierte Beiträge geben, etwa aktuelle Interviews im politischen und wirtschaftlichen Bereich.

Bei der Einbindung von Nutzern und Web-2.0-Einbindungen ist Spiegel Online eher zurückhaltend – oder täuscht dieser Eindruck Ihrer Meinung nach?

Wir sehen die Zukunft für uns in der Zusammenarbeit zwischen Nutzern und Redaktion. Es wird keine Spiegel-Online-Readers-Edition geben. Aber der Leser erwartet, dass er seine Meinung einbringen kann und auf der Seite Akzente setzen kann. Deshalb haben wir unsere Foren sehr stark ausgebaut und bekommen bei kontroversen Themen innerhalb weniger Stunden 1000 oder mehr Postings. Wir haben die Foren mitten auf der Homepage angeteasert. Wir haben mittlerweile Kolumnen, die nur von Lesern gefüllt werden, zum Beispiel in der Autosektion, wo Leser über ihre alten Autos berichten. Teilweise sind das Liebeserklärungen, teilweise Wutausbrüche. Bei einem Artikel über Kriminalität in S- und U-Bahnen gab innerhalb weniger Stunden mehrere hundert Postings von Leuten, die über eigene Erfahrungen berichtet haben, und wir haben daraus sofort wieder eine Geschichte gemacht. So etwas kommt immer häufiger vor und wir werden das noch deutlich intensivieren. Dennoch erwartet der Leser von uns eine fundierte journalistische Themensetzung – und die wird weiter das zentrale Merkmal von Spiegel Online sein.

Stichwort Themensetzung: Ab April 2007 haben Sie eine neue Leiterin des Ressorts Panorama – Patricia Dreyer, bisher Unterhaltungsschefin der „Bild“-Zeitung. Kritiker argwöhnen Schlimmes und erinnern daran, dass Dreyer an der „Bild“-Kampagne gegen die Schauspielerin Sibel Kekilli beteiligt war [1], [2].

Den Fall muss man sich schon etwas genauer angucken. Warum kommt jemand aus einer aussichtsreichen Position bei der „Bild“-Zeitung zu deutlich schlechteren Konditionen zu uns? Frau Dreyer (die sich uns gegenüber vor ihrem Wechsel nicht selbst äußern möchte, Anm. d. Red.) verlässt die “Bild”-Zeitung, weil sie eine andere Art von Journalismus will. Sie war damals ein Jahr bei dem Blatt, als sie diesen Anruf von dem Menschen entgegengenommen hat, der Kekilli in einem Video erkannt haben will. Sie war deshalb für einen Tag dem Thema zugeordnet und hat sich danach nicht mehr Frau Kekilli gewidmet. Für sie war diese Story ein Tiefpunkt.

Umgekehrt gefragt: Was qualifiziert Frau Dreyer für Ihren neuen Job bei Spiegel Online?

Wissen Sie, wie viele Leute aus Boulevardredaktionen bei großen Tageszeitungen und Magazinen arbeiten? Das sind häufig hervorragende Kollegen, zum Teil mittlerweile Chefredakteure – wollen Sie die alle verteufeln, nur weil sie mal bei “Bild” gearbeitet haben? Wir sind der Meinung, dass Frau Dreyer hier hervorragend hereinpassen wird. Unser Panorama-Ressort umfasst Zeitgeschichte, Kriminalität, Leute, Religionsthemen, Katastrophen – eine breite Palette wie in jedem vermischten Ressort. Etliche Spiegel-Korrespondenten und Autoren wie etwa Gisela Friedrichsen schreiben mit Leidenschaft für dieses Ressort. Wir wollen uns allen Themen noch originärer widmen: Statt Themen, die in anderen Medien angerissen werden, weiterzudrehen, wollen wir mehr Geschichten selbst vorantreiben – und zwar spiegelig.

Andere klassische Medienhäuser sind inzwischen aus ihrem Winterschlaf erwacht und rüsten online auf. Was bedeutet das für den Marktführer?

Wunderbar – herzlich willkommen. Das war längst überfällig. Das deutschsprachige Internet wird noch spannender, wenn verschiedene Anbieter mit großer Energie fürs Netz produzieren. Der Leser wird das schätzen und es wird dazu führen, dass sich noch mehr Leute primär im Netz orientieren werden. Insofern werden wir alle davon profitieren. Für Spiegel Online ist in den nächsten Monaten neben Video und Community vor allem eines wichtig: Wir werden weiter sämtliche Ressorts ausbauen und unsere Berichterstattung verbessern. Wir wollen akkurater werden, packender, hintergründiger. Die klassische journalistische Berichterstattung ist der Kern von Spiegel Online – und so wird es bleiben.

In der Februarausgabe von Insight lesen Sie außerdem, welche Trends und Entwicklungen Focus-Online-Anführer Jochen Wegner und andere Online-Chefredakteure erwarten.

Bei onlinejournalismus.de kamen in unserer eigenen Reihe “Einschätzungen für 2007″ bereits der Journalistikprofessor Christoph Neuberger, Handelsblatt-Blogger Thomas Knüwer [Video] und Weblogwissenschaftler Jan Schmidt zu Wort.

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