Zeitungen erleiden Schiffbruch im World Wide Web

Schweizer Zeitungen erleiden Schiffbruch im Web
Schweizer Online-Zeitungen ziehen eine ernüchternde Bilanz, nur Gratisblätter sorgen für ein wenig Hoffnung.

Von Michael Soukup

Die Frage bleibt unvergesslich. 1997, frisch von der Universität und mit dem Aufbau des Internet-Auftritts einer Regionalzeitung beauftragt, wurde der Schreibende immer wieder mit Zweifeln konfrontiert: „Mal ehrlich. Haben Sie nicht das Gefühl, dass das Internet genauso wie einst Videotext wieder verschwinden wird?“, wollte der skeptische Verlagsdirektor wissen.

Der Mann ist mittlerweile weg, das Internet ist geblieben. Geblieben ist auch das tiefe Misstrauen der Zeitungsbranche gegenüber dem jungen Medium. Und die Inkompetenz. „Heute nutzt die große Mehrheit der Online-Titel das Potenzial des Internets noch viel zu wenig. So wirken auch die meisten Zeitungen eher wie elektrifizierte Print-Zeitungen“, schrieb ich 1995 als Publizistikstudent etwas nassforsch in der „Luzerner Zeitung“. Damals gingen die ersten Blätter in der Schweiz online.

Als Nonplusultra galt der Internet-Auftritt des Nachrichtensenders CNN. Videoclips, Soundbites und Farbfotos peppten die Artikel multimedial auf. Viele Internet-Zeitungen hier zu Lande können selbst heute dem früheren CNN Interactive nicht das Wasser reichen. Eine verbesserte Menüführung, aktuelle Agenturmeldungen sowie knallige Popup-Anzeigen sind kein nennenswerter Fortschritt.

Dabei hat sich das Internet technisch rasant verändert. In jeden Haushalt führt eine dicke Datenleitung, deren Übertragungskapazität im Schnitt vierzigmal schneller ist als die früheren Dial-Up-Modems. Dank leistungsfähigen und günstigen Drahtlosverbindungen sind Multimedia-Inhalte jederzeit, überall und kinderleicht zugänglich.

Dazu kommt die wachsende gesellschaftliche Bedeutung des Internets. Web 2.0 steht für die mediale Demokratisierung. YouTube, MySpace, Flickr oder Second Life – hier konsumieren die Internet-Nutzer Inhalte nicht nur, sie produzieren sie gleich selbst. Es sind solche Foto-, Video-, Musik- und Blog-Sammlungen, die zunehmend junge Menschen von der Zeitungslektüre weglocken. Doch Verlage, die sich mit Pseudoblogs anbiedern, wirken in der Blogosphäre unglaubwürdig. Wie Erdölkonzerne, die plötzlich Solarstrom propagieren.

Weltweit rund 200 Gratiszeitungen
Dem anfänglichen Credo „Dabei sein ist alles“ folgten keine durchdachten Strategien. Nur logisch, dass der erhoffte Erfolg ausgeblieben ist: Die Online-Einnahmen können nicht annähernd die Offline-Verluste kompensieren – notabene Anzeigen- und Auflagenverluste, die sich mittlerweile als struktureller Natur herausgestellt haben.

Vom Ziel, mit Online-Versionen junge Leser zurückzugewinnen, haben sich die Verlage still verabschiedet. Nur noch ein Drittel der Zeitungsleser sind unter 34 Jahre alt, die Nutzer der Internet-Pendants sind teilweise gar älter. Auch im überlebenswichtigen Rubrikenmarkt sieht es nicht gut aus. Fast 90 Prozent der online geschalteten Stellen-, Immobilien- und Autoanzeigen sind in branchenfremden Händen.

So weit, so schlecht. Es gibt dennoch Hoffnung. Ironischerweise fand die Zeitungsrevolution nicht online, sondern offline statt. Sie nahm ihren Anfang ausgerechnet 1995, als das World Wide Web rasch an Popularität gewann: In Stockholm ging mit „Metro“ die erste Gratiszeitung in Druck. Heute gibt es weltweit beinahe 200 Gratistitel. In vielen Ländern stieg ein kostenlos verteiltes Printmedium zur auflagenstärksten Zeitung auf. In der Schweiz ist es „20 Minuten“, das wie die „SonntagsZeitung“ von der Tamedia herausgegeben wird.

Online-Titel können Print-Monopole brechen
Ausgerechnet auf Papier kommt auch die Lösung eines wachsenden Problems: Junge Menschen wenden sich dank Gratisblättern wieder massenhaft der Zeitung zu. Ob auch der Auflagen- und Anzeigenrückgang gestoppt oder zumindest verlangsamt werden kann, darüber lassen sich noch keine Aussagen machen. In Stockholm jedenfalls ist der Printmarkt insgesamt gewachsen.

Eine junge Leserschaft und umsonst, kein Wunder, dass die Gratisblätter das Internet am besten begreifen. Ob 20min.ch oder cash daily.ch, bei beiden Sites handelt es sich um multimediale und interaktive Wundertüten. Nicht zuletzt die Gratiskultur des Netzes hat den Gratisgazetten den Weg geebnet. Ihr Erfolg ist jedoch ein zweischneidiges Schwert. Haben sich die Nutzer einmal an kostenlose Inhalte gewöhnt, sinkt die Zahlungsbereitschaft gegen Null.

Kostengünstig produzierte Gratiszeitungen setzen wiederum die Bezahlzeitungen unter Druck. Dabei ist der Leidensdruck ungleich groß. Monopolzeitungen „können die Produktion etwas gewagter herunterfahren. In der Schweiz gibt es gut ein halbes Dutzend solcher Regionen, wie etwa Basel, Luzern oder St. Gallen“, schreibt die „Neue Zürcher Zeitung“. Da ist es gut, wenn Online-Titel wie Appenzell24 den lokalen Print-Fürsten richtig einheizen und für publizistischen Wettbewerb sorgen.

Michael Soukup leitet das Ressort Multimedia bei der in Zürich erscheinenden „SonntagsZeitung“. Dieser Beitrag ist am 07.01.2007 in dieser Zeitung erschienen.

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