Netzeitung: „Spaß als David gegen die Goliaths“

Michael Angele (Foto: Netzeitung | [M]: ojour)Warum hat die Netzeitung das Thema Video verschlafen? Wie geht es weiter nach der Trennung von der Readers Edition? Warum weist die Netzeitung ihre Reichweite nach wie vor nicht nach IVW aus? Und wie will die Redaktion gegen die Online-Offensiven der großen Medienhäuser bestehen? Fragen an Chefredakteur Michael Angele.

Seit dem Ausscheiden ihres Gründers Michael Maier Ende letzten Jahres hat die Netzeitung eine Doppelspitze. Nach dem dringend notwendigen optischen Rebrush im Februar titelte die „Süddeutsche Zeitung“: „Die Netzeitung steht zum Verkauf und putzt sich heraus“. Ob es aber reicht, um angesichts der Pläne der großen Medienhäuser nicht unterzugehen? Michael Angele, neben Matthias Ehlert einer der beiden neuen Chefredakteure, vergleicht sein Medium mit der oft totgesagten „taz“ und will auf „intelligenten Boulevard“ setzen.

Das Interview mit Michael Angele wurde per E-Mail geführt, die Fragen stellte die Redaktion von onlinejournalismus.de.

Welche Pläne hat die Netzeitung für 2007?

Um einen Wunsch des Welt-Online-Bloggers Daniel Fiene aufzugreifen: Wir möchten schon wieder eine „kleine Vorreiterrolle“ als Online-Zeitung übernehmen. Ich sage Zeitung, meine aber, dass die Online-Zeitung der Zukunft ein Magazin sein wird. Das heißt, dass wir unsere News-Kompetenz ergänzen müssen. Ganz wichtig scheint mir, Formate zu stärken, die sich online gut lesen lassen. Interviews, aber auch kurze, pointierte Meinungsstücke. Hier kann man viel von den Bloggern lernen, ohne klassische journalistische Tugenden aufzugeben. Wir haben das mit dem „Berlinale-Trip“ versucht, mit guter Resonanz bei den Lesern. Generell möchten wir uns hin zu einem intelligenten Boulevard bewegen. Ich betone: intelligent, also kein Hetz- und Meutejournalismus. Aber das Internet ist nun einmal, wenn man so will, ein gigantischer Boulevard.

… der auch als Themenpool eine noch größere Rolle spielen soll …

Vielleicht ist Ihnen bereits aufgefallen, dass wir die Internetberichterstattung ausgebaut haben. Mit Bodo Mrozek haben wir einen hervorragenden Mann gewonnen, der dieser Tage zum Beispiel ein viel zitiertes Interview mit einem Anwalt über die strafrechtlichen Probleme geführt hat, die aus dem Sex von und mit Avataren entstehen können.

Manchmal machen Sie es aber genauso wie weniger internetaffine Medien: Was ist das für eine Netzeitung, die es in ihrem Internet-Ressort nicht mal schafft, bei so einem Artikel „Bizarrer Ullrich-Auftritt im Internet“ einen Link auf die betreffende Seite zu legen?

Das war eine dpa-Meldung, die vom Sport-Ressort mit Höchstgeschwindigkeit reingestellt wurde, nicht vom Internet-Ressort. Dennoch: das macht keinen guten Eindruck, da gebe ich Ihnen recht.

Was waren die letzten drei Reportagen oder Berichte, die die NZ vor Ort recherchiert hat?

Ich denke, dass man durchaus auch am PC recherchieren kann, fragen Sie mal unsere Netzreporterin Caroline Benzel. „Vor Ort recherchiert“ heißt bei uns daneben primär: Telefonieren, telefonieren, telefonieren – wir machen ja sehr viele Interviews -, heißt, schauen, schauen, schauen (TV) und lesen, lesen, lesen (alles, was uns in die Finger kommt). In der Tat heißt es weniger: Rausgehen und aufschreiben. Wiewohl auch dieses geschieht, so haben wir neulich das Berliner Ensemble aufgesucht, um uns über die künftigen Arbeitsbedingungen von Christian Klar ins Bild zu setzen.

Warum hat die NZ das Thema Video bisher verschlafen?

Seit Matthias Ehlert und ich hier die Chefredaktion bilden, seit drei Monaten also, hat das Thema höchste Priorität. Wir müssen aber a) mit unseren Ressourcen sehr sorgfältig umgehen, und b) ist es wahnsinnig schwierig, gelungene Video-Formate zu kreieren – wie jeder an einem fast beliebigen Beispiel sehen kann. Deswegen lassen wir uns bei der Entwicklung Zeit.

In den nächsten Tagen werden wir mit Jürgen Kuttner online gehen. Der Vater von Sarah Kuttner wird für uns You-Tube-Videos kommentieren: Es wird sehr lustig. Ich bin seit vielen Jahren ein Fan seiner „Videoschnippsel“-Show in der Berliner Volksbühne und es macht mich stolz, dass wir ihn für die Netzeitung gewinnen konnten. Eine weitere Kooperation sind wir mit dem hier in Berlin kultisch verehrten „WM-Studio Mitte“ eingegangen, mit dem wir eine Bundesligashow entwickeln.

Trotzdem, wie wollen Sie mithalten, wenn die großen Print- und TV-Häuser jetzt anfangen, deutlich mehr ihrer ohnehin vorhandenen Ressourcen online ins Gefecht zu werfen? Da hat die Netzeitung doch kaum Chancen.

Die „taz“ gibt es ja auch noch, obwohl sie seit Jahren totgesagt wird. Unabhängig davon, dass wir möglicherweise bald an einen größeren Verlag verkauft werden: natürlich ist es schwierig, aber es macht auch Spaß, als David gegen die Goliaths zu spielen. Ich bin Schweizer, und als solcher gewohnt gegen übermächtige Gegner zu bestehen. Wenn alles gut läuft, werden wir Fußballzwerge nächstes Jahr sogar Europameister.

Aber zurück zur Netzeitung: Unsere Chancen liegen darin, dass wir flexibler und frecher sein können als die großen Portale. Nur ein Beispiel: Satire wird sowohl bei Spiegel Online als auch bei Welt Online in ein Reservat gesteckt. So können natürlich keine Überraschungseffekte entstehen. Wir dagegen haben schon mal eine, vorsichtig ausgedrückt, augenzwinkernde „Blattkritik“ an der deutschen „Vanity Fair“ auf den Titel gehoben.

Warum wurden die „News im Web“ mit dem Relaunch abgeschafft?

Die News im Web waren sehr teuer, und um sie nach unseren Vorstelllungen zu optimieren, hätten wir nochmals investieren müssen, das ging nicht. Wir haben andere Prioritäten gesetzt. So wollen wir nun erst einmal unsere eigene Suche verbessern.

Wie ist Ihr künftiges Verhältnis zur Readers Edition?
Freundschaftlich. Die Readers Edition wird weiterhin auf unserer Titelseite verlinkt.

Nach dem optischen Redesign mussten wir diesen Link aber erst einmal angestrengt suchen … Haben Sie da noch einmal nachgebessert?

Ja, schauen Sie nach auf der Titelseite, unter der Navigation…

Ist das Thema User-generated Content jetzt für Sie erst mal beendet? Oder werden Sie versuchen einzelne Blogger oder einige Bürgerjournalisten mit ins Boot zu holen?

Ja, wir haben nicht vor, mit Readers Edition zu konkurrieren. Blogger sind schon jetzt im Boot, der eine oder andere Autor bloggt in seiner Freizeit. Und sollte uns ein Bürgerjournalist auffallen und begeistern, so könnte ich mir schon vorstellen, dass wir versuchen werden, ihn für uns zu gewinnen.

Warum weist die Netzeitung ihre Zahlen immer noch nicht nach IVW aus? Bei allen Unzulänglichkeiten von IVW würde es einen Vergleich mit den Mitbewerbern erleichtern.

Das ist eine Entscheidung der Geschäftsführung. Es steht mir nicht an, sie hier zu kommentieren.

Die Netzeitung arbeitet mit einer Art „Verlagsbeilagen“ und liefert Dienstleistungen für andere. Wäre es da nicht konsequent, künftig als redaktionelles Aushängeschild bei Freenet, T-Online oder ähnlichen Angeboten anzudocken?

In der Tat liefern wir bereits „Content“ an Dritte. Natürlich schaut die Geschäftsführung stets nach weiteren Partnern. Aber sie sollten schon zu uns passen.

Aber ob die Netzeitung sich künftig, statt nur zu syndizieren, vollständig unter ein fremdes Firmen-Dach begeben wird, können Sie vermutlich auch noch nicht sagen? Wenn Sie sich aus redaktioneller Sicht aussuchen könnten, wer die Netzeitung übernimmt – wer könnte das sein?

Jemand der ein großes Herz und eine volle Geldbörse hat. Sorry, aber genauer kann ich Ihnen das hier nicht sagen.

Auch in einem Jahr wird Spiegel Online wahrscheinlich weiterhin die Nummer 1 sein. Wo sehen Sie dann die Netzeitung im Vergleich zu den Mitbewerbern?

Mein Ziel wäre erreicht, wenn mehr Menschen, als man glauben mag, etwas fehlte, wenn es die Netzeitung nicht mehr gäbe.

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