Sueddeutsche.de: „Vielleicht waren wir zu zögerlich“

Sueddeutsche.de-Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs

Im vergangenen Sommer wollte der Verlag die Redaktion noch nach Prag auslagern, jetzt wird personell aufgestockt. Ist jetzt alles im Lot bei Sueddeutsche.de? Wir sprachen mit Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs über dieses Thema, die gefühlte Boulevardisierung von Sueddeutsche.de und die Rechtschreibfehler dort.

Hans-Jürgen Jakobs ist seit Dezember 2006 Chefredakteur des Internet-Portals der „Süddeutschen Zeitung“. Der 50-jährige Diplom-Volkswirt leitete seit 2001 das Medien-Ressort des Blattes. Zuvor war Jakobs Redakteur beim „Spiegel“ und Leiter der Wirtschaftsredaktion der Münchner „Abendzeitung“. Das Gespräch fand Mitte März statt und wurde in ähnlicher Form im „BJV report“ des Bayerischen Journalisten-Verbands veröffentlicht.

Im vergangenen Jahr gab es noch aberwitzige Überlegungen, fast die ganze Redaktion von Sueddeutsche.de nach Prag auszulagern. Jetzt werden Redakteure eingestellt. Wie kam es zu diesem Sinneswandel?

Da sehen Sie, wie schnell der Markt ist. Es ist gut, wenn man sich flexibel den Entwicklungen anpasst. Die Verantwortlichen aus Print- und Online-Redaktion haben im Herbst noch mal darüber nachgedacht, wie man sich am besten aufstellt, welche Möglichkeiten es gibt und wie wir die Zusammenarbeit zwischen Zeitung und Internet-Angebot verbessern können. Wir haben dann ein Konzept erstellt. Getrieben wurden wir vor allem durch die Bemühungen der Konkurrenz. Wir haben beobachtet, dass dort kräftig investiert wird und viel zusammenwächst. Und zum anderen sahen wir die sehr guten Prognosen im Online-Werbemarkt. Unsere grundlegende Erkenntnis war, dass man dieses Potenzial am besten mit Qualität ausschöpfen kann – mit einem Qualitätsjournalismus, der auch online der gedruckten Zeitung entspricht. Wir haben auch erkannt, dass wir in den vergangenen Jahren vielleicht zu zögerlich waren.

Wie groß ist die Redaktion jetzt?

Wir stocken auf, von bisher zehn auf 25 Redakteure, außerdem haben wir zehn Pauschalisten.

Die „Welt“ hat kräftig in ihr Internet-Portal investiert und praktiziert nun das so genannte „Online first“, alle Artikel werden, noch bevor sie in der Print-Ausgabe erscheinen, online publiziert. Wie gehen Sie mit Online first um?

Auch die „Welt“ kann an dem Umstand nicht vorbei, dass ein Artikel erst dann veröffentlicht werden kann, wenn er fertig recherchiert und redigiert ist. Das braucht Zeit. Nach meiner Beobachtung bleibt daher in der Praxis von Online first wenig übrig. Zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist da noch ein Riesenunterschied.

Wir versuchen durch die bessere Koordination zwischen Zeitungs- und Internet-Redaktion zu schauen, was ist früher fertig, was können wir ab 14 Uhr noch dem Publikum bieten. Noch ist das Internet vor allem ein Büromedium: Die Zugriffsspitzen sind morgens, mittags und kurz vor Büroschluss. Es nutzt nichts um 18 Uhr oder später etwas anzubieten, wenn kaum mehr einer da ist. Diese Einsicht haben jetzt alle im Haus gefunden. Wir denken, das ist ein ganz wichtiges Qualitätsargument und hilft sehr stark bei der Weiterentwicklung der Zeitung.

Muss es also in Zukunft noch schneller gehen?

Online ist ein schnelles Medium. Aber gute Journalisten sind auch schnell.

Aber geht das nicht auf Kosten der Qualität, bei Sueddeutsche.de entdecke ich beispielsweise auffällig viele Rechtschreibfehler?

Sie entdecken diese Rechtschreibfehler natürlich auch in Printprodukten. Aber Sie haben Recht: Das sollte natürlich nicht sein, wir müssen da alle Anstrengungen unternehmen. Nun ist diese Redaktion noch im Aufbau, wir denken darüber nach, wie wir den Dienst eines Schlussredakteurs organisieren können, um da mehr Qualitätskontrolle zu haben. Da müssen wir sorgsamer sein!

Einer Broschüre Ihres Hauses entnehme ich: „Nur 12 Prozent (150.000 Personen) der täglichen „SZ“-Leser sind auch Nutzer pro Woche von Sueddeutsche.de bzw. 15 Prozent der Sueddeutsche.de-Nutzer sind auch „SZ“-Leser.“ Ohne jetzt genaue Zahlen zu nennen, wie sollen sich diese Verhältnisse in Zukunft entwickeln?

Da kann man keine Plangrößen nennen, das ergibt sich aus den Marktprozessen. Online sprechen wir eine ganz andere Klientel an – jüngere Zielgruppen. Die lesen die Zeitung vor allem im Internet. Es ist für uns wichtig, dass sie dort erfahren, was Journalismus der „Süddeutschen Zeitung“ bedeutet, damit sie später vielleicht die Zeitung abonnieren. Deswegen sprechen wir diese Leute gezielt an. Es kann aber auch sein, wenn die Internet-Verbreitung noch stärker steigt und die Breitbandausstattung noch besser wird, dass auch Ältere mehr surfen, das noch mehr von zuhause gesurft wird. Und das es dadurch neue Verbindungen zwischen Print und Online gibt. Was dann in der Praxis möglich sein wird, muss man sehen.

„Der Quotendruck im Internet ist viel größer als im Fernsehen“, sagten Sie kürzlich. Zugleich können Sie aber die Quote recht einfach steuern. Wie gehen Sie damit um? Ich habe den Eindruck, dass der Quotenbringer Boulevard bei Sueddeutsche.de eine besonders große Rolle spielt …

Wir müssen versuchen, mit sicheren Reichweitenbringern sozusagen die Ernte einzufahren, um im Wettbewerb mit anderen nicht zurückzufallen oder eine schöne Distanz zu den Verfolgern herzustellen. Das schaffen wir mit klassischen journalistischen Tugenden auch im Online-Bereich, auch wenn das nicht so stark geklickt wird. Wir halten es für wichtig, dass wir da die Fahne hochhalten, Recherche betreiben, guten Journalismus haben, politische Themen wahrnehmen.

Wenn wir an anderer Stelle mit Themen aus den Bereichen Panorama oder Lifestyle eine große Reichweite erzeugen, dann hilft uns das bei der Arbeit mit schwereren Themen. Das ist eine Art Doppelstrategie, die wir eingehen müssen. Es gibt nun mal gewisse Leserinteressen und -phänomene, die man wahrnimmt. Klar, bestimmte Themen sind journalistisch attraktiver. Ob es gleich immer Boulevard ist? Auf jeden Fall darf es nicht unter die Gürtellinie gehen.

Machen Sie sich keine Sorgen um die Zukunft der gedruckten Zeitung?

Nein. Ich glaube das gute Redaktionen stark bleiben, wenn sie das Zusammenspiel zwischen Print und Online beherrschen lernen. Beide Medien können sich gegenseitig stärken.

Funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Print und Online bei Ihnen im Hause denn nun besser, in der Vergangenheit war dies ja nicht unbedingt der Fall?

Ja, es funktioniert besser. Es ist ein nicht immer einfacher Gewöhnungsprozess. Aber es gibt kein prinzipielles Misstrauen mehr. Klar, man reibt sich mal, aber das ist produktiv. Wir entwickeln den Journalismus zusammen. Es ist ein Lernexperiment, man weiß nicht, was sich bewähren wird. Was ich gleich gemacht habe, als ich hier angefangen habe: Die Online-Kollegen sitzen jetzt mitten im Newsroom der Zeitung. Das hat eine ganz andere Aktualität und Schnelligkeit mit sich gebracht.

Ich hatte in der Vergangenheit oft den Eindruck, dass wir Wesentliches verpasst haben oder dass zu oft inaktuelle Meldungen auf der Seite standen. Wenn der Nachrichtenbereich nicht richtig gepflegt ist, macht dies keinen guten Eindruck in der Öffentlichkeit. Wir sind nicht nur ein Nachrichtenportal, sondern vor allem ein Autoren- und Meinungsportal. Aber auch das basiert auf Nachrichten und die müssen erst mal aktuell eingefangen werden – dazu brauchen wir alle Ressourcen und Kräfte.

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