Quälende Langeweile auf blog.tagesschau.de

Von Fabian Mohr am 21. April 2007

Kann, bitte, jemand Herrn Dr. Gniffke diskret zur Seite nehmen und ihm den Unterschied zwischen einem Redaktionsblog und presse.daserste.de erklären?

Das Blog der Tagesschau, eigentlich ein spannendes Projekt, langweilt immer mehr mit Schulterklopfen in eigener Sache und Nichtigkeiten aus dem Redaktions-Alltag. Je mehr ich darin lese, desto weniger bin ich mir auch sicher, ob es überhaupt eine gute Idee ist, wenn Redaktionsleiter über ihr eigenes Produkt bloggen.

Es ist natürlich das gute Recht jedes Chefs, sich, sein Team und den gemeinsamen Output ganz, ganz großartig zu finden. Aber als roten Faden für ein Blog? Irrelevant, verschwendet meine Zeit.

Nun ist es nicht so, dass blog.tagesschau.de nicht auch über die redaktionellen Prozesse berichtet, an deren Ende dann eine Nachrichtensendung mit einer bestimmten Themenauswahl steht. Das sind die spannendsten Beiträge, dafür ist so ein Blog da - aber auch hier irritiert immer wieder, wie vorhersehbar die Texte geschrieben werden, um sicheren Applaus einzufahren:

“Das Video des Amokläufers - nicht bei uns!”

Come on. Das ist eine Sorte Pathos, die die Tagesschau nicht nötig hat.

Noch ein Tipp: Richtet der Produktion doch mal ein eigenes Blog ein. Da kann sie dann über verspätete Flüge und geplatzte Scheinwerfer schreiben.

Auf blog.tagesschau.de würde ich gerne - verlässlich - relevantere Informationen lesen, die mit etwas mehr Distanz verfasst wurden. So, wie ich es von Public Eye oder The Editors gewohnt bin.

Disclaimer: Ich habe bei mehreren Gelegenheiten für tagesschau.de als freier Autor gearbeitet und schätze tagesschau.de sehr, bin deswegen mittelschwer befangen.

14 Antworten zu “Quälende Langeweile auf blog.tagesschau.de”

  1. Marc sagt:

    Dass da was schief läuft, zeigt mir schon, dass der tagesschau.de-Chefblogger es nicht lassen kann unter seinem vollen Namen plus Doktortitel zu bloggen. Vor allem, weil man in der Berichterstattung solche Titel locker unter den Tisch fallen lässt.

    Meinetwegen kann man im Impressum damit kommen, aber tagesschau.de sollte für sich schon ausreichend seriös sein.

  2. Florian sagt:

    Mag sein, daß das Tagesschau-Blog ein wenig nachgelassen hat bzw. pressesprecherisch ein wenig zugelegt hat; ich halte es trotzdem unter dem Strich für das gelungenste Redaktionsblog eines deutschen Mediums.

  3. Frederic Schneider sagt:

    Ich bin vom Redaktionsblog von tagesschau.de ebenfalls nicht enttäuscht. Es macht Spaß, etwas über die Hintergründe zu erfahren. Etwas viel Eigenlob ist drinnen, gewiss. Das hat der Herr Chefredakteur von ARD Aktuell auch bereits selbst festgestellt, aber noch nichts dran geändert. Ich sehe das insgesamt aber nicht so schlimm.

    Vielleicht sollte onlinejournalismus.de, statt tagesschau.de zu kritisieren, die 18 Uhr-Vorschau auf die Tagesthemen würdigen. Die Redaktion produziert exklusiv für Online ein kleines, meist zirka einminütiges Video, in dem die voraussichtlichen Themen des Abends vom jwg. Moderator (Tom Buhrow oder Anne Will) vorgestellt werden.

  4. Wolf-Dieter Roth sagt:

    Hi Fabian,

    genau aus diesem Grund habe ich den Sinn “offizieller” Blogs nie verstanden.

    Wo ist der Sinn, wenn das Blog dann eine rein technisch abgesetzte, aber ansonsten wieder genauso offizielle Veranstaltung ist wie die normale Newsseite?

    Das ist wie die Rubrik “Meine Meinung” in manchen Testberichten in Computerzeitschriften, wo es alles sein darf, nur nicht die Meinung des Redakteurs. Eher die des Chefs. Nur konsequent, wenn dann auch nur der bloggt. Nur wenige Verlage trauen sich wohl, jemand wie Knüwer freie Fahrt zu geben, und bei der Tagesschau hätte ich das auch nicht erwartet. Es wird nur kontrolliert aus dem Nähkästchen geplaudert und für externe Zusatzthemen fehlt die Zeit. Abgesehen davon, daß typische Einträge wie “Kaffee heute wieder sehr dünn” in Redaktionsblogs das Vorurteil, Blogs seien Online-Tagebücher, nur wieder anfüttern.

    Mutig, daß Du Dich traust, das so offen zu sagen. Sehe ich nicht als befangen, im Gegenteil, ich könnte mir vorstellen, in der Situation befangen zu sein und zu schweigen…

    Wolf

  5. Fabian Mohr sagt:

    Florian: Ich weiß nicht, wieviele ausgewiesene Redaktions-Blogs von deutschen Medien Du kennst - mir fallen nicht viele ein. Ich verstehe auch nicht ganz, wieso man den Vergleich auf *deutsche* Medien beschränken sollte. Die Maßstäbe werden z. Zt. sicher woanders gesetzt, meinst Du nicht?

    Frederic: Bitte genau lesen, niemand kritisiert die Arbeit von tagesschau.de. Zur Debatte steht, was die Chefs von ARD aktuell (Fernsehen) im Blog der Tagesschau schreiben. Ja, das läuft auf der Domain der tagesschau.de, hat aber für mich im Kern nichts mit der Arbeit der Online-Kollegen zu tun.

    Wolf-Dieter: Ich verstehe nicht ganz, was daran “mutig” sein soll? Wenn jemand für ARD aktuell ein Blog schreibt, sich damit in eine öffentliche Konversation begibt - dann ist Dissens und Kritik in der Sache doch etwas ganz normales. Was ist daran “mutig”, diese Konversation auf onlinejournalismus.de weiterzudrehen? Ich finde das, ganz im Ernst, völlig normal.

  6. Wolf-Dieter Roth sagt:

    Fabian, wenn das bei der ARD wirklich etwas ganz Normales ist, daß man so offen diskutieren kann, ohne negative Folgen, dann ist das lobenswert. Ich bin da halt mißtrauisch, denn ich habe im Laufe der Jahre genug anderes erlebt (nicht bei der ARD). Wenn Du da mal irgendwo etwas öffentlich unter Nennung von Roß und Reiter diskutiert hast, egal wie harmlos, haben nur wenige die Ruhe, Dir noch weiter Aufträge zu geben. Und umgekehrt, wenn Dein Chef Dir etwas sagen will, läßt er es mitunter auch Dritte unter falschen Namen sagen. Extrem feige, sehr schlecht. Solche Leute verlieren meinen Respekt, auch wenn ich Jahre mit ihnen zusammengearbeitet habe. Aber es ist “normal” im Sinne von “die Norm”. Leider.

    Wolf

  7. Fabian Mohr sagt:

    Wolf-Dieter: Nicht falsch verstehen, aber hier ging es um blog.tagesschau.de und ein paar kritische Zeilen dazu. Das driftet mir gerade etwas zu sehr in die paranoide Ecke ab.

  8. Wolf-Dieter Roth sagt:

    “Etwas” oder “zu sehr”? :-)

    Nee, paranoid is das gar nicht. Da hat schon weit weniger gereicht. Haben mir schon genügend Kollegen ihr Leid geklagt und die sind nun sicher nicht alle paranoid. Außerdem ist “paranoid” sowas von out und oldfashioned, das heißt mittlerweile wenigstens “Verschwörung 2.0″. Obwohl, nee, da is ja gar kein (D)Englisch drin. Also “Conspiration 2.0″.

    :-)

  9. Fabian Mohr sagt:

    OK, sagen wir: Etwas.

  10. Florian sagt:

    Fabian: Ich kenne auch nicht viele, und noch weniger, die aktuell noch online sind; das ändert aber doch nichts daran, daß ich das der Tagesschau für das gelungenste Beispiel bislang halte. Und von den deutschen Medien spreche ich, gerade weil die Maßstäbe anderswo weit höher liegen. Im Vergleich mit USA oder GB mag das Tagesschaublog lahm sein, jau, geschenkt. Dafür, daß beim Thema Blogs in deutschen Medienunternehmen regelmäßig auch noch der offensichtlichste Fehler mitgenommen wird, finde ich es erstaunlich trittsicher.

  11. Fabian Mohr sagt:

    Florian: Ja, so kann man es sehen :-)

  12. Fiete Stegers sagt:

    Ein neues Chefredakteursblog: Christoph Keese von der Welt

  13. Weltleser sagt:

    Aber Keese-Blog scheínt mir ein Strohfeuer zu sein, hyperventiliert aufgesetzt und dann einfach nicht (klug) fortgesetzt

  14. Fiete Stegers sagt:

    blog.tagesschau.de in der Titanic - und die Reaktionen hier

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