Lange Durststrecke bei Sueddeutsche.de

Hui, das hört sich aber alarmierend an. Es läuft doch so prima bei Sueddeutsche.de, heißt es immer wieder (Pressemitteilung vom 05.04.07: „Sueddeutsche.de erstmals über 80 Mio. PIs“). Aber es ist ja nichts Schlimmes: Die Münchner feiern den Tag des Bieres mit einer „Durststrecke“ der angeblich „100 besten Biere der Welt“, von Hopfenkaltschale Nummer 1 bis 100 kann geklickt werden (mein Expertentipp, bei Nummer 4 können Sie schon aufhören). Ja, und? Wenn die Leute so blöd sind und viel anklicken – warum soll man das nicht anbieten, mag man vielleicht jetzt einwenden. Und jetzt kommen Sie mir nicht mit Qualitätsjournalismus. Und außerdem: Etwas lustiger kann’s auch mal zugehen, Prost! (Der Autor des Bierbuches heißt übrigens Michael Rudolf und nicht Rudolf Michael, aber bei so lustigen Inhalten kann schon mal was durcheinander geraten).

Unter anderem über solche „Taschenspielertricks“ berichtet sehr praxisnah ein aktuelles Gutachten der Friedrich-Ebert-Stiftung (einer der beiden Autoren wies uns in einem Kommentar darauf hin). Die Autoren folgern:

„Die hohen Klickzahlen der Newsportale übertünchen einen wichtigen Aspekt: Die wenigsten Klicks der verlegerischen Sites gehen auf redaktionelle Inhalte zurück. Die meisten Portale und wohl auch Zeitungen generieren nicht einmal ein Fünftel ihrer Zugriffe aus originären redaktionellen Texten. Das Gros der Klicks ist dem Einsatz von Bildergalerien, dem Zugriff auf Wertpapierdepots, Partnerbörsen, Aktienkurs-Abfragen, Job-Datenbanken geschuldet, die allesamt in die Klickstatistik einfließen. So haben die offiziell verbreiteten Einschaltquoten nur bedingten Aussagewert über die tatsächlichen Vorlieben der Kunden.“ (S. 60)
„Das ambivalente Beispiel »Spiegel Online« zeigt, dass selbst das unangefochtene Leitmedium zu Taschenspielertricks greifen muss, um gegen die unjournalistischen Unterhaltungsportale bestehen zu können. (…) Ansprüche und Grundsätze des klassischen Qualitäts-Journalismus werden in der Folge weiter erodieren. Dieser Prozess kann noch drei, fünf oder acht Jahre dauern. Dann spätestens werden sich etliche Leser ermattet abwenden von den aufgeregten, hyperventilierenden, sensationsgeilen Sites der Unterhaltungsportale und ihrer journalistischen Klone.“ (S. 81)

Studie: Klicks, Quoten, Reizwörter: Nachrichten-Sites im Internet – wie das Web den Journalismus verändert: Gutachten im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung / Steffen Range; Roland Schweins, Berlin 2007. Download: PDF-Datei, 120 Seiten, 2,3 MB. Die beiden Autoren betreiben ein Weblog und versprechen darin: „Werkkanon macht sich stark für Qualitätsjournalismus im Web. Werkkanon entlarvt, wo Quote Qualität aussticht.“

Zum Thema bei onlinejournalismus.de:

Nachtrag 26.04.07
Unser Autor Klaus Meier, Professor an der Hochschule Darmstadt, kritisiert die vorgenannte Studie im Blog Journalismus-Darmstadt.de unter anderem als ein „kulturpessimistisches Haudraufgutachten“. Die Autoren antworten darauf in ihrem Blog Werkkanon.

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