Lange Durststrecke bei Sueddeutsche.de

Von Thomas Mrazek am 23. April 2007

Hui, das hört sich aber alarmierend an. Es läuft doch so prima bei Sueddeutsche.de, heißt es immer wieder (Pressemitteilung vom 05.04.07: “Sueddeutsche.de erstmals über 80 Mio. PIs”). Aber es ist ja nichts Schlimmes: Die Münchner feiern den Tag des Bieres mit einer “Durststrecke” der angeblich “100 besten Biere der Welt”, von Hopfenkaltschale Nummer 1 bis 100 kann geklickt werden (mein Expertentipp, bei Nummer 4 können Sie schon aufhören). Ja, und? Wenn die Leute so blöd sind und viel anklicken - warum soll man das nicht anbieten, mag man vielleicht jetzt einwenden. Und jetzt kommen Sie mir nicht mit Qualitätsjournalismus. Und außerdem: Etwas lustiger kann’s auch mal zugehen, Prost! (Der Autor des Bierbuches heißt übrigens Michael Rudolf und nicht Rudolf Michael, aber bei so lustigen Inhalten kann schon mal was durcheinander geraten).

Unter anderem über solche “Taschenspielertricks” berichtet sehr praxisnah ein aktuelles Gutachten der Friedrich-Ebert-Stiftung (einer der beiden Autoren wies uns in einem Kommentar darauf hin). Die Autoren folgern:

“Die hohen Klickzahlen der Newsportale übertünchen einen wichtigen Aspekt: Die wenigsten Klicks der verlegerischen Sites gehen auf redaktionelle Inhalte zurück. Die meisten Portale und wohl auch Zeitungen generieren nicht einmal ein Fünftel ihrer Zugriffe aus originären redaktionellen Texten. Das Gros der Klicks ist dem Einsatz von Bildergalerien, dem Zugriff auf Wertpapierdepots, Partnerbörsen, Aktienkurs-Abfragen, Job-Datenbanken geschuldet, die allesamt in die Klickstatistik einfließen. So haben die offiziell verbreiteten Einschaltquoten nur bedingten Aussagewert über die tatsächlichen Vorlieben der Kunden.” (S. 60)
“Das ambivalente Beispiel »Spiegel Online« zeigt, dass selbst das unangefochtene Leitmedium zu Taschenspielertricks greifen muss, um gegen die unjournalistischen Unterhaltungsportale bestehen zu können. (…) Ansprüche und Grundsätze des klassischen Qualitäts-Journalismus werden in der Folge weiter erodieren. Dieser Prozess kann noch drei, fünf oder acht Jahre dauern. Dann spätestens werden sich etliche Leser ermattet abwenden von den aufgeregten, hyperventilierenden, sensationsgeilen Sites der Unterhaltungsportale und ihrer journalistischen Klone.” (S. 81)

Studie: Klicks, Quoten, Reizwörter: Nachrichten-Sites im Internet – wie das Web den Journalismus verändert: Gutachten im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung / Steffen Range; Roland Schweins, Berlin 2007. Download: PDF-Datei, 120 Seiten, 2,3 MB. Die beiden Autoren betreiben ein Weblog und versprechen darin: “Werkkanon macht sich stark für Qualitätsjournalismus im Web. Werkkanon entlarvt, wo Quote Qualität aussticht.”

Zum Thema bei onlinejournalismus.de:

Nachtrag 26.04.07
Unser Autor Klaus Meier, Professor an der Hochschule Darmstadt, kritisiert die vorgenannte Studie im Blog Journalismus-Darmstadt.de unter anderem als ein “kulturpessimistisches Haudraufgutachten”. Die Autoren antworten darauf in ihrem Blog Werkkanon.

9 Antworten zu “Lange Durststrecke bei Sueddeutsche.de”

  1. Matthias Kretschmer sagt:

    Der Drang nach wertlosen Klicks auf sueddeutsche.de ist leider nicht zu übersehen. Nach dem ersten Scrollen fällt es langsam schwer, wirklich relevante Inhalte zu finden. Als langjährigem Leser stößt es einem dabei bitter auf.

    Die Bier-Parade habe ich eher als Parodie auf diese Klick-Sucht verstanden.

    Die wesentlichen Gründe für diesen Trend sehe ich in der falschen Fokussierung vieler Werbe-Kunden auf PIs und auf den falschen internen Controlling-Instrumenten. Ich habe bisher noch kein Online-Reporting gesehen, das auf PIs verzichtet oder diese mit relativ geringer Bedeutung gewichtet.

    Es wird Zeit, dass hochwertigere Daten wie z.B. die AGOF-Reichweiten genutzt werden (wenngleich diese zugegebenermaßen zu stark verzögert und mit zu geringer Frequenz erscheinen).

    Fast möchte man sich wünschen, die verstärkte Nutzung von AJAX würde durch die Hintertür zu einem Umdenken führen.

  2. Holger sagt:

    Ich bin auch recht unglücklich über die Fokussierung auf PI, muß aber zur Eigenwerbung oft darauf zurückgreifen - einfach weil Leute, die sich nicht täglich mit der Materie beschäftigen, versuchen meinen online-Dienst quantitativ mit denen der (Internet-)Konkurrenz zu vergleichen. Und da wird dann bedenklich mit dem Kopf gewackelt, wenn das Verhältnis visit:PI nur 1:4 beträgt, wo doch andere 1:10 aufweisen können! Daß das noch nichts über Zufriedenheit der Nutzer, Wiederkehrrate, Qualität des Angeklickten sagt spielt da keine Rolle.

    Allerdings gefällt mir andererseits auch nicht die pauschale Beurteilung von Fotostrecken, Blogs, Foren usw. als “Klickwüsten”, als minderwertige Zugriffsbereiche. Unsere Fotostrecken bestehen zum Beispiel aus Nachrichtenfotos der Zeitungsfotografen (keine Supermodels o.ä.). Und ist ein Nachrichtenfoto nicht auch hochwertiger Inhalt?

    Übrigens lassen sich für mich als Anbieter Videonews, Webcams und Bildergalerien im AGOF-System nicht als eigenständige Themen zuordnen - die sind lediglich unter der Kategorie Erotik zu finden. Und das Wort Blog habe ich bei der AGOF noch gar nicht entdeckt.

  3. Fiete Stegers sagt:

    Ich habe die Studie noch nicht komplett gelesen, aber was auffällt: Neben treffenden Feststellungen und richtigem Finger-in-die-Wunde -legen schimmert häufig das Mantra “nur hards news sind gut, alles andere zu verurteilen” durch. Etwas volkserzieherisch - ganz so einfach ist es dann ja doch nicht.

  4. Holger sagt:

    Wie das so ist: Da bedauere ich noch heute morgen, daß für Blogs etc. bei IVW und AGOF keine Kategorie existiert und nun erhalte ich soeben eine Rundmail, daß die IVW in Abstimmung mit der AGOF zum Juli die Kategorie “user generated content inklusive verschiedener Unterkategorien” einführen will (erste Ausweisung am 8. August). Dann wird es ja doch noch was mit der Erfassung von Blogs, Galerien, Videos …

  5. Steffen sagt:

    Im Prinzip kann ich der Einschätzung, dass wir im Gutachten dem hard fact orientierten Journalismus etwas nachtrauern, gar nicht widersprechen. Aber natürlich hat auch Unterhaltung ihren berechtigten Platz im Online-Journalismus, wie auch in einer gut gemachten Zeitung. Dass wir diesen Punkt nicht vertiefen, ist der gerafften und bewusst thesenartigen Herangehensweise geschuldet. Wir sind natürlich nicht vollkommen spaßfrei (-; Und haben das deshalb auch im Vorwort zum Ausdruck gebracht: “Die Verfasser wollen sich nicht gemein machen mit jenen, die
    Entertainment im Journalismus per se verachten oder Unterhaltung als Synonym verstehen für Qualitätsverlust. Der Gegensatz von Information ist nicht Unterhaltung, sondern Manipulation und Fälschung. Doch wenn selbst Nachrichten, Faktenwissen und Börsenkurse einem Primat der Unterhaltung unterworfen werden, befindet sich der Qualitäts-Journalismus alter Schule in ernster Gefahr.”

  6. Thomas Mrazek sagt:

    Okay, es schwingt auch ein wenig (Selbst-)Betroffenheit mit, aber es darf sich fast jeder Nutzer drüber aufregen. Sueddeutsche.de veröffentlicht ein Ranking zur Bonität der 36 Bundesligisten und natürlich fragt sich jeder Fußballfan: Wo ist mein Verein?

    Ah, ich weiß es schon aus dem Fließtext, mein Verein (1860) ist Letzter. )-: Hm, dabei haben wir doch mit Stefan Ziffzer so einen tollen Geschäftsführer, das kann doch nicht sein - ich will die Zahlen sehen! Dann mal frohes Klicken, wenigstens hat die Redaktion die Rankings in erste und zweite Liga aufgeteilt, von der Nummer 1 bis zu Nummer 18 heißt es dann, sich fleißig durchzuklicken.

    Vielleicht sollte man aus all diesen Fällen mal ein “Ranking der Nutzerverarschung” erstellen, Sueddeutsche.de, so sehr ich die Inhalte auch mag, hätte mit solchen Stücken gute Chancen, in der Champions League mitzuspielen.

  7. Fiete Stegers sagt:

    “Kommt ein Zyklop zum Augenarzt”: sueddeutsche.de präsentiert jetzt die kürzesten Witze - derzeit 421 an der Zahl. Mindestalter für Einsendungen schätze ich auf 5 Jahre.

  8. Thomas Mrazek sagt:

    Der Vollständigkeit halber sei auch dieses Fundstück hier aufgeführt. Gestern kickte Sueddeutsche.de offenbar einige kritisch kommentierende Nutzer einfach raus, Jens Petersen vom Media Coffee Blog kritisiert: “Souveränität sieht anders aus”. Obacht, es geht schon wieder um Fußball …

  9. Thomas Mrazek sagt:

    Ein Auszug aus der Kolumne “Die lieben Kollegen” von Harald Staun in der “Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung” vom 9.11.2008:

    “In seinem neuen Buch ‘Geist oder Geld’ wetterte jetzt auch der Chefredakteur von ‘Sueddeutsche.de’, Hans-Jürgen Jakobs, gegen ‘grotesk ausgeweitete Bildergalerien’, und wer sich an den Klassiker des Genres auf seiner eigenen Seite, ‘Die 100 besten Biere der Welt’, erinnert, der muss es wohl als freiwillige Selbstbeschränkung gelten lassen, dass aktuell etwa die Bilderstrecke zum Thema ‘Die gefährlichsten Städte Europas’ mit fünfzehn Fotos auskommt.”

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