Bei Diekmanns “Wichsvorlage” endet die innere Pressefreiheit bei Welt.de

Von Thomas Mrazek am 9. Mai 2007

“Bild”-Chefredakteur Kai Diekmann kündigte sein Buch “Der große Selbstbetrug” an, unter anderem rechnet er darin mit den “68ern” ab. Da redete “Welt am Sonntag” Alan Posener in der Welt Debatte mal tacheles über Diekmanns Arbeit:

“Die 68er haben K.D, gezwungen, als Chefredakteur der Bildzeitung nach Auffassung des Berliner Landgerichts “bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung Anderer” zu ziehen. Die 68er zwingen ihn noch heute, täglich auf der Seite 1 eine Wichsvorlage abzudrucken, und überhaupt auf fast allen Seiten die niedrigsten Instinkte der Bild-Leser zu bedienen, gleichzeitig aber scheinheilig auf der Papst-Welle mitzuschwimmen.”

(via Turi2, Bildblog). Und wenig später findet sich zu Poseners Artikel “Wir sind Papst” nur noch eine Fehlermeldung. Was soll man davon halten?

Nachtrag
Eine ähnlich derbe “Bild”-Kritik (siehe Hervorhebung im Text dort) äußerte Posener in seinem Welt-Blog Apocalypso vor einem halben Jahr, damals allerdings nicht im Kontext mit Kai Diekmann. “Manchmal wünscht man sich die Zensur zurück”, begehrte Posener dort.

Gestern schrieb Posener auch einen Beitrag mit dem Titel “Wozu Zensur gut ist”: “Manche Leute scheinen es darauf anlegen zu wollen, zensiert zu werden, damit sie sich nachher beschweren können über die undemokratischen Zustände bei Welt-Debatte.”

Nachtrag #2 Stellungnahme der Axel Springer AG
Veröffentlicht bei Turi2 (leider gerade offline), gefunden im Law Blog:

Stellungnahme der Axel Springer AG zum Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann

Dies ist die Entgleisung eines einzelnen Mitarbeiters. Der Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann ist ohne Wissen der Chefredaktion in den Weblog von Alan Posener gestellt worden.

Der Beitrag ist eine höchst unkollegiale Geste und entspricht nicht den Werten unserer Unternehmenskultur.

Bei Axel Springer gilt Meinungspluralismus, aber nicht Selbstprofilierung durch die Verächtlichmachung von Kollegen.

Nachtrag # 3 Alan Posener schweigt gegenüber dem Bildblog
“Nachtrag, 15.30 Uhr: Der Autor Alan Posener sagte auf unsere Frage nach dem Verbleib des Textes, er wolle sich dazu nicht äußern und bat dafür um Verständnis.”

11 Antworten zu “Bei Diekmanns “Wichsvorlage” endet die innere Pressefreiheit bei Welt.de”

  1. medienblogger sagt:

    Naja, der kleine Bruder der Bildzeitung muss da auch mal durchgreifen. So geht das ja nun nicht. Einfach offen die Meinung sagen? ;)

  2. Frederic Schneider sagt:

    Sehr amüsant!

  3. Speicherbaustein sagt:

    Alan Posener

    Wir sind Papst!

    Kai Diekmann hat ein Buch angekündigt. Der Titel, “Der große Selbstbetrug”, scheint zutreffender zu sein, als dem Autor lieb sein kann.

    Kai Diekmann, Chefredakteur der Bildzeitung, hat ein Buch geschrieben. Was an und für sich nichts Besonderes ist. Dieter Bohlen hat auch ein Buch geschrieben.

    Interessant ist jedoch der Inhalt. Diekmann sagt, so die Vorschau des Piper-Verlags, „was Sache ist“. Und zwar so:

    „Meine Generation betrügt sich selbst. Wir wollen Reformen, aber ändern soll sich nichts. Wir erwarten ehrliche Politiker, wählen aber die mit den haltslosesten Versprechen. Wir fordern Freiheit, scheuen jedoch Verantwortung.“

    Hey, das klingt nach ehrlicher Selbstkritik. Endlich. Ein Berufsleben lang haben diese Mittvierziger davon gelebt, auf die 68er einzudreschen, was sicher Spaß gemacht, ihnen jedoch weder intellektuelle Anstrengung noch moralischen Mut abverlangt hat. Jetzt ist Katerzeit angebrochen; jetzt wird Selbstkritik geübt, jetzt will man sich ehrlich machen; jetzt wird mal gefragt, was diese Generation, die Kinder der fetten Kohl-Jahre und ihrer „fröhlichen Restauration“, denn so viel besser gemacht haben als wir Kinder von Marx und Coca-Cola.

    Aber das klingt eben nur nach ehrlicher Selbstkritik. Denn gleich wird sie wieder hervorgeholt, die gute alte 68er-Keule:

    „Das Erbe der 68er hat uns in eine Sackgasse geführt. Es wird Zeit, endlich umzukehren.“

    Ah ja, klar. Die 68er haben K.D. gezwungen, Politiker zu wählen, die haltlose Versprechen abgaben. (Wen meint er? Den Mann, dessen Autobiographie er als Ghostwriter mitverfasste? Den Mann der „blühenden Landschaften“?) Die 68er haben K.D. gezwungen, Verantwortung zu scheuen. (Was meint er damit?) Die 68er haben K.D, gezwungen, als Chefredakteur der Bildzeitung nach Auffassung des Berliner Landgerichts „bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsrechtsverletzung Anderer“ zu ziehen. Die 68er zwingen ihn noch heute, täglich auf der Seite 1 eine Wichsvorlage abzudrucken, und überhaupt auf fast allen Seiten die niedrigsten Instinkte der Bild-Leser zu bedienen, gleichzeitig aber scheinheilig auf der Papst-Welle mitzuschwimmen. Die 68er zwingen ihn, eine Kampagne gegen die einzige vernünftige Reform der Großen Koalition zu führen, die Rente mit 67. Die 68er zwingen ihn… aber das wird langweilig. Hier die Kurzfassung: ich bin’s nicht, die 68er sind’s gewesen. Das ist jämmerlich.

    Wenn man etwas macht, soll man dazu stehen, oder aber es lassen. Man kann nicht die Bildzeitung machen und gleichzeitig in die Pose des alttestamentarischen Propheten schlüpfen, der die Sünden von Sodom und Gomorrha geißelt. So viel Selbstironie muss doch sein, dass man die Lächerlichkeit eines solchen Unterfangens begreift.

    Gegen Ende der 60er Jahre verwandte eine Arbeitsgruppe des SDS viel Zeit und jede Menge Marx, Freud und Co. darauf, das Geheimnis der Bildzeitung zu enträtseln. Als sie fertig waren, fiel den Amateur-Analytikern eine professionelle Analyse in die Hand, die von der Bildzeitung in Auftrag gegeben worden und an ihre Anzeigenkunden verteilt worden war. Die verblüfften SDSler stellten fest, dass sich die Analysen glichen. Die Bildzeitung präsentiere die Welt als Dschungel, als einen gefährlichen und unübersichtlichen Ort, wo „die da oben“ machen, was sie wollen, und wo „wir hier unten“ verloren wären, wenn es nicht die Bildzeitung gäbe. Sie spricht die Wahrheit aus, sie ist Anwalt des „kleinen Mannes“, sie sagt, „was Sache ist“.

    So macht sie das bis heute, und sie macht das sehr professionell. Wenn man ein bisschen zynisch ist, auf miniberöckte Vorzimmermiezen großen, auf Ernsthaftigkeit eher weniger Wert legt, kann man dort Karriere machen, und das ist völlig OK so. Einer muss es ja machen, so wie einer den Dieter Bohlen machen muss, und einer den Papst. Aber wenn Dieter Bohlen den Papst geben würde, müsste man auch lachen, oder?

  4. medienblogger sagt:

    “Der Beitrag von Alan Posener über Kai Diekmann ist ohne Wissen der Chefredaktion in den Weblog von Alan Posener gestellt worden.”

    Also ein Blog das vor Veröffentlichung redigiert wird, gar auch noch mit der Chefredaktion abgestimmt werden muss, das ist für mich dann aber kein richtiges Blog mehr. Welt-Debatte gleich am Anfang mit so einem Bock.

  5. Peter Giesecke sagt:

    Den gehypten Relaunch von welt.de und das Ausrollen des roten Teppichs beim Web-first-Gebrabbel habe ich nie verstanden. Wir wussten doch alle, in welchem Verlag Die Welt bzw. welt.de erscheint. Wer hat denn da wirklich jetzt ein anderes Verhalten erwartet?

  6. Fiete Stegers sagt:

    Wer außer Diekmann auch noch schlimm war: Rudi Dutschke. Sagt Posener, ganz auf Verlagslinie (via Bildschirmtext).

  7. Fiete Stegers sagt:

    Schmunzeln kann man in dem Zusammenhang über die lobenswert quellenkritische Einleitung “Wie Bildblog und “absatzwirtschaft online” übereinstimmend berichten …” eines Bloggers.

  8. zeineku.de sagt:

    Bruder-Zwist bei Axel Springer…

    Da sagt jemand von der “Welt” die Wahrheit über “Bild” und ihren Chef Kai Diekmann. Der zeigt sich anscheinend dünnhäutig und so verschwindet der Text wieder aus dem Netz.
    Oder auch nicht. Was einmal länger a…

  9. Fiete Stegers sagt:

    Weltchef Keese äußert sich - mit der printüblichen Verzögerung - in der SZ:

    sueddeutsche.de: Also wird Poseners Blog abgeschafft?

    Keese: Er wird künftig wie alle Blogs eigener Redakteure vor der Veröffentlichung gegengelesen. Das ist der normale Gang der Dinge.

  10. Thomas Mrazek sagt:

    “Denn sie wissen nicht, was sie tun sollen”, mit dem Leitspruch von Don Alphonsos Rebellen ohne Markt ist die Blog-”Strategie” im Hause Springer wohl hinreichend beschrieben.

  11. Thomas Mrazek sagt:

    Toll, das erste Video zu dieser Affäre, “Clap - Das Magazin für Neugierige, Eitle und Schadenfrohe” kennt “Die Wahrheit über den großen Selbstbetrug”. Viel Spaß! (Via Indiskretion Ehrensache)

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