Medienaufsicht für Internet-TV?

Von Gastautor(in) am 28. Mai 2007

Medienaufsicht für Internet-TV?

Die Experimentierphase ist in vollem Gange, die großen Online-Redaktionen haben in Sachen Video aufgerüstet. Klassische Print-Häuser wie Springer sehen hier eine Chance, mit den TV-Sendern gleichzuziehen. Dann sei aber auch eine klassische Sendelizenz notwendig, meinen VPRT und NRWs Medienwächter.

Von Steffen Grimberg

Erst tönt die Fanfare, dann kommt Insa Müller: „Herzlich Wilkommen zu News am Morgen“, sagt das neue Gesicht der genauso neuen TV-Nachrichten auf Welt.de. Je nach Übertragungskapazität des Internetzugangs piepst ihre Stimme zwar noch etwas unnatürlich, aber was folgt, sind derzeit noch fast vollständig von Reuters TV zugelieferte, professionell gemachte Kurznachrichten von gut zwei Minuten Länge. Es geht an diesem Mittwochmorgen unter anderem um den Kandidaten der islamischen Partei für das Amt des türkischen Ministerpräsidenten, einen neu entdeckten erdähnlichen Planeten und den kommenden fünften Film der „Harry-Potter“-Reihe. Ganz aktuell, und schon ziemlich professionell moderieren Insa und ihre Namensvetterin Melanie Müller dreimal täglich direkt aus dem Groß-Newsroom im Berliner Springer-Hochhaus. Setting und Studio sind natürlich im Standard-Nachrichtenblau gehalten, im Hintergrund werkeln je nach Tageszeit mal mehr, mal weniger Redakteurinnen von „Welt“, „Welt am Sonntag“ oder „Berliner Morgenpost“.

Springer kündigt „Gesamt-Bewegtbildstrategie“ an

Seit dem Relaunch von Welt.de gilt hier das Prinzip „Online First“, dem Videoangebot der Website kommt dabei große Bedeutung zu. Neben den „News“-Sendungen gibt es weitere Filmchen zu den wichtigsten Themen von anderthalb bis zwei Minuten Länge. Zuständig für das TV-Angebot ist der frisch gegründete Geschäftsbereich Axel Springer Digital TV (ASDTV), den seit Jahresanfang der ehemalige RTL-Regionalkoordinator Klaus Ebert leitet.

Das Online-TV-Angebot via Internet-Protokoll (IPTV) soll als Teil der von Springer-Chef Mathias Döpfner bei der jüngsten Bilanzpräsentation verkündeten „Gesamt-Bewegtbildstrategie“ des Konzerns in nächster Zeit noch kräftig ausgeweitet werden. „Wir werden IPTV als von regulatorischen Auflagen völlig unbehindertes Geschäft aufbauen“, gibt Döpfner den Kurs voraus – um irgendwann damit auch „Einzug auf die neuen Flachbildschirme der deutschen Wohnzimmer zu halten“.

Doch diese ganz neue Art von Internet-Angebot hat längst die Regulatoren auf den Plan gerufen: Solange es Döpfner und anderen Verleger im Internet um elektronisch verbreitete Zeitung gehe, stimme das schon mit der Regulierungsfreiheit, sagt zum Beispiel der Medienaufseher Norbert Schneider. Doch „wer über Internet-Protokoll Fernsehen verbreitet“ spielt nach Ansicht des langjährigen, einflussreichen Chefs der Landesmedienanstalt NRW „in einer anderen Klasse“. Sein Argument: Rundfunk definiere sich nicht danach, wie das Signal technisch verbreitet werde – und daher könnten Verleger ihre Online-TV-Angebote „nicht mit dem Argument von Regulierung ausnehmen, es handele sich ja bloß um eine Zeitung mit anderen Mitteln“. Schneider appelliert daher an alle Radio- und TV-Angebote im Internet, sich „ehrlich zu machen“. Für künftige, vielleicht mit weniger Aufwand zu bestreitende Lizenzverfahren wären dann ohnehin nicht mehr die heute noch 15 einzelnen Landesmedienanstalten zuständig, sondern eine für 2008/2009 geplante nationale Kommission, in der auch das bisherige Konzentrationskontroll-Gremium KEK aufgehen soll.

Dennoch bleibt die Bewertung kompliziert ­– beim „Spiegel“ erst recht: Auch hier gibt es auf Spiegel Online längst eigene Videobeiträge und Kurznachrichten. Das Material stammt ausweislich der Einblendungen von der Unternehmensschwester Spiegel TV, die wiederum über eine Rundfunklizenz verfügt. Vorbild sind natürlich auch hier die klassischen Nachrichtensendungen im traditionellen Fernsehen – und so wird im „Thema des Tages“ auch schon mal der öffentlich-rechtliche Vorruheständler Ulrich Wickert ganz korrekt als ehemaliger ARD-Korrespondent in Paris und „Tagesthemen“-Moderator eingeführt – und in einem soliden, fast vierminütigen Interview zu den Präsidentschaftswahlen in Frankreich befragt.

Bei der „Süddeutschen“, die wie der „Focus“ in ihren Online-Angeboten aktuell ihre „Bewegtbildflächen“ ausbauen, läuft dagegen überwiegend das schon von der „Welt“ bekannte Reuters-Material.

Print macht Online-TV

Und nicht nur die großen Magazine und überregionalen Blätter setzen auf solch eigene TV-Angebote via Internet. Der „Kölner Stadtanzeiger“ hat mittlerweile sein Angebot ksta.tv etabliert. Das überregionale Angebot liefert die niederländische Firma Zoomin auf der Basis von Filmmaterial der Nachrichtenagentur AP, doch die „Stadtanzeiger“-Redaktion macht längst auch selbst Programm: „Rheinblick“ heißt eines der Formate, bei denen lokale kölsche Tön zu Hause sind. Es ist montags bis freitags ab 16.00 Uhr auf der „Stadtanzeiger“-Homepage abrufbar und beschäftigt sich zum Beispiel mit den Problemen der Stadtbäume wegen des heißen, trockenen Aprils, Warnungen des Fundbüros vor Trickbetrügern und Werbekampagnen bei Gaffel-Kölsch.

VPRT: „Angebote der Zeitungen dürfen nicht einfach so laufen“

Genau solche Angebote rufen schon heute weitere Begehrlichkeiten auf den Plan. So weist der Privatsenderverband VPRT schon einmal prophylaktisch darauf hin, dass auch die neue EU-Fernsehrichtlinie eine Regulierung vorschreibt, sobald im Internet ein dem klassischen Rundfunk vergleichbares, lineares Angebot veranstaltet wird. „Es kann doch nicht sein, dass Ableger des heutigen Rundfunks im Internet weiter reguliert bleiben, und andere Angebote wie die der Zeitungen einfach so laufen“, sagt VPRT-Präsident Jürgen Doetz. Springer-Chef Mathias Döpfner bleibt dagegen bei seinem Optimismus: IPTV-Angebote dürften „im Internet dann nicht reguliert werden“, wenn sie „von Medien wie Zeitungen kommen, die als solche auch keiner Regulierung unterliegen.“ Ein regulierungsfreier Raum im Internet sei eine „wesentliche Form der Freiheit“ für Printpresse wie bewegtes Bild, meint Döpfner.

Für Medienregulator Schneider ist das allerdings der falsche Bezugsrahmen. Er will künftig viel mehr die Machart und Reichweiten der Sendungen als Maßstab heranziehen. Heute sei das zwar noch relativ unproblematisch. „Aber es könnten ja auch Marken entstehen, die irgendwann in das Image-Segment der ARD-Tagesschau aufrücken – mit entsprechender Verbreitung“, sagt Schneider. Und das wäre dann nun einmal „klar Rundfunk“.

Der Autor ist Medienredakteur der „taz“. Der Artikel erschien zuerst im „Medium Magazin“ (05/2007).

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3 Antworten zu “Medienaufsicht für Internet-TV?”

  1. Solon sagt:

    Ja, unsere Regulierungsbehörden sind ein rechter Schutz gegen unlautere Bewegtbilder. Hoch sollen sie leben! Und man komme mir jetzt nicht mit dem Stichwort “9live” und so weiter. Das sind keine Bewegtbilder. Außer dem zigtausendsten, eingeblendeten Countdown bewegt sich da nichts.

    Wirkliche Bewegtbilder jedoch sind potenziell gefährlich - vor allem, wenn sie den “ARD-Tagesschau-Relevanz-Dingsbums-Index” um den Wert XY überschreiten. Text hingegen ist ungefährlich. Gucken Sie nur hier: Dieser Text entzündet sich nicht selbsttätig, er ist nicht im Tagesschau-Blau gehalten, er handelt auch nicht von neu entdeckten Planeten oder neuen Ministerpräsidentenkandidaten. Und lesen tut im Internet eh niemand Texte. Das ist ein Mythos. Wenn da jedoch plötzlich eine Internet-Tagesschau (womöglich nicht von der ARD!!11!) gesendet wird - huihui… Da ist der Medienrezipient dann ja bekanntlich leider völlig machtlos und wird zum Manipulationsobjekt. Deswegen immer her mit einer Regulierung! Ich gucke dann auch nicht englischsprachige Tagesschau-relevante Angebote, die im ausländischen Internet präsentiert werden und deshalb keiner Regulierung (ts, ts, ts) unterliegen. Versprochen!!

  2. Fiete Stegers sagt:

    Kommentar: Diesmal hat Axel Springer Recht

  3. Thomas Wanhoff sagt:

    Springer hat nicht nur Recht, sondern vor allem die Landesmedienanstalten Unrecht. Man erkläre mir einmal, warum von Welt.de eine meinungsbildende Gefahr ausgeht, wenn man dort einen Reuters-Clip zeigt und denn dann ein paar Tausend Leute sehen, von der Bildzeitung aber nicht, die bekanntlich Millionen erreicht. Es gibt keinen Grund mehr für eine Aufsicht für Radio und Fernsehen. Genauso wie es keine für Print braucht. Zumindest nicht staatlicherseits. Das bedeutet übrigens auch ein “Ja” für Onlineaktivitäten der öffentlich-rechtlichen. Nur ist das aber kein Grund für eine Gebührenerhöhung.
    Disclaimer: Ich habe bei Welt.de das Bewegtbild-Angebot entwickelt.

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