Das Schweigen des Chefs oder Keese und andere

Christoph Keese bloggt … - nicht
Er könnte vom Balken herab wider falschen Zeitgeist in der Weltpolitik donnern, scharfzüngig den Zustand der übrigen deutschen Presse sezieren oder uns an den fachlich fundierten, publizistisch beispielhaften Entscheidungen seiner Redaktion teilhaben lassen. Doch „Im Newsroom“ herrscht Stille. WamS- und Welt-Online-Chefredakteur Christoph Keese schweigt beharrlich. Aktualisiert 22.06.2007

Auf drei Einträge hat es sein Chefredakteursblog seit dem Start mit dem Relaunch der neuen Welt-Website gebracht. Der jüngste Beitrag ist vom 27. April.

„Warum wird ein Thema Aufmacher und ein anderes nicht? Welche Argumente bewegen die Redaktion bei ihren Entscheidungen? Davon handelt dieser Blog“, hatte Keese am 24. April noch versprochen. „Wenn etwas Interessantes passiert und Zeit zum Schreiben des Blogs bleibt, steht hier ein Eintrag“. Offenbar ist nicht viel passiert. Soviel zum Thema „online first“.

Wer mit Google nach Keese und Blogs sucht, muss in den Ergebnisse lange wühlen, bis er bei Keese selbst landet. Ganz oben in der Trefferliste steht ein SZ-Interview, in dem Keese den nachträglichen Eingriff in das hauseigene Blog seines Mitarbeiters Posener nach dessen Attacke gegen Bildchef Diekmann rechtfertigt, gefolgt von zahlreichen weiteren Einträgen zum Thema (Die Regidier-Politik im Hause Springer könnte natürlich ein Grund für die Stille in Keeses Blog sein. Vielleicht bloggt Keese eifrig, schafft es aber nicht durch die interne Qualitätskontrolle seines Vorgesetzen Döpfner).

(Re)Launch-Begleitung bei Westeins und Tagesspiegel

Katharina Borchert, Online-Chefin der WAZ-Gruppe, bloggt auf der Platzhalterseite des nun schon eine Weile angekündigten WAZ-Portals Westeins. Auf immerhin sieben Einträge bringt es das Blog seit dem Start im Januar 2007 – mit einer langen Pause zwischendurch. „Ich muß gestehen, ich hätte dieses Blog schon viel eher reanimieren sollen. Nein, ich hätte es erst gar nicht einschlafen lassen dürfen, schließlich passiert so viel bei uns, das durchaus erzählenswert wäre. Aber die Großbaustelle Westeins hat nicht nur mich in den letzten Monaten in jeder wachen Minute vollkommen ausgelastet“, schreibt Borchert. Was ist bei ihr zu lesen? Ein bisschen was zur Vorbereitung des Launches und Buntes aus dem Redaktionsalltag, unter anderem, dass die Westeins-Redaktion ins frühere WAZ-Archiv zieht.

Ums Verlagsarchiv geht’s auch im Redaktionsblog des Tagesspiegels: Als ein Online-Redakteur sich samt Praktikant dorthin auf den Weg macht, warnen die Verlagssheriffs gleich darauf alle Mitarbeiter vor „betriebsfremden Personen“ im Haus. Der Online-Redakteur – das unbekannte Wesen? Das Tagesspiegel-Blog begleitet ähnlich wie Borchert – den dort bereits erfolgten – Relaunch und das folgende Debugging. Künftig werde man die Redaktionsarbeit sowie andere Medienthemen aufgreifen, sagt Online-Chefin Mercedes Bunz gegenüber onlinejournalismus.de. Und versichert, das Blog nicht sanft einschlafen zu lassen.

Motivierte Chefblogger in Österreich

Einen motivierten Eindruck hinterlässt dagegen das Chefblog von Hubert Patterer von der Kleinen Zeitung in Österreich: Alle zwei, drei Tage gibt es einen Eintrag, lange und kurze, berufliche und private, ein richtiges Blogmischmasch. Chefredakteur Manfred Perterer von den Salzburger Nachrichten liefert seit kurzem ebenfalls „Interna und Diskussionsstoff aus der SN-Redaktion.“ Erster Eindruck: Er mag’s lieber länger und teilt uns eher seine politische Meinung mit als wirkliche redaktionelle Interna. Auch bei Chip Online konzentriert sich der Chef auf inhaltliche Einträge.

Zum Tagesschau-Blog, in dem auch die Chefredakteure von ARD-aktuell schreiben, hat sich Fabian Mohr hier schon vor einiger Zeit wohlwollend, aber kritisch geäußert. Er verweist auch auf zwei Positiv-Beispiele aus dem Ausland.

Nachtrag, 21.06.2007:
Kein Keese mehr online

Möglicherweise fördert sanfter Druck den Erkenntnisgewinn im Hause Springer und man hat dort inzwischen begriffen, welche Peinlichkeit ein dann doch nicht bloggender „Online-First“-Chef darstellt. Wer auf die beiden oben genannten Links klickt, landet jedenfalls auf einer Fehlerseite. In der tief im Angebot verborgenen Übersicht über alle Blogs ist „Im Newsroom“ derzeit noch aufgeführt, doch auch dort landet man nach einem Klick ins Leere.

Nachtrag, 22.06.2007:

Springer bestätigte onlinejournalismus.de die Einstellung: „Herr Keese schreibt nach wie vor viel für Online. Den Blog führt er hingegen nicht fort“, heißt es dazu schlicht.

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