Das Schweigen des Chefs oder Keese und andere
Von Fiete Stegers am 16. Juni 2007![Screenshot: Welt.de [M]: ojour Christoph Keese bloggt … - nicht](http://www.onlinejournalismus.de/wp-content/uploads/2007/06/banner_keese.jpg)
Er könnte vom Balken herab wider falschen Zeitgeist in der Weltpolitik donnern, scharfzüngig den Zustand der übrigen deutschen Presse sezieren oder uns an den fachlich fundierten, publizistisch beispielhaften Entscheidungen seiner Redaktion teilhaben lassen. Doch “Im Newsroom” herrscht Stille. WamS- und Welt-Online-Chefredakteur Christoph Keese schweigt beharrlich. Aktualisiert 22.06.2007
Auf drei Einträge hat es sein Chefredakteursblog seit dem Start mit dem Relaunch der neuen Welt-Website gebracht. Der jüngste Beitrag ist vom 27. April.
“Warum wird ein Thema Aufmacher und ein anderes nicht? Welche Argumente bewegen die Redaktion bei ihren Entscheidungen? Davon handelt dieser Blog”, hatte Keese am 24. April noch versprochen. “Wenn etwas Interessantes passiert und Zeit zum Schreiben des Blogs bleibt, steht hier ein Eintrag”. Offenbar ist nicht viel passiert. Soviel zum Thema “online first”.
Wer mit Google nach Keese und Blogs sucht, muss in den Ergebnisse lange wühlen, bis er bei Keese selbst landet. Ganz oben in der Trefferliste steht ein SZ-Interview, in dem Keese den nachträglichen Eingriff in das hauseigene Blog seines Mitarbeiters Posener nach dessen Attacke gegen Bildchef Diekmann rechtfertigt, gefolgt von zahlreichen weiteren Einträgen zum Thema (Die Regidier-Politik im Hause Springer könnte natürlich ein Grund für die Stille in Keeses Blog sein. Vielleicht bloggt Keese eifrig, schafft es aber nicht durch die interne Qualitätskontrolle seines Vorgesetzen Döpfner).
(Re)Launch-Begleitung bei Westeins und Tagesspiegel
Katharina Borchert, Online-Chefin der WAZ-Gruppe, bloggt auf der Platzhalterseite des nun schon eine Weile angekündigten WAZ-Portals Westeins. Auf immerhin sieben Einträge bringt es das Blog seit dem Start im Januar 2007 - mit einer langen Pause zwischendurch. “Ich muß gestehen, ich hätte dieses Blog schon viel eher reanimieren sollen. Nein, ich hätte es erst gar nicht einschlafen lassen dürfen, schließlich passiert so viel bei uns, das durchaus erzählenswert wäre. Aber die Großbaustelle Westeins hat nicht nur mich in den letzten Monaten in jeder wachen Minute vollkommen ausgelastet”, schreibt Borchert. Was ist bei ihr zu lesen? Ein bisschen was zur Vorbereitung des Launches und Buntes aus dem Redaktionsalltag, unter anderem, dass die Westeins-Redaktion ins frühere WAZ-Archiv zieht.
Ums Verlagsarchiv geht’s auch im Redaktionsblog des Tagesspiegels: Als ein Online-Redakteur sich samt Praktikant dorthin auf den Weg macht, warnen die Verlagssheriffs gleich darauf alle Mitarbeiter vor “betriebsfremden Personen” im Haus. Der Online-Redakteur - das unbekannte Wesen? Das Tagesspiegel-Blog begleitet ähnlich wie Borchert - den dort bereits erfolgten - Relaunch und das folgende Debugging. Künftig werde man die Redaktionsarbeit sowie andere Medienthemen aufgreifen, sagt Online-Chefin Mercedes Bunz gegenüber onlinejournalismus.de. Und versichert, das Blog nicht sanft einschlafen zu lassen.
Motivierte Chefblogger in Österreich
Einen motivierten Eindruck hinterlässt dagegen das Chefblog von Hubert Patterer von der Kleinen Zeitung in Österreich: Alle zwei, drei Tage gibt es einen Eintrag, lange und kurze, berufliche und private, ein richtiges Blogmischmasch. Chefredakteur Manfred Perterer von den Salzburger Nachrichten liefert seit kurzem ebenfalls “Interna und Diskussionsstoff aus der SN-Redaktion.” Erster Eindruck: Er mag’s lieber länger und teilt uns eher seine politische Meinung mit als wirkliche redaktionelle Interna. Auch bei Chip Online konzentriert sich der Chef auf inhaltliche Einträge.
Zum Tagesschau-Blog, in dem auch die Chefredakteure von ARD-aktuell schreiben, hat sich Fabian Mohr hier schon vor einiger Zeit wohlwollend, aber kritisch geäußert. Er verweist auch auf zwei Positiv-Beispiele aus dem Ausland.
Nachtrag, 21.06.2007:
Kein Keese mehr online
Möglicherweise fördert sanfter Druck den Erkenntnisgewinn im Hause Springer und man hat dort inzwischen begriffen, welche Peinlichkeit ein dann doch nicht bloggender “Online-First”-Chef darstellt. Wer auf die beiden oben genannten Links klickt, landet jedenfalls auf einer Fehlerseite. In der tief im Angebot verborgenen Übersicht über alle Blogs ist “Im Newsroom” derzeit noch aufgeführt, doch auch dort landet man nach einem Klick ins Leere.
Nachtrag, 22.06.2007:
Springer bestätigte onlinejournalismus.de die Einstellung: “Herr Keese schreibt nach wie vor viel für Online. Den Blog führt er hingegen nicht fort”, heißt es dazu schlicht.
17. Juni 2007 um 09:05
Im Hause Springer hat man halt begriffen das diese Leute aus Klein-Bloggersdorf aufmerksam, hämisch und nachtragend sind. Bevor man da was falsches sagt, oder gar eine eigene Meinung wagt, da schweigt man lieber.
Denn Schweigen und Nicken heißt einen sicheren Job bei Springer. Reden, oder gar denken, sind das Ende.
Also lassen wir ihn Schweigen. Die Schere im Kopf schneidet hoffentlich nicht so weit, das der dringend notwendige Gang zur Toilette auch noch der Zensur zum Opfer fällt.
18. Juni 2007 um 23:44
Schade, dass hier nicht die Blog-Seite der FRANKFURTER RUNDSCHAU erwähnt wird. Hier geht es seit Wochen heiss her, und die FR macht mit!!!!
19. Juni 2007 um 00:00
Was genau ist denn gemeint? Bei der FR gibt es doch nur diesen etwas seltsamen “Leserversteher” Bronski. Mit dem kann ich persönlich wenig anfangen kann - außerdem hattte, glaube ich, Thomas Mrazek hier Bronski schon einmal thematisiert. Aus dem gleichen Grunde diesmal nicht erwähnt: Der der bloggende Blattkritiker der Zeit.
19. Juni 2007 um 09:14
Bronski (www.frblog.de) arbeitet nach eigenen Angaben - ich beziehe mich hier auf einen Leserbrief Bronskis im “Journalist”, 6/2007 - seit knapp zwei Jahren als Leseranwalt oder “Leserversteher” bei der “Frankfurter Rundschau”. Wer sich hinter der Kunstfigur Bronski verbirgt weiß man nicht. Es ist schon richtig, dass Fiete Stegers ihn nicht erwähnt hat.
20. Juni 2007 um 11:02
Die Gründe für das Schweigen von onlinejournalismus.de zum Grimme Online Award würden mich auch mal interessieren…
20. Juni 2007 um 13:18
Wir haben uns noch nicht entschieden, ob wir drüber lachen oder weinen sollen.
20. Juni 2007 um 18:32
Versucht es mit der Mitte ;).
20. Juni 2007 um 19:54
Ich finde, Stefan Niggemeier hat heute noch mal schön zusammengefasst, was sich da an Pannen, Unverständnis, Blauäugigkeit und notwendiger Kritik bis hin zu teilweise eher eher überflüssigem und unberechtigtem Gezetere summiert hat.
Romans kurz Variante trifft’s aber auch ziemlich auf den Kopf. Ganz abgesehen davon ist es wie immer bei uns: Beiträge hängen auch davon ab, ob jemand gerade Zeit zum Schreiben hat.
21. Juni 2007 um 09:00
Ich kann mich in trauter Einigkeit nur Fiete Stegers anschließen. Noch ein paar “Anspieltipps”, dem Proporz zuliebe: Christian Jakubetz’ Jakblog und natürlich Don Alphonso, u.a. mit Ehrenwerte Männer oder Mauschler und Hilfsmauschler in Marl.
Ganz marginal und eh schon wurscht: Dann und wann freut man sich als Journalist doch, wenn man Pressemitteilungen bekommt, nicht dass ich in diesem Fall unbedingt darauf angewiesen bin. Und so bat ich - nachdem ich wiedermal nichts hörte - vor einigen Wochen darum in den Presseverteiler zum GOA aufgenommen zu werden, was auch bestätigt wurde. Ich habe bis heute keine einzige Information erhalten. “Steht ja alles im Netz, manchmal auch ganz zeitig.” oder so.
22. Juni 2007 um 10:45
Stefan Niggemeier macht inzwischen darauf aufmerksam, dass die Welt gestern noch einmal als “Abschiedsgruß” Keeses bisherige Blogeinträge durch den RSS-Feed gejagt hat.
28. Juni 2007 um 09:54
… Oha - beim Fiete Stegers lese ich gerade, dass auch der Welt-Chef …
2. Juli 2007 um 20:54
Auch wenn ich hier Fiete verärgern sollte:
Jeder, der mal sehen will, was ein Zeitungsblog leisten kann, soll sich mal den von der FR ansehen.
Da wird über die Zeitung an sich, über den Chefred. hergezogen, als ginge es um Leben und Tod - und doch wird alles unzensiert gezeigt.
Linksliberal - so sieht das dann wohl aus.
Liebe Fiete, wo ist ein ähnliches Beispiel?