Abteilung Attacke

Als Reaktion auf die angekündigten Online-Neuerungen der ARD gibt es bei Spiegel Online und in der FAZ gepfefferte Gegenreden. Die FAZ schreibt von der “Enteignung der freien Presse”, ein Vertreter des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger spricht ebenfalls in der FAZ von der “gebührenfinanzierten Zeitung”. Aktualisiert 26.06.2007

Ich bin ja befangen, meine aber, dass die wichtige Frage lautet: Will man eine starke öffentlich-rechtliche Säule im Mediensystem, weil man der Meinung ist, dass diese eine wichtige Funktion zu erfüllen hat? Wenn man dies mit ja beantwortet, müssen auch die technischen Voraussetzungen für die Zukunftsfähigkeit vorhanden sein (dass es andererseits für Gewinnspiele und ähnliches enge Grenzen geben muss – geschenkt). Peer Schader sieht das ähnlich, sehe ich gerade.

Die Argumentation aus der Print-Ecke ließe sich mit etwas bösem Willen auch umdrehen: Wo steht geschrieben, dass die Verleger im elektronischen Medium Internet etwas verloren haben?

Nachtrag, 22.06.2007: Der Politikwissenschaftler Christoph Bieber sieht die Diskussion auf ein neues Rundfunkurteil des Bundesverfassungsgerichts zulaufen:

Notwendig ist nichts weniger als das Überdenken der gegenwärtigen “Medienverfassung” der Bundesrepublik, die in inzwischen unzulässiger Weise auf die “alten Medien” ausgerichtet ist. Dazu bedarf es ein Neuabwägen der Begriffe der Grundversorgung und Entwicklungsgarantie

Nachtrag, 26.06.2007:
Die Kampagne rollt weiter: Zum einen im Tagesspiegel, wo von einer “Attacke auf die Schriftwelt” die Rede ist:

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk will für alle in diesem Land da sein. Das funktioniert nicht. Der Fernsehzuschauer des ZDF ist 61 Jahre alt. Das ARD-Radio verliert massiv bei Hörern, die jünger sind als 20. In ihrer Panikattacke haben die Intendanten mit dem Schlachtruf „Online first“ reagiert. Das Internet, seine technologischen Möglichkeiten, seine Plattformen, der hippe Schwung des Web 2.0 soll das junge und jung gebliebene Volk anlocken.

Witzig: Man könnte in dieser Passage auch an jeder Stelle “Hörer” durch “Leser” oder “Intendanten” durch Verleger ersetzen. Noch witziger: Bernd Gäbler, Ex-Grimme-Geschäftsführer, der bei stern.de (in der Rubrik “Unterhaltung”) sekundiert. “Das Internet ist kein Medium”, stellt er fest:

In vielen Köpfen schwirrt eine irrige Auffassung herum. Danach gibt es eine stete Höherentwicklung der Medien. Die zeitliche Folge bedeute auch eine Hierarchie, die dann in etwa lautet: Zeitung, Hörfunk, Fernsehen, Internet. So als sei das Internet ein neues Medium, als das es anfangs ja auch stets bezeichnet wurde. Gewöhnen wir uns stattdessen daran, das Web als eine Infrastruktur zu begreifen, durch die man allerlei verschiedene Dinge übermitteln kann: Musik und Film, Hörfunk und Fernsehen, Zeitung und Illustrierte.

Genau. So wie Radio ja letztlich auch nichts anderes als vorgelesene Zeitung ist.

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