Video-Starter-Kit für Zeitungs-Redakteure

DV-Kamera mit Laptop für den Videoschnitt

In einigen US-Blogs und Fachpublikationen ist vor kurzem mehrfach diskutiert worden, wie Online-VJs technisch ausgerüstet sein sollten, um ihren Job vernünftig ausüben zu können. Passendes Equipment gibt es in allen Preisklassen. Die Frage ist, was man damit machen will.

Die Ideen reichen von kleinen „Point-and-Shoot“-Kameras, also günstigen Vollautomatik-DV-Camcordern, bis hin zu Komplettausrüstungen für mehrere zehntausend Dollar.

Das Ergebnis der Diskussion ist noch offen, aber Andy Dickinson hat ganz gut zusammengefasst, worum es eigentlich geht:

Newspapers are professionals and want to produce professional content. An expensive video camera or edit suite doesnt do that. By that argument I could be a millionaire just by putting some fancy pants on. You need to start with confidence. You have to start with training staff and getting them on board so you can get some of that „good stuff“. Otherwise you are left with a bunch of gear heads shooting big game.

Für Video-Equipment kann man wirklich eine Menge Geld ausgeben: Eine gute Kamera, ein oder mehrere Stative, unterschiedliche Mikrofone, zusätzliches Licht, Schnittsoftware – da kommen schnell Summen von mehreren tausend Euro zusammen.

Einige Zeitungs-Redaktionen stehen derzeit genau vor diesen Fragen: Welche Technik sollte angeschafft werden, was ist verzichtbar? Muss es eine HDV-Kamera sein oder reicht Mini-DV mit Standard-PAL-Auflösung? Welches zusätzliche Mikrofon wird benötigt? Womit soll geschnitten werden?

Dazu ein paar grundsätzliche Gedanken von mir, die in den Kommentaren hoffentlich weitergedacht werden.

Die Kamera

DV-Kamera Panasonic AG DVX 100 AE…ist das Herzstück der Arbeit von Videojournalisten. In die engere Auswahl kommen eigentlich nur 3-Chip-Camcorder (3CCD), da sie auch unter schwierigen Lichtbedingungen noch akzeptable Bildqualität liefern.

Die Kamera muss so konzipiert sein, dass man leicht auf die wesentlichen bildgestaltenden Parameter zugreifen kann und sich nicht erst durch irgendwelche Menues und Submenues navigieren muss. Dazu gehört vor allem das schnelle manuelle Fokussieren, genauso wie der zügige Zugriff auf die Blende.

Zudem sollte man ein externes Mikrofon anschließen und den Tonpegel selbst einstellen können. Von Vorteil ist, wenn sich beide Tonkanäle unabhängig voneinander pegeln lassen.

Der Zoom-Faktor, mit dem oft geworben wird, ist egal – denn gezoomt wird sowieso nur in Ausnahmefällen. Ob nun 10-fache oder 20-fache Vergrößerung: völlig nebensächlich. Digitalzoomfaktoren spielen gar keine Rolle.

Entscheidend kann die Frage sein, auf welches Medium die Kamera aufzeichnet. Auf MiniDV-Tape ist sehr verbreitet und entsprechend kostengünstig. Nachteil: Das Material muss noch auf den Rechner übertragen werden. Das kann bei tagesaktueller Arbeit wertvolle Minuten kosten. Vorteil: Das Rohmaterial wird gleich kostengünstig archiviert.

HD oder Standard-PAL? Schwer zu sagen. Videos im Web werden zurzeit noch in sehr kleinen Auflösungen und stark komprimiert veröffentlicht – Standard-PAL mit seinen 720 x 576 Pixeln im Halbbildverfahren reicht da völlig aus, es sein denn, man möchte die Videos auch noch als Download in sehr guter Qualität anbieten, wie es etwa die Washington Post seit einiger Zeit tut.

HD bietet mit seinen 1920 x 1080 Pixeln im Halbbildverfahren bzw. 1280 x 720 Pixeln im Vollbildverfahren eine üppige Auflösungsreserve, die sich vielseitig verwenden lässt.

Zum Beispiel im Schnitt: Wenn das veröffentlichte Video im Web wesentlich kleinere Abmessungen haben wird als das Rohmaterial, kann man ohne merklichen Qualitätsverlust beliebige Bildausschnitte vergrößern (z.B. den Interview-Partner näher heranholen). So können Fehler, die beim Dreh passiert sind, nachträglich korrigiert werden.

Einige Zeitungen gehen inzwischen sogar dazu über, Standbilder aus einem HD-Video als Foto in ihrer Printausgabe zu verwenden. Umstritten, wie ich finde – zu Recht kann man das Verfahren auch aus ethischer Perspektive hinterfragen (dann sollte man sich aber auch die Zeit für Gegenmeinungen nehmen).

Die Größe der Kamera ist ebenfalls nicht unwichtig. Mit kleinen Camcordern, die gerade mal so groß sind wie die Hand, wird man vor allem bei frei geführter Kamera viel Wackliges produzieren. Besser – und teurer – sind da schon die Henkelmänner, die man mit beiden Händen einigermaßen stabil halten kann.

Von Vorteil sind zusätzliche Anschlussmöglichkeiten. Die meisten Low-Budget-Kameras bieten eine Miniklinke, um ein Mikrofon anschließen zu können. Das ist zwar störanfällig, aber besser als nichts. Geeigneter sind XLR-Anschlüsse, für jeden Tonkanal einen.

Auf jeden Fall sollte auch ein Erweiterungsschuh vorhanden sein, um ein Mikrofon oder eine Videoleuchte auf der Kamera installieren zu können.

Das Stativ

Stativ mit fluidgedämpften Kopf…gibt es in allen Preisklassen, angefangen beim billigen Plastik-Dreibeiner für 15,- Euro im Elektrodiscounter bis zur teueren Sachtler-Lösung mit fluidgedämpftem Kopf für weit über 1000,- Euro. Es kommt – wie immer – darauf an, was man damit machen will. Wer mit einem Miniatur-Camcorder ausschließlich Interviews in geschlossenen Räumen aufzeichnen möchte, wird mit der 20,- Euro-Lösung sicher gut bedient sein.

Wer allerdings viel draußen arbeiten wird und mehr als nur die statische Einstellung von einem Gebäude dreht, muss entsprechend mehr investieren. Beim Kauf sollte man auf ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Kameragewicht und Stativ achten, der Kopf sollte möglichst gedämpft sein, um Schwenks ohne Wackler zu ermöglichen.

Solche Stative gibt es u.a. von den Firmen Vinten, Manfrotto oder Velbon. Sachtler ist traditionell etwas teurer, aber dafür eine Anschaffung fürs Leben.

Das Mikrofon

Richtmikrofon Sennheiser ME66 mit Supernierencharakteristik…an der Kamera („Japaner“) ist eigentlich nur für Atmo-Aufnahmen geeignet. Interviews sollte man damit besser nicht aufzeichnen. Zum Basis-Set sollte daher ein Mikrofon gehören, dass man über den Zubehörschuh an der Kamera befestigen kann und das sich für verschiedene Einsatzbereiche eignet.

Idealerweise verfügt es über eine Nierencharakteristik, denn damit kann man Interviews auch in lauteren Umgebungen aufzeichen, vorausgesetzt man steht seinem Interviewpartner entsprechend nah gegenüber und im Hintergrund fährt nicht gerade eine Straßenbahn vorbei. Ein Windschutz ist Pflicht.

Der Kopfhörer

geschlossener Kopfhörer…sollte immer dabei sein und möglichst auch aufgesetzt werden, auch wenn sich das im direkten Interview manchmal komisch anfühlen mag. Denn auch wenn die Umgebung, in der die Tonaufnahme stattfindet, vermeintlich störungsfrei ist – wirklich sicher kann man nie sein. Hat der Gesprächspartner zum Beispiel ein stummgeschaltetes Handy in seiner Tasche und bekommt einen Anruf, ist das so nicht zu hören – aber das Störgeräusch wird höchstwahrscheinlich auf dem Band sein.

Kopfhörer können offen, halboffen oder geschlossen sein. Ich persönlich bevorzuge einen geschlossen Kopfhörer, weil ich dann wirklich nur noch das höre, was auch wirklich aufgenommen wird. Das ist aber Geschmackssache. Ein offener Kopfhörer bietet zum Beispiel den Vorteil, dass man auf Störgeräusche, die sich erst anbahnen (z.B. ein sich nähender Polizeiwagen mit Sirene), frühzeitig reagieren kann.

Einsatzfähige Kopfhörer gibt es ab 30,- Euro, qualitativ gute und für Sprachfrequenzen optimierte kosten zwischen 70,- und 100,- Euro.

Licht

Videokopfleuchte mit 20 Watt Leistung und einem Tageslichtfilter…kann man nie genug haben. Eine Videokopfleuchte halte ich für unverzichtbar, denn über kurze Distanz eingesetzt verleiht sie den Augen des Interviewpartners nicht nur ein lebendiges Funkeln, sondern hellt das Gesicht angenehm auf. Gerade bei Innenaufnahmen, wo oft nur eine Funzel an der Decke hängt, ist das viel Wert.

Im Übrigen tut man dem Gesprächspartner auch keinen Gefallen damit, wenn man in schlechten Lichtsituation auf eine zusätzliche Leuchte verzichtet.

Schnittsoftware

kompletter Schnittplatz…gibt es in allen Preislagen, angefangen bei der leicht zu bedienenden Lösung unter 100,- Euro für Hobby-Filmer, die standardmäßig alle möglichen Effekte und Spielereien bietet, bis hin zu professionellen Lösungen für weit über tausend Euro. Verbreitet sind hier vor allem Avid Liquid (PC), Avid Xpress (PC und Mac; als DV- oder Pro-Version), Final Cut (Mac; als Express- oder Pro-Version) und Adobe Premiere (PC und Mac).

Für ganz einfachen Hartschnitt eignen sich bereits die Programme, die mit den Betriebsystemen ausgeliefert werden (MovieMaker für Windows und iMovie für den Mac).

Für einen professionellen Blick auf die Materie empfehle ich das kostenlose Avid Xpress Free DV, eine sehr abgespeckte, aber funktionsfähige Version der Avid Xpress-Software (Registrierung auf der Hersteller-Website nötig). Wer später aufrüsten will, kann das immer noch tun – die Funktionsweise des Programms ist dann schon hinreichend bekannt.

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