Wie weiblich sind Weblogs?

banner_gender.gif

In Blogs und Blog-Kommentaren bestimmen Männer den Ton. Besonders, wenn die Diskussion ums Bloggen selbst geht, ist von Frauen kaum etwas zu hören. Stimmt der Eindruck? onlinejournalismus.de sprach darüber mit Jan Schmidt. Ein Mann – aber einer, der es wissen muss.

Jan Schmidt ist Sozialwissenschaftler an der Universität Bamberg und hat mehrere umfangreiche Studien über die deutsche Blogosphäre durchgeführt.

Wie stark sind Frauen in der Blogger-Gemeinde wirklich vertreten?

Das hängt ein bisschen von den Studie ab, die man sich anschaut. In unserer eigenen Studie, die allerdings nicht repräsentativ ist, haben wir einen Frauenanteil von 45 Prozent festgestellt. Vermutlich ist das noch ein bisschen zu niedrig. Es gibt eine Studie von Kollegen aus Bochum, die eine Inhaltsanalyse von zufällig ausgewählten Weblogs gemacht haben. Sie haben festgestellt, dass zwei Drittel der Blogs von Frauen kommen. Man wird es nie ganz genau sagen können, da es kein zentrales Verzeichnis von Blogs gibt, aus dem man eine Stichprobe ziehen könnte. Aber ich denke, dass Verhältnis ist mindestens ausgeglichen – im Long Tail sind Frauen vermutlich sogar in der Mehrheit.

Unterscheidet sich das Blogverhalten von Männern und Frauen?

Das ist eine schwierige Frage. Es ist so, dass es Unterschiede zwischen den sogenannten A-Bloggern und dem Long Tail gibt. Und tendenziell ist es so, dass Männer in der A-List überrepräsentiert sind, während im Long Tail mehr Frauen bloggen. Das hat jetzt erst mal nichts per se mit dem Geschlecht zu tun, sondern damit, dass Männer vielleicht eher daran interessiert sind, über Themen zu schreiben, die eine Relevanz für größere Gruppen haben – wie Technik, wie die Blogsphäre selber, wie Politik. Bei Bloggerinnenfinden wir hingegen einen höheren Anteil, die sagen, dass sie eher persönliche Journale sschreiben oderihre Gedanken reflektieren. Das hat natürlich etwas damit zu tun, dass Tagebuch schreiben – was ja eine Grundströmung des Bloggens ist – seit Jahrzehnten, wenn nicht seit Jahrhunderten, eine weibliche Kulturtechnik ist. Das pflanzt sich in der Blogosphäre fort.

Aber der Diskurs über und in der Blogosphäre wird weitgehend von Männern bestimmt.

Jan SchmidtDen Eindruck habe ich auch. Wenn es um Fragen des Bloggens geht – „Was tun wir hier überhaupt? Ist das etwas revolutionäres?“ – dann beteiligen sich sehr viel mehr Männer am Diskurs. Sicher nicht ausschließlich. Aber als wir uns für unsere Studie angeguckt haben, wer 2006 die Autoren der Top-100-Blogs waren, hatten wir einen Männeranteil von 75 Prozent, obwohl wahrscheinlich insgesamt mehr als die Hälfte der Blogs von Frauen geführt werden. Auch beim Kommentieren in Konversationen über das Bloggen sind Männer überrepräsentiert.

Beim Kommentarverhalten an sich ist es aber nicht so, dass Frauen dabei unbedingt friedlicher sind. Mich hat kürzlich noch eine Strickbloggerin darauf hingewiesen, dass es auch in der Strickblog-Szene Flame-Wars und Abmahnungen gibt. Das sind genau die gleichen Dynamiken wie anderswo, weil sie weniger mit dem Thema zu tun haben und mehr davon abhängen, wie computervermittelte Kommunikation abläuft.

Stimmt der Eindruck, dass auch bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Blogs, Online-Medien und Onlinejournalismus die meisten Protagonisten Männer sind? Denken wir an die führenden Forscher wie Christoph Neuberger, Klaus Meier, Lorenz Lorenz-Meyer …

Ja, aber das hat wohl eher damit zu tun, dass Wissenschaft auch stark geschlechtlich strukturiert ist. Der Anteil von Frauen nimmt immer mehr ab, je höher man in der akademischen Hierarchie kommt. Wenn ich mir allerdings angucke, wer auf Konferenzen präsentiert und mit wem ich beruflich in Kontakt stehe, ist das Geschlechterverhältnis ausgeglichener. Ich kenne viele Kolleginnen, die sich in Abschlussarbeiten und Promotionen mit Blog-Themen auseinander setzen.

Wo geht die Entwicklung von Blogs insgesamt hin?

Wir sehen ja bereits, dass die Blogosphäre im deutschsprachigen Raum weiter wächst. Das führt zu Differenzierungen, so dass es gar keinen Sinn mehr macht, von dem Weblog zu sprechen. Wir werden im Verlauf dieses Jahres mehr kommerzielle Versuchen sehen, Weblogs in Marketing und Werbung einzubinden. Wir werden mehr Blogs in den Angeboten klassischer Massenmedien sehen. Die WAZ-Gruppe steht damit in den Startlöchern, und ich denke, dass auch kleinere regionale Zeitungen damit experimentieren werden. Aber auch im Long Tail und in den Bereichen, wo Blogs tatsächlich eine Alternative zum Journalismus sind, wird es Wachstum geben. Weblogs werden auch verstärkt Bestandteil von größeren Plattformen werden, die Menschen die Möglichkeit bieten, sich und ihre Interessen im Netz zu präsentieren: das MySpace-Modell.

Update: In den Kommentaren zu diesem Artikel hat u. a. Bloggerin Creezy ausführlich ihre Sicht des Themas dargestellt.

Weitere Links

bei onlinejournalismus.de:

im sonstigen Internet:

  • Facebook
  • Twitter
  • StumbleUpon
  • Diigo