Platz für etwas, das nicht ins TV passt

Folge-Mag (Screenshot [M]: ojour.de)
Beim ersten Mal war er seiner Zeit voraus. Diesmal sollte es angesichts des Video-Booms im Netz eigentlich genau der richtige Zeitpunkt sein, dachte Frerk Lintz. Sein neues Projekt ist ein erstklassig produziertes Interview-Magazin, das im Web seinesgleichen sucht. Allerdings bisher auch noch einen Abnehmer.

Das Genre Interview gehört zu den häufigeren und den wenigen erfolgreichen Formaten bei Video-Blogs, weil es sich bei minimalen Ansprüchen verhältnismäßig einfach produzieren lässt. Wer möchte, kann seinen Interviewpartner einfach vor die heimische Webcam nötigen, befragen, und das Ergebnis ungeschnitten veröffentlichen. Bei etwas höheren Ansprüchen wird vielleicht hier und da gekürzt oder eine umständliche Reporterfrage durch eine Texttafel ausgetauscht (Interviews auf netzpolitik) oder das Interview wird wie beim Elektrischen Reporter durch eine etwas aufwändigere Moderation eingeleitet. Inhaltlich zeigen beide Beispiele, was Video-Interviews im Netz jenseits von O-Ton-Snippets bieten können: Raum für den Gesprächspartner, der in anderen Medien selten zur Verfügung steht.

Aufwand für Hochglanz

Frerk Lintz möchte Interviewpartnern in seinem Webmagazin “Folge“ diesen Raum geben, sich auf sie einlassen können. Andererseits war für ihn von Anfang auch klar, was er nicht will: keine Wackel-Kamera und keine YouTube-Ästhetik. Optisch sind die 15-minütigen Interview-Episoden intim und zugleich Hochglanz: im 16:9-Format mit zwei Kameras gedreht, mit langen, aufwändig geschnittenen Eröffnungssequenzen, in der zum Beispiel beim Porträt des Designers Mario Lombardo diverse von diesem entworfene Zeitschriftenseiten „durchblättert“ werden.

Besuch bei Otto Pfeiffer (Screenshot)Der Berliner Koch Otto Pfeiffer wird in seinem Restaurant besucht, der Schauspieler Axel Prahl zu Hause. Prahl will vor dem Interview noch schnell zum Kiosk. „Er hat gefragt, ob er uns etwas mitbringen kann, später hat er sich dann einfach so die Gitarre geschnappt und losgesungen“, schildert Lintz. Die intime Atmosphäre der Interviews wird in den Videos und den kurzen Begleittexten dazu deutlich. Gedreht wird im 2- oder 3-Mann-Team, die notwendige Ausrüstung teilweise geliehen. Lintz kümmert sich um Interviewführung und später um den Schnitt.

„Ich vermisse die Qualität“

Er bringt Erfahrung aus Kunst- und Image-Filmen und Multimedia-Produktionen mit. 2003 war er mit einem Projekt der Agentur Playframe für den Grimme Online Award nominiert: Net-150, ebenfalls ein Video-Magazin mit Schwerpunkt auf Protagonisten der Internetszene. „Das war vor allem ein Showcase für die Agentur, um den Kunden zu zeigen, was möglich ist“, erinnert sich Lintz. Angesichts der vorherrschenden Modem- und ISDN-Verbindungen war Net-150 seiner Zeit voraus.

Die Bedingungen sollten sich inzwischen radikal geändert haben, schenkt man den ausgerufenen Video-Offensiven der Online-Portale Glauben. Aber Lintz ist enttäuscht: „Ich hätte gedacht, dass es viel mehr abgehen würde. Da wird viel geredet – Video hin, Video her – aber ich vermisse die Qualität.“ Lintz hat mit “Folge” auf eigene Faust losgelegt, aber inzwischen nach eigenen Angaben auch Gespräche mit verschiedenen Medienhäusern geführt. „Das Internet bietet Platz für so ein Format wie “Folge”, das nicht ins Sendeschema des Fernsehens passt“, meint Lintz. Gleichzeitig könne man Ausschnitte seiner Interviews in TV-Magazin verwerten, gesammelte Videos als Magazin auf DVD vertreiben, so sein Konzept.

In den Medienhäusern vermisst Lintz jedoch bisher echtes Interesse an seinem Format – dort seien die Verantwortlichen derzeit hauptsächlich an schnell und günstig produzierten Clips interessiert: „Statt zehn Filme in der Woche sollten sie lieber einen guten produzieren. Ich möchte mir Zeit nehmen für die Menschen, die ich treffe.“ Als nächstes porträtiert er den Einslive-Radiomoderator Klaus Fiehe, den das Folge-Team nächtens in einer Kölner Taxifahrerkneipe traf.

Auch das Fiehe-Interview wird zunächst nur über die die Folge-Mag-Website abrufbar sein. Lintz hatte sich gegen die Strategie einer möglichst breiten Streuung der Videos über verschiedene Online-Plattformen entschieden, wie sie beispielsweise der Elektrische Reporter oder das Musikmagazin Undertube verfolgen. „Ich würde natürlich liebend gern davon leben können. Aber ich muss eine Lücke finden, in die unser Konzept passt, ohne dass ich Kopfschmerzen haben“, sagt Lintz.

Weitere Links

bei onlinejournalismus.de:

im sonstigen Internet:

  • Folge. Das Video-Interview-Magazin mit bisher drei Episoden und einem (lose) begleitenden Blog.
  • Net-150. Älteres Projekt von Frerk Lintz.
  • De:Bug. Mercedes Bunz über Net-150 (2001)
  • Elektrischer Reporter. Mario Sixtus führt Interviews zur Internet-Entwicklung.
  • Undertube. Independent-Musikmagazin, aufgezeichnet in einer fahrenden U-Bahn in Berlin.
  • TV 2.0. Umfangreiches Papier zum Stand der Dinge von Bertram Gugel und Harald Müller.

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