Künstliche Duftmarken für Trüffelschweine

Icons der Bookmark-Dienste bei sueddeutsche.de

Etliche Online-Redaktionen haben bei Relaunchs in den letzten Monaten Social-Bookmarking-Dienste in ihr Angebot integriert. Was bringen sie Nutzern, Journalisten und Redaktionen? Die Hoffnungen sind einigerorts nicht unerheblich, die Erfahrungen noch eher verhalten.

Wie eine Schmuckleiste ziert eine ganze Reihe millimetergroßer Logos die Artikel auf den Websites von Stern und Süddeutscher Zeitung. Wer mit den diesen Symbolen von Furl, del.icio.us, Mr. Wong, Linkarena, Folkd, Oneview und weiteren ähnlichen Diensten nichts anfangen kann, erhält von Stern und SZ wenigstens einen kurzen Hinweis spendiert: „Lesezeichen hinzufügen“ oder „Bookmarken bei …“ heißt es. Klickt man die Symbole an, wird aber kein Lesezeichen im eigenen Browser erzeugt – stattdessen können registrierte Nutzer bei diesen Diensten ihre Favoriten online speichern.

Die Hauptvorteile für die Nutzer dabei: Die Links sind unabhängig vom eigenen PC abrufbar, sie können mit Schlagworten („Tags“) versehen werden und die private Linksammlung übers Netz auch für andere öffentlich gemacht werden. Deshalb spricht man vom „Social Bookmarking“ (Wikipedia). Neben den Web-2.0-üblichen „Tags“ ein weiterer sozialer (Ordnungs-) Faktor: Die gespeicherten Links können vom Besitzer und anderen Nutzern bewertet und weiterempfohlen werden.

Social Bookmarks und Social News

Dienste wie Digg, Yigg oder Webnews haben sich ganz auf das Weiterempfehlen und Ranking von Artikeln anderer Websites von Nutzer zu Nutzer spezialisiert. Die PC Welt unterscheidet deshalb zwischen Plattformen für „Social Bookmarks“ und „Social News“, doch beide Arten von Diensten habe große Schnittmengen. „Im Gegensatz zur frühen Phase der Social-Bookmark-Dienste gleichen sich die Dienste in puncto Grundfunktionen immer stärker. Trotzdem gibt es deutliche Unterschiede“, sagt Torsten Rox, der sich als Berater für Wissensmanagement in seinem Weblog mit Social Bookmarks beschäftigt.

Wie können Journalisten und Online-Medien von solchen Plattformen profitieren? Alexander Svensson, NDR-Journalist und Betreiber des Weblogs Wortfeld lässt mit sozialen Bookmarks andere an Fundstücken aus seinem Surftouren im Netz teilhaben: „Ich habe mehrere Dienste ausprobiert, bin aber dem schlicht gestalteten Klassiker „del.icio.us“ geblieben. Ich packe Links in meine del.icio.us-Bookmarks, die dann automatisch auf meinem Weblog erscheinen. Dass für mich privat ein Katalog von inzwischen mehr als 500 verschlagworteten Links entsteht, ist mehr ein Nebeneffekt.“ Als Info-Konsument greift Svensson seinerseits ebenfalls auf soziale Bookmarks zurück: „Bei Furl lasse ich mir täglich die Links von einer Handvoll Nutzern per E-Mail senden, die sich für ähnliche Themen wie ich interessieren.“

Hierin sieht Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt, den Hauptnutzen für Journalisten, sich mit Social Bookmarks zu beschäftigen: „Wer begonnen hat, sich in einem Themenbereich zu spezialisieren, kann enorm davon profitieren, wenn es Leute gibt, die in diesem Bereich Links zu Verfügung stellen.“

Themenfundgrube unterschiedlicher Qualität

Das Ausmaß des möglichen Nutzens hängt dabei natürlich davon ab, wie stark das Themengebiet im Netz präsent und die entsprechenden Fachleute netzaffin sind: Computer- und Technologie-Themen sind auch bei Social Bookmarks deutlich überrepräsentiert, Lokales eher selten zu finden. Gerade beim US-dominierten Dienst Digg, der auf seiner Homepage eine Rangliste der Artikel mit den meisten Bookmarks erstellt, dominieren häufig Buntes und Internet-Geflüster. So können „Digg“-Besucher beispielsweise sehen, sich in letzten 24 Stunden rund 5000 andere Nutzer für die Meinung der Schauspielerin Jessica Alba zu One-Night-Stands als interessant befunden haben haben, oder immerhin noch rund 2000 eine angebliche erste Sichtung von Apples angekündigtem „iPhone“ in der Öffentlichkeit für wissenswert halten.

Wie Weblogs könnten die Bookmark-Plattformen Journalisten daher als frühzeitig Barometer für sich entwickelnde Themen dienen, die den Weg in die Massenmedien noch nicht geschafft haben, meint Lorenz-Meyer. „Die Dienste sind ein Indikator, was die Menschen interessiert, und eine Fundgrube für Journalisten“, sagt Frank Thomsen, Chef von „stern.de“. Blogger Alexander Svensson findet bloße Rankings nach Popularität dagegen nicht immer lohnenswert: „Zugegeben, auf diese Weise kann man oftmals spannende Seiten im Netz früher als andere entdecken. Dafür muss man allerdings auch mit einem beträchtlichen Grundrauschen leben. Ich beobachte lieber, was bestimmte Nutzer bookmarken, deren Interessen sich mit meinen decken.“

Teilen für die Teamarbeit

Journalisten können dabei nicht nur in Bookmarks stöbern, die besonders populär sind oder von fremden Fachleute im Netz zur Verfügung gestellt werden: Lorenz-Meyer empfiehlt Social Bookmarks für den Austausch von Ergebnissen, wenn Teams aus mehreren Journalisten gemeinsam zu einem Thema recherchieren: „So machen es meine Studenten und ich bei bei Projekten. Die Erfahrungen sind gut.“

Andersherum stößt auch, wer sich mit einer konventionellen Suchmaschine auf Netz-Recherche begibt, dabei unter der Liste der Suchtreffer inzwischen häufiger auf Einträge aus Bookmark-Listen von Yigg, Mr. Wong oder Webnews: Bei diesen findet sich zwar nicht viel Inhalt – aber mit ihren vielen ein- und ausgehenden Links und Stichwörtern sind die Bookmark-Listen besonders suchmaschinenfreundlich. Für Website-Betreiber zahlt es sich deshalb langfristig aus, wenn auf den Social-Bookmark-Plattformen auf ihre Inhalte hingewiesen wird. Schneller sind Auswirkungen festzustellen, wenn es ein Artikel in die Top-Listen von Digg & Co schafft: Wer dort oben ist, sammelt durch seine Popularität umso mehr Klicks.

„Noch nicht maßgeblich“
„Wir versprechen uns zusätzliche Reichweite durch die Verlinkung“, sagt Frank Thomsen. Sein Angebot stern.de integrierte Anfang 2007 als erstes große deutsches Online-Medium Social-Bookmarking-Dienste. Zahlreiche Wettbewerber von sueddeutsche.de über Zeit und Rheinische Post bis zu N24 und dem Videoportal Sevenload sind dem Beispiel gefolgt. „Wir sind mit dem zusätzlichen Traffic sehr zufrieden,“ erklärt Thomsen.

„W ir messen und beobachten die Entwicklung des (Rück-)Traffics. Er ist aber noch nicht maßgeblich“, sagt dagegen Thomas Zydek von tagesspiegel.de. Die Berliner Redaktion hat sich im Gegensatz zu stern.de bisher auf die Integration der deutschsprachigen Dienste Mr. Wong und Webnews beschränkt. Rainer Kerl von sueddeutsche.de konnte von Februar bis Juni ebenfalls „noch keine signifikanten Auswirkungen“ feststellen.

„Das liegt vermutlich daran, dass diese Dienste in Deutschland noch nicht den Durchbruch erreicht haben. Oneview, die älteste deutsche Social-Bookmarking-Plattform, besteht ja schon seit 1998 und hat den richtigen Durchbruch immer noch nicht geschafft. Anderseits zeigen Plattformen wie Digg oder Netvibes, dass diese Idee durchaus erfolgreich sein kann“, sagt Kerl. stern.de-Chef Thomsen geht davon aus, dass die Beliebtheit der Social-Bookmarking-Diensten weiter steigt, da generell „mehr und mehr Anwendungen, die früher lokal auf der Festplatte stattfanden, ins Netz wandern. Ob’s ein Massenphänomen wird, muss sich aber noch zeigen.“

Für Wissensmanagement-Berater Rox ist die die Integration der Bookmarking-Symbole bei Online-Medien dabei ein wichtiger Faktor, der auch auf die Bookmarking-Portale zurückwirkt und sie einem breiteren Publikum bekannt macht: „Nicht nur deswegen werden Social Bookmarks die Masse erreichen.“ Wortfeld“-Blogger Svensson ist dagegen skeptischer, was die Wirkung dieser Icon-Leisten angeht: „Wenn ich etwa auf ‚Zeit Online‘ die kleinen Bookmarking-Symbole unter dem Artikel sehe, bin ich hin- und hergerissen. Positiv gesehen: Anbieter, die daran denken, wollen es den Nutzern so leicht wie möglich machen. Sie haben verstanden, dass es eine Welt außerhalb ihrer eigenen Website gibt und dass externe Links auf eigene Artikel wertvoll sind. Andererseits habe ich selbst noch nie auf eines dieser Symbole geklickt.“ Wer tatsächlich bereits Social Bookmarks nutzt, habe dafür längst dafür ein kleines Plugin im Webbrowser installiert und sei auf die nicht speziellen Symbolleisten angewiesen, meinen auch andere Fachleute.

Warten auf die Massentauglichkeit

Sollte die Popularität von Social-Bookmark-Diensten über den bisherigen Kreis der Early Adopters weiter wachsen, könnte das für deren Betreiber auch eine neue Herausforderung bei der Qualitätssicherung darstellen. „Der einzelne User möchte ja auch einen Mehrwert seitens der Community bekommen. Und wenn die Masse recht undifferenziert Links sammelt, so muss ich meinen Mehrwert an Wissen mit verschiedenen Werkzeugen abschöpfen. Betrachtet man die Entwicklung von wie del.icio.us oder Digg, so sieht man, dass dort versucht wird, Unterportale oder Communities in den Vordergrund zu stellen, die das leisten“, sagt Torsten Rox. Außerdem würden weitere Tools angeboten, die die Nutzern helfen, aus der Masse der Empfehlungen die wirklich für sie relevanten zu filtern.

Schließlich gibt es noch eine weitere Hürde, die einem durchschlagenden Erfolg der Lesezeichen-Dienste entgegensteht: der innere Schweinehund der (potenziellen) Nutzer. „Viele stöhnen erst einmal. ‚Noch ein neues Tool, schon wieder registrieren und ein neues Passwort … ‚ heißt es dann“, hat auch Journalismus-Professor Lorenz-Meyer schon die Erfahrung gemacht. Er geht jedoch tendenziell davon aus, dass Social Bookmarks durch die Integration in andere Dienste künftig selbstverständlicher und damit massentauglicher werden.

Dieser Artikel erschien zuerst im Medienmagazin Insight.

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