Die Wortverdreher vom Dienst

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Konzerne, Parteien, Prominente oder deren Mitarbeiter ändern oft die entsprechenden Wikipedia-Einträge – zu beobachten auch im Fall von „Weltwoche“-Chef Roger Köppel, ehemals Chefredakteur der „Welt“.

Von Michael Soukup

Es ist keineswegs verboten, Wikipedia-Einträge zu verändern – es gilt aber als schlechter Stil, dies bei einem Eintrag zu tun, der den Schreiber selbst betrifft. Am 29. August 2004 ist ein Beitrag über Coop Schweiz in Wikipedia angelegt worden. Seitdem wurde der Text 200-mal verändert – 57-mal von einem Computer aus mit der IP-Adresse 194.11.167.5. Die besagte Nummer gehört zum Adressbereich des zweitgrößten schweizerischen Einzelhandelsunternehmen Coop.

Von hier aus wurde beispielsweise im Abschnitt über die Billiglinie Coops folgender Satz gestrichen: „Die Akzeptanz bei der Kundschaft ist jedoch keineswegs so hoch wie bei M-Budget, und Prix Garantie liegt deutlich hinter M-Budget.“ Die Änderungen zeugen von einer professionellen Akribie, die auf das Werk der Presseabteilung schließen lassen.

Seit der Student Virgil Griffith vom California Institute of Technology im Sommer ein Programm namens Wikiscanner entwickelte, lassen sich die digitalen Spuren per Knopfdruck systematisch eruieren. Dabei fällt auf, dass nicht nur Hunderttausende von Freiwilligen in bewundernswerter Weise an der Demokratisierung des Wissens schreiben, sondern Firmen und Prominente PR in eigener Sache machen. Die „SonntagsZeitung“ überprüfte mit dem Wikiscanner die Aktivitäten von Schweizer Firmen und Personen.

Coops Pressestelle bestätigte, dass sie Wikipedia regelmäßig auf Coop-Einträge überprüfe und allenfalls Löschungen vornehme. Mit den Recherche-Ergebnissen konfrontiert, gab auch „Weltwoche“-Chefredakteur Roger Köppel zu: „Ja, ich habe tendenziöse bis falsche Angaben korrigiert.“ Er wisse aber nicht genau, um welche es sich handle. Zum Glück gibt es Wege und Mittel, seinem Gedächtnis auf die Sprünge zu helfen.

Gemäss Wikiscanner wurde der Beitrag über Roger Köppel von Rechnern des Axel-Springer-Verlags in Berlin insgesamt sechsmal geändert – alle im Juli und August 2006, als Köppel noch Chefredakteur der im Springer-Verlag erscheinenden Zeitung „Welt“ war. Die Änderungen lassen sich Wort für Wort nachvollziehen. Da wird betont, dass Köppel statt für den „Tages-Anzeiger“ nach New York als Chefredakteur zur „Weltwoche“ ging. Dass dank ihm „die Auflage stieg“ und dass die „Weltwoche“ bisher nicht ein sozial-liberales, sondern ein „linkes“ Weltbild vertrat. Gar nicht gepasst hat dem Autor der neue „rechtsliberale bis rechtskonservative“ und „amerikafreundliche“ Kurs. Die Begriffe wurden durch ein neutrales „wirtschaftsliberal“ ersetzt. Zudem war dem Urheber wichtig, Christoph Blocher, den Bundesrat der rechtsbürgerlichen Schweizerischen Volkspartei (SVP), nicht als „Rechtspopulisten“, sondern als „konservativen Liberalen in der Tradition Thatchers und Reagans“ zu charakterisieren.

Ein großes Ausrufezeichen warnt die Leser

Von der gleichen IP-Adresse wurden auch Artikel zu etwas ausgefalleneren Themen wie Ariernachweis, SS-Junkerschulen, Dienstgrade im Bundesheer oder Schwarzhemden bearbeitet. Ob Köppel die Änderungen selbst vorgenommen hat, kann mittels Wikiscanner nicht ermittelt werden. Der Springer-Verlag wollte die Vorgänge nicht kommentieren. Noch tiefgreifender waren die Änderungen, die von einem Computer im Jean-Frey-Verlag – hier wird unter anderem die IT-Infrastruktur der „Weltwoche“ betreut – im April getätigt wurden. Ursprünglich hieß es, dass nach der Übernahme der „Weltwoche“ durch Roger Köppel zum 1. November 2006 „mehr als ein Dutzend Redaktionsmitglieder das Blatt verließen“. Das wurde kurzerhand gestrichen und durch „daraufhin wurde er im Schweizer Branchenblatt ‚Der Journalist’ zum Journalisten des Jahres gewählt“ ersetzt.

Bei kontroversen und lückenhaften Artikeln warnt Wikipedia seine Leser mit einem großen Ausrufezeichen und dem Hinweis „Die Neutralität dieses Artikels oder Absatzes ist umstritten.“ So auch beim Eintrag über die „Weltwoche“.

Der Credit Suisse passte ein Eintrag über illegalen Holzschlag nicht

Um größtmögliche Transparenz ist die Credit Suisse bemüht. Allerdings erst im Nachhinein. Nachdem die „SonntagsZeitung“ der Bank nachweisen konnte, dass seit April 2005 der Wiki-Eintrag 11-mal von jemandem aus dem Computernetz der Credit Suisse bearbeitet wurde, bestätigte die Pressestelle, dass die regelmäßige Prüfung von Wiki-Einträgen Teil ihrer Kommunikationspolitik sei.

In einem Abschnitt wird die Bank wegen der Finanzierung des malaysischen Holzkonzerns Samling kritisiert. Umweltschützer werfen Samling die Zerstörung von Regenwäldern und illegalen Holzschlag vor. Am 6. März dieses Jahres fügte die Presseabteilung folgenden Satz hinzu: „Die Credit Suisse vertritt den Standpunkt, diese Geschäftsbeziehung einem umfassenden Risiko-Prüfungsprozess unterzogen zu haben, bei welchem die Einhaltung der lokalen Umweltbestimmungen und der internationalen Standards der nachhaltigen Waldbewirtschaftung speziell im Vordergrund standen.“

Der Credit Suisse sei es wichtig, „den offenen und dynamischen Charakter dieser Plattform zu wahren“. Weshalb man nur punktuell auf objektiv fehlerhafte Einträge über das Unternehmen wie falsche Kennzahlen oder Namensangaben reagiere, wie ein Sprecher betont. Kritische Äußerungen würden hingegen weder geändert noch gelöscht. Ganz transparent wäre, wenn die Credit Suisse künftig statt mit der IP-Adresse mit vollem Namen dahinter stehen würde.

Michael Soukup leitet das Ressort Multimedia bei der in Zürich erscheinenden “SonntagsZeitung”.
Dieser Beitrag ist in leicht abgewandelter Form am 02.09.2007 in dieser Zeitung erschienen, dort können Sie ihn übrigens auch anhören.


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