Audio-Slideshows in Deutschland
Von Fiete Stegers am 10. Oktober 2007Dass die Bildergalerie bei führenden deutschen Qualitätsmedien ein wichtiger Bestandteil sogenannter Qualitätsoffensiven ist, wissen wir ja. Bildergalerien sind in der onlinejournalistischen Praxis meist auf die Schnelle zusammengestellte Klickschinder - nach journalistischen Kriterien zusammengestellte Fotostrecken mit sorgsam komponierten Fotos und Texten die absolute Ausnahme.
Kein Wunder, dass - anders als in den USA - die (animierte) Slideshow mit Audiokommentar ein Schattendasein fristet. Auch beim Spezialblog Soundphotographer wird fast ausschließlich auf Beispiele aus den USA verwiesen. Gibt es denn in Deutschland gar nichts? Weil ich gerade privat selbst noch einmal die Software Soundslides für eine Audio-Slideshow ausprobiert habe (“12 Stunden später”), habe ich mich noch einmal umgeschaut und bin hier und da doch fündig geworden:
- Kilometer 42, die multimediale Reiseserie von Spiegel Online. Jörg Pfeifer setzt regelmäßig Audio-Slideswhows ein und steht damit ziemlich alleine dar. Meist lässt er einen Protagonisten zu seinen Fotos erzählen.
- Die FR hat offenbar Lust zum Ausprobieren: Ankunft der Weltmeisterinnen in Frankfurt. Mit Soundslides erstellt, solider Standard, nix überraschendes. Hier Hinweise zu zwei weiteren FR-Stücken.
- Der Fotograf Gordon Welters nutzt Audio-Slideshows, um auf seiner Website Ausschnitte aus seinem Portofolio zu präsentieren - klasse fand ich die Slideshow zum G8-Gipfel (vielleicht etwas parteiisch).
- Beim Schweizer “Blick” gibt es eine etwas aufwändiger produzierte Slideshow (“48 Stunden im Leben von Adolf Ogi”) (wiederum Soundslides). Sie setzt u. a. Karten an, leidet aber unter der staubtrockenen Sprecherstimme.
- Ergänzung: BR und tagesschau.de (1, 2) haben in der Vergangenheit mal hier und da experimentiert, aber m. W. keine regelmäßigen Formate (wegen personellen Überschneidungen mit onlinejournalismus.de hatte ich das an dieser Stelle zunächst nicht erwähnt).
- Wer noch weitere Beispiele kennt - Hinweise gerne in den Kommentaren.
dpa hat angekündigt, künftig auch fertig produzierte Audio-Slideshows anzubieten. Ob das Auswirkungen auf das Angebot insgesamt hat?
Einerseits sind Audio-Slideshows eine folgerichtige Weiterentwicklung des Fotojournalismus bei klassischen Medien. Andererseits gibt es in der Reportage-Praxis die Hürde, dass eben vor Ort neben den Fotos noch die Audiospur aufgenommen werden muss. Ich kann mir vorstellen, dass es da bei Solo-Journalisten in vielen Fällen praktischer wäre, gleich zur Videokamera zu greifen und Bild- und Ton gleichzeitig aufzuzeichnen, wenn es schon multimedial sein soll. Teilt sich ein Team aus Fotograf und Texter die Arbeit, sieht die Sache dagegen ganz anders aus …
11. Oktober 2007 um 09:04
Da ich als Fotograf und Filmer enttäuscht bin von den sogenannten multimedialen Inhalten zum Thema Berlin im Web, habe ich mir gedacht, es einmal selbst in die Hand zu nehmen. Der Versuch ist seit fünf Tagen unter www.berlin-audiovisuell.de zu sehen. Wir haben im ein Frau/ein Mann-Team noch einiges an Arbeit vor uns und versuchen noch viel besser zu werden.
Ich kann mich aber nur bei dieser Gelegenheit herzlich bei dieser Website und anderen Seiten der “Szene” für die vielen Anregungen, Tips und Diskussionsbeiträge bedanken.
Also, schaut doch mal vorbei und macht mir Mut, vielleicht schon auf dem richtigen Weg zu sein.
Grüße aus Berlin
Christoph
11. Oktober 2007 um 14:05
Der Spiegel hat bereits 2003 eine ganz gute Audio-Slideshow gemacht. Das scheint aber eine große Ausnahme gewesen zu sein.
Ich hab gerade zwei in der Produktion, eine davon ist leider qualitativ nicht so gut geworden, ich werde demnächst in meinem Weblog etwas dazu schreiben. Der Süddeutsche Verlag und der Bayrische Rundfunk sind durchaus interessiert an solchen Medien (die Frage, ob man das nicht so anbieten kann, dass mehr Klicks kommen, kann aber durchaus gestellt werden), aber es fehlt natürlich noch völlig an der Routine. Das Problem für uns Journalisten ist bei der Audio-Slideshow nicht nur die technischen Herausforderung, sondern auch die fehlende erzählerische Erfahrung.
Deine Empfehlung, Fiete, grundsätzlich gleich Video zu nehmen, möchte ich nicht unterstützen. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man in Video und Audio-Slideshow zwei sehr unterschiedliche mediale Formate mit sehr unterschiedlichen Grundbedingungen, vor allem in Bezug auf die Vermittlung der Geschichte (Die Audio-Slideshow und der Tod im Photo).
Ansonsten gebe ich Dir aber Recht, vor Ort ist eine Audio-Slideshow eine ziemliche Herausforderung und zu zweit tut man sich sicher leichter.
Bei Interesse kann ich mal ein paar Worte zur Ausrüstung schreiben, das hatte ich ohnehin geplant.
11. Oktober 2007 um 20:01
Meines Wissens machen von den großen Nachrichten-Websites nur FAZ.net und FR-Online mehr oder weniger regelmäßg Audio-Bilderstrecken. Das ZDF war früher auch aktiv (oder immer noch?). Der Rest gehört in die Kategorie Experiment.
Vereinzelt sind durchaus Perlen zu finden. Mehrheitlich hat es mich hierzulande aber selten vom Hocker gerissen.
Meistens scheitert es bereits an der Sound- und Bildqualität. Storytelling, Editing und Gesamtkomposition sind die nächsten großen Hürden.
Leider ist eine Ton-Bild-Strecke ziemlich aufwendig. Dabei wirkt es immer so einfach (Bild und Ton kombinieren und fertig!). Meine Befürchtung ist, dass die Macher des neuen dpa-Service dies genau so sehen.
Vom Zeitaufwand dauert eine Produktion mehrere Stunden. Außerdem sollten Grundkenntnisse in Fotografie (Bilder), Radio (Tonqualität) und journalistische Fähigkeiten (Storytelling) vorhanden sein.
12. Oktober 2007 um 14:33
1. Matthias, was meinst du mit fehlender erzählerischer Erfahrung genau? Es soll da ja vereinzelt Kollegen geben, die jetzt schon bei anderen Medien (Bewegt-)Bild und Ton oder Foto und Text kombinieren? So weit weg sind Audio-Slideshows dann ja auch nicht …
2. Ich meine ja nicht, dass Video grundsätzlich besser ist - es wirkt unbestritten anders, ist bei manchen Themen besser geeignet, während andere eher was für Audio-Galerien wären (dazu ). Video wäre eben nur in manchen Fällen für Einzelkämpfer praktikabler. Zumal das Editing dann womöglich flotter läuft als bei einer hochkomplizierten Fotogalerie.
3. Fabian: Hast du mal ein FAZ-Bespiel?
12. Oktober 2007 um 14:39
tach, ich hab mich auch gerade an einer soundslides probiert - und komme zu ähnlichen schlüssen wie du… wobei ich sagen muss, das ich mit dem kombi-arbeiten recht gut klargekommen bin.
12. Oktober 2007 um 17:13
@Fiete: 1. Ich glaube, dass Audio-Slideshows eine ganz besondere erzählerische Taktik erfordern und dass die noch nicht so richtig herangereift ist. Ich merke ja selbst, wieviel falsch läuft, wenn ich eine produziere. Und dass Bewegtbild und stehendes Bild himmelweit voneinander entfernt sind, habe ich vor ein paar Tagen versucht in meinem Weblog darzulegen. Heute habe ich nochmal viel darüber nachgedacht, als ich Fabians Stasi-Slideshow angesehen habe. Die Kontrolle über Raum und Zeit ist in der Audioslideshow viel wichtiger, weil sie nicht als Medium funktioniert, das man wie Gegenwart wahrnimmt, als wäre man dabei. Sie funktioniert eher wie ein Rückblick und dabei kommt oft einiges durcheinander. Bei Fabian haben wir z.B.:
a.) die Erinnerungen von Mario
b.) die Führung
c.) das Interview
d.) die Jetzt-Zeit des Betrachters (vgl. Roland Barthes)
Wenn nun die Bilder (äußeres Gefängnis) nicht genau mit den Erinnerungen (”meine Mutter ist herzkrank”) zusammenfällt, entsteht irgendwie ein Riß zwischen Bild und Ton, der auch ein zeitlicher ist, nämlich zwischen Vergangenheit des Bildes (März 2007) und Vergangenheit von Mario (Stasi-Zeit). Beim Film dagegen nicht, weil er immer notwendig präsentisch ist, also wir nehmen den Film wie eine Gegenwartswahrnehmung wahr. Wenn Mario von seiner Mutter redet und wir eine Kamerafahrt durch das Gefängnis sehen, dann ist die Kamerafahrt für uns Gegenwartswahrnehmung und Mario erzählt aus der Vergangenheit und wir kombinieren beides. Wir haben nicht zwei Verganenheitsebenen wie bei der Audio-Slideshow, weil der Film “gegenwartsartig” rezipiert wird (unabhängig von der “ezählten”/ Zeit seines Inhalts.
Mein praktischer Tipp daher für die Anfangszeit des neuen Mediums Audio-Slideshow:
a.) Zeit und Raum einfach halten. Erinnerungsthemen wie bei Mario besser mit Einsatz des Journalisten-Ichs vermitteln: “Ich habe Mario getroffen und er hat mir von seiner Vergangenheit erzählt”. Photos der Aufnahmesituation, Mikro ins Bild.
b.) Längere Zeitsprünge (Erinnerungen des Protagonisten) mit Photos der Aufnahmesituation oder mit exakt passenden Bildern kombinieren.
c.) Raum etablieren: “Hier gehts rein, da ist das Zimmer, hier der Gang, wo Mario saß.
Um Bild und Ton optimal aufeinander zuzuschneiden, gibt es zwei Vorgehensweisen:
a. )Interview machen, schneiden, am nächsten Tag die Photos exakt passend.
b.) Photos machen/historische besorgen, dem Protagonisten zeigen und ihn dazu erzählen lassen: “Hier haben Sie mich immer verhört”. Diese Form lehnt sich an das jedem bekannte Genre “Ich-zeige-meine-Urlaubsphotos” an.
2. So gebe ich dir recht. Von der Aufnahmesituation ist Video manchmal leichter zu handhaben und ist für manche Themen auch besser geeignet. Ich dachte, du meinst, die zwei Medien unterscheiden sich nur marginal technisch und sind inhaltlich kompatibel.
12. Oktober 2007 um 18:19
Ein Kleinod: Gemeinschaft und Bier - Schützenfest in Meschede im Blog Sauerlandthemen.
13. Oktober 2007 um 00:51
@Matthias: Danke für Deine Überlegungen und die Tipps.
Du hast sicherlich recht, dass die Bilder und das Gesprochene zusammenpassen müssen. Deswegen stimmt, dass ein Riss entsteht, wenn Mario Röllig über seine damaligen Erfahrungen erzählt, aber nur unpersönliche Fotos neueren Datums zu sehen sind. Trotzdem glaube ich nicht, dass dies ein spezielles Problem dieses Formats ist. Eine ähnliche Story erzählt mit einem Video würde an derselben Krankheit leiden. Natürlich kommt es auf die Darstellungsform an. Eine Nachricht wird ganz anders erzählt als eine Reportage oder ein Porträt.
Ich habe es noch nicht ausprobiert, aber ich könnte mir vorstellen, dass das Journalisten-Ich sehr viel Raum in einer Story einnimmt – zu Ungunsten der Bilder und der dargestellten Person. Es kommt auf einen Versuch an.
@Fiete:
Zum Beispiel:
1
2,
3,
4
17. Oktober 2007 um 15:33
Hallo!
Ein kurzer Hinweis in eigener Sache: hr-online seit einiger Zeit gelegentlich Web-Reportagen ein. Hier ein paar Beispiele aus unserem Fundus…
Unterwegs im Römerschiff “Regina”
Bildungsprojekt “Fußball trifft Kultur”
Porträt der documenta-Performerin Eleanor Bauer
Wie die documenta Kassel veränderte
21. Dezember 2007 um 00:23
Tolle Beiträge zum Thema!
Ich habe selbst noch keine tonunterlegte Slideshow erstellt, dennoch ein paar Ideen von mir:
Zur Tonproblematik: Die reine Atmo ließe sich vergleichsweise unkompliziert mit Mikros dieser Art einfangen: http://www.ohrwurmaudio.de/o_beschr.html
Die Hände sind dann frei fürs Fotografieren.
Zur Dramaturgie: Mir scheint die Bildsprache von Comics/(Bravo-)Fotostories/Storybooks hilfreich (Schuss-Gegenschuss, Auge, Messer, offener Mund … )
Die Handlungen sind auf das Wesentliche reduziert, den Rest machen Kopf und Ton. Oder der Ton ist das stärker erzählende Element, epic 2014 ist dafür ein schönes Beispiel.
Zum Schnitt: Mir fällt in den Slideshows auf, dass recht häufig einfach Totalen aneinandergereiht wurden. Werden Einstellungsgrößen und Perspektiven variiert, sieht es schicker aus.
Dreh: Es muss vielleicht nicht gleich Rosenblums Fünf-Schuss-Theorie sein, aber wenn man eine Handlung sicherheitshalber in drei sinnvollen Bildern festhält, sollte dabei verwendbares Material herausspringen.
Ästhetik: Neben Variationen der Einstellungsgrößen und Perspektiven bieten sich nette Schärfeverlagerungen an. Da hat die Slideshow gegenüber Video einen ästhetischen Vorteil. Eine Spiegelreflex mit ein, zwei netten Objektiven lässt die Bilder einer Videokamera mit hoher Tiefenschärfe ziemlich blass aussehen.
21. Dezember 2007 um 01:30
Das Problem bei Mikros, die man im oder am Ohr befestigt und dann mitlaufen lässt - man hört sehr deutlich den Verschluss der Kamera beim Fotografieren. Jedes Mal ein deutliches Klick. Bei Video ist es natürlich anders. Aber gleichzeitig Audio aufnehmen und Fotografieren ist nicht trivial und funktioniert so eher nicht. Wenn es irgendwie geht, erst das eine, dann das andere.
1. Januar 2008 um 17:34
Sowas passiert beim Trockenschwimmen. An das Klick-Geräusch habe ich nicht gedacht. Nun ja, man muss die Mikros nicht selbst auf den Ohren haben.