Kalte Füße: Sueddeutsche.de “friert” Kommentare zeitweise ein

Von Thomas Mrazek am 7. Dezember 2007

In einem Artikel in eigener Sache, “Diskussion braucht Qualität”, heißt es bei Sueddeutsche.de heute: “Die Nutzung der Kommentar-Funktion auf sueddeutsche.de ist rapide angestiegen. Damit die Qualität der Debatte erhalten bleibt, werden die User-Kommentare künftig stärker moderiert.”

An Wochentagen würden rund 2.000 Kommentare eingeschickt, bisher habe man - neben der “Petz”- und Wertungsmöglichkeit von Seiten der Nutzer - zurückhaltend moderiert, dies genüge nun aber nicht mehr: “Insbesondere nachts und am Wochenende gehen zuweilen Kommentare online, die mit einer sinnvollen Form von Meinungsäußerung nichts mehr zu tun haben.”

Jetzt wird “eingefroren”:

“Deshalb werden wir die Kommentarfunktion ab sofort zwischen 19 Uhr abends und 8 Uhr morgens einfrieren. Das bedeutet, dass in dieser Zeit auf sueddeutsche.de keine Kommentare publiziert werden können. Dieser “Freeze“ gilt auch für die Zeit am Wochenende - zwischen Freitag, 19 Uhr, und Montag, 8 Uhr - sowie für Feiertage.”

Die bisherigen Reaktionen der Nutzer sind überwiegend negativ. Vielleicht sollte die Redaktion über eine bessere Lösung nachdenken.

Die “kalten Füße” bei den Münchnern sind verständlich. Vermutlich hängt diese Entscheidung mit einem vor drei Tagen ergangenen Urteil des Landgerichts Hamburg gegen den Blogger und Journalisten Stefan Niggemeier zusammen. Danach müssen Blogger bei “brisanten” (sic) Themen Kommentare vor der Veröffentlichung kontrollieren.

Niggemeier kommentierte das Urteil unter anderem so:

“Würde sich das Rechtsverständnis des Hamburger Landgerichts, wie es sich in vielen Entscheidungen zeigt, durchsetzen, wäre das das Ende der offenen Diskussion in Foren, Blogs und Online-Medien. Denn das Risiko, ein Forum oder ein Blog zu betreiben, das sich in irgendeiner Form mit heiklen Themen oder dubiosen Geschäftspraktiken befasst, wäre viel zu groß.”

Niggemeier kündigte an, Berufung gegen dieses Urteil einzulegen. Einen ausführlichen Überblick zur so genannten Forenhaftung bietet Spiegel Online.

Nachtrag 09.12.08
Hal Faber sieht heute in seiner Wochenschau “Was war. Was wird” die “kalten Füße” bei Sueddeutsche.de etwas drastischer:

(…) Die ganze Anarchie geht Graff nicht auf den Sack, aber er muss es halt schreiben in diesen schweren Zeiten, wo Kommentare moderiert oder des Nachts und am Wochenende auch mal abgestellt werden müssen. Hinter der Süddeutschen steckt manchmal wirklich kein kluger Kopf, sondern ein zusammenngekniffener Arsch, in dem es gewaltig flatuliert. Idiotae, starrsinnig an ihrer Wahrheit Klebende sind bekanntlich immer die anderen. (…)

Nachtrag 11.12.07, 8 Uhr
Stefan Niggemeier berichtet vom “Leserstreik bei sueddeutsche.de”.

Nachtrag 11.12.07, 15 Uhr
Inzwischen treffen sich verärgerte Sueddeutsche.de-Nutzer in einem eigenen Forum unter www.szenso.de (hämischer Slogan dort: “Öffnungszeiten: 24 Stunden x 7 Tage”) - sie kommentieren dort “SZ”-Artikel und beratschlagen was man sonst noch tun kann. Unterm Strich ist schon mal ein großes PR-Desaster für Sueddeutsche.de entstanden.

4 Antworten zu “Kalte Füße: Sueddeutsche.de “friert” Kommentare zeitweise ein”

  1. probek sagt:

    Sagt mal eurem Bootsmann, dass der Artikel-Kommentarfeed es immer noch nicht tut. (Gerade wart ihr sogar ganz weg, huch)

    Abgesehen davon ist es natürlich ein Armutszeugnis Alarmsignal, wenn so ein Dickschiff wie Sueddeutsche.de die Kommentarfunktion für Tage ausschaltet. Da könnten die das auch ganz weglassen.

    (note to self: *als Community-Manager bei SZ-Online bewerben*)

  2. Fiete Stegers sagt:

    Gerade heute schwingt das redaktionsinterne Pendel “Web doof” - “Web gut” bei der SZ mit einer längeren Polemik wieder in Richtung Negativ. Ich hab’s nicht zu Ende gelesen - man muss über diese Schizophrenie zwischen Begeisterung und Riesenschelte nicht diskutieren. Lustig ist aber, wie die Leser bei sueddeutsche.de den Artikel kommentieren:

    “Ich finde das jetzt wirklich ganz doll, was der Herr Bernd Graff da schreibt und wirklich nie würde ich das kritisieren. Hallo? Hört mich hier jemand? Ich sagte….”nie würde ich das kritisieren”. äh: Ausrufezeichen! Und jetzt bittebittebitte nicht wieder löschen. Ich ertrag das nicht mehr. “

    oder

    “Der Autor waere übrigens mit seinem Artikel im Web 2.0 nicht weit gekommen… denn gibt er seine überschrift im Kommentarsystem von sz-online ein, so wird er aufgefordert, die Schimpfworte doch bitte zu entfernen, sonst könne der Beitrag leider nicht veröffentlicht werden.”

  3. Frank sagt:

    Ich finde, der Link gehört zum Thema und sollte nicht untergehen:
    http://jens.familie-ferner.de/.....skurs.html

    War zudem der erste, der was dazu geschrieben hat, sieh doch mal kurz rein.

  4. el greco sagt:

    Die Einschränkung der Kommentarfunktion ist natürlich alles andere als ein kluger Schachzug der SZ-Medienmacher. Es ist außerdem traurig, dass dies bei einer sogenannten “Qualitätszeitung” passiert. Aber was ist das Problem? . Man kann die Proteste der User verstehen, da jetzt eben eine bequeme Antwort-Funktion auf die SZ Artikel entfällt. Aber kann man wirklich von Zensur sprechen? Wer zwingt die User auf der SZ-Seite zu posten? Niemand!. Der Bild-Blog ist das beste Beispiel eines Watchmedia-Blogs der auch ohne die ursprüngliche homepage auskommt. Selbst die Diskussion in den einschlägigen Foren über diese “SZ-Zensur” zeigt doch eindeutig, dass die Süddeutsche, außer auf ihrer eigenen Seite, keine Chance hat, die Kommentarfunktion einzuschränken. Wenn es soviele engagierte sued-café User gibt, wird wohl auch irgendeiner zufinden sein, der eine Art “Süddeutsche-Blog” auf die Beine stellen kann. ……..

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