Echo Münster: Mit Werbeschmonzetten Nutzer gewinnen?

Echo-Münster (Screenshot)

Das im November neugegründete Online-Magazin Echo Münster (siehe unser Interview vom 26.11.07 mit einem der Gründer) verspricht Großes: „Die Redaktion sieht sich einer kritischen Grundhaltung verpflichtet und stellt eine unkonventionelle, originelle Berichterstattung über lokale Themen sicher.“

Wie nun eine „unkonventionelle, originelle Berichterstattung“ aus einer „kritischen Grundhaltung“ aussieht, darüber geben unter anderem Texte wie „Jeggle: Seit 75 Jahren gut gebettet in Familienhand“ beredt Auskunft. Ob die Münsteraner, bei denen immerhin neun Redakteure arbeiten, mit solchen Werbeschmonzetten den erhofften „festen Nutzerkreis“ gewinnen können, bezweifele ich. Erst gestern fiel mir das Magazin durch einen völlig mißlungenen Artikel über Don Alphonsos Besuch bei den Münsteraner Kommunikationswissenschaftlern auf (siehe dort auch die Kommentare zu diesem Beitrag) (siehe Nachtrag).

Aber vielleicht verstehe ich – als großkopferter Münchner und Mitbetreiber dieses Meta-Blogs – das gar nicht richtig, was da in Münster passiert.

Nachtrag 14.12.07
„Die Seite wurde nicht gefunden“, heißt es jetzt bei dem Artikel zu Don Alphonso. Das ist keine professionelle Reaktion. Der Artikel „‚Don Alphonso‘ stänkert vor leeren Rängen“ findet sich jedoch im Google-Cache.

Nachtrag 18.12.07
Auch Medienwissenschaftler Peter Schumacher ist skeptisch, er resümiert in seinem Blog-Artikel: „Zu Onlinern qualifiziert“: „Leider, leider sieht bei echo-muenster.de doch vieles sehr nach Beschäftigungstherapie ohne jede Zukunftsperspektive aus.“

Nachtrag 09.01.08
Die „taz“ schreibt heute über „Echo Münster“:

„Blogger bemängelten anbiedernde Texte über lokale Unternehmen und sachliche Fehler. Echo-muenster.de wehrt sich gegen solche inhaltliche Kritik.“
Ärgerlich empfand ich beispielsweise auch einen Artikel mit der Überschrift: „Drogengeschäfte vereitelt: Litauer festgenommen“ (ich verweise auf Richtlinie 12.1 – Berichterstattung über Straftaten des Deutschen Presserats).

Nachtrag 11.01.08
Bei einem eben auf Echo Münster veröffentlichten Artikel „FMO wächst weiter“ rieche ich auf 700 Kilometer Distanz (von meinem Wohnort München bis nach Münster) die Pressemitteilung des FMO: „Flughafen Münster/Osnabrück wächst weiter“. Es zeichnet auch kein Redakteur verantwortlich für diesen Artikel. Immerhin wurde die Pressemitteilung bearbeitet.

Beim kritischen Thema einer Startbahnverlängerung wird allerdings treudoof der FMO-Text Eins zu Eins übernommen. Die Meinung und Einschätzung eines Gegners dieser Ausbaupläne, des NABUs NRW, wird allerdings nicht eingeholt. Das nennt sich vulgo auch Leserverarschung (ich erinnere an den Echo-Leitsatz: „Die Redaktion sieht sich einer kritischen Grundhaltung verpflichtet und stellt eine unkonventionelle, originelle Berichterstattung über lokale Themen sicher.“).

Mich, als völlig Außenstehenden, hat diese Google-Recherche jetzt 30 Minuten gekostet. Das Foto zum Artikel mit der Bildunterschrift: „Meilenstein für die FMO-Entwicklung: Der erste Spatenstich für den Bau des Autobahnzubringers im Dezember 2007.“ bietet keinen Hinweis auf den Fotografen, vermutlich handelt es sich um ein PR-Foto.

Aber vielleicht habe ich das redaktionelle Konzept von Echo Münster auch nicht verstanden. Bei einem anderen Artikel („Einrichtungshaus Finke: Neues Zentrallager und mehr Platz für Möbel“) bemängelt ein Nutzer nämlich folgendes:

Werbung kennzeichnen?
Verfasst von muensterana am 17. Dezember 2007 – 12:26.
Komisch. Habe mich neulich schon über den Beitrag zu „Teppich Jeggle“ gewundert. Und nun der Möbler Finke. Wäre doch eigentlich ganz schön, wenn das echo solchen Kommerz-Content kennzeichnete – oder muss mann das im Internet nicht?

Die Redaktion antwortete:

Werbung kennzeichnen?
Verfasst von BFB am 17. Dezember 2007 – 20:34.
Wenn ein Unternehmen zusätzliche Arbeitsplätze in Münster schafft, ist uns das immer eine Nachricht wert. Sollten wir damit zum Abbau der immer noch hohen Arbeitslosigkeit beitragen, bitte gern. Außerdem hält das Wirtschaftsleben Münsters interessante Neuigkeiten genug bereit, über die es sich unserer Meinnung nach zu berichten lohnt. Sollen wir diese Nachrichten unseren Usern vorenthalten, nur um nicht in den Ruch der Käuflichkeit zu geraten? Als langjährige Journalisten sind wir durchaus in der Lage, zwischen Nachrichtenwert und Produktplatzierung zu unterscheiden.

Nachtrag 15.01.08
Offenbar wurde der Artikel „FMO wächst weiter“ nun entfernt, auf der Seite findet sich nur noch die Mitteilung: „Zugriff verweigert – Sie haben keine Zugriffsberechtigung für diese Seite.“ Auch hier hilft der Google Cache weiter, allerdings ist dort das Bild auch nicht mehr vorhanden.

Nachtrag 16.01.08 – alles wieder da

Nachtrag 18.01.08
Ach, in Münster sollte man leben, da läuft bei der Wirtschaft offenbar alles glatt: „buch.de steigert Konzernumsatz“, meldete Echo Münster gestern, Vorlage war eine entsprechende Ad-Hoc-Meldung der Buch.de Internetstores AG.

Kleine Lektüreempfehlung:
In der Reihe DJV Wissen des Deutschen Journalisten-Verbands gibt es den – neben einigen anderen nützlichen Publikationen – Band 11: „Journalismus und Werbung. Plädoyer für die strikte Trennung zwischen Redaktion und Reklame“. Diese Broschüre kann kostenlos als PDF, 702 KB, 41 Seiten, auf der DJV-Seite runtergeladen werden.

Nachtrag 22.01.08
Ein weiterer Artikel über Echo Münster, nicht unähnlich dem „taz“-Artikel, ist in der „Berliner Zeitung“ erschienen: „Ein Echo auf die fristlose Kündigung“. Leider ein mit Verlaub gesagt grottenschlechter Artikel, ein unkritisches Rührstück mit dem niemand gedient ist. Besonders witzig ist der letzte Absatz:

„Kritische Blogger gehen mit dem Branchenneuling schon härter ins Gericht. Als „Beschäftigungstherapie“ wird das Portal bezeichnet, von „treudoofer Berichterstattung“ kann man lesen und davon, dass die Texte sachliche Fehler hätten. Die Redaktion wehrt sich gegen die Kritik. Kommentare, die das Magazin unter Beschuss nehmen, kontern die Redakteure frech, gewitzt, ironisch. Und natürlich multimedial – denn das können sie ja jetzt.“

Ich habe nur den Eindruck gewonnen, dass die Redaktion mit der von mir und anderen geäußerten Kritik pampig umgeht oder sie bestensfalls ignoriert.

Nachtrag 26.03.08
Die „Süddeutsche Zeitung“ zieht heute eine Bilanz, 14 Monate nach Lambert Lensing-Wolffs Entlassungsaktion, auch Lensing-Wolff kommt dabei zu Wort. Indes gibt es weiterhin keine neuen Finanzierungsperspektiven für Echo Münster und im November endet die Unterstützung durch die Transfergesellschaft.

Nachtrag 07.03.2009
Pottblog: Echo Münster: Keine Trennung von redaktionellen Inhalten und Werbung?

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