Gut gemeintes Kyrill-Special
Von Fiete Stegers am 17. Januar 2008Zum Jahrestag des (für deutsche Verhältnisse verheerenden) Wintersturms “Kyrill” hat der Der Westen sein erstes (mir bekanntes) umfangreiches Dossier aus Texten und einem Multimedia-Special veröffentlicht. Im Dossiers spiegelt sich im Kleinen wieder, was wir von Der Westen im Ganzen kennen: einige gute Ideen, hier und da Experimentierfreude, aber in der Umsetzung dann doch (noch) nicht so wirklich gelungen.
Konkret lässt sich kritisieren:
- Das Thema ist gut gewählt, jeder in der Region hat daran Erinnerung oder etwas zu sagen, vielleicht haben es einige Konkurrenzmedien übersehen.
- Die Fotografen der WAZ-Gruppe werden einen ganzen Haufen Fotos gemacht haben - diese stellen nun einen Hauptteil des Specials dar. Die Fotos werden auf einer Karte mit Geotagging dargestellt, so dass jeder schauen kann, was denn bei ihm passiert. User werden aufgefordert, selbst eigene Fotos einzuschicken.
- Die Flash-Oberfläche, in der Bilder und Videos präsentiert werden, ist schlecht designt (Schrift, Abstände, Buttonicons, Farbwahl - so ziemlich alles). Prinzipiell schlau ist dort die Startseiten-Gliederung in die Sturmnacht und die Situation ein Jahr danach - allerdings scheinen beide Icons auf die gleichen Inhalte zu führen, in der beide Zeitebenen miteinander gemischt sind.
- Die Beschriftung der Fotos ist allerdings so gut wie nicht existent, teilweise falsche Groß-/Kleinschreibung (”Kyrill in luenen 1/5″). Hier wird versäumt, den User durch Text noch näher hereinzuziehen (es müssen ja nur kurze sein). Auch die Beschreibungen der Videos sind sehr kurz und todlangweilig: “Ein Harvesterfahrer erzählt.”
- Videos aus der Sturmnacht scheint es nicht zu geben. (damals gab es Der Westen ja auch noch nicht). Bis auf den besagten Harvester sind alle Videos O-Töne eines Försters, der über “Kyrill” (den er selbst ausgerechnet schlafend im Bett erlebte) und die Folgen berichtet. Zudem rauscht der Ton mehrmals fies (Puschel benutzen!).
- Bei den Artikel, die zum Dossier gehören, nervt es ziemlich, dass standardmäßig das Veröffentlichungsdatum (z. B. “Nachrichten, 17.01.2008″) neben dem Teaser ausgespielt wird. Es ist einfach irritierend, weil sich alle Beiträge ja nicht auf diesen 17.01.2008 beziehen, sondern auf den 18.01.2007. Die Datumsanzeige müsste man hier einfach im CMS ausschalten können.
18. Januar 2008 um 08:24
Erläuterung zu ein paar Punkten:
1. Das mit der Beschriftung zieht sich übrigens (leider) durch alle Fotos. Grund: Es sind fast 1000 Fotos, zu denen wir fast nie eine originale Bildzeile hatten. Jede Bildzeile muss zudem in ein xml eingetragen werden - das hat jetzt aus Zeitgründen ein Script übernommen.
2. Zu den Videos: So schlimm ist’s doch auch nicht :-) Hat halt gestürmt ohne Ende auf dem Berg. Mit dem Puschel stimmt aber. Wird gekauft…
3. Datumsanzeige im CMS: Leider ist’s so….
18. Januar 2008 um 09:49
Wegen Datumsanzeige: Das kann man m. E. nicht so stehen lassen, allein wenn ich mir den mit “Es ist die Hölle!” betitelten Beitrag anschaue, denke ich doch das wäre dieser Tage passiert (der Beitrag lässt sich beispielsweise auch unabhängig von dem Kyrill-Special ergoogeln oder über die interne Suche finden). Da würde ich lieber vor der Technik kapitulieren und drauf verzichten.
19. Januar 2008 um 20:53
@fiete
gott, es gibt tatsächlich noch korinthenkacker, die sich über ne kleinschreibung von luenen (id est: Lünen) verbreiten müssen.
19. Januar 2008 um 21:04
Ist nur erwähnt, weil es in diesem Fall einer von vielen Faktoren ist, die das Gesamtbild der Verwirklichung einer guten Idee trüben.
(Sich über Kritisieren aufzuregen, könnte man übrigens als noch kleinkrämerischer bezeichnen.)
19. Januar 2008 um 23:32
Ich bin Fiete für die Kritik dankbar - eben professionelle Kritik von außerhalb. Nur so können wir beim nächsten Mal besser werden. Und das wollen wir.
Was aber nicht vergessen werden sollte: Solche Specials kosten Zeit. Enorm viel Zeit. Viele der obigen Kritikpunkte sind eben diesem Faktor geschuldet.
20. Januar 2008 um 03:19
Ich würd gerne doch eine Lanze brechen - als das Video mit einem Förster aus dem Sauerland anlief, dachte ich für eine Zehntelsekunde “Was machst Du hier eigentlich?”.. aber es war dann auf eine unaufgeregte Art kurzweilig, auch sehr informativ.
Zum Interface: Ich hab in den vergangenen Jahren einige tiefergelegte Specials an die Wand gefahren und mir im Vorfeld regelmäßig die Nächte und die Wochenenden damit vergoldet. In eigenen, leidvollen Testreihen bin ich dabei zu folgenden Ergebnissen gekommen:
1) Intuitives, narrensicheres Interface-Design ist ultrafiese, harte Arbeit und was für Spezialisten (also nichts für mich). Ich musste leise schmunzeln, als in dem Kyrill-Special gleich zu Beginn ein ganzer Screen mit Erklärungen kam - das war bei meinem Specials sehr ähnlich. Ist aber, wenn wir ehrlich sind, ein deutliches Signal, dass mit dem Interface was nicht stimmen kann.
2) Unser Drang, Specials mit einem flashigen Interface aufzurüsten, kommt aus der irrigen Annahme, dass unsere User das Standard-Interface (=die Website) langweilig finden, dass die bahnbrechenden Inhalte unseres Specials darin furchtbar gewöhnlich aussehen. Fakt ist - jedes neue Interface ist Terror. An das Interface erinnert sich hinterher sowieso kein Mensch. An Kick-Ass-Momente in Videos schon eher.
3) Und dann ist da noch Google. (Wieviel Laufkundschaft könnten z.B. die Inhalte dieses Specials ziehen, wenn sie statt hinter einer Flash-Wall auf hübsch indexierten Seiten liegen würden? Wer nach “Dirk Basse” (der Förster) und Kyrill sucht, findet zwar einen Artikel von DerWesten, aber nicht die Videos aus dem Special…)
Klar kann man in dem Kyrill-Special nach Unvollkommenheiten suchen (und vielleicht auch hier und da welche finden).
Aber die eigentliche News ist für mich eine andere - dass da draußen nicht nur hirnbefreite IVW-Androiden unterwegs sind, sondern ein paar Leute heftig experimentieren und machen. Find ich sehr gut.
20. Januar 2008 um 12:35
@markus
Natürlich sind wir alle für kritik dankbar, weil wir ja alle besser werden wollen. Das lernt ja heute jeder callcenteragent in seinem ersten kundenkontakttraining. Mir ging es aber um die relevanz der kritik.
@fiete
Die Kritik der Kritik ist also eine Säule des Krämerladens? Got you right?
20. Januar 2008 um 16:08
@ Fabian
Der Förster mag interessantes erzählen (ich habe nicht alles gesehen), aber ich war ein wenig enttäuscht, weil ich unter der Verkaufe “Videos” einfach mehr unterschiedliche Videos erwartet hatte.
(Und Lob fürs Experimentieren hatte ich ja auch ausdrücklich verteilt.)