„Unter der Diskussionskultur gelitten“

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Einige Internetnutzer unterstellen der „Süddeutschen Zeitung“ ja ausgeprägten Antiinternetismus oder zumindest eine gehörige Netzphobie. Neben kundigen Beiträgen zum Thema Internet erscheinen dort auch immer wieder schaurige Schilderungen, denen zufolge das Netz hauptsächlich zur Verbreitung von Kinderpornographie, Fehlinformationen und Beleidigungen genutzt wird. Zuletzt empörten sich Blogs und Kommentare von sueddeutsche.de-Nutzern darüber, wie Bernd Graff in der „SZ“ das Netz als „Debattierklub von Anonymen, Ahnungslosen und Denunzianten“ abkanzelte.

„Man will Print-Abonnenten, die nicht viel vom Internet halten, signalisieren: ‚Wir sind noch da und wir sind die Hüter der Tugenden im Journalismus.‘ Dann sollte man aber auch Manns genug sein, sich noch einmal hinzustellen und dazu Stellung zu nehmen“, deutete das der Kommunikationswissenschaftler Christoph Neuberger, den ich für einen Artikel in der Medienzeitschrift „Journalist“ befragt habe. Auch Hans-Jürgen Jakobs, Chef von sueddeutsche.de, erzählt darin, wie offen für Publikumsreaktionen sich Journalisten seiner Meinung nach zeigen müssen:

Ein guter Kontakt mit dem Publikum hilft. Das gibt Inspiration, Information und kann zu wichtigen Korrekturen führen. Es ist ja nicht so, dass Journalisten immer alles richtig machen – da kann das Publikum als eine externe Qualitätskontrolle fungieren. Wenn allerdings jeder Kommentar in die Richtung von ,Hat der sein Handwerk immer noch nicht gelernt? Was macht der Quatschkopf überhaupt bei der SZ?‘ geht, ist das wenig hilfreich. Wer solche Schmähkritik äußert, kühlt sein Mütchen. Weiterhelfen tut es nicht.

Ich glaube, dass viele unsere Nutzer darunter gelitten haben, als sich die Diskussionskultur auf sueddeutsche.de in der Vergangenheit schlecht entwickelte. Den Dialog mit den Nutzern zu organisieren, wird deshalb eine der Hauptaufgaben für sueddeutsche.de in diesem Jahr sein. Wir haben bisher noch keine richtigen Community-Redakteure – solche Stellen sollte es in jeder Onlineredaktion geben.

Wir fragen die Nutzer immer wieder nach Ideen und Meinungen oder lassen sie über aktuelle Fragen abstimmen. Wenn wir der Meinung wären, das seien alles Idioten, würden wir das wohl kaum machen. Prinzipiell rate ich deshalb: Wenn man eine wichtige Anmerkung bekommt und Zeit dafür hat, sollte man als Journalist darauf auch reagieren. Leider ist es im Alltag oft so, dass eine sofortige und adäquate Reaktion schwer möglich ist, weil zum Beispiel neue Recherchen anstehen oder man in Konferenzen gehen muss.

Der gesamte Artikel mit Statements von Stefan Niggemeier, Gabriele Fischer („Brandeins“), Bernd Graff u. a. findet sich in der Februarausgabe der Medienzeitschrift „Journalist“.

Weitere Links

bei onlinejournalismus.de:

  • Der neue Hype: Wie die Fixierung auf Klickquoten dem Qualitätsjournalismus schaden könnte (Artikel aus „Journalist“ 12/2007)
  • Eingeschränkte Forenmoderation: Kalte Füße: Sueddeutsche.de “friert” Kommentare zeitweise ein
  • Sueddeutsche.de: „Vielleicht waren wir zu zögerlich“: Interview mit Hans-Jürgen Jakobs im April 2007

im sonstigen Internet:

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