Echtzeit-Redakteure, Content-Knechte, Teaser-Schubser …

… Multimedia-Talente, Kreativ-Abteilung, Online-Layouter, Agenturhörige, Experimentierwillige, Innovateure? Über die Arbeit in Online-Redaktionen, ganz allgemein.
Am Arbeiten in einer Online-Redaktion schätzt Peter Schink von „Welt Online“ besonders die Unmittelbarkeit und die Nähe zum Publikum. Das klingt erst einmal seltsam: Denn Online-Journalisten sind – genau so wie etwa Nachrichtenredakteure beim Radio – auch im Jahr 2008 meist Tisch-Redakteure.
Sie gehen selten vor die Tür und treffen nicht wie der Lokalreporter abends beim Bier ihre Protagonisten und ihr Publikum wieder. Online-Redakteure recherchieren vor allem im Netz oder per Telefon, bedienen sich aus Nachrichtenagenturen oder verarbeiten Material, das Korrespondenten und Reporter eigentlich für Radio, Print oder TV, das jeweilige Muttermedium der Onliner, erstellt haben. Schink weiß das. Er war fünf Jahre bei der „Netzeitung“, wechselte dann im Sommer 2006 als Entwicklungsredakteur zu „Welt Online“.
Unmittelbares Feedback
„Trotzdem ist man sehr nah an den Leser dran“, sagt Schink. „Sie kommentieren unsere Artikel unglaublich schnell.“ Ob durch Kommentare in den dafür vorgesehenen Nutzer-Bereichen auf der Website, E-Mail-Leserbriefe oder durch Blog-Schreiber – Online-Redaktionen und damit Online-Redakteure erhalten sehr viel stärker Publikumsreaktionen als viele andere Journalisten. Positiv wie negativ: User finden Fehler, weisen auf Ungereimtheiten hin, fühlen sich aber vielleicht auch nur animiert, den Redakteuren ihre persönliche Sicht der Dinge mitzuteilen, wittern hinter einem Artikel interessengeleitete Kommunikation und Medien-Verschwörungen.
Doch das Medium Internet zeichnet eine andere Art von Unmittelbarkeit aus: „Wenn man auf den Knopf im Redaktionssystem drückt und etwas veröffentlicht, ist es sofort draußen zu sehen“, erläutert Schink. Keine langwieriger Druckprozess und kein Warten von der Fertigstellung eines Fernsehbeitrags bis zur Ausstrahlung der Sendung – Aktualität im Minutentakt ist in vielen Online-Redaktionen nicht nur möglich, sondern Pflicht.
Operation am lebenden Objekt
Für die Redakteure bei Nachrichtenportalen und anderen aktuell arbeitenden Redaktionen bedeutet das: Eine wichtige Meldung muss so schnell wie möglich auf die Seite. Ist sie erst einmal veröffentlicht, wird der Text erweitert, mit Bildern und zusätzlichen Informationen ergänzt – und ein paar Stunden später womöglich schon wieder komplett umgeschrieben, weil sich die Nachrichtenlage geändert hat.
„Die Nutzer erwarten Aktualität“, sagt Sebastian Holzapfel, Online-Chef der „Frankfurter Rundschau“. Allerdings dürfe man sich davon nicht zu sehr treiben lassen: „Eine Redaktion braucht Mittel, um schnell zu sein und gleichzeitig den Aufwand dafür in Grenzen zu halten. Wir können dpa-Meldungen automatisch ins Redaktionssystem einfließen lassen und dann entscheiden, wie sehr wir sie noch bearbeiten müssen. So bleibt Zeit dafür, auf besondere Geschichten mehr Aufwand zu verwenden.“
Zwar gibt es keine Deadline, die den Redakteuren im Nacken sitzt und für Stressmomente sorgt. Dafür gibt es eine konstante Anspannung. Denn online ist man nie fertig. Ein Artikel kann immer noch um eine kleine aktuelle Wendung, ein zusätzliches Bild oder eine peppigere Bildunterschrift ergänzt werden.
Quote im Hinterkopf
Für Anspannung bei Redaktionen, die von von Werbevermarktung abhängig sind, sorgt noch etwas anderes: die Quote. Fast in Echtzeit ist für die Redakteure einsehbar, welche Beiträge auf ihrer Seite von den Nutzern wie oft angeklickt werden, mit welcher Leichtigkeit womöglich die bunte Promi-Meldung am Politik-Thema des Tages vorbeizieht. „Das beeinflusst die Arbeit stark. Wer etwas anderen sagt, lügt oder arbeitet in einer ganz besonderen Redaktion“, sagt Holzapfel.
Allerdings hätte Medienhäuser inzwischen erkannt, dass sie nicht hemmungslos auf Boulevard-Themen setzen können, um die Klickquote in die Höhe zu treiben, ohne es sich mit zumindest einem Teil der Nutzer zu verscherzen und die eigene Marke zu beschädigen. Holzapfel sieht aber nicht nur schlechte Seiten an der Klickwirtschaft: „Teilweise ist sie eine gute Hilfe. So kann man bei einem Thema, das einem am Herzen liegt, noch einmal überlegen, wie man es die Aufbereitung optimieren kann, damit es besser gelesen wird.“
Dicht schreibende Generalisten
„Online-Redakteure müssen sehr viel dichter schreiben als Print-Redakteure. Die Leser steigen viel leichter aus“, sagt Peter Schink. Text und Sprache, zusätzlich ein bisschen Bildbearbeitung, sind immer noch die Hauptwerkzeuge der Online-Redakteure. Wie das Web funktioniert und was technisch möglich ist, müssen Redakteure wissen. Im Normalfall werden sie aber mit einem Content-Management-System arbeiten, in dem sie – mehr oder weniger komfortabel – die Seiten befüllen können, ohne selbst technisch Hand anlegen zu müssen.
Die meist geringe Redaktionsgröße sorgt dafür, dass vor thematische Allrounder gefragt sind: „Wir mit fünf Festangestellten brauchen hier den Generalisten“, sagt Holzapfel. Die unterschiedlichen Qualifikationsanforderungen sind von verschiedenen Faktoren abhängig: Der Internet-Redakteur, der die Homepage einer Radiosendung mit Texten bestückt benötigt andere Fähigkeiten als der Chef vom Dienst, der die Inhalte für ein Nachrichtenportal auswählt und Texte redigiert.
Audio und Video kommen dazu
Über den gesamte Markt gesehen beobachtet Holzapfel aber zwei Entwicklungen, die sich zum Teil gegenseitig neutralisieren: In größeren Online-Redaktionen mit wachsendem Personalbestand gibt es spezialisierte Ressorts und Autoren. Andererseits würden durch die wachsende Zahl verwendeter Techniken und Formate wie Podcasts oder Flash-Animationen neue technische Qualifikationen gefragt: „Vielleicht muss in zwei Jahren jeder wenigstens ein bisschen Flash können“, sagt Holzapfel. „Das Bild des Journalisten wandelt sich. Ich denke, dass so zum Beispiel in Zukunft mehr Audio-Slideshows eingesetzt werden. Dafür ist dann wiederum eine Sprecherausbildung notwendig“, pflichtet Schink bei.
Hier bieten sich tendenziell gute Chancen für Absolventen neuerer Ausbildungsgänge für Online-Journalisten wie der Diplom-Studiengänge in Darmstadt und Köln oder mehrmonatiger Fortbildungsgänge zum Online-Journalisten. Haben die Nachwuchsjournalisten während der Ausbildungszeit Kenntnisse im Einsatz neuerer Webtechnologien und Darstellungsformen wie Audio oder Video erworben haben, geht dies möglicherweise schon über das hinaus, was ursprünglich aus dem Print-Bereich kommende Alt-Redakteure sich im Laufe der Jahre selbst beigebracht haben.
Holzapfel hält es mittelfristig für möglich, dass durch das Zusammenwachsen von klassischen und Onlineredaktionen arbeitsteilige Teams entstehen: „Ältere Kollegen, die von der Zeitung kommen, bringen ihre Rechercherfahrung ein, während sich die jüngeren Onliner um die Umsetzung für die verschiedenen Medien kümmern.“ In Ansätzen wird das in integrierten Newsrooms schon praktiziert.
Tarif-Vertrag oder outgesourct?
Noch trennt allerdings mancherorts eine deutliche Barriere die beiden Gruppen:
„Es ist eine Tatsache, dass Online-Journalisten schlechter bezahlt werden“, sagt Welt-Online-Redakteur Schink. Insgesamt ermittelt eine repräsentative Studie der Universitäten Münster und Hamburg 2005 einen Durchschnittsverdienst von 1.840 Euro bei Online-Journalisten – der Schnitt aller hauptberuflichen Journalisten lag bei 2.300 Euro. FR-Online-Chef Holzapfel hebt hervor, dass seine festangestellten Mitarbeiter nach dem Tarifvertrag für Zeitungsredakteure bezahlt werden. Auch in den öffentlich-rechtlichen Online-Redaktionen gelten die Tarifbedingungen.
Anders sieht es hingegen nach Angaben des Deutschen Journalisten-Verbandes in jenen Verlagshäusern aus, die ihre Internetabteilungen in den 90er Jahren outgesourct haben: Dort bekommen die Online-Redakteure häufig geringe Gehälter und weniger Zusatzleistungen als ihre Kollegen in den Print-Mutterhäusern. Noch weniger rosig sieht die Lage für freie Autoren aus: Die Text- und Bildhonorare für Online-Autoren sind meist mau. Eigene Video-Inhalte wollen zwar alle Online-Redaktionen gerne haben, TV-übliche Tagessätze für die Produktion will aber niemand zahlen. Schink hat die Hoffnung, dass das in den nächsten Jahren besser wird. „Je größer das Ansehen der Online-Journalisten, desto höher die Bezahlung.“
Der Artikel erschien in ähnlicher Form zuerst im Medienmagazin „Insight“ (3/2008).
Weitere Links
bei onlinejournalismus.de:
- Innovation als Hindernislauf. Warum große Onlineredaktionen häufig nicht können, wie sie wollten und sollten.
- Der neue Hype. Die Internetableger von Printmedien investieren kräftig. Die Fixierung auf Klickquoten könnte ihnen aber schaden.
- Mit Bewegtbildern und PR-Drachen klarkommen. Die FH Darmstadt entlässt ihre ersten Diplom-Onlinejournalisten. Professor Klaus Meier zieht ein Fazit (2006).
- Onlinejournalismus: .dekade 1. Umfangreiches Dossier zu den ersten zehn Jahren Onlinejournalismus in Deutschland (2004).
Im sonstigen Internet:
- Blogh. Privates Weblog von Peter Schink über die Zukunft des Internet.
- Sebastian Holzapfel. Persönliche Homepage.




FR-Online-Chef Holzapfel hebt hervor, dass seine festangestellten Mitarbeiter nach dem Tarifvertrag für Zeitungsredakteure bezahlt werden.
Hat er auch gesagt, wie viele freie Mitarbeiter in seiner Online-Redaktion arbeiten? Und was die so verdienen? Hätte man ihn mal fragen sollen.