Wie gehen Hauptstadtjournalisten mit Spiegel Online, SMS und Merkels Videoansprachen um?

Wie sich die Zeiten ändern: In der letzte Woche veröffentlichten Studie von Netzwerk Recherche, für die Autoren Leif Kramp und Stephan Weichert Experteninterviews mit 33 Journalisten, Pressesprechern und Kommunikationsberatern im Berliner Politikbetrieb geführt haben (Studie als PDF, 636 KB, 86 Seiten), finden sich einige interessanten Aussagen, die grob unserer Themenfeld betreffen.

Anders als die Befragten in der ebenfalls von Netzwerk Recherche herausgegebenen Studie von Julia Bönisch von 2006 (PDF) kann heute niemand der Journalisten die schon damals von der Autorin herausgearbeitete Leitfunktion von Spiegel Online als (ein) Leitmedium abstreiten:

Der ehemalige taz-Parlamentsredakteur Jens König (heute: Stern) sieht dagegen eine „stumme Revolution“ in der Berlin-Berichterstattung durch die unaufhaltsame Karriere von Spiegel Online. Auch die anderen Journalisten stimmen im Gespräch zu, dass der Spiegel-Ableger zum Leitmedium avanciert sei, dessen Angebot mittlerweile zum „Bildschirmschoner“ (Christoph Schwennicke) im Arbeitsalltag der Hauptstadtjournalisten tauge. Mit ihren luxuriös ausgestatteten Büroräumen im Zentrum der Macht, direkt am Pariser Platz vis-à-vis von Reichstag, Kanzleramt und Brandenburger Tor, ist Spiegel Online für die einen „Erstkontakt mit der Information“ (Martin Bialecki), für andere ist es „Agenda Setter“ mit „fast immer großen und wichtigen Texten“ (Gerhard Hofmann), sogar „Meinungsführer“ (Richard Meng).

Angesprochen werden in der Studie auch das Prinzip “Online First” bei Welt Online, die “SMS-Revolution” als Mittel der Informationsversorgung aus geschlossenen Sitzungen und die Funktion von Angela Merkels Videopodcast:

„Der Podcast ist ja insofern ein Novum, als die Regierung damit die Medien umgeht und sich direkt an den Endnutzer wendet. Also nicht mehr B2B, sondern direkt. Nun kennen wir das als Nachrichtenagenturen ja schon etwas länger, weil die Medien das ja selber auch tun und wir schon lange keine Hoheit mehr über die Informationsnetze haben. Das ist seit vielen Jahren eine Tatsache. Insofern ist das mal eine Entwicklung, bei der die Agenturen ganz weit vorne stehen, weil sie das schon kennen, dass der Informationsgeber kein Zwischenmedium mehr nutzt, sondern sich direkt an den Bürger wendet.“ (Martin Bialecki, dpa)
„Ärgerlich“ macht der Podcast einige Hauptstadtjournalisten vor allem deshalb, weil das Kanzleramt an nachrichtenarmen Wochenenden seine Chefin schonen möchte und bei Presseanfragen keine gesonderten Interviewtermine gewährt, dafür aber neuerdings auf die Videobotschaft im Netz verweist.

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