Netzeitung vor dem Aus?
Von Frank Miener am 6. Juli 2008Die Spatzen pfeifen es schon länger von den Dächern, nun verdichten sich anscheinend die Zeichen, dass die Netzeitung vor dem Aus steht. Zumindest, wenn man heise.de hier Glauben schenkt. Die Originalmeldung hat Welt online hier verbreitet.
Der Grund ist dabei mit Sicherheit aber nicht, dass reiner Onlinejournalismus nicht funktioniert - das digitale Blatt hält sich immerhin seit 2000 ohne Printausgabe.
Der Grund ist hier vielmehr in der Eigentümerstruktur zu suchen, denn die BV Deutsche Zeitungsholding (Link bei wikipedia.de) von David Montgomery ist seit kurzem der Eigner. Und genau wie beim Print-Flaggschiff der Gruppe, der Berliner Zeitung, scheint sich hier zu bewahrheiten, dass es nur um die Rendite geht.
Allein: Die Lage für die Netzeitung hat sich durch die großen Relaunches z.B. von Welt, Süddeutscher und vieler anderer Portale verändert. Die Pionierleistung des Blattes ist Webstandard, und zuletzt hinkte sie hinterher. Man schweifte ab (z.B. hier), war wenig beachtet. Der letzte Relaunch verunglückte (hier, hier und hier).
Das soll kein Nachruf sein, denn die Redakteure leisten noch immer gute Arbeit. Doch wenn ein Investor am Ruder ist, heißt es leider immer häufiger - das Flaggschiff retten, alle anderen über Bord.
Das wäre schade.
6. Juli 2008 um 19:45
Ich habe mal schnell bei IVW geschaut, wieviele Seiten die ausliefern. Bei der Netzeitung sind das monatlich 7 Mio., bei Welt Online über 100 Mio. und bei St. Spon über 500 Mio. Das ist einfach kein Vergleich. Man erwartet, dass alle Newsportale ein gleich gutes Angebot machen, aber Qualität muss eben auch finanziert werden. Da kann viel über die jetzigen Eigentümer geschimpft werden, die meisten Fehler sind wohl in der Vergangenheit gemacht worden. Der Netzeitung ist ein ehemaliger Brötchen- oder Tuchfabrikant zu wünschen, der sein Verlegerherz entdeckt hat und das Portal für einen Euro kauft.
7. Juli 2008 um 19:30
Das wäre nicht nur schade, sondern ein weiterer Sargnagel für die Pressefreiheit, wie ich gestern schon hier schrieb.
Je weiter dieser Prozess fortschreitet, bei dem die Netzeitung ja nur ein Symptom ist, um so mehr gerät unsere Demokratie als Ganzes in Gefahr.
10. Juli 2008 um 17:11
Nix Genaues weiß man nicht, heißt es weiterhin für die Belegschaft der Netzeitung: “Am heutigen Donnerstag sollte eine Gesellschafterversammlung entscheiden, wie bei der Netzeitung gespart werden soll. Die Entscheidung wurde vertagt. Die Mitarbeiter der Netzeitung rechnen mit dem Schlimmsten”, meldet Golem.
19. Juli 2008 um 12:36
Eine Woche später heißt es wiederum: “Die Online-Nachrichtenseite “Netzeitung” wird weder eingestellt, noch soll es betriebsbedingte Kündigungen geben - behauptet zumindest der Geschäftsführer des Verlags”, schreibt die “taz”.