Angriff auf den Platzhirsch

Screenshots Wall Street Journal und New York Times | [M]: ojour.de

Wie das “Wall Street Journal” die “New York Times” online bedrängt.

Von Michael Soukup


“Dies ist der Ort, wo ich am 11. September um mein Leben rannte. Ich will hierher nicht mehr täglich zurückkehren”, gab ein Reporter zu Protokoll. Neun Monate nach dem Angriff auf das World Trade Center sprachen sich bloß 28 Prozent der “Wall Street Journal”-Redaktion für eine Rückkehr aus. Der Zusammenbruch der beiden Türme beschädigte das gegenüberliegende World Financial Center schwer, sodass die Redaktion ans andere Flussufer nach New Jersey evakuiert werden musste.

Viele Journalisten waren von den Ereignissen traumatisiert und fürchteten um ihre Gesundheit – ihre früheren Büroräume waren voll Asbeststaub. Die eilends von den Mitarbeitern organisierte Umfrage sollte das Management von seinen Plänen abbringen, an die Südspitze Manhattans zurückzukehren.

Vor dem Betreten der Redaktion wird man gescannt

Es war ein Akt der Verzweiflung. Und vergeblich. “Wir wurden 1889 in Downtown gegründet, und wir werden in Downtown bleiben”, ließ die Dow Jones & Company, die das “Wall Street Journal” (WSJ) besitzt, verlautbaren. Sechs Jahre später besuchen wir die Redaktion des konservativen Weltblattes. Noch immer befinden sich die “Editorial and Corporate Headquarters” an der 200 Liberty Street. Noch.

Der neue Boss ist Rupert Murdoch. Gleich zu Beginn gab der australische Medienmogul den Tarif durch: Das “Journal” soll das Leitmedium des US-Journalismus, die “New York Times”, ablösen. So wünschte er sich ein bunteres Blatt und stellte die bewährte Gebührenpflicht der Online-Ausgabe in Frage. Beides eine Ungeheuerlichkeit in den Augen der Redaktion. Zudem zieht die 750-köpfige Redaktion bald in die News-Corp-Zentrale Murdochs in Midtown.

Es ist unerträglich heiß und schwül diesen Juni an der Ostküste. Schon der kurze Gang vom Taxi hinüber zum 176 Meter hohen One World Financial Center lässt den Schweiß aus allen Poren treten. Das Hemd ist klatschnass. Vor dem Betreten der Redaktion muss ein Metalldetektor passiert und die Tasche gescannt werden. Dann geht es aufwärts in die 12. Etage.

Steigerung auf über eine Million Online-Abos

Almar Latour heißt der neue Managing Editor des “Wall Street Journal Online”, kurz WSJ.com. Der 37-jährige gebürtige Holländer berichtete zur Zeit der Anschläge aus London über die europäische Technologiebranche, später leitete er das Technologie-Ressort in New York. Als Blattmacher koordiniert Latour die nicht minder bedeutende Online-Ausgabe.

Sie gilt neben der “New York Times” als das digitale Aushängeschild der amerikanischen Zeitungsbranche. Zwar ist das WSJ mit einer Auflage von zwei Millionen verkauften Zeitungen doppelt so groß wie die “New York Times”. Aber im Netz, da ist die “Gray Lady” die unangefochtene Nummer eins. Noch.

In einem internen Memo an die Mitarbeiter schrieb Alan Murray, Online-Chef und stellvertretender Chefredakteur der Print-Ausgabe: “Diejenigen, die Almar kennen, wissen, dass er die richtige Person ist, um die Website des ‚Journal’ in eine neue Ära des globalen Wachstums und Umbruchs zu führen.” Tatsächlich wuchs innerhalb von zwölf Monaten die Zahl der Online-Abonnenten von 930.000 auf 1.035 Millionen, wie Latour nicht ohne Stolz bemerkt. Das ist im Zeitalter der Gratiskultur beachtlich. Anfang des Jahrtausends waren es dreimal weniger.

Die nytimes.com brachte es nicht einmal auf eine Viertelmillion zahlende Leser. Im letzten Herbst wurde schließlich das kostenpflichtige Angebot freigeschaltet. Die gesamte Ausgabe plus alle Artikel der vergangenen 20 Jahre sind nun frei zugänglich.

Damit konnte die “Times” ihre Position als meistbesuchte amerikanische Internet-Zeitung mit 17,6 Millionen Nutzern monatlich zwar behaupten. Zum Vergleich: Die führende Newssite im deutschsprachigen Raum, “Spiegel Online”, kommt auf 5 Millionen und die Schweizer Nummer eins, 20min.ch, auf 749.000.

Doch auch das wsj.com hat begonnen, die Gebühren-Mauern herunterzureißen. Laut Nielsen Online konnte sich das Wirtschaftsblatt von 5,8 Millionen im Oktober auf 9,6 Millionen im Juni steigern. Chefredakteur Alan Murray erwähnt noch bessere Zahlen von Omniture, die das Besucheraufkommen jedoch anders erfasst: “In den letzten 16 Monaten haben sich die Besuchszahlen verdreifacht. Wir haben nun 16,2 Millionen Besucher.” Das Wall Street Journal Digital Network mit den Sites MarketWatch, Barrons oder All Things Digital zähle gar 25,2 Millionen Nutzer.

Exklusive Wirtschafts- und Finanznews kosten weiterhin

Alan Murray genießt offenbar das Vertrauen der neuen Besitzer. Gerade wurde der frühere Leiter des Washingtoner Büros vom neuen “WSJ”-Chefredakteur Robert Thomson zu seinem Stellvertreter ernannt. Thomson ist die rechte Hand von Rupert Murdoch.

Seit Murdoch letztes Jahr Dow Jones übernahm, geht es im einst blutleeren Börsenblatt recht bunt zu und her: Farbige Bilder, Sportseiten und eine ausführliche Politik-Berichterstattung haben das einst spröde “Journal” gehörig aufgepeppt. “Murdoch hat etwas erkannt: Wir sind immer davon ausgegangen, dass das ‚Journal’ bloß eine Zweitzeitung ist. Dass also in New York in erster Linie die ‚New York Times’ und in Chicago die ‚Chicago Tribune’ gelesen wird”, sagt Murray. Da jedoch seit geraumer Zeit die überregionalen Qualitätszeitungen redaktionell abbauten, müsse das “Journal” diese Lücke füllen.

Die bunten Bilder ließ sich der alte Herr nicht ausreden. Erstaunlicherweise konnten aber die Journalisten den 77-Jährigen bei seinen Online-Plänen umstimmen. “Wir haben in den vergangenen Monaten herausgefunden, dass wir eine große Menge kostenlos anbieten können, aber dass gleichzeitig weiterhin viele Nutzer bereit sind, für das Abonnement zu zahlen”, stellt Murray fest. Eine Erhöhung des Jahresabos für Online-Leser von 99 auf 119 Dollar im März führte jedenfalls nicht zu einem Einbruch. Kostenlos ist nun die Berichterstattung über Politik, Sport und Lifestyle sowie ein Teil der Business-Artikel. “Aber unsere Kernkompetenz, exklusive Wirtschafts- und Finanz-News, bleibt gebührenpflichtig”, ergänzt Blattmacher Almar Latour.

Das Wetter findet in der “New York Times” statt

Für dieses Jahr ist ein Redesign des Online-Auftritts vorgesehen. Zu den Gerüchten, dass es dann zu einer Neuausrichtung kommen könnte, sagt Latour klar: “Es gab keinen Richtungswechsel. Wir konzentrieren uns weiterhin auf das Hybrid-Modell.” Damit ist das “Journal” mit seiner Gebührenpflicht alleine auf weiter Flur.

In Deutschland und der Schweiz ist zu beobachten, dass viele Qualitätstitel online gerne die “Boulevardsau” rauslassen. Der “Spiegel” hat im Internet gar ein eigenes Stars- und- Sternchen-Ressort geschaffen. Und die “Süddeutsche Zeitung” ist sich nicht zu schade, mit sinnlosen Bildergalerien wie “Nacktmulle im Fitnessstudio” oder “Die 100 besten Biere der Welt” die Klickquoten nach oben zu treiben. Ist da die Versuchung nicht groß, auch beim wsj.com vermehrt auf die heiteren Seiten des Lebens zu setzen? Almar Latour winkt ab: “Wir werden immer das ‚Journal’ bleiben. Mit dem Wall Street im Titel.”

Na gut, aber warum findet sich nirgendwo eine Wetterkarte? Schließlich leidet New York unter einer Gluthitze. “Gute Frage, es gibt tatsächlich keine entsprechende Information. Sie haben Recht, unsere Leser sind Entscheidungsträger, und diese interessieren sich natürlich auch für die Hitzewelle”, stellt Latour trocken fest. Und sein Chef macht sich eine entsprechende Notiz auf seinem Blackberry. Vergebens. Für das Wetter müssen die “Journal”-Leser auch heute auf nytimes.com klicken.

An 9/11 Mittendrin

Der Name des “Wall Street Journal” stammt von der Wallstreet, einer Strasse im Finanzbezirk New Yorks.

Es erscheint seit seiner Gründung am 8. Juli 1889 durch Charles Dow und Edward Jones ununterbrochen selbst am 11. September 2001, als die Redaktion teilweise zerstört wurde, kam eine Notausgabe heraus. Bis 1981 war das WSJ die auflagenstärkste Zeitung, danach übernahm “USA Today” den ersten Platz.

Michael Soukup leitet das Ressort Multimedia bei der in Zürich erscheinenden “SonntagsZeitung”.
Dieser Beitrag ist in leicht abgewandelter Form am 27.07.2008 in dieser Zeitung erschienen, dort können Sie ihn übrigens auch anhören.

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