Wohlwollender Diktator

Google - ein wohlwollender Diktator (Screenshot [M])

Nicht nur als Rechercheinstrument hat Google immense Bedeutung erlangt. Auch bei der Distribution von Nachrichten im Web ist die Suchmaschine zu einem wichtigen, wenn auch umstrittenen Akteur für deutsche Medien geworden.

Auf einer Podiumsdiskussion stellte Moderator Fritz Frey (SWR) kürzlich die Frage: „Was ist morgen Leitmedium?“ Nicolaus Fest, Mitglied der Bild-Chefredaktion, überraschte mit seiner Antwort: „In zehn Jahren sitzen hier Google und Yahoo.“ Fests saloppe Prognose erscheint nicht völlig abwegig.

Für Focus-Online-Chefredakteur Jochen Wegner ist Google „eine Relevanzmaschine, die wir umarmen sollten.“ Das Auffinden von Informationen sei durch Google immer wieder revolutioniert worden. Das sei für jeden Journalisten eine „Freude“, sowohl mit Blick auf die Recherche als auch hinsichtlich der Präsentation von Informationen im Netz. Die Suchmaschine sei inzwischen für Onlinemedien zu einem Qualitätsindikator geworden: „Das Schöne daran ist, dass Google die Anbieter von originären Inhalten belohnt und Copy-Paste-Journalismus abstraft. Da sind wir strategisch in einer sehr guten Position.“

Der Ansatz von Focus Online, die eigene Marke durch selbst produzierte Inhalte zu stärken, nur Lücken mit Agenturmeldungen aufzufüllen und „auf den eigenen Dreh“ zu achten, werde durch Google belohnt. Bei Focus Online kämen inzwischen 40 Prozent der Nutzer über Google. „Das ist für uns ein wichtiges Qualitätsmerkmal und ein wichtiger Wachstumstreiber“, sagt Wegner.

Ein Drittel aller Besucher über Google
Wolfgang Blau, seit März Chefredakteur bei Zeit Online, bestätigt: „Google wird immer besser darin, umgeschriebene Tickertexte zu erkennen und gibt exklusiven Inhalten eine höhere Sichtbarkeit.“ Zeit Online biete viele Inhalte, die sonst nirgends zu finden seien, und Google scheine diese besser zugänglich zu machen. Bei Zeit Online kämen ein Drittel aller Besucher über Google zu der Seite, erklärt Blau.

Auch der Leipziger Professor Marcel Machill, der kürzlich die Studie „Journalistische Recherche im Internet“ veröffentlichte, hält Google bei der Distribution von Inhalten für einen wichtigen Akteur: „Wenn man sich anschaut, mit welcher Produktdifferenzierung Google vorangeschritten ist, dann kann man die Bedeutung gar nicht groß genug beschreiben. Was da in den vergangenen Jahren hinzu gekommen ist, mit Projekten wie Google Earth, Buchsuche oder Google News hat eine Dimension im Inhaltsbereich angenommen, die weit über die Position hinaus geht, die beispielsweise Microsoft bei der Systemsoftware hat“, sagt der Kommunikationswissenschaftler. „Die Gatekeeper-Bedeutung von Google an ganz unterschiedlichen Stellen ist enorm.“

Sueddeutsche.de-Chefredakteur und Medienjournalist Hans-Jürgen Jakobs gesteht Google zu, „vor allem mit Google News eine wichtige Verteilstation im deutschen Journalismus“ geworden zu sein. Jakobs hält die Suchmaschine jedoch für unberechenbar und intransparent: „Man kann sich nur wundern, was etwa bei Google News oben ist. Die Entscheidung darüber, was wichtig ist, trifft nicht ein Journalist, sondern eine Maschine“, kritisiert er. Durch sogenannte Suchmaschinenoptimierung (SEO) und Suchmaschinenmarketing (SEM) mache sich die Onlinebranche von dieser Maschine abhängig: „Manche Seiten gewinnen durch diese Maßnahmen bis zu 50 Prozent ihrer Nutzer über Google, wir nur 15 bis 20 Prozent“, sagt Jakobs. „Exzessiv betriebene SEO“ stellen für ihn eine „journalistische Wettbewerbsverzerrung“ dar.

Kritik: intransparente Shopping-Tour
Auch Jochen Wegner beobachtet diese Entwicklungen kritisch: „Es gibt Konkurrenten, die für fünf- oder gar sechsstellige Beträge im Monat Reichweite einkaufen. Die melden dann von einem Monat zum anderen stolz Zuwächse von 30 Prozent oder gar Verdoppelungen ihrer Reichweite. Ich hätte nichts dagegen, wenn derlei massiver Traffic-Einkauf transparent gemacht würde. Daran haben viele Kollegen verständlicherweise kein Interesse.“ Obendrein seien diese erkauften Steigerungen nicht von nachhaltigem Nutzen für das jeweilige Angebot, da sie sich „nicht einmal entfernt refinanzieren“, sagt Wegner.

Dass Branchengerücht, wonach sich vor allem Welt Online per SEM/SEO weitere Besucher über Google hinzukaufe, bezeichnet Springer-Sprecher Dirk Meyer-Bosse als „kompletten Unsinn“. „Etwa 35 Prozent der Besucher kamen im ersten Halbjahr durchschnittlich über Google auf Welt Online“, erklärt Meyer-Bosse. Der Suchmaschine misst er letztlich keine allzu große Bedeutung zu: „Journalistische Qualität im Netz wird sich auch in Zukunft durchsetzen – mit und ohne Google.“

Google-Pressesprecher Stefan Keuchel kann den Vorwurf mangelnder Transparenz seines Suchangebots nicht nachvollziehen: „Es ist auffällig, dass sich ausschließlich Redakteure von Medien, deren Meldungen nicht gut bei Google News indexiert sind, über mangelnde Transparenz bei Google News beschweren.“ Andere Anbieter hätten hingegen ihre „Hausaufgaben“ gemacht und freuten sich nun über steigende Klickzahlen. Keuchel zeigt sich gesprächsbereit: „Wer Interesse daran hat, welche Kriterien Google News zugrunde liegen, kann sich jederzeit vertrauensvoll an Google wenden.“ Darüber hinaus empfiehlt er, „sich einmal anzuschauen, was die Medien, die gut bei Google News indexiert werden, richtig machen.“

Wie Suchmaschinenoptimierung und -marketing bei Zeit Online betrieben wird, schildert Wolfgang Blau: „Wir investieren viel Geld in die Suchmaschinenoptimierung unserer Inhalte, haben in unseren täglichen redaktionellen Abläufen aber noch viel zu lernen. Zum Beispiel müssen unsere Bildunterschriften oft noch aussagekräftiger werden. Wenn auf einem Foto Angela Merkel zu sehen ist, dann muss ihr Name auch in der Bildunterschrift vorkommen.“ Google verstehe leider keine Ironie und auch keine Anspielungen.

„Eine Menge Zitationen“
Mit Suchmaschinenmarketing sammele man gerade erste Erfahrungen: „Als das Zeit Magazin kürzlich vermisst geglaubte Szenen aus Fritz Langs ‚Metropolis‘ präsentieren konnte, wussten wir zum Beispiel, dass das in den USA ein noch größeres Nachrichtenthema werden könnte als in Deutschland. Wir haben deshalb unseren Bericht sofort ins Englische übersetzt und den Link zu diesem Text auf Google-USA mit allen dafür relevanten Keywords beworben.“ Der englische Text sei dann tagelang der meistgelesene Artikel auf Zeit Online gewesen und habe „eine Menge Zitationen und Links internationaler Medienhäuser und Blogger beschert“, berichtet Blau.

Schädlich für den Journalismus?
Mittlerweile gehöre es zum journalistischen Handwerk, dass Websites für Google optimiert seien, sagt Wegner. Vor drei, vier Jahren habe man darüber noch nicht nachgedacht. Bei Focus Online optimieren ein dreiköpfiges Team und einige freie Mitarbeiter die Website auf die Bedürfnisse der Suchmaschine. Dies sei keine originäre journalistische Arbeit, sondern ein technisches Handwerk. Dass das Anpassen des Journalismus an die Anforderungen von Suchmaschinen schädlich sein könnte, kann Zeit Online-Chef Blau nicht erkennen, zumindest wenn maßvoll gehandelt werde:

„Google und das Internet sind nicht die ersten Medientechnologien, die sprachliche und methodische Anpassung abverlangen. Auch für das Radio muss anders geschrieben werden als etwa für Print oder gar Fernsehen. Journalismus lebt davon, gefunden, gelesen, gesehen oder gehört zu werden.“ Es seien gerade die Nischenthemen, die in der traditionellen Medienlandschaft als kaum finanzierbar galten und die nun dank Google eine größere Chance haben, gefunden und gelesen zu werden. Schaden nehme der Journalismus nur dann, wenn Texte nicht mehr primär für die Leser geschrieben werden, sondern für Google, wenn also alle Googletauglichen Keywords in einem Text so irritierend oft verwendet werden, dass man sich beim Lesen schon „als lernschwach verdächtigt fühlt“.

Blau erläutert, dass die Grundsätze für gute Suchmaschinenoptimierung ohnehin sehr viel gemeinsam haben mit den Regeln für nutzerfreundliches Webdesign. Dazu gehörten eindeutige Überschriften und Beschriftungen, eine klare Trennung von redaktionellen und werblichen Inhalten und eine intuitiv verständliche Seitenstruktur.

Blau hält indes den kulturprägenden Einfluss Googles durchaus für bedenklich. „Die eigentliche Macht Googles liegt ja darin, missliebige Sites gar nicht erst in seinen Suchindex aufzunehmen. Sites, die heute nicht via Google gefunden werden können, sind damit de facto nonexistent.“ Google sei obendrein der größte Datenstaubsauger der Welt. Gleichzeitig lehre aber das Beispiel Microsoft, dass auch ein „als unbezwingbar geltendes“ Unternehmen in der Regel immer nur eine kurze Blütezeit erlebe. „Als Journalisten können wir eine Alternativen zu Google schaffen, wir können Google aber zu unserem Vorteil nutzen, und wir sollten das Unternehmen dabei mit einer guten Portion Misstrauen beobachten“, rät Blau.

Vom Index verbannt

Dass Google in der Vergangenheit zu stark manipulierte Seiten abstrafte, indem diese im Suchindex nicht mehr auffindbar waren, hält Focus-Online-Chef Wegner für richtig, da diese Strafmaßnahmen nach seinen Beobachtungen bislang stets im Sinne der Nutzer erfolgten. So wurde beispielsweise 2006 die Seite eines deutschen Automobilherstellers kurzzeitig ganz aus dem Google-Index entfernt, weil die Firma aus Google-Sicht künstlich ihre Web-Popularität erhöhen wollte. „Meine große Sorge ist nur, was passiert, wenn Google von seiner guten Strategie grundlegend abweicht und den Algorithmus fundamental ändert. Das würde die Welt der Online-Informationen komplett auf den Kopf stellen“, sagt Wegner. Die Suchmaschine habe in Deutschland zwar eine Monopolposition, aber für ihn sei sie derzeit noch ein „wohlwollender Diktator“, mit dem er gut leben könne.

Google ist bestrebt, seine günstige Ausgangsposition weiter auszubauen. „In den USA testen wir derzeit beispielsweise ein neues User Interface, bei dem Google News seinen Besuchern auch sich entwickelnde Storys anzeigt. Ebenfalls in den USA haben Nutzer die Möglichkeit, auch Nachrichten, die älter als 30 Tage sind, im sogenannten News Archive zu finden. Das sind Features die von deutschen Nutzern nachgefragt werden“, berichtet Pressesprecher Keuchel. Die deutschen Medien werden sich also weiterhin den Gepflogenheiten des Marktführers anpassen müssen, um ganz oben dabei zu sein.

Dieser Artikel erschien zuerst in ähnlicher Form in der Ausgabe-Ausgabe des Medienmagazins “Journalist”.

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