Citizen- … journalism? CNN-Vizepräsidentin Grant über iReport

Susan Grant | Foto: Sebastian GerhardRichtig durchgestartet sei das Citizen-Journalism-Programm von CNN mit dem Amoklauf am Virginia-Tech-College, erzählt CNN Executive Vice Präsident Susan Grant. Weltweit strahlten Sender die Videobilder aus, die ein Student mit seinem Handy aufgenommen und auf CNNs „iReport“-Seite eingereicht hatte. Wie sich das iReport-Programm aus Sicht des Senders heute darstellt und warum explizit nicht „Journalismus“ drübersteht, schildert Grant im Interview (Audio) mit onlinejournalismus.de

[Update: Jetzt auch deutsche Textversion]

Welche Art von Themen veröffentlichen die User bei iReport?

Viele der Inhalte, die wir über iReport.com erhalten, sind mit tagesaktuellen Ereignissen verbunden, etwa mit großen Wetterereignissen oder einem Erdbeben in China. Die Erinnerung an den 11. September oder Katrina sind weitere gute Beispiele, bei denen die Menschen sich dann in den iReports zurück erinnern. Wir hatten auch tolle iReports über kreativ Gestaltung von Büro-Arbeitsplätzen oder zu der Frage, ob die Leute denken, dass es ihnen wirtschaftlich besser geht als vor fünf Jahren oder nicht. Bei solchen Themen haben die Leute eine Meinung oder können etwas beisteuern – nicht nur Videos, sondern auch kreative Formen wie Illustrationen, Cartoons oder Gedichte. Das ist ein ganz breites Spektrum.

Normalerweise würde Sie aber nicht das Gedicht eines User über die politische Lage auf CNN ausstrahlen.

Das kommt ganz darauf an – ein Gedicht könnte ja etwa auf einen neuen politischen Aspekt hinweisen, der so noch nicht in der Diskussion war. Innerhalb unseres Networks gibt es eine ganze Menge unterschiedlicher Sendungen, von harten Nachrichten über personenzentrierte Sendungen bis zu Breaking News – da können auch unterschiedliche Formen von Nutzer-Beiträgen verwendet werden.

Susan Grant im Interview mit Fiete Stegers | Foto: Marco Maas
Susan Grant im Interview mit Fiete Stegers (Foto: Marco Maas)

Wie sehen die Nutzerzahlen aus?

Wir hatten im August 2,1 Millionen Unique Users auf iReport.com und rund eine Million registrierte Nutzer. Von ihnen kamen 10 Millionen Beiträge. Im Durchschnitt hatten wir in den letzten Monaten 15 Millionen Beiträge, mit steigender Tendenz.

Wie läuft das Verfahren für Nutzer-Beiträge ab? Werden Sie überprüft, bevor Sie online gehen?

Das ist ganz einfach. Wenn Sie etwas haben, das Sie veröffentlichen möchten, gehen Sie auf iReport.com. Sie registrieren sich, da wir wissen müssen, wer Sie sind – dass wir Sie zurückrufen können, wenn wir Fragen haben, reicht dafür aus. Ihr Beitrag wird dann sofort auf der Seite veröffentlicht. Eine von uns beauftragte Firma übernimmt die Moderation. Sie überprüft, ob alle veröffentlichten Inhalte den Nutzungsbedingungen entsprechen. Wer bei iReport etwas veröffentlichten möchte, muss sich verpflichten, keine Hass-Tiraden, Pornographie oder gewaltverherrlichende Inhalte einzustellen. Die Regeln, was nicht akzeptabel ist, sind deutlich, und solche Sachen werden dann heruntergenommen. Vor der Veröffentlichung wird nichts zensiert, aber die Moderation kann Inhalte schnell entfernen. Auch die User-Community hat die Möglichkeit, uns auf möglicherweise problematische Inhalte hinzuweisen. So haben wir ein Wikipedia-artiges Moderationssystem.

Nennen Sie doch mal ein paar Beispiele, welche Arten von Inhalten von CNN übernommen wurden.

Klicken Sie doch einfach auf iReport.com den Reiter „on CNN“ an und da finden Sie eine ganze Reihe von Inhalten, die dort von Usern eingereicht und dann von CNN-Redakteuren ausgesucht und verwendet wurden.


Musikvideo: Adobe Flash Player (Version 9 oder höher) wird benötigt um dieses Musikvideo abzuspielen. Die aktuellste Version steht hier zum herunterladen bereit. Außerdem muss JavaScript in Ihrem Browser aktiviert sein.

Das ungeschnittene Interview in englischer Sprache (MP3, ca. 11’40 min, 10,7MB)

Werden diese Inhalte dann noch einmal extra geprüft?

Ja. Wir wenden die selben journalistischen Standards an wie bei anderen Inhalten, die wir senden: Unsere Redaktion ruft den Einreichenden an. Sie versucht zu verifizierenden, dass es sich tatsächlich um die richtige Person handelt, dass diese an dem Ort gewesen ist, wo die Aufnahmen entstanden sind und sich im Gespräch davon zu überzeugen, dass die Aufnahmen tatsächlich das zeigen, was sie zeigen sollen. Die Informationen aus diesem Gespräch behalten wir, und sollten wir jemals einen Fehler machen – was sicherlich einmal passieren wird – können wir damit nachhalten, wie er entstanden ist. Wir haben versuchen, so genau wie möglich zu sein, aber niemand ist perfekt.

Hat es schon Fehler oder Täuschungen bei iReports gegeben, die Sie übernommen haben?

Nein. Es gibt natürlich noch eine ganze Menge anderer Gefahren und Fehlermöglichkeiten, über die wir hier noch Stundenlang reden könnten. Aber die Inhalten kommen in diesem Fall nicht von uns, wir haben sie nicht erschaffen – müssen wir überzeugt sein, dass sie korrekt sind. Wenn wir bei etwas das Gefühl haben, dass es nicht stimmig ist, benutzen wir es nicht für CNN. Wir sind dazu nicht verpflichtet. Es bleibt dann auf iReport, aber dort können die Nutzer ihre Anmerkungen machen wie „Das kann nicht stimmen.“ oder „Ich war dabei, es war anders.“

Also ziehen Sie eine klare Grenze zwischen den Inhalten bei CNN und auf iReport?

Es hat seine Gründe, dass wir für iReport eine eigene Website eingerichtet haben. Wir legen zwar sehr viel Wert darauf, dass hinter iReport.com CNN steckt. Aber das eine ist eine redaktionelle Site mit Fakten und Informationen – das andere ist eine Social-Medial-Netzwerk, eine Plattform, bei der die Inhalte von unseren Nutzern kommen. Nur bestimmte Dinge werden für CNN ausgewählt. Dafür haben wir keine bestimmte Quote festgesetzt. Bei iReport geht es nicht darum, wie viel Prozent der Inhalte wir für CNN verwertbar halten, sondern darum, was die Community für wichtig und berichtenswert hält.

iReport.com (Screenshot)
iReport-Website (Screenshot)

Neben Ihnen setzt auch die BBC immer wieder auf Nutzer-Beiträge, gerade bei besonderen Ereignissen. Funktioniert so etwas nur bei international orientierte Medien, oder können das auch andere?

Es gibt tausende Social-Media-Netwerks. Einige haben sehr engen Fokus, andere sind sehr breit aufgestellt. Wir waren nicht die ersten, die so etwas gemacht haben und wir werden nicht die letzten sein. Jede Medienorganisation muss herausfinden, was für sie funktionieren könnte. Wir haben eine Menge gelernt. Wir denken, dass es uns zu besseren Journalisten macht, wenn wir zuhören, was Menschen für Nachrichten halten. Also sage ich anderen Medien: Probiert es aus!

Wie geht CNN außerhalb von iReport mit User-Feedback um? Bei Online-Medien hat man häufiger den Eindruck: Die Nutzer können noch so viel kommentieren, auch direkt unter einem Artikel, und doch hört ihnen niemand aus der Redaktion zu?

Wir haben da eine ganz andere Herangehensweise. Bei einigen unserer populärsten Fernsehprogramme bloggen Moderatoren, Redakteure und Produzenten den ganzen Tag lang – zum Beispiel Anderson Cooper. Einige unserer besten Politikjournalisten bloggen live, während gerade eine Debatte oder Pressekonferenz läuft. Das Publikum liebt es, mit unseren Anchormen und den Menschen, die die Nachrichten produzieren, zu diskutieren.

Sie sagen also: Was das Publikum sagt, wirkt tatsächlich in die Redaktion zurück?

Natürlich. Jemand könnte zum Beispiel kommentieren „Bill Schneider, ich stimme mit dem, was Sie sagen, überhaupt nicht überein.“ Und Bill macht daraufhin seine Sichtweise deutlich und bedankt sich für den Kommentar. Oder er schreibt: „Schauen Sie sich diese fünf Fakten an, bevor Sie das sagen.“ Wir diskutieren ja auch in manchen Sendungen live on air – das ist jetzt einfach ausgeweitet worden, weil es in der digitalen Welt so viel einfacher ist.

Update, 04.10.2008:
Silicon Alley Reporter über eine Falschmeldung bei iReport: Apple Denies Steve Jobs Heart Attack Report: „It Is Not True“

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