Taugt die “Flip” für redaktionelle Arbeit?

Flip Ultra

Über die kleine “Flip”-Videokamera ist ja schon eine ganze Menge berichtet worden – und fast durchweg so positiv, dass sich der Hersteller um die Vermarktung wohl keine Gedanken mehr machen muss.

Das Erfolgsrezept der Kamera lautet: Relativ gute Bild- und Tonqualität bei gleichzeitig einfachster Bedienbarkeit – so einfach, dass selbst “Bild”-Chef Kai Diekmann zum Flip-Fan und Hobby-Filmer geworden ist und darüber nachdenkt, seine “Leser-Reporter” mit der Flip auszustatten.

Doch taugt die Flip auch für seriöse journalistische Online-Videoberichterstattung?

Einen interessanten Anhaltspunkt gibt dieses Video. Darin vergleicht Autor Kirk Mastin anhand eines selbstgedrehten Clips, wie gut die Flip im Vergleich zu seiner Canon XH-A1 abschneidet.

Für den Vergleich hat er einfach seine Flip Ultra (Preis: zurzeit umgerechnet ca. 110,- Euro) neben das Objektiv seiner XH-A1 (Preis: zurzeit ca. 3100,- Euro) geklebt, um die gleichen Bilder zu drehen. Das Ergebnis ist erstaunlich: Beide Videos sind, nachdem sie für das Web kodiert wurden, in ihrer Qualität durchaus vergleichbar.

Da bin ich neugierig geworden und habe mir vor einiger Zeit selbst eine Flip (Modell “Ultra”) gekauft (leider wird sie zurzeit nur in den USA und UK vertrieben). Die in den vergangenen Wochen gesammelten Erfahrungen möchte ich hier einmal zur Diskussion stellen.

Technische Details

Die Flip Ultra ist in etwa so klein wie eine Zigarettenschachtel. Sie wird mit zwei Standard-AA-Batterien (1.5V) oder zwei Standard-AA-NiMH-Akkus (1.2V) betrieben und verfügt über einen Speicher von zwei Gigabyte, der rund 60 Minuten Video fasst.

Neben der “Ultra” gibt es noch die Versionen “Mino” und “Video”. Letztere ist das günstigste Modell aus der ersten Baureihe mit schlechterer Bild- und Tonqualität. Die “Mino” entspricht technisch in etwa der “Ultra”, verfügt wegen ihrer wesentlich schmaleren Bauweise aber über einen internen Akku. Ein deutlicher Nachteil, wie ich finde – denn Akkus sollten am Drehort immer auswechselbar sein.

Das Objektiv der Flip Ultra ist ein klitzekleines Loch, vielleicht so groß wie ein halber Fingernagel. Die Blende ist fest auf F/2,4 eingestellt, der Schärfebereich ist unendlich ab einer Distanz von 0,8 Metern. Die Verarbeitung der Bildsignale übernimmt ein 1/4″-CMOS-Chip. Die Bildkontrolle erfolgt über ein 1,5″-LCD-Display. Wer mag, kann sich seine Aufzeichnungen dank des Intergrierten TV-Ausgangs auch auf der Mattscheibe ansehen (das entsprechende Miniklinke-auf-Cinch-Kabel gehört zum Lieferumfang).

Für die Tonaufzeichnung ist ein internes Mikrofon verantwortlich, auf einen Anschluss für eine externe Quelle wurde verzichtet. Zum Abhören der aufgezeichneten Clips dient ein nicht regelbarer, interner Lautsprecher. Einen zusätzlichen Kopfhörer-Anschluss gibt es nicht. Dafür haben die Entwickler aber an ein sinnvolles Detail gedacht, nämlich ein Gewinde für eine Stativplatte.

Die Flip Ultra nimmt Videos mit einer Auflösung von 640 x 480 Pixeln (also VGA, 4:3) bei 30 vollen Frames pro Sekunde auf. Für die Komprimierung verwendet sie den sehr effizienten XviD ISO MPEG-4-Codec und speichert die Dateien in einem einem AVI-Container. Über den auf Knopfdruck ausklappbaren USB-Anschluss gelangen die Videodateien auf den Computer.

Jede Minute Video ist zwischen zehn und 30 Megabyte groß – das hängt ganz von der Bewegung der Bilder und der damit verbundenen durchschnittlichen Bitrate des Videostroms ab. In meinem bisherigen Einsatz ging die Videodatenrate nie über 4800 kbps hinaus. Bei einfachsten Bildern (also ohne innere Bewegung und vom Stativ aus gedreht) fiel die Datenrate nicht unter 1200 kbps.

Der Ton wird mit 44100 Hz in mono (also einer Spur) aufgezeichnet und mit dem MS ADPCM-Codec kodiert. Die Datenrate ist dabei offenbar auf den Wert von 177 kbps festgelegt. Für Sprachaufnahmen ist das mehr als genug.

Die Bedienung der Flip ist spielend einfach. Auf der Rückseite befindet sich ein dicker roter Knopf, mit dem man die Aufnahme startet und stoppt. Mehr braucht man für den Anfang nicht. Die wenigen Schalter, über die man jeweils die Clips ansehen bzw. löschen und zwischen ihnen hin- und herspringen kann, sind selbsterklärend. Über die Tasten “+” und “-” kann man den zweifachen Digitalzoom benutzen (wovon ich abrate).

Wie für eine Point-and-Shoot-Kamera üblich, läuft die Flip ausschließlich im Vollautomatik-Modus. Sie übernimmt also die komplette Verantwortung für den Weißabgleich sowie den richtigen Tonpegel. Und das macht sie manchmal gar nicht so schlecht, wie ich im praktischen Einsatz erfahren habe.

Praktische Erfahrungen

Seit einigen Wochen setzen wir die Flip Ultra in einem kleinen Videoblog-Projekt ein. Wir, das sind die Spieler eines Fußball-Clubs aus Ostwestfalen (dort, wo auch Arminia Bielefeld zu Hause ist).

Auf unserer Hobby-Website reelkirchen.tv geht es – verkürzt dargestellt – darum, aus der Innenansicht der Mannschaft zu berichten. Unser Ziel ist, möglichst unterhaltsam eine komplette Saison in der Kreisliga C (das ist die unterste Spielklasse, uns droht also keine Abstiegsgefahr) zu dokumentieren. Standardaufnahmen der in den Text eingebetten Videoclips sind kurze Spielsituationen (möglichst die Torraumszenen) sowie O-Töne vor und nach dem Spiel.

Weil dabei jeder Spieler die Kamera mal in die Hand nimmt, kommt uns das bedienfreundliche Konzept der Flip durchaus entgegen.

Die Bildqualität, die sie dabei produziert, ist immer von einigen Zufällen abhängig, auch wenn man bestimmte Regeln beachtet (wie zum Beispiel mit dem Licht und nicht gegen das Licht zu filmen). Was auf dem Display während des Drehs gut aussieht, kann sich am Computer in der Nachbearbeitung als böse Überraschung entpuppen.

Das größte Problem der Flip ist ihre Farbwiedergabe, woran der automatische Weißabgleich schuld ist. Mal sieht der grüne Rasen des Spielfelds leicht blau aus, mal machen Gesichter einen so blassen und steinalten Eindruck, als hätten sie für Jahre kein Sonnenlicht gesehen. Dass man seinen Interviewpartnern damit keinen Gefallen tut, ist klar.

Die stabilste Farbwiedergabe scheint die Kamera nach bisherigen Erfahrungen im gemäßigten Tageslicht (zum Beispiel wenn es dicht bewölkt ist) zu erzielen. Bei zu starkem Tageslicht (also bei sehr hohen Farbtemperaturen) neigen die Bilder zur beschriebenen Blässe.

Bei normalen Kunstlicht (also z.B. einer Glühbirne unter der Zimmerdecke) kommen die Farben oft recht natürlich rüber. Doch auch dabei spielen weitere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel große farbige Flächen im Hintergrund.

Kurzum: Es lässt sich also während des Drehs – auch nach kontrollierendem Blick durch das LCD-Display – schlecht vorhersagen, ob man seinen Interviewpartner nun gerade gut getroffen hat oder nicht. Das erfährt man erst im Schnitt.

Aufgefallen ist mir auch, dass der in der Kamera verbaute CMOS-Chip ziemlich träge arbeitet (was für die Praxis aber unerheblich ist). So wird bei schnellen Schwenks erstaunlicherweise jedes Einzelbild gestochen scharf dargestellt, dafür aber stark verzerrt.

Schwenkt man also schnell von links nach rechts, steht eine Straßenlaterne da wie der schiefe Turm von Pisa. Diesen Effekt sieht man aber nur, wenn man sich im Schnittprogramm Frame für Frame durch den Schwenk tastet. In der normalen Videowiedergabe fällt dieser Effekt nicht auf.

Auch mit bestimmten Lichtquellen (z.B. Flutlicht auf dem Sportplatz, Leuchtstoffröhren in der Spielerkabine) hat der CMOS-Chip seine Schwierigkeiten. In solchen Situationen flackert das Bild leicht (der sog. Rolling-Shutter-Effekt).

Eine weitere Schwäche im praktischen Umgang mit der Flip liegt in ihrem Unschärfebereich. Laut Hersteller werden alle Objekte, die sich sehr nah vor dem Objektiv befinden, unscharf abgebildet. Erst ab einer Distanz von ca. 80 cm wird alles gestochen scharf dargestellt.

Genau dieser Effekt stört bei Interview-Aufnahmen. Denn wählt der Reporter eine Naheinstellung, muss er möglichst nah ran – auch um einen guten Ton aufzuzeichnen. Erst ab ca. 40 cm Distanz wird das Gesicht so dargestellt, dass man die leichte Unschärfe tolerieren kann.

Überzeugend hingegen finde ich die Tonqualität der Flip Ultra. In der Kamera scheint ein Mikrofon mit Kugelcharakteristik verbaut zu sein. Da vorn und hinten kleine Schlitze im Kameragehäuse angebracht sind, kann man sowohl die Reporterfragen als auch die Antworten des Interviewpartners vergleichbar gut verstehen. Das macht einen sehr durchdachten Eindruck.

Zu bedenken sind dabei natürlich die Eigenschaften, die ganz generell bei Mikrofonen mit Kugelcharakteristik auftreten: Weil Signale aus allen Richtungen gleich stark aufgenommen werden, sind Hintergrundgeräusche ziemlich deutlich zu hören. Das kann ein deutlicher Nachteil bei Interviews in zum Beispiel lauten Messehallen (oder in Fußballerkabinen) sein.

Die Tonautomatik der Kamera arbeitet erstaunlich gut: Bei unvorhergesehenen Störgeräuschen (z.B. eine zufallende Tür direkt neben dem Interviewpartner) zieht die Kamera zwar deutlich hörbar – aber nur sehr kurz – den Tonpegel herunter. Das heißt: Auch der Interviewpartner ist für einen kleinen Moment etwas leiser zu verstehen.

Der Pegel von normal laut gesprochenen O-Tönen in einem Abstand von ca. 50 cm liegt regelmäßig zwischen -18 dB und -6 dB. Nur selten geht er darüber hinaus (dazu muss der Interviewpartner direkt vor dem Mikrofon fast schon brüllen). Ein Problem mit verzerrten O-Tönen ist mir bisher jedenfalls noch nicht aufgefallen.

Die Postproduktion

Für die die nachträgliche Bearbeitung des Videorohmaterials braucht man einen starken Computer. Auf meinem System (Apple MacBook Pro mit 2.2 GHz Intel Core 2 Duo, 4 GB RAM Arbeitsspeicher, Final Cut Pro 6.0.4) läuft es einigermaßen flüssig, längst aber nicht so geschmeidig wie die Bearbeitung von reinem DV- oder HDV-Material. Bisher habe ich allerdings nur einfachste Projekte mit maximal zwei Video- und zwei Audiospuren bearbeitet und bis auf Zeitlupen und Blenden keinerlei Effekte verwendet.

Die Video-Clips können direkt per Drag&Drop in Final Cut Pro (FCP) verarbeitet werden, eine Formatwandlung (wie z.B. AVCHD-Material, das erst in Apple ProRes konvertiert werden muss) ist nicht nötig. Im FCP-Viewer lassen sich die jeweiligen Clips direkt abspielen. Dabei kann man sich auch einigermaßen zügig hin- und herbewegen, um zum Beispiel In- und Out-Marken zu setzen. Doch spätestens auf der Timeline muss die MS-ADPCM-Audiospur gerendert werden, bevor man sie abspielen kann.

Wie sich das Material auf anderen Systemen bearbeiten lässt, konnte ich bisher nur ganz kurz ausprobieren. Auf einem etwas betagten PC (1.8 GHz, 1 GB RAM) mit Windows XP Pro hatte der kostenlose Windows Movie Maker keine Probleme. Wie andere Software mit dem XViD-kodierten Material klarkommt, weiß ja vielleicht einer unserer Leser. Ergänzende Kommentare sind wie immer sehr willkommen.

Ist die Flip Ultra für den redaktionellen Einsatz zu empfehlen?

Ich würde sagen: Ja. Aber nur mit Abstrichen.

Denn ein Video zu drehen war wahrscheinlich noch nie einfacher, weil man sich – außer dem passenden Bildausschnitt und den richtigen Interview-Fragen – um nichts Weiteres kümmern muss. Zudem ist die Flip so klein, dass man sie in der Jackentasche immer dabei hat, wenn man will – und somit auch an unvorhergesehene O-Töne kommen kann.

Doch die Vollautomatik der Kamera ist nur so gut, wie ihr Preis vermuten lässt. Weil viele Bilder einen starken Farbstich haben, sehen die abgebildeten Personen oft sehr unvorteilhaft aus. Gut möglich also, dass der Bürgermeister einer Kleinstadt dem Lokalreporter das letzte Mal einen O-Ton gegeben hat, wenn er sich leichenblass und unscharf im Internet wiederfindet.

Trotzdem glaube ich, dass man mit der Flip mehr kann als einfach nur “Draufhalten” und Glück haben. Wer die Eigenarten der Vollautomatik kennen gelernt hat, weiß, wie man sie systematisch umgehen kann. Und auch mit ausschließlich fester Brennweite (also ohne der Möglichkeit zu zoomen) kann man Schnittbilder für Sequenzen drehen, die sich später vernünftig montieren lassen. Kirk Mastin hat es ja bereits bewiesen.

Ich bin gespannt auf weitere Beispiele in naher Zukunft.

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