Moderne Diashows

Reportagen und Porträts lassen sich im Internet dank Audio-Slideshow besonders emotional und persönlich erzählen. Videos und Bildergalerien waren lange die Favoriten in den Onlineredaktionen. Doch langsam etabliert sich die Audio-Slideshow im journalistischen Alltag – auch wenn sie pro Leser nur einen Klick bringt.

(Dieser Artikel erschien ursprünglich im “journalist” 09/2008 und ist eine erweiterte und an ein breites Publikum angepasste Variante meiner Typologie der Audio-Slideshow)

Man hört die Schritte auf dem nachtfeuchten Weg, der um die finnische Marineschule bei Helsinki herumführt. Die Bilder zeigen den Kadetten Marko Merenheimo in voller Uniform auf dem nächtlichen Kontrollgang. Dann stoppt die Klaviermusik, die im Hintergrund zu hören war. In einem Zimmer brennt noch Licht. Merenheimo betritt das Gebäude und hört Schritte auf dem Parkettboden. Aber niemand ist da. Dann eine Tür, ein Knarzen und für eine Sekunde, so erzählt der Kadett, sieht er ihn: Den Geist eines Marineschülers, der sich vor Jahren aus Liebeskummer umgebracht hat.

Bei manchen Onlineangeboten erscheint sie fast täglich, so etwa bei all-in.de, der Website der Allgäuer Zeitung. Oft sieht man sie derzeit auch bei sueddeutsche.de, wo alle paar Wochen eine neue erscheint. “Noch viel zu wenig”, meint Chefredakteur Hans-Jürgen Jakobs. Die Rede ist von Audio-Slideshows. Die Reportage über den Geist, der an der Marineschule bei Helsinki wie ein Maskottchen verehrt wird, ist eines der ältesten Exemplare im Internet – und taugt immer noch als Vorbild.

In den USA hat sich das Medium längst im journalistischen Alltag etabliert. In Deutschland wurden Audio-Slideshows vor 2006 nur sehr vereinzelt eingesetzt, danach gingen sie im Videoboom verloren. Doch jetzt scheint sich für das Medium ein Durchbruch anzudeuten. Eine Audio-Slideshow läuft wie ein Video in einem Player ab und kombiniert Fotos mit Geräuschen, Musik und Sprache beziehungsweise Text. Und sie ist das erste wirklich neue Medium für Reportagen im Netz.

Hans-Jürgen Jakobs schätzt die Bedeutung dieses Mediums für den Onlinejournalismus sogar höher ein als die des Videos. Auf sueddeutsche.de wünscht man sich den multimedialen Schwerpunkt eindeutig auf der Audio-Slideshow. Diese sei ästhetischer, künstlerischer und konzentrierter als die meisten Videobeiträge, sagt Jakobs. Zudem klicken User die Audio-Slideshow auch häufiger an. Seiner Meinung nach bringe das Medium den Onlinejournalismus weg vom “eindimensionalen Artikelschreiben” – hin zur emotionalen und persönlichen Reportage.

Gerade wer über professionelle Fotografen verfügt, hat mit der Audio-Slideshow ein zusätzliches Verbreitungsmedium, um dieses Potenzial zu nutzen. Für die Olympiaberichterstattung schickte die Onlineredaktion der Süddeutschen die mit Preisen ausgezeichnete Hausfotografin Regina Schmeken nach Peking. Die stimmungsvollen Schwarz-Weiß-Bilder wurden dann für tägliche Slideshows verwendet, die teilweise mit Ton besprochen waren.

Auch FAZ.NET spielt mit wöchentlichen Veröffentlichungen eine Vorreiterrolle. Multimediachef Robert Wenkemann favorisiert zwar Video, hält die Audio-Slideshow aber für das emotionalere Medium. Egal ob der Fotograf zu den Bildern spricht oder die porträtierte Person selbst: Besonders eindrucksvoll sei das Medium, wenn persönliche Erlebnisse zu den Bilder erzählt werden können.

Ein Vorteil gegenüber Film sei die Kontrolle über die Zeit der Geschichte, sagt Wenkemann: Die Audio-Slideshow könne sich und dem Zuschauer Zeit lassen, um etwas näher zu betrachten, sie könne Sequenzen von Bewegungen schneller oder langsamer zeigen, könne anhalten und sich auf etwas konzentrieren – ohne dabei unnatürlich zu wirken.

Für andere Redaktionen ist die Audio-Sideshow ein selten eingesetztes Medium, das aber trotzdem seine Nische gefunden hat. Die Frankfurter Rundschau veröffentlicht etwa monatlich eine Audio-Slideshow, um zum Beispiel spannende Menschen zu porträtieren, erklärt Redaktionsleiter Sebastian Holzapfel.

Spiegel Online konzentriert sich dagegen auf Videos, weil die Audio-Slideshow kein schnelles Nachrichtenmedium ist. Generell wolle man diese Erzählart aber auch in Zukunft nutzen, meint Multimediachef Jens Radü: immer dann, wenn ein Bild mehr ausdrückt als ein Film. Das könne für emotionale Themen ebenso zutreffen wie für wissenschaftliche Berichte. Vor allem für das neue Portal einestages.de sei die Audio-Slideshow geeignet.

Einen – besonders aus Verlagsmanger-Sicht – nicht zu vernachlässigenden Nachteil bringt die Audio-Slideshow allerdings mit sich: Gegenüber einer reinen Bildergalerie lassen sich mit ihr deutlich weniger Klickzahlen erzielen. Wie beim Video lässt sich aber auch bei der Audio-Slideshow ein Werbefilm vorschalten. Bei der Einführung ist es wichtig, die Leser an das neue Medium zu gewöhnen. Eine einheitliche Namensgebung, Symbole in den Teasern und die Schaffung einer eigenen Seite mit Multimediabeiträgen helfen dabei.

Der größte Unterschied zum Film liegt in der Wahrnehmung von Fotos. Ein Film wird wie Gegenwart wahrgenommen: Der Zuschauer hat beim Schauen die Vorstellung, selbst vor Ort zu sein. Bei der Betrachtung eines Fotos ist das anders. Ein Foto nimmt man eher als etwas Abgeschlossenes und Vergangenes wahr. Diese Distanz muss ein Vermittler überbrücken und mit seiner Stimme den Rezipienten durch die Bilder führen. In dieser Besonderheit liegt aber auch eine Stärke der Audio-Slideshow: Durch die Bedeutung des sprechenden Vermittlers ist sie ein Fantasiemedium, eher vergleichbar mit einem Text.

Mit Worten lassen sich beim Rezipienten visuelle Vorstellungen auslösen, man kann Ereignisse beschreiben, bei denen keine Kamera dabei war, Gedankenspiele anstellen oder abstrakte Sachverhalte beschreiben. Diese Bereiche sind gleichzeitig die Schwächen des Films, weil er einem ständigen Zwang zur Visualisierung unterliegt. Vom Film erwarten Zuschauer, dass er Bewegungen und Vorgänge zeigt.

Ausschnitt der Reportage Ghosts in the House

Die Audio-Slideshow unterliegt diesem Zwang nur teilweise. Sie liefert Bilder, aber keine sich abspielenden Ereignisse. Ein Bild von einem Zimmer, einer Straße oder einer Landschaft gibt einen Raum und einen Moment vor. Wenn dazu ein Sprecher erzählt, was in diesem Raum geschehen ist oder geschehen wird, kann der Zuschauer den Moment des Bildes als Ausgangspunkt nehmen, um das Erzählte in seiner Fantasie zu entrollen. Geräusche unterstützen diesen Vorgang. Die Möglichkeit, Momente, Räume, Akteure und Gegenstände durch Geräusche und gesprochenen Texte zu einem geistigen Film zu erweitern, ist ein entscheidender Vorteil der Audio-Slideshow.

Wer eine Audio-Slideshow produzieren möchte, dem stehen vier grundlegende Darstellungsformen zur Verfügung (siehe auch: Typologie der Audio-Slideshow.

Ohne Story

Eine einfache Weiterentwicklung der Bildergalerie ist die Audio-Slideshow, die mit Musik, Geräuschen oder zusammenhanglosen O-Tönen unterlegt ist und lediglich Impressionen wiedergibt. Diese Form kann gut als Ergänzung zu einem Artikel eingesetzt werden. Eine solche Audio-Slideshow ist in wenigen Stunden produziert – aber erzählt in den meisten Fällen keine Geschichte.

Vermittlung durch einen Sprecher

Am häufigsten wird die Story durch einen Off-Sprecher vermittelt. In der Praxis ist die Vermittlung über einen Sprecher sehr einfach, weil man den Text nach dem Termin auf die Fotos maßschneidern kann. O-Töne von Protagonisten können zusätzlich in die Erzählung eingebunden werden. Ein Beispiel für solch eine Audio-Slideshow ist mein Beitrag Drei Jahre nach dem Tsunami, der bei Spiegel Online erschienen ist.

Die Vermittlung durch einen Sprecher macht die Audio-Slideshow aber auch sehr distanziert, weil niemand eine persönliche Brücke zur Vergangenheit der Fotos schlägt.

Vermittlung durch den Journalisten

Der Journalist kann in seiner eigenen Reportage als Figur auftreten. Auch wenn diese Form der Vermittlung für Textjournalisten ungewohnt ist: Für die Audio-Slideshow ergibt sich durch den anwesenden Journalisten vor allem der Vorteil, dass dieser die Vergangenheit, aus der die Fotos stammen, glaubhafter und intensiver vermitteln kann als ein Off-Sprecher. Auch für Fotografen ist diese Form des Erzählens interessant: Sie können die Entstehungsgeschichte und die Hintergründe zu ihren Fotos persönlich an die Leser vermitteln. Der Sprachduktus ist meist freier und umgangssprachlicher als bei einem Sprecher. Wichtig ist, sich zu Beginn mit Bild vor Ort in die Reportage einzuführen, um sich als authentischen Vermittler der fotografierten Vergangenheit zu etablieren.

Ein gelungenes Beispiel für die Vermittlung über eine anwesende Journalistenfigur ist die amerikanische Slideshow Greetings from the Jersey Shore, in der die Fotografin Amy Toensing für National Geographic von den Besonderheiten des Urlaubsortes erzählt.

Vermittlung durch den Protagonisten

Ausschnitt der Audio-Slideshow über den Turner Hambüchen

Ein Protagonist kann auch selbst durch die Reportage führen. Es gibt keinen Sprecher mehr, sondern nur noch die Stimme eines Mitwirkenden. Dieser Modus ist für den Rezipienten am unmittelbarsten. Für die Audio-Slideshow problematisch: O-Töne sind generell schwieriger zu bebildern als im Film. Im Film ist der Zuschauer bei einem Interview quasi anwesend, Fotos von sprechenden Menschen werden ihn dagegen schnell langweilen. Aus demselben Grund funktionieren Schnittbilder in der Slideshow nicht. Um Bilder und O-Töne optimal zu verbinden, muss vorher überlegt werden, ob das geplante Interview Anknüpfungen für die Fotos liefert (besonders schwierig, wenn der Protagonist viel aus einer fernen Zeit oder einem fernen Raum erzählt).

Leichter wird es, wenn man das Interview zuerst aufnimmt und schneidet und an einem zweiten Termin Fotos macht, die gezielt den O-Ton bebildern. Am besten wird die Verbindung, wenn sich Journalisten für die Variante entscheiden, die an das Zeigen von Urlaubsfotos erinnert: Man zeigt dem Gesprächspartner bei laufendem Mikro die Fotos, die man vorher gemacht hat. Der Protagonist wird von den Fotos zum Erzählen angeregt und bewegt sich oft ohne Eingriff des Journalisten ganz nah am Bildmaterial. Ein schönes Beispiel für eine solche Arbeitsweise ist das Porträt über den Turner Fabian Hambüchen von Christiane Moravetz und Andreas Brand, die auf FAZ.NET veröffentlicht wurde.

Einstieg in die Audio-Slideshow

Als Journalist kann man eine Audio-Slideshows auch ohne Grafiker einfach herstellen: Die Software Soundslides (ab ca. 27€) erstellt aus Fotos und einer Sounddatei eine fertige HTML-Seite inklusive Flash-Player. Die meisten Journalisten und Redaktionen in Deutschland nutzen diese Software. Den Tonschnitt kann man mit dem kostenlosen Audacity erledigen. Wer kein Photoshop oder ein ähnliches Grafikprogramm hat, kann für die Bildbearbeitung das kostenlose Paint.net nutzen.

Neben einer Kamera und einem leichten Stativ benötigt der Multimediajournalist ein digitales Aufnahmegerät mit USB-Anschluss. Der Zoom H2 (ca. 200€) oder der Yamaha Pocketrak 2G (ca. 300€) sind gute und günstige Einsteigermodelle mit eingebautem Stereo-Mikrofon. Wer mit verschiedenen professionellen Mikrofonen arbeiten möchte, für den empfiehlt sich ein Gerät mit einem besseren Mikrofonverstärker, zum Beispiel der Fostex FR-2 LE oder die Marantz PMD Serie. Weitere Alternativen unter 500€ sind Tascam DR-1, Sony PCM-D50 und Olympus LS-10. Neben einem Reportagemikrofon (zum Beispiel ein AKG D230) sollte man dann auch ein Stereomikrofon für Atmo-Aufnahmen dabeihaben (etwa ein Rode NT4). Für Eindrücke von Audio-Slideshows lohnt es sich, regelmäßig bei interactivenarratives.org vorbeizuschauen. Dort gibt es eine täglich aktualisierte Sammlung englischsprachiger Multimediaproduktionen. Besonders aufwendige Audio-Slideshows findet sich auch bei mediastorm.org.

Matthias Eberl arbeitet in München als freier Multimediajournalist und betreibt das Weblog rufposten.de.

  • Facebook
  • Twitter
  • StumbleUpon
  • Diigo